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„Und wilde Männer, die die Sonne liebten. Verstehen zu spät, es war ein Mißverständnis. Und klagen, fluchen, daß sie untergeht.“
(Dylan Thomas / aus: Die gute Nacht)
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Krankheit, behinderte Gesundheit, Rekonvaleszenz: ein Käfig. Weggesperrt von den alltäglichen Ablenkungen, aber auch alle Konzentration konzentriert auf den oder die Schmerzpunkte. Befreiend auf eine Art. Die Rückkehr in den All(t)tag kann da verwirren, verstören, überfordern. Muß ich mich da jetzt wieder drum kümmern? Hinschauen? Reagieren? Als geschwätzige Elster? Ich habe, erzählte schon davon, eine Zeitlang „kulturgeschafft“ in der JVA Butzbach. Und dort erzählt bekommen und auch mitgekriegt, daß doch einige nach der Entlassung recht schnell wieder einfuhren. Hinter Gittern ist man vor dem Leben etwas sicherer. Ich verstehe dies. Vor allem der kleine bittere Mönch in mir tut dies.
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Zu den ersten Zurückeroberungen des Alltags zählte für mich der Gang ins Cafe ums Eck. Zeitungslektüre. Und als überzeugt ideologiefreier Leser liegt da auch gerne die Focus-Kolumne von Herrn Fleischhauer neben meiner Kaffeetasse. Und ich gestehe, oft freue ich mich darüber. Unlängst gar etwas diebisch, was ja, sagt man, ein anderer Ausdruck für bitter ist. In etwa schrieb er davon, man müsse jederzeit mit der Feigheit der „Kulturschaffenden“ (Danke Reichskulturkammer für die sprachliche Hilfeleistung in Sachen Gendern!) rechnen und ihrer Opportunität im Namen der subventionierten – sicher ist sicher – Moralansprüche. Und mußte – Deja vu oh Deja vu! – lauthals auflachen, so daß eine der studentischen Bedienungen, die mich sonst als sehr störungsfreien Gast kennen, nachfragte, ob alles in Ordnung sei. Nun, ich konnte doch nicht erzählen, welche Bilder mit eben durch den Kopf schossen. Alte Kollegen, teils unkündbar, sonoren mit engagiert nachdenklicher Stimme, daß es gerade„in diesen Zeiten, in diesen schrecklichen Zeiten“ angesagt sei, stell Dir mal vor, Johns ewiges Lied zu singen. Gerade in der Heldenstadt G. (Von der bald mehr. Erstmal noch auszählen lassen!) Zuhause habe ich dann Fleischhauers Videotipp gegoogelt. Verstehen Sie mich nicht falsch, gelle!
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Wo war ich sitzen geblieben? Ich mag Texte, die sich die Zeitläufte anschauen, vor allem wenn sie frustrierende, irritierende, menschenverachtende und gerne verbitternde sind, dann, wenn sie es bei angemessener Düsternis belassen und sich verkneifen den Worten einen „positiv“ stimmenden Appendix anzutuckern, sei es ein Rezept, ein Wandertipp, eine Restaurantempfehlung oder, gerne genommen, eine sensitive Naturbeobachtung. Der heimkehrende Kranich tanzt mit dem Eichhörnchen und der Eisvogel jubelt ein Lied in die ihn erfreuenden Krokusse. Lenz, oh Lenz Du Kommender! Klang’s Liedlein nicht wie, äääh?
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Unlängst googelte ich nach einem Poem eines meiner Lieblingspoeten und stieß, drei- bis viermal um die berühmte Ecke, auf ein Stück von mir verlebtes Leben.
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ach es war ein baumstamm der im nebel unterging
die blase die vom grund stieg war kein letzter atemstoß
nein was am ufer schäumt ist sud von teer und fett
und rührt von keiner toten die sich hier verfing
(Wolfgang Hilbig / aus: Ophelia)
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Und ich kehrte zurück in jene All(t)tage, an denen ich unzählige Stunden hinter verregneten und / oder verheulten Zugfenstern verbrachte, den Schwarzen Hund molk, leere Weinflaschen sammelte und sandte Grüße, wohin auch immer, und dachte noch, hatte ich doch eben vom Appendix gesprochen: „Berühre den Schwanz der entwischenden Eidechse nicht, denn dann fällt er ab!“ Jedoch, so sagte man mir früher – war es gar mein Vater? – er wachse nach. Schmerzfrei.
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