Eine Prise Dank am Morgen ist mir geworden Verpflichtung
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(Im Regionalexpress von KN nach Karlsruhe / 9. September diesen Jahres)
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Nachgeklapper:
„Ich könnte aus der Hose springen, wenn Leute ihre Neurosen an anderen Leuten abarbeiten, weil sie ihre drei Gefühlchen nicht sortiert bekommen. Nichts macht mich so wütend.“
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(Stefanie Stahl / Psychologin / im SPIEGEL unlängst)
Neil Young hatte nach „second song“ ein neues Video vernetzt. Schönes Erinnern wieder. An was und wen auch immer. Mit Gefööhl!! Aber nicht blind oder vom sich selbst beweinenden Auge benetzet, sondern eine Rücksicht inklusive Rücksichtsnahme, weil sie auf ein Kategorisieren verzichtet. Und den Zeigefinger. Lassen wir Milde walten.
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Fahre morgen mal wieder an der See. Werde dort mit ein paar alten Geistern rumgeistern, worauf ich mich freue, hoffe aber den Gespenstern aus dem Weg gehen zu dürfen. Das mentale Pfefferspray jedenfalls ist besorgt. Bedenken jedoch bleiben. Manche Karusselle haben irgendwann mal den Bremser erschossen. Blöd!
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Eben las ich, was der italienische Künstler Maurizio Cattelan in der hier oben zitierten Kolumne geantwortet hatte. Ähnlich angenehm wie NY’s Video. Klaue das mal in Teilen. Genehmigt ungenehmigt.
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„Hüte dich vor dir selbst.
Ich kam, ich sah, ich missverstand.
Wir sind alle limitierte Auflagen.
Wenn du lachst, bist du bereits Komplize.
Etwas fehlt? Lass es so.
Trau dem Sockel nicht.
Das Wunder ist, dass eigentlich nichts geschehen ist.
Das Ego stirbt nie. Es wechselt nur sein Outfit.
Ich glaube nur an zerbrochene Ikonen.
Alle beten. Niemand hört zu.
Hinterlasse keine Spur. Hinterlasse einen Riss.
Ich wollte nie Künstler sein. Ich wollte frei sein.“
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(alle Zitate Auszüge aus Maurizio Cattelans Werk „BEWARE OF YOURSELF“)
Es wird gestorben derzeit. In dichter Taktung. Unfreiwillig. Sehr oft aber auch freiwillig. Manche kokettieren damit öffentlich rum diesen Weg mal beschreiten zu wollen, andere schweigen und tun es einfach und sind dann einfach mal weg. Während Hape Kerkeling der nächste Bundespräsident werden soll. Verzeihung für das Wortgespiele. Die Hinweise auf die Abgänge sind oft Spurenelemente. „Möchte meine letzten Jahre als Einsiedler in Alaska verbringen.“ Las ich eben. Dies sagte der nun Verstorbene, vielleicht schon länger innerlich Tote. Nach jahrelanger Krankheit? Auch so eine gerne wiedergekäute Formulierung. Alte Gefährten aber müssen sich selbstredend äußern: „So früh. So früh!“ Darf man dann auch noch lesen! Wie lange kann man Lebenszeit raushandeln als saufender Depressiver? Als depressiver Säufer? Ich weiß, ich spekuliere an den Rändern rum. Jedoch statt dem Menschen seine Möglichkeit der endgültigen Weltflucht zu gestatten, gibt es unten rechts (sic!) das Kästchen mit den Telefonnummern. Sind Sie suizidgefährdet? Rufen Sie uns an. Vorschlag: Nennen wir es einfach: Lebbe tut weh! Ist extrem gefährlich und führt sehr oft zum Tod. Oder wie es ein mir einst bekannter Blogist punktgenau formulierte: „Vor dem 24 Stunden und sieben Tage währenden Lärm der Stadt gibt es keinen Schutz.“ Ach nee?
Keine Premierenfeier oder sonst wie notwendige Zusammenkunft inklusive Körperschütteln ohne dieses Lied. Einst. Köln. Schauspielschule. Erste Engagements. Shivering with anti …. zipation. Heten, Frauen, Schwule und die anderen 27 Sexes versuchten sich in Tim Curry-Interpretationen. Stell Dir einen roten Teppich vor! Augenbraue hochziehen, manchmal Jaggers Hasenpfote in der Hose, erinnere mich sogar an ein Kölschglas an dieser Stelle, Buben durften Highheels antesten, die schwachen Bänder und Sehnen mißachtend. Es war ein Heiden(sic!)spaß. Seltsam unschuldig und sehr heiter. Urteilen wir morgen. Oder wenn das Buch in Gänze gelesen!
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Denke auch im Rückblick auf diesen fürchterlichen, hoffentlich bald enden mögenden, Sommer 2026, da ich im Gegensatz zu Frau Cpunkt Wahl das Schwimmen nicht als Möglichkeit von Erkenntnisgewinn in Betracht ziehen kann und mag, obwohl oder halt deswegen, da ich an einem See aufwuchs, vielleicht hätte ich auch in den Flüßen, Bächen und Tümpeln meiner jungen Jahre, in all meinen Lebensgewässern also, mehr Hungersteine hinterlassen sollen. Müssen gar? Wenn sich die Lebenswasser zurückziehen und so einiges trockenfällt, bleibt man gemahnt.Warte nicht auf bess’re Zeiten! Hätte man sich so sorgfältiger auf die unvermeidlichen anstehenden Brühe – sprich: Identitätsbruch – (Hallo! Lassen Sie diesen Vertipper – Brühe statt Brüche – bitte stehen. Selten gelang Ihnen in den letzten Tagen Sinnigeres. Gelle und so: Der Säzzer!) … also sich auf die unvermeidlich anstehenden Brüche einstimmen sollen? Zurück nach Gießen! Warte nicht auf bess’re Zeiten?
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„Könnte man Gott sehen, wäre man um keinen Deut weiter. Der Mensch ist eindeutig jenes Ding, das nichts um einen Deut weiterbringt.“
Technische Einrichtung / König von Deutschland / Stadttheater Gießen / 2016
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Nichts gegen Udo LPunkt und sein musikalisches, oft berührendes, in den letzten Wochen ordentlich abgefeiertes Deutschtextgenöhle. Aber: wer hats erfunden? Die beiden Ralphe, die sich trafen einst in Hessen, haben es erfunden. Ralph Christian Möbius. Und sein kongenialer Kompagnon Ralph Peter Steitz. Die wesentlichen Riffs von Keith Richards in den Fingern von Lanrue und Rio Reisers wütend melancholische Kampfliebesliederworte in eine hirn- und herzberührende Form zu gießen. Das war neu. Auch mal zu Gießen. Siehe oben. Die Einfügung gereimter Intelligenz in deutsche, nun auch rockende Musik. Zehn Jahre nachdem Herr Zimmermann dies jenseits des Atlantiks geleistet hatte. Also diese sinnstiftende Entdeckung, daß Hirn und Herz sich nicht ausschließen müssen. Die Einkehr des Intellekts ins Singen met Gefööhl. Und beide Ralphe sind später dann, aus verschiedenen Richtungen anreisend, mit fliegenden Segeln in die großen Häfen des Scheiterns eingelaufen. Jedoch klagefrei. Sehr sympathisch.
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Wer sich ein wenig Zeit nehmen mag: mein eigentlich liebstes Livekonzert. Kurz vor dem Mauerfall. Wer weniger Zeit hat: hier das Lied, welches die Genossen damals rausschnitten aus obiger Übertragung. Das Ausgeträumte und die Reaktion des Volkes. Kein sich als Sonderzügler mit Fläschchen Cognac und Lederjäckle an die Macht Rangewanze halt. Wir haben dieses rausgeschnittene Lied einst zu Gießen ins Zentrum des Abends gesetzt.
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Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist niiiiiicht.
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Was ich an diesen Musikern – nun, verzeihen Sie mir das folgende Wort – bewunderte und noch es tu, war deren steter Mut. Wer sich nicht in Gefahr begibt und so weiter und dann fort. Eines der letzten Lieder der Gefährten.
Party mit Hut / Elvis sein Geburtstag / Gießen / 7. Januar / 2010? / 2011? /2012?
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Ich erinnere mich, weiß aber nicht mehr wie und wann genau, was nunmal Wesen oder Wesentlichkeit des Erinnerns ist, entgegen anderer Be- oder soll man sagen Enthauptungen, aber da war was, was mir gestern, als wir von Braunfels, anläßlich des Todestages von Elvis spielte im Schloßpark in der Konzertmuschel, welch ein angemessener Ort für die lauschende Klientel, eine sehr kompetente Amateurband aus der Region, angemessen gekleidet in memoriam der „Rückkehr“ der Hüfte (Pelvis! Gelle! Hüfte und Braunfels!) im Jahre 1968, ins Erinnern ploppte, als wir so nach Hause fuhren. Und die liebste Gattin ständig ihr Lieblingslied vor sich hin summte.
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Elvis Presley ist mir ein paarmal beruflich über den Weg gelaufen. Mitte der Achtziger (Ach so liebes Gießelein! Was für ein hochnotpeinliches Stadtfestwochenende war das denn? Verzeihung! Nur ein kleiner Touretteeinschub!) spielte ich in Düsseldorf mit meiner damaligen Freundin „Burning Love“ von Fitzgerald Kusz. Ein kleiner Prolet und Motorradschrauber liebt den King und träumt von einer Kawasaki 750 und davon einmal nach Graceland zu pilgern. Seine Liebste arbeitet im Vorzimmer einer Behörde. Eine Aufstiegsgarantie war das damals noch. Geht aber nicht gut aus die Geschichte. Der Regisseur war ein überzeugter Presleyianer und überreichte mir, das Grundstudium zu absolvieren, zwei Musikkassetten mit der Mucke des essentiellen Meisters. In unserer Südstadtkneipe zu Kölle reichte ich die zwei Teile über den Tresen. Eine lange, recht verknutscht und freudig trunkene Nacht war die Konsequenz. Ich war platt, was der Mann mit seiner Musik noch immer auslösen konnte.
* Jahre später, nun in Gießen, hat ein wunderbarer Kollege, Antonio Lallo, Verehrer, Maniac, einen kleinen Abend in Sachen König der Hüfte im damaligem TiL zusammengebastelt. Ich, damals noch aufstrebender Jung-(45!)-regisseur, hab mal – heißt so – draufgeguckt. Ein Jahr später ging Toni nach Oberhausen und es sollte zwecks Neueröffnung des dortigen Studios ein richtiger „Abend“ werden aus der kleinen szenischen Lesung mit karaokischer Musik. Haben wir verantwortungsvoll gerockt und ich durfte als ein dürrer Colonel Parker am Ende des Abends die legendären Worte „Elvis has left the building. Have a save drive home!“ sprechen.
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1977 trampte ich – erinnert sich wer noch an diese orangenen Rucksäcke mit Gestell? – mit meiner damaligen Liebsten durch Irland. Freundlichkeit ohne Ende. Mal protestantisch. Dann katholisch. The problem is here. Or over there? Eins, zwei, drei. Du mußt Dich entscheiden. Oder es einfach aushalten. Eines Morgens aber. Wie auch immer. Einsteigen. Den Dialog annehmen. Als Smalltalkneuling, der man stets bleibt in Fortbildung.
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„Good Morning! Thanks for givin‘ us a ride. It’s a nice day. Is’nt it?“
„Fellows! This ain’t no nice day!“
„The sun is shining after three days of heavy rain! So what?“
„He’s dead. The King is dead! There cannot be nice days anymore!“
„Don’t get me wrong. Is’nt he a she? The queen is dead?“
„Hey you guys! I’m talking about the one and only King. About the REAL King!“
„OK! I’ll try to understand. I see you weeping.“
„The King is dead! But never forgotten!“
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Dann schob der Mann, der uns nach Galway mitnehmen wollte und es auch tat, eine MC in den Player. Ein wunderbares Kreuz wie Quer durch das durchaus ambivalente Schaffen von Elvis. Großartiges und auch die Songs aus den Movies. Ich hatte als Bube die seltsamen Filme mit Elvis in den Hauptverirrungen gerne geschaut. Ein Jahr später sollte auch ich raus aus dem Städtele. Erst nach Freiburg. Dann gen North Carolina. Dann Kölle. Das Puppenspiel zu erlernen. Den Vorwürfen aber enteilt ein Abreisender nie.
Unlängst Wetzlar / Leica-Museum / Fotoausstellung Wim und Donata Wenders
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Vor wenigen Tagen versuchte ich eine Pizza auf einem Porzellanteller zu zerteilen. Ein bisserl tattrig, wie man halt so ist inzwischen, schenkte ich dem belegten Teigteil mit zu (?) hartem und hastigem Schnitten eine erstaunliche Flugkurve, bis das schmackhafte Teil (ausnahmsweise kein Selbstlob) also auf dem Küchenfußboden die ewigen Jagdgründe begrüßen musste. Meine Frau hat das skizziert. Oder sagt man: festgehalten? Siehe oben im Header. Man beachte meinem Gesichtsausdruck und das Bandana um das noch nicht entfernte Haupthaar. Sorry KN. Kommt aber noch. Zeit für Liebesgedichtle, dachte ich dann am nächsten Morgen. Mal so. Mal so.
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The Big Mimimi der alten Buben oder zuviel Nutella auf dem hartem Toast Vergangenheit macht lediglich Bauchweh
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Und wie ich sah da sie
Die mir immer fremd und nun jene leider jene nun deren Hilfe ich benötige
Ein Buchstabe plus Punkt nur statt eines Namens
Meinen bald entkontrollierten Hintern zu bewischen
Deren Rufe nach Hochzeitskleidern im Rahmen alter Trotzkisten zu veralbern
Mir eine revolutionäre Ähre war
Nie geerntet schwacher Lenden Früchte wurden so einst
Und nun im seichten Gerinne eines Flüßleins voller Traurigkeit
Wir planschen und dort spüren alte Kraftreste
Ganz ohne Saft und allem müde davontreibend
Sah ich sie von mir davonkraulen
Ich auf dem Rücken gleitend in warmer Suppe
Allein und wieder allein und immer
So erlegte mein müder Bogen den letzten Eisvogel
Den ich zusammen mit einer Brötchentüte
Die Bäckerei an den Rändern besingend
Vor ihre Türe legte
Sie schlief und schlief
Nun wäre ich bereit zu einer and’ren Zeit‘
Noch könnte ich singen wohlfeil von den Klagen
Die mir aber selbst die Tauben
Nicht mehr glauben werden
Die begurrend mich da ich Rückenschwimmer
Koten auf meine Stirn
Rückwärts und nicht vergessen
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(Vorvorgestern / wütend / gewidmet)
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Nach den Irrtümern nötig
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Und wie die Sonne fiel ins Meer Als sei es ein letztes Mal Sang ich ein Lied In die hereinbrechende Nacht Der Abendwind strich meine Wangen trocken Aus dem Zimmer hörte ich Deinen ruhigen Atem Charon bat ich noch zu warten Bis die Grillen schweigen Für immer
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(irgendwann in Griechenland / wohl 2023)
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Liebesgedicht Nummer Sowieso
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Und wenn wir dann auf leisen Pfoten großmäulig leise besingen unsere Verluste die wir anderen zufügten
Ewige Fruchtwasserkrauler mit knirschender Freudlosigkeit zerkauend das Tun der Väter
Die Bäume jedoch schmeißen ihre Früchte schneller hinunter
Nun weiter vom Stamme denn nötig
Aber wenn wir uns bückten mal fern der Heimat
Madame
Darf ich sie um den nächsten Tanz bitten
Als sei es ein letzter
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(August / Gießen / Juley 2026 / es regnet nicht mehr / bratendes Gehirn)
Uwe Seeler beim Endspiel der Weltmeisterschaft 1966. (Photo by Sven Simon)
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Stolperte bei der heutigen Zeitungslektüre über einen dieser unzähligen Gedenktage, die das Alter so bereithält. Der von mir einst angehimmelte Wolfgang Overath, sein Oberkörper rauschte noch aufrechter als der des Kaisers über den Rasen, bemerkte im Interview, daß ihn die Frage, ob das dritte Tor vor oder hinter der Linie, nie wirklich interessiert hatte. Und wie sehr er Uwe Seeler für seine, trotz geknickten Kopfes, oder gerade deshalb, aufrechte Haltung nach dem verlorenen Finale dereinst bewundert hatte. In jenen Tagen, als man, so meine Erinnerung, noch würdevoll zu verlieren in der Lage war. Den Text unten hab ich im Januar 2020 anläßlich des Todes von Hans Tilkowski auf meiner alten Homepage gepostet. Wiedervorlage.
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Ein früher Lehrmeister in der Sache „Dem Unvermeidlichen ins Auge geblickt“ war mir der nun verstorbene Hans Tilkowski. 1966 – noch keine zehn Jahre alt – dürfte ich erstmals bei Bekannten der Eltern abends Fußball gucken. Borussia Dortmund gewann als erste deutsche Mannschaft den Europapokal der Pokalsieger. Schwarzweiß der Apparat, es grieselte über den Bildschirm und in Glasgow war es regnerisch und nebeltrüb, meine Wimpern sackten hinab, aber ich stellte mich wach. Ob ich diese seltsame Bogenlampe des Stan Libuda zum 2 zu 1 wirklich sah, damals? Ich weiß es nicht. Aber da war noch der Mann mit der coolen Kappe, stand auf der Linie seines Tores, guckte, zuckte und lag dann quer in der Luft. Ewig schien es mir, dem müden Bub, konnte der über dem nicht rasenbeheizten, dafür schlammigen Boden schweben. Robinsonade nannte man das damals. Der Hans Tilkowski, mein – trotz Siggi und Emma – HELD ward geboren. Ein paar Wochen später, unsere Familie durfte das erste Mal 10 Jahren nach der Republikflucht meiner Mutter auf Verwandtenbesuch in die DDR, sah ich ihn wieder. Vor der Reise nahm unser Vater meinen Bruder und mich ins Gebet. Kein schlechtes Wort über Russen, den Kosenamen Iwan tunlichst vermeiden! War gar nicht nötig. Mir gefielen die martialischen Plakate und Wandgemälde mit all den HELDENHAFTEN Bauern und Arbeitern. Drachentöter allenthalben. Dann der Endspieltag im Wembley und wir in Ilmenau. Die erste und zweite Halbzeit klemmten mein Bruder und ich in der Wohnung der Oma vor dem Radiogerät und die Großen saßen unterm Dach bei den Nachbarn mit dem gutem Westfernsehempfang. Helmut Haller machte die Führung und dann antworten die Engländer zweimal. Sind wohl einfach besser. Niederlage annehmen. Feuchte Augen. Nach Wolfgang Webers Ausgleich kurz vor Schluß platzte unser euphorisierter Vater ins Zimmer und holte uns, die wir nicht minder in die Höhe hüpften, mit nach oben. Wieder schwere Nebelschwaden, doch diesmal kein britischer Nebel, sondern etliche abgebrannte Caros, glimmende Zigarren, Biere und Wodka, die den kleinen Raum undurchsichtig machten. Dichtgedrängte Lebensfreude. Die Verlängerung. Dann der historische Moment. Natürlich nicht hinter der Linie. Der Schweizer, der auch noch Dienst heißt, traut sich nicht, er fragt den Russen an der Außenlinie und jener entscheidet: „TOR!!!“ Tumulte brechen aus in der Dachwohnung in der Straße des Friedens zu Ilmenau. „Der blinde Drecksiwan!“ „Das ist doch Betrug!“ „So sind se halt, unsere Brüder in Moskau!“ Und so weiter und so fort. Man fordere keine textgetreue Erinnerung. Ich war mir sicher in wenigen Minuten würde eine bewaffnete Kohorte der glorreichen ROTEN ARMEE das Haus stürmen und uns alle mitnehmen. Aber es kam anders. Die vernebelte Bude beruhigte sich, sie tröstete uns konsternierte Kinder, kippte den einen Kurzen und den anderen Längeren nach. „Aber gekämpft ham se!“ Man war trainiert in der Causa Ungerechtigkeit. Mit ziemlich vertränten Augen guckte ich hin wie der HELD Tilkowski und unser aller UNS UWE den Engländern gratulierten. Und das sah in meiner nebeltrüben Erinnerung aufrichtigst aus. Wünschte ich mir das alles gar nur? Nein: es war so.