Die Zurückeroberung des Alltags / II

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Hoppe, hoppe Reiter, wenn was fällt dann schreit er

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Die Götter sind Spielkinder und lieben es den Zweibeinern zu Testzwecken kleine, fiese Aufgaben zu servieren. Sei es an den Mauern von Theben oder im schnöden Alltag eines zeitweise vierbeinigen Menschleins mit akutem Ödipus, also dem Schwellfuß nach EINGRIFF. Ob sie, die Götter, dabei in hämisch grinsender Betrachtung verharren oder lediglich den Zeigefinger lehrvermittelnd schwenken, wer weiß dies schon, wenn fataler Schmerz in die Leiste fährt und ein sinnloser Wutschrei sich aus der Kehle windet, wenn mal wieder etwas aus den zittrig ungeduldigen Fingern des Erdenmenschleins zu Boden stürzte und blöd nach oben schielte.

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Nun, kaum hatte der EINGRIFF mich am Vorabend meines Lebens zum Vierbeiniger gemacht, gefiel es der Gravitation mir all ihre Macht zu demonstrieren und dies, wie man so schön sagt, GEFÜHLT, ununterbrochen. Doch ganz allein mit dem dämlichen Schicksal hatten mich die sorgenden Geister nicht gelassen.

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Erstes Loblied auf die orthopädischen Hilfsmittel:

Es fällt, es fällt

Nach Vermählung mit der Welt

Strebt manche Sach

Die scheinbar unter Dach und Fach

Regalisiert und eingetütet

Und so der Schmerz im Hüftbein wütet

Der Griff gen Boden knirschend lähmt

Ach Burschi sei er nicht vergrämt

Und keineswegs voll Bange

Dem Dinge nach es greift die Zange

Dies muß man dankend lassen

Dem Orthopäd, den Kassen

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Zwei Engelein sitzen auf den Schultern. Der eine schwarz, die andere weiß oder pastellfarben. „Quäl Dich, Du Sau!“ ruft es von hier, „Geduld nur Geduld!“ von dorten. Hart, aber herzlich streifen die Flügel die Seele des innerlich etwas wund Geriebenen. Beides wohl zurecht eingesagt. Der Schwerkraft aber ist dies gleich. Die Gegenstände aller Form und Farb fallen und stürzen und trudeln grinsend zu Boden wie so mancher germanische Athlet dieser Tage vom Stockerl plumpste und vom sogenannt undankbaren Platz Vier hinauf winkte zum Dreigestirn. Man holt sich, wo die Schwerkraft waltet, seine Auszeichnungen mit dem Pöter ab und rodelt, kufenbewehrt zu Ehr und Beifall. Der Rest stochert, vierbeinig, den eigenen Erwartungen hinterher. „Quäl mich, Scheißgeduld!“

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Zweites Loblied auf die orthopädischen Hilfsmittel:

Auch wenn das rechte Hosenbein mit Tücke

Den Eingang Dir verwehret

Dann greif zur Krücke

Den der Alltag lehret

Dir nach und nach so manchen Griff

Qui vive

Und Krüppelstolz

Aus gänzlich andrem Holz

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Als nächstes von den mannigfaltigen Liedern, die der Schmerz einem singen kann und mag und verborgenen Flugfähigkeiten.

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Die Zurückeroberung des Alltags / I

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Wenn die Götter lieben, den prüfen sie auf Hüft‘ und Herz

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Ich weiß nicht recht, welche Götter ich mir in den letzten Jahren zum Feind gemacht habe. Weder blendete ich einen eingebildeten Göttersohn, noch verspeiste ich im Lotosrausch heilige Rinder, geschweige schlug ich ein becircendes Angebot – ich gestehe aber, daß ich schwankte wie ein trunkener Eber – aus, welches mir Unsterblichkeit bei gleichzeitigem Verzicht auf treuebewahrende Heimkehr angeboten hatte. Dennoch gefiel es dem Einem aus der Heerschar der himmlichen Wächter die nicht gerade für Extreme und Exzesse, sondern eher für wohltemperierte Langeweile und Selbstbeweihräucherung bekannte Kleinstadt in der ich lebe, seit dem Tage, da ich vierbeinig die Rehabilitationsanstalt mit einem Ersatzteil im rechten Bein verließ, mit rekordverdächtigen Schneemassen zu beschenken.

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Zwischenreim:

Ach der du hinkend und malad auf Krücken zweier

Schwankend Schritt und Dein Rumgeeier

Auf Strassen Wegen ungeräumt

Beim Blick aufs Smartphone hat versäumt

So manch Passant ach was

die Tür fällt zu vor Deiner Nas

Werd halt gesund und unsre Eil

Wie geil (ist das denn)

Macht nicht vor Pfützen halt

Du Bremsgestalt

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Doch, es gab sie schon, die Türaufhalter und Beiseitetreter. Jedoch: et tu, mein Sohn in alten raschen Zeiten? So also knirschte ich bei der schrittweisen (im wahrsten Sinne des Wortes) Zurückeroberung des Alltags manch Sätzlein der Reue in den Bart bezüglich meiner Ungeduld angesichts bremsender Malader und Maladerinnen im öffentlichen Raum, die ich einst nicht eben … sagen wir: begrüßte. Wie ich überhaupt feststellen durfte, daß der öffentliche Raum keine Spielwiese für all die Eingeschränkten ist. Körperlich selbstredend. Einschränkungen im Hirnbereich werden ja oft als Alleinstellungsmerkmal, Durchsetzungsfähigkeit oder als Wahlempfehlung besungen.

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Ein zweiter Zwischenreim und Hinweis:

Meide oh Hinkender heilende Bäder

Bist du nicht Privatbezähler

Sondern vom Gesetz gesandter

Und der Arzt nicht ein Verwandter

Vor allem in der Weihnachtszeit

Denn dann macht sich Leere breit

Wo eigentlich die helfend‘ Hand

Starrt der Kranke auf die Wand

Und begrüßt das Neue Jaaa … hrr

Immerhin die Putzfrau da

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Als nächstes von den Prüfungen meiner Lieblingsgöttin Gravitation und ihrer Muse Hüftsteifigkeit. Und was das mit dem Medaillenspiegel und so …

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