Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 4

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Auf dem Nest gefallen / Krähenjunges / In einem Hinterhof in Hessen / Anfang Mai 2026

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Herz in Tüten oder Neulich beim Kardiologen 3

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„Ich habe kein Herz mehr. Als ich noch lebte, sagten die Leute, ich hätte kein Herz, aber das stimmt nicht. (Er lacht, schwenkt einen durchsichtigen Beutel, darin ein blutendes Schweineherz) Heute ist mein Herz Erde und Wind …“

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Oben in der Wohnung, in der Küche sitzend, den vorläufigen Entlassungsbrief vor mir auf dem Küchentisch, meine Frau, erschöpft, erleichert, der frühe Arbeitsbeginn hatte sie ins Bett geschickt, versuche ich die ärztlichen Botschaften zu entschlüsseln, chancenlos und mir kommen, wie so oft, wenn ich oder wer anderes auf mein Herz zu sprechen kam oder kommt, nicht auf das heute untersuchte Pumporgan, sondern auf die Bedeutungen und Mutmaßungen, die ihm zugewiesen, der gelegentliche Vorwurf der Emphatielosigkeit schwang ab und an mit, wenn ich, gerne auch im Rahmen von Panikvermeidung, behauptete zu denken mit dem Hirn und dem Pumporgan andere Aufgaben zugewiesen zu haben, in solchen Situationen des Unwohlseins, kamen und kommen mir die obigen Zeilen aus dem Theatertext Speckhut, gewiß auch von Koketterie nicht unbeleckt, in den Sinn, der Beginn eines Monologes, eine meiner ersten und tief prägenden Erfahrungen im noch zu erlernenden Beruf, den ich immer noch nicht beherrsche und dieses auch nun gar nicht mehr muß, gehe also in dieser schlaflosen Nacht leise an den Rechner und lese nach, was ich in den Monaten der Pandemie, eine Zeit, deren Bewegungslosigkeit – manchmal wünsche ich mir diesen Zustand zurück – Erinnerungen aus ihren Verstecken, aus den Gedankenschränken mit den knarzend ungeölten Türen lockte, jene Momente aus dem Jahre 1982 auch, als wir im Vorhof tanzten und uns nichtsdestotrotz im hellerleuchteten Festsaal sahen, uns spürten, umarmten und anschrien, als seien wir Ewige, ich mit dem Herzensbeutel in der Hand, den Geist eines verfluchten Mörders gebend, das in der Tüte blutende Schweineherz begann bald heftigst zu stinken – nun denn, müssen dies nicht sogar die miesen Gegenden? – und nach der Premiere wurde deshalb das Schweineherz, trotz meiner lautstarken, tränenfeuchten Proteste gegen eine in Ketchup getränkte Kartoffel ausgetauscht, der Beginn einer sukzessiven Herzensdämmerung schien es mir, der um sich greifende Unwille den Gestank der Welt mit sich herum zu (er)tragen, die Suche nach Placebos, Plastikorganen, windschnittiges Gehabe, Getöse und viel zu große Gesten falschen Mitgefühls begannen meinen Alltag zu takten. Ich habe kein Herz mehr? Ich? Aber es sei noch da. Sagte zumindest der Arzt.

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In dieser Nacht oder am frühen Morgen gab es vor unserem Fenster nach hinten raus ein riesiges Geschrei. Die Krähen, die gerne in den Bäumen am Rande unseres Hinterhofs übernachten und wohl auch nisten, begrüßten den Tag besonders laut und hysterisch. Es klang wie eine riesige Saatkrähenschlägerei. Als es hell wurde, sah ich ein aus dem Nest gefallenes, geschubstes, verjagtes Krähenjunges im Hinterhof sitzen, voller Angst, es zitterte, platschnaß, es hatte ja die ganze Nacht geregnet, aber das kleine Viechlein ließ sich nicht verscheuchen. Ein blauäugiger, nasser Todesbote ante portas, genauer post portas, hält Wacht? War es nur die Übermüdung? Mir wurde es mulmig.

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Als wir damals Speckhut probten, bat der Regisseur jeden Mitwirkenden sich ein Tier auszusuchen, um das herum man seine Rolle körperlich, aber auch seelisch, sagen wir, drapieren sollte. Ich wählte einen schwarzblau glitzernden Rabenvogel, der auf einem kahlen Baum saß, um von dort oben das Elend der Welt zu betrachten und zu besingen. Damals war mir Bob Dylan noch fremd. Oder doch nicht?

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XVII: Alles war unversehrt im Kloster und sah auch unversehrt aus. Nichts störte die innere Stille des Kondo, von draußen, von den vorhin entzündeten Stäbchen im Räucherbecken schlängelte sich langsam der duftende Rauch von Sandelholz herein. Der Buddha selbst, der einst aus einer teuren, nicht mehr als kindgroßen Kashi-Eiche geschnitzt worden war, stand reglos mitten auf dem Altar in einem besonderen Schutz bedeutenden, innen und außen reich vergoldeten Holzschrein, der hinten von einer dünnen Wand abgeschlossen, auf den drei anderen Seiten hingegen zu einem feinen Gitterwek geschnitzt war, damit etwas Licht hereinfalle und er ein wenig sichtbar sei und schließlich auch, damit er selbst Kenntnis erhalte von der Welt, falls von dort einer der Gläubigen einen Blick auf ihn zu werfen suchte. Er war unverrückbar und unveränderlich, genau seit tausend Jahren stand er auf demselben Punkt, auf seinem Platz, haargenau in der Mitte im überaus sicheren, vergoldeten Schrein, stand unerschütterlich, immer im selben Gewand, immer in der edelsten aller Haltungen erstarrt, und auch an der Stellung seines Kopfes, an seinem wundersamen, berühmten Blick hatte er in tausend Jahren nichts verändert. In seiner Traurigkeit war etwas herzergreifend Zartes, etwas unaussprechlich Erhabenes, und er hatte den Kopf aufs entschiedenste von der Welt abgewandt. Man sagte, er habe den Kopf abgewandt, weil er nach hinten blickte, nach hinten auf einen Mönch namens Eikan, dessen Rede so schön war, daß er, der Buddha, wissen wollte, wer da redete. Etwas ganz anderes war aber der Fall: Wer ihn auch nur einmal sah, wußte sofort: Er hatte diesen wundersamen Blick abgewandt, um nicht sehen, um nicht anschauen, um nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, was da auf drei Seiten um ihn herum lag: diese miese Welt!“

(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß) …..

Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 3

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Ein Hinterhof in einer Kleinstadt in Hessen im frühen Mai 2026

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Regentage oder Neulich beim Kardiologen 2

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Während ich, eine Haushaltrolle in einer Hand, welche mir der Arzt nach Abschluß der wortlosen Untersuchung in die Hand, nein, auf den Bauch gedrückt hatte, mit der Aufforderung, vielleicht sogar Bitte, mich trocken zu wischen, die Reste seiner Untersuchung, das was noch stören sollte davon, zu entfernen, ich in der anderen Hand zwei abgerissene Blatt Haushaltpapier, die ich über meinen entblößten Oberkörper streifen ließ, hielt, die letzten Worte des abräumenden Arztes im Ohr, der halb schon den Raum verlassen hatte, hinter einem Paravent einen Bericht, wohl den Bericht über die Ergebnisse der, so eben beendeten, Untersuchung meiner, wie man so sagt und singt und schreibt, miesen Gegend namens Herz, in eine Tastatur hämmerte, schnell, präzise, während ich seine beiläufig über den Raumteiler geworfenen Halbsätze auffing, beziehungsweise unkonzentriert aufzuschnappen versuchte, also in Teilen vernahm, daß von Lebensbedrohlichkeit nicht auszugehen sei, im Vorhof des Organs Ruhe herrschte, kein Flimmern und der LSB nur eine weiter und regelmäßig zu beobachtende Schwachstelle sei, älter schon und unentdeckt jedoch lange, nun von modernster Gerätschaft ans Licht der Erkenntnis gezogen, und, während ich in einem Krankenbett lag, da jetzt Erleichterung hätte in mir kribbeln können, saß ich mich in einem Vorhof stehen, vor einer gewaltigen, eisenbeschlagenen Flügeltür, es flimmerte vor meinen Augen, um mich herum, greifbar fast wie ein Spiralnebel, das optische Getänzel, welche einst Lysergsäurediethylamid hervorgerufen hatte in mir, stand also leicht zitternd, voller Ungeduld vor besagtem, streng verriegeltem Tor, vermutete dahinter Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen, Lichtkanonen, suchte nach einem Schlüssel, der Einlaß gewährte, nach kettensprengender Wut, das Tor bersten lassend, nach Zaubersprüchen, einem Sesam-öffne-dich, bitte oder sofort, du Aas, und, um mir die Wartezeit zu verkürzen auf das Eingelassenwerden ins Allerheiligste aller Wünsche, Traumgebilde, Hirnfaxen, begann ich meine Worte zu memorieren, Geschichten zu spinnen, Tanzschritte auf das dunkelrote Parkett zu setzen und zu deklamieren von den Dingen dahinter, und da ich noch hörte, wie der Oberarzt, als den er sich vorgestellt hatte, den Raum verließ mit den Worten, man werde mich wohl bald nach Hause schicken, da griff ich nach dem Buch des ungarischen Nobelpreisträgers, welches mir meine Frau vor ein paar Stunden, in Erwartung meiner Übernachtung hier, vorbeigebracht hatte, nebst Zahnbürste und Schlafgewand einschließlich Schlafmaske, und las, wie dieser ungarische Nobelpreisträger ein Waka-Gedicht eines, wie er schrieb, spintisierte oder wußte, eines von Kobo Daishis verstoßenem Sohn zitierte, wer auch immer dies sei, war, wird werden, der es geschrieben, spintisiert hatte, vielleicht sogar dort, hinter der eisenbeschlagenen Eichenflügeltür vor der ich lange Jahre herumgeflimmert war, im ewigen Vorhof eines Lebens:

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Der Buddha geht nicht weg

Der Buddha kommt nicht her

Der Buddha vergeblich, der Buddha ist nicht da

Hinunterblicken in die Tiefe, nach nichts suchen

Es gibt keine Fragen.

(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß)

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Den vorläufigen Entlassungsbrief hatte ich, er war mir mit einigen zur Vorsicht mahnenden, vor was auch, wie ich mich reflexartig fragte, dem Leben?, alten, vergangenen, längst verschütteten Nachlässigkeiten?, also gutgemeint mahnenden Worten von einer noch nicht gesehenen Ärztin übergeben worden, unbelesen in meine Tasche gesteckt und durch leergefegte Flure das Krankenhaus verlassend, hatte ich mich, unter der Mißachtung des mir freundlicherweise kostenfrei gewährten Taxitransports, zur Bushaltestelle begeben, wo ich sah, daß der nächste Bus erst in weit über einer Stunde fahren sollte und froh darüber meinen Gehstock mitgenommen zu haben, begab ich mich auf den Abstieg, der notwendig war, da das Spital auf einer Anhöhe vor der Stadt errichtet war und ich, schon seit etlichen Jahren, am verbürgt tiefsten Punkt der Stadt wohnte, dort, wo meine Frau auf mich wartete, die ich von meinem verfrühten Heimkommen nicht unterrichten konnte, weil am gestrigen Tag mein Mobiltelefon seinen Geist aufgegeben hatte, was nicht, wie von mir erst vermutet, an einer Netzschwäche lag, sondern an meinem, an reiner Altersschwäche, dahingegangenenen Nokia C2, was ich, seit eh und je von der sich im Alter verstärkenden Macke Omengeflüster, Aberglaube und andere Teufel an die Wandmalerei geplagt, nicht als ein sic! verstand, sondern als eine blanke Tatsache betrachten konnte, den gestorben werden muß ja gwiß, wie der gute alte Qualtinger einst sang.

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Und ich ging meines Weges, bergab, dreibeinig und erreichte noch vor Einbruch der Dunkelheit den Hinterhof unseres Miethauses in der Innenstadt, setzte mich auf eine der Bierbänke dort, betrachtete unseren Gewürztopfgarten und dachte nach, ob man, nach einer so gut wie endgültigen Ankunft im Hinterhof, gerade wenn diese Ankunft, unter Umgehung der Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen und Lichtkanonen, Lichtdome gar, erfolgt war, im Sinne Luther immer noch aufgerufen sei, ein Äpfelbäumchen zu pflanzen und, mein Herz hatte sich inzwischen bereit erklärt seine Dienste als Pumpwerk in freudiger Dienstbereitschaft wieder aufzunehmen, sich von der ihm von vielen Menschen zugedachten Aufgabe als Emotionsverwaltungsspeicher fernzuhalten und sich schon gar nicht von Füchsen und kleinen, aufgeblasenen Prinzen zum Augapfel des Wahren, Guten, Schönen ernennen zu lassen, und also als ich nun im Hinterhof nachsinnierte, nachflimmerte vielleicht, vom heutigen Tage angefasst, wie das wohl war, als ich einst losgelaufen bin am Beginn meiner Reisen, getrieben von was auch immer, gewiß aber schon damals den Tod unter meinem Arm mit mir herumtragend und … Es begann zu regnen. Meine Frau hatte meine stille Ankunft inzwischen bemerkt und bat mich in die Wohnung.

(Fortsetzung folgt)

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(gießen / anfang mai 2026)

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Nachflimmern:

„Es regnet.“ – „Ich hör’s.“ – „Ich gehe nach Süden, dort ist der Winter kürzer. Und pachte einen Einödhof, nahe bei irgendeiner blühenden Stadt. Und den ganzen Tag laß ich die Füße in warmes Wasser baumeln. Oder … als Nachtwächter in eine Schokoladenfabrik. Oder als Pförtner in ein Mädcheninternat. Und versuche alles zu vergessen. Eine Schüssel warmes Wasser. Und nichts mehr machen. Nur zugucken, wie das beschissene Leben vergeht.“ (Bela Tarr: “Satantango“ — Teil 1 — nach Laszlo Kraznahorkai)

Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 2

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Junge Blutbuche / Leitzpark / bei Wetzlar (Hessen) / Anfang Mai 2026

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Ruhetage oder Neulich beim Kardiologen 1

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Nachdem sie mich begrüßt und aufgenommen hatten im Spital, mich, der ich eben noch nicht unweit der Stadt, in der ich wohnen muß, mein Hanami feiern wollte, indem ich zwischen blühenden Kirschbäumen gemächlich hinaufstieg zum Waldrand, baten sie mich freundlich und bestimmt, mit fern südländischem Akzent, der mich die nächsten Stunden, bis auf wenige Ausnahmen, begleiten sollte, Platz zu nehmen in einem Rollstuhl und fuhren mich vorbei, nicht an blühenden Kirschbäumen, wo ich fernöstlicher Tradition gemäß einen kleinen Aufbruch, einen der etlichen hinter mir, wenigen jetzt noch vor mir liegenden Lenze, feiern wollte, einen Frühling also nochmal bestimmt und bewußt fassen, da ich seit einer überstandenen Malaise spürte, wie mein Herbst sich langsam hinter meinem Rücken davonschlich und das müde Gesicht von Winterwinden begrüßt wurde, rollte ich nun, was da heißt, ich  wurde gerollt, vorbei nicht an blühenden, ach, fast schon verblühten Kirschbäumen, denn wieder, wie so oft schon, kam ich diesen einen oder den anderen Tag zu spät, sondern an wartenden Maladen, manche trübe dreinblickend, in schierer Ungeduld oder von trauriger Schicksalsergebenheit und trüber Aufgabe gar gezeichnet andere; wurde ich also verfrachtet in einen Aufzug und landete in der sogenannten BRUSTKORBSCHMERZENEINHEIT, denn zwischen den Kirschbäumen, die ihre letzten Blüten mir entgegengestreckt hatten, hatte mich ereilt eine fatale Kurzatmigkeit, ich schleppte mich folglich irritiert und ausgebremst von Bank zu Bank, gestützt auf die neu erworbenen Wanderstöcke, Panik griff mir in die Eingeweide, der Brustkorb flatterte, sobald ich die karge Luft versuchte in meine Lungen zu zwingen und den Kirschbäumen, die mir inzwischen egal, zuwinkend, entschied ich mich den nächsten Bus zu besteigen, der da fuhr: ins Spital, um dort von meiner Unpässlichkeit und den flirrenden Ängsten zu berichten.

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Ich hätte einen ‚LSB‘ in meinem Herzen, ob ich davon wüßte, fragte mich eine junge Ärztin, tiefschwarzes Haar, offensichtlich schon auf dem Weg in den Feierabend, rüde und kurz angebunden im Ton, was mich nicht weiter störte, da ich immer noch schwer atmete und außerdem sediert war von ihrer beeindruckenden Attraktivität, die sie, schon für den freien Abend leger gekleidet, ausatmete und am Fußende meines Bettes stehend, mit ersten Befunden wedelte, einen LSB also, so sagte sie, was in meinen rauschenden Ohren klang wie die Bezeichnung einer Bausparkasse oder, und ich lachte lauter auf, als der Örtlichkeit angepasst, gar eine mir noch unbekannte linke Splittergruppe, worauf die behandelnde Prinzessin aus 1000 und 1 Nacht, schon halb auf dem Absatz, mir zurief, was, bitte schön, an einem Linksschenkelblock so lustig sei, vor allem wenn man, „in ihrem Alter“, was sie nicht zu betonen vergaß, hier abends auf einer BRUSTKORBSCHMERZENEINHEIT läge und, dies nur der Vollständigkeit halber erwähnt, von einem Rollstuhl hierher befördert wurde, aber sei es drum, morgen früh würde sie wieder nach mir sehen, was mich zwar erfreute, angesichts oben erwähnter Attraktivität, jedoch mich mehr noch erschreckte, war ich tatsächlich nicht auf eine, oder gar mehrere, Spitalnächte eingerichtet, der ich eben noch, heute morgen, bei kaltem Wind und freundlicher Aprilsonne aufgebrochen war, ein Hanami zu begehen und nun, während ich verdrahtet wurde und an fiepende Bildschirme angeschlossen, nicht umhin kam einen LSB mir als einen linken Block, einen gar linkssozialistischen Block in meinem Herzen zu denken, der nicht dazu da war die Menschheit, oder zumindest Teile davon, Seit‘ an Seit‘ mit den Brüdern in die lichte Sonn‘ und ewige Freiheit zu leiten, sondern, ganz im Gegenteil, eher darauf aus war die Arbeit meines Motors schwerwiegend zu beeinträchtigen und, während ich über die miese Gegend namens Herz nachsann, sowie mir das alte Diktum, daß wer in der Jugend nicht links denke, atme, fühle, eben kein Herz habe, wenn er aber im Alter immernoch den Chimären der großen Befreiung von ihm ungefragten Menschenmassen nachhänge, ein verdammter Schwachkopf sei, trat ein bebrillter Arzt, begleitet von einer Batterie neumodischster Gerätschaften an mein Bett, bat mich mich zu entspannen, stellte sich als diensthabender Oberster der Herzmediziner vor, riet mir noch, während der folgenden Untersuchungen, und wohl auch sonst, dem Gedankenkarussel und dem Herzen einen Ruhetag zu gönnen und so gleichmäßig und flach zu atmen, wie es mir möglich sei und den Rest würden wir, wer auch immer dies sein mochte, dann sehen, und ich verließ meine gute alte linke Herzhälfte, räumte die kleine Maobibel, über die ich beim Gehen fast gestolpert wäre, in meine rechte Hosentasche und schwieg, während das Ultraschallgerät über meinen Bauch glischte, begleitet vom gelegentlichen Nicken oder dem in sich Hineinbrummen des mich umsorgenden Arztes, der, unnötig dies zu erwähnen, bei weitem nicht so attraktiv wie die in den Feierabend Entwischene, aber dies tut hier nichts zur Sache und ich schwieg weiter.

(Fortsetzung folgt)

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(gießen / anfang mai 2026)

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Nachpochen:

„Als ich in Yunnan auf der Krankenstation lag, lag im Bett neben mir einer mit Lungenkrebs. Seine Frau munterte ihn eifrig auf: Mein Lieber, wenn du es vor Schmerzen nicht mehr aushälst, dann schrei. Die ganze Nacht lang schrie der Kerl: Lang lebe der Große Vorsitzende Mao! Keiner der anderen Patienten tat ein Auge zu. Bis irgendwann die Leiterin der Krankenstation hereinkam und zu ihm sagte: Du bist längst tot, das Geschrei kannst du dir spare! Dann gab er endlich Ruhe.“

(Wang Xiabo / Das goldene Zeitalter)

Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 1

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Bank am Waldesrand über Rodheim-Bieber (Hessen) / Anfang Mai 2026 / weit über 20° Celsius

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Vorwort: Was nicht ins Auge springt beim Blick aus dem Fenster, das mit verflossener Zeit getränkte Ellenbogenkissen unter den untätig unruhig verschränkten Armen, fällt vielleicht beim Herumstenzen, über Felder, durch Wälder, notfalls innert kleinstädtischen Unwirtlichkeiten, bestenfalls auf hoher See, von oben herab ins Hirnka(r)sterl und wird hier unten verabreicht in Sinn und Förmchen. Wohlan denn!

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Gemurmel aus der Herrentoilette oder Neulich beim Urologen

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In Reih‘ mit Glied noch ach vor dem Warteschalter tröpfelt die Zeit zäh groß der Andrang drängt und drängelt es gelegentlich trippelnden Schrittes in Erwartung des langen Gummifingers der nun ausmustert und nicht mehr ruft ins Reih‘ und Glied nun Wasser lassend homöopathisch noch und zu Lande haltend kaum stand oh Druck

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So stehen wir zerknirscht die Herzen boomernd und weiß wie alt und all‘ die Lieder ferner Jugend sie rauschen nicht der Wildgans gleich durch die Nächte die schlaflos einst aus freiem Willen und nicht ein stetes Pendeln in gekachelt‘ Räume gab den Takt der Nacht die haute auf die Pauke bis die Nachbarn baten um ihre Ruh‘

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Und drinnen bleibt heraus zum ersten Mai der müde Kolben nicht birkenastumwunden er streunt und stenzt herum nur ruhig müd‘ und der Träne gleich rollt warmer Tropfen herab den Oberschenkel kitzelnd wo ranke Finger einst im Kribbelkrabbel aufwärts suchten Antwort auf’s Verlangen nach dem Rausch der nicht die Wasserspülung und verging zu schnell und letztlich nie ach fick dich doch ins Knie nein eben nicht mal dies nur gnadenlos verfloss’ne Zeit

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Der Nächste bitte klingt es mütterlich streng hinter Plexiglasscheiben hervor der Bildschirm flimmert vorhofgleich und draußen vor den Toren ruft die Neue Jugend dazu auf alle Kolben fallen zu lassen lieb‘ Vaterland darfst Mutter sein die uns vergibt die Kolben feuern andere ab für uns

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Und es fällt der Blick auf ein Plakat im Flur der heilend‘ Hallen es ruft nicht zu Kolben Waffen Gräben ein bärtiger Onkel da nein zwei graue Musikanten aus dem Hinterland sie danken dem Herrn Doktor fein der rettete die Tour indem er behandelte wohl den Iltis der in der Hose der Sangesbrüder hauste und alte Lieder klingen so in meinem Ohre der guten Freunde aah

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(gießen / ende april 2026)

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Nachgetröpfel:

„Mein Leben war langweilig; ich gondelte herum wie einer, der zu nichts mehr nutze ist. Wer an diesem Punkt anlangt, bekommt mit einem Mal Anfälle von Größenwahn. Wenn jetzt ein Krieg ausbräche, das wäre was!, dachte ich. Menschen, die, vom Leben angeödet, auf einen Krieg hoffen, sind keine Seltenheit.“

(Wang Xiabo / Das goldene Zeitalter)

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Die Zurückeroberung des Alltags / Fin

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Im April 2026 / Hütte eines Kirschbauern / Am Kirschberg / bei Ockstadt (Hessen)

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„Es gibt Tage, an denen es geht, und Tage, an denen es nicht geht, aber ich muss an allen Tagen leben.“ (Michel Houllebecq)

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Bei der bewußt fahrlässig lückenhaft beschriebenen Zurückeroberung des Alltags festgestellt, daß so was wie Alltag gar nicht mehr existent ist in dem, was ich noch lebe, erlebe, durchlebe. Wollte ich beschreiben, was dieses DING war, was zurückerobert werden sollte, falls es jemals existent war, das DING, was ich mehr und mehr bezweifle, blicke ich in blinde Spiegel und sehe Chimären, die sich mir als Erinnerung verkaufen wollen, bestenfalls noch Reminiszenzen gut durchbluteter Tage, gefriergetrocknete Leidenschaften, geräuchert, abgehangen, vergessen und doch ständig präsent wie Füsslis „Nachtmahr“.

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„Nein, dieses Leben reicht nicht aus / Es kann nicht mal ein Tausendstel unserer Träume beinhalten.“ (Michel Houllebecq / 2)

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Lese dieser Tage bis zu fünf / sechs Bücher parallel. Konzentration fällt schwer, es mäandert, viel bleibt haften, verschwindet wieder, kommt zurück. Schwere Kost reiche ich mir, vom Entzug, Kontrollverlusten, Wahnbildern, Starrsinnigkeiten, von den guten alten Sackgassen wird erzählt, die einst begannen verheißungsvoll zu blinken und zu rufen, dann zerbröselten bis zur Lagerhaft, von Erkenntnisschränken, mit schweren Vorhängeschlössern gesichert, die grinsen verschlossen, deine Geduld wird eingefordert und der Verzicht auf das verlogene Besingen angeblicher Emphatie. Folgender Satz begegnet mir die Tage wieder und wieder. Ein Schriftsteller schreitet mit Fritz (Nietzsche) höchst unterhaltsam durch die Kammern dessen sich selbst auferlegten Wahns. Wider die um sich greifende „Timmysierung des Denkens“, sagt man, hilft nur eig’ner, von den Himmlischen geschenkter Wahnsinn.

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„… hatte geschrieben, daran erinnert er sich, daß aus den Leidenschaften Meinungen wachsen, die durch die Trägheit des Geistes zu Überzeugungen werden, was einer Erstarrung gleichkomme.“ (aus Otto Böhmer / Der Hammer des Herrn)

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Wahrscheinlich ist es Heuchelei, welche die ständige Wiederverwertung verdorbener Lebensreste verträglicher machen soll, wenn man das Entschwundene euphorisch und mit Zähren besingt, um sich der Existenz des eigentlich Nichtexistenten zu versichern, als hätte dies so und nicht anders stattgefunden und also belegbare Spuren beim Blick in den Spiegel hinterlassend, einen Hauch von Sinn hinter den Mühen, dem Eben, aufscheinen möge. Ich schätzte stets den Gang, die Fahrt zur Arbeit. Die Annäherung an den Alltag. Kaffee. Zigarette. Bahnsteig. Unbestimmtes. Ein Hauch von Freiheit. Bevor dann die vielen VARs eingriffen. Die zweite Ebene der Heuchelei griff zu.

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Die Zurückeroberung des Alltags / VI

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„Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.“ (Hartmut Rosa)

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Die Kugelschreiber sind verteilt, die Luftballons sind davongeflogen oder geplatzt, die Windrädchen atemlos stille. G., die Heldenstadt, ach was: das Heldenland – im folgenden Gihela – hat gewählt. Kommunal. Als jemand, der auf dieser Seite keck behauptet, an den Rändern lauerten die Erfahrungen, muß ich selbstredend Gihela, jener tendenziell selbstverliebten Melange aus weltgeistbewegtem ewigem Kinderladen und Einkaufseden für Co2-Junkies aus dem Umland, zum Wahlergebnis gratulieren, haben doch die fuffzig Prozent des Wahlvolkes, die wollten, obwohl sie durften, die Ränder stark kumuliert und panaschiert.

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Kurzer Blick in den neuen Magistrat: Die Wirtin des Vertrauens der Generation Bürgerpunk wird selbstlos um den Erhalt des identitätsstiftenden sinnlosen Betonmonsters Dickhäuterlocus kämpfen und den Aufstieg der Männerturner mit gezielten Pilsinfusionen fördern. Die erste und größte Friedenskämpferin und Nachlaßverwalterin der DDR auf mittelhessischen Boden hat, nachdem sie morgens neben ihrer Putinbüste erwacht war, hoch und heilig geschworen der Arbeiterklasse unter der Führung der Lehrerschaft von Gihela aus ohne Blutvergießen an die Macht zu verhelfen. Im Westen und Osten, koste es, was es dauert, während der letzte, altweis(ß)e Poltersozi und ehemalige Kapo aller Karusselschubser in die Weststadt zurückkehrte und sich nun frei gewählt darüber ärgern darf, daß die Sozen unter der Leitung äh Führung äh dem Vorstehen eines Pastors und ohne ihn sogar zugelegt haben. Man munkelt Lars, der Berliner Eisbär, denke darüber nach, nach Gihela zu ziehen. Er ist sich noch unschlüssig, ob er dann im Kinderladen oder bei Karstadt unterkommen will.

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Ich habe die gewählt, welche ich vor 5 Jahren gewählt habe und für die ich damals als Unterstützer ein paar politische Liedlein coronasicher eingesungen habe. Die sind so naiv wie ich, nicht benzinsüchtig und oder / aber auch fleißiger in der Sache unterwegs, finde ich, als die meisten anderen Fraktionen. Und wir teilen uns einen Lieblingsgegner. Die ahl Juffer Madame Kettensäge, die sich an der Macht genauso verbissen festklammert wie inzwischen an ihrem Rollator. Während den vorüberziehenden Teilzeitbewohnern und -wählern der Linken die Stadt Gihela in Sachen Entwicklung wahrscheinlich am Arsch vorbeigeht. Außer sie bleiben hier hängen. Hauptsache Haltung äh Kopf hoch!

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In letzter Zeit muß ich bei jedem zweiten Bucherwerb – Ja! Ich KAUFE und BEZAHLE Bücher und Musik, wohlwissend was falscher Geiz mit den Geldbeuteln der Künstler anstellt! – das Bestsellerpickerl vom Einband puhlen. Inflationär. – Zwischenruf: Herr Weimer! Schaffen Sie das ab! – Lese nun dieser Tage ein Buch von der Sachbuchhitliste pickerlfrei und mit höchstem Vergnügen. Schön, wenn ein anderer das ausdrückt, was einen so umtreibt und was in den letzten Jahren mir manche Freude u.a. am Beruf genommen hat. Zu oft wird dir die Rolle des Vollziehenden zugewiesen. Ein Handeln wird nervös beäugt. Bleibt im Alter gerne über die Rolle des Klugschwätzers. Auch nicht abendfüllend.

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Apropos Alter. Bei 3Sat ein vom Schweizer Fernsehen produziertes, amüsantes Interview mit dem Diogenes der deutschen Unterhaltung, Harald Schmidt, gesehen. In Sachen Alter äußerte er sich dahingehend, wer jenseits der 60 mit enger Lederjacke, mit den Schirm nach hinten gedrehter Kappe und Sneakers rumlaufe, den Schuß wohl nicht gehört habe. Das Lied Stell Dir vor erwähnte er nicht. Ich habe es nochmal gesungen.

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Appendix oder Eidechsenschwänzlein

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(…………………………………………………..…..) Hier bei Bedarf abtrennen!

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Sah ich heute auf dem Weg in den Botanischen Garten, einem der angenehmeren All(t)agsorte von Gihela. Wiederaufschließung war um 8 Uhr morgens. Ich war der ERSTE! „Putzig“, meinte meine liebe Gattin dazu. Ich konnte direkt eine reiche Bärlauchernte einfahren. Bisserl was ist noch über. Wenn man sich sputet! Und für die herbstliche Maroneneinsammlung habe ich mich gegen ein geringes Entgelt – Sind ja schließlich kein Volkseigentum die Kugeln! Gelle Genossen! – bei den Gärtnern eingetragen. Für den 11. Oktober 2026. Gegen 12 Uhr. Man sagte mir, ein paar preiswerte Timeslots zwecks Sammlung wären noch frei. Nach dem Motto: First Come! First Serve! Klingelbeutel nicht vergessen! Ach: Wo ist eigentlich mein alter „Willy wählen!“ – Anstecker?

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Ende 2020 hatte ich bei einem der vielen Eventtage im besetzten Dannenröder Forst ein bisserl Scherben und Gundi gesungen. Kampflieder, wie man so sagte. Nächste Woche werden wir das erste Mal über die neue A 49 fahren. Alles verändert sich. Ein paar Tage in nordhessische Wälder. Mal schauen, ob die neue Hüfte sich schon wieder mit Waldwegen anfreunden kann. Solange bleibt hier das gerupfte Schiff vor Anker und harrt aus in den Winden des All(t)tags.

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Die Zurückeroberung des Alltags / VI

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Und wilde Männer, die die Sonne liebten. Verstehen zu spät, es war ein Mißverständnis. Und klagen, fluchen, daß sie untergeht.“

(Dylan Thomas / aus: Die gute Nacht)

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Krankheit, behinderte Gesundheit, Rekonvaleszenz: ein Käfig. Weggesperrt von den alltäglichen Ablenkungen, aber auch alle Konzentration konzentriert auf den oder die Schmerzpunkte. Befreiend auf eine Art. Die Rückkehr in den All(t)tag kann da verwirren, verstören, überfordern. Muß ich mich da jetzt wieder drum kümmern? Hinschauen? Reagieren? Als geschwätzige Elster? Ich habe, erzählte schon davon, eine Zeitlang „kulturgeschafft“ in der JVA Butzbach. Und dort erzählt bekommen und auch mitgekriegt, daß doch einige nach der Entlassung recht schnell wieder einfuhren. Hinter Gittern ist man vor dem Leben etwas sicherer. Ich verstehe dies. Vor allem der kleine bittere Mönch in mir tut dies.

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Zu den ersten Zurückeroberungen des Alltags zählte für mich der Gang ins Cafe ums Eck. Zeitungslektüre. Und als überzeugt ideologiefreier Leser liegt da auch gerne die Focus-Kolumne von Herrn Fleischhauer neben meiner Kaffeetasse. Und ich gestehe, oft freue ich mich darüber. Unlängst gar etwas diebisch, was ja, sagt man, ein anderer Ausdruck für bitter ist. In etwa schrieb er davon, man müsse jederzeit mit der Feigheit der „Kulturschaffenden“ (Danke Reichskulturkammer für die sprachliche Hilfeleistung in Sachen Gendern!) rechnen und ihrer Opportunität im Namen der subventionierten – sicher ist sicher – Moralansprüche. Und mußte – Deja vu oh Deja vu! –  lauthals auflachen, so daß eine der studentischen Bedienungen, die mich sonst als sehr störungsfreien Gast kennen, nachfragte, ob alles in Ordnung sei. Nun, ich konnte doch nicht erzählen, welche Bilder mit eben durch den Kopf schossen. Alte Kollegen, teils unkündbar, sonoren mit engagiert nachdenklicher Stimme, daß es gerade„in diesen Zeiten, in diesen schrecklichen Zeiten“ angesagt sei, stell Dir mal vor, Johns ewiges Lied zu singen. Gerade in der Heldenstadt G. (Von der bald mehr. Erstmal noch auszählen lassen!) Zuhause habe ich dann Fleischhauers Videotipp gegoogelt. Verstehen Sie mich nicht falsch, gelle!

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Wo war ich sitzen geblieben? Ich mag Texte, die sich die Zeitläufte vornehmen, vor allem wenn diese frustrierende, irritierende, menschenverachtende und gerne verbitternde sind, dann wenn sie es bei angemessener Düsternis belassen und sich verkneifen den Worten einen „positiv“ stimmen sollenden Appendix anzutuckern, sei dies ein Rezept, ein Wandertipp, eine Restaurantempfehlung oder, gerne genommen, eine sensitive und seelenbadende Naturbeobachtung. Der heimkehrende Kranich tanzt mit dem Eichhörnchen und der Eisvogel jubelt ein Lied dazu in die ihn erfreuenden Krokusse. Lenz, oh Lenz Du Kommender! Und klang’s das Liedlein gar nicht wie, äääh?

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Unlängst googelte ich nach einem Poem eines meiner Lieblingspoeten und stieß, drei- bis viermal um die berühmte Ecke, auf ein Stück von mir verlebtes Leben.

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ach es war ein baumstamm der im nebel unterging

die blase die vom grund stieg war kein letzter atemstoß

nein was am ufer schäumt ist sud von teer und fett

und rührt von keiner toten die sich hier verfing

(Wolfgang Hilbig / aus: Ophelia)

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Und ich kehrte einige tiefe Atemzüge lang zurück in jene All(t)tage, an denen ich unzählige Stunden hinter verregneten und / oder vertrauerten Zugfenstern verbrachte, den Schwarzen Hund molk, leere Weinflaschen sammelte und sandte dann Grüße, wohin auch immer, und dachte noch, hatte ich doch eben von Appendixi gesprochen: „Berühre den Schwanz der entwischenden Eidechse nicht, denn dann fällt er ab!“ Jedoch, so sagte man mir früher – war es gar mein Vater? – er wachse nach. Schmerzfrei.

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Die Zurückeroberung des Alltags / V

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Meine Oma trifft im Hühnerstall die Götter, die Götter, die Götter …

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Sind die Götter Omas oder sind die Omas Götter? Sie hinterlassen jedenfalls beide breite Spuren im Zitierköfferchen. Spatzen in der Hand und Tauben auf dem Dach. Ein letztes Hemd ohne Taschen. Brötchen, welche man besser etwas kleiner backe. Omas Mühlen, die in aller Gemütsruhe vor sich hinmahlen, ähnlich denen der Götter. Oder wie mein hessischer Lieblingsopa aus Mainz einst sang: Es ist alles nur geliehen. Von den Göttern? Von den Omas?

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Und das Wenige sei mehr. Dies erkennt sogar jener, der sein drittes Segelboot abstoßen muß. Man käme ja mit der Freizeit äh … Arbeit nicht mehr hinterher. Im fortgeschrittenen Alter, wie man heutzutage das Alter nennt. Und so durfte ich irgendwann unter Zuhilfenahme der altvorderen Weisheiten meine Krücken in die Ecke stellen und damit die Illusion ad acta legen, daß irgendetwas irgendwie und irgendwann wieder würde wie davor. Träume sind aus Leergut gemacht. Seitdem humpelt es sich würdevoll voran. Greife einem nackten Mann mal in die Tasche. Beim Blick auf den zehn Gehminuten entfernten kleinen Fluß erledigen sich hochfliegende (sic!) Reisepläne sowieso von selbst. Fluch – statt Flugversuche? Eher nein.

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Keine Reime heute, da ich mir keine Reime machen kann auf die Zeitläufte. Keine Reime auf die in die Wohlstandsgesichter eintätowierten Klagen, die in der Lobby eines von Sklavenarbeitern hochgezogenen Hotels Bundeswehrflieger statt Drohnen einfordern, sie sicher nach Hause zu chauffieren. Man gönnt sich ja sonst nix. Kaum zu Hause angekommen, stehen sie dann vor den Zapfsäulen und schütteln die Faust Empörung gen Himmel und Regierung. Meine Steuer zahl ich nicht, nein meine Steuer zahl ich nicht, rumpelstilzt es in den Abendnachrichten und anderswo. Meine Freiheit. Meine Regeln. Nach der Schlacht ist vor der Schlacht.

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Seit Monaten nun endlich in Ansätzen schmerzfrei(er) wieder. Gut Ding und so. Die Oma grinst sich einen. Die Götter? Kein Kommentar. Was schrieb unlängst mein Wörterbuch als Mitteilung, da ich vergaß Korrektur zu lesen: „Hier schneit noch die Sonne!“

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Das nächste Mal von „Kulturschaffenden“, den schrecklichen positiven Schlüssen düsterer Texte und angedrohten weiteren Höhenflügen (Höhenflüchen?) der Heldenstadt an der Lahn.

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Die Zurückeroberung des Alltags / IV

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Don’t judge ä Gehstock by his Beigeschmack!

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Die Winkelzüge der Götter zu durchschauen, hinter ihrem Handeln eine Art Plan erkennen zu wollen oder vielleicht gar später den tieferen Sinn in den Händen halten zu dürfen: oh Menschlein, lassen wir ab davon.

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Es läßt sich nicht verhindern, daß man, will, kann oder muß man das Ghetto der Krankheit verlassen, um das hoch besungene freie Land der Gesunden wieder zu betreten, in die fröhliche Gemeinschaft der Gesunden sich wieder einzureihen, selbigen auf dieser wackligen Reise auch begegnet, wobei ich nicht reden will vom Zusammentreffen im Reiche der Pflege und Wiederaufforstung, sondern von den zufälligen oder verabredeten Begegnungen auf der Gass‘, in den Familien, sei es in natura oder in digitalis oder anderen Freundschaften. By the way: Begegnet man auch Feindschaften?

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Von der ängsten Vertrauten A. / 1

Was hinkt der rum noch uff der Gass‘

Schon schmerzt mein Knie ich sag Dir was

Mein Herz will fremdes Weh nicht seh’n

Schon lauf ich unrund kann nicht geh’n

Das Pumporgan was schneller schafft

Was beinah mich dahingerafft

Mir reicht mein tägliches Geraffel

Der Stress in meiner Denkerwaffel

Ach sei so gut und mach es besser

Was sagte ich? Da unterm Messer

Mußt Du Dir keine Sorgen machen

Warum tust Du jetzt blöde lachen

Und mit Deinem Gehstock klopfen

Verzeih muß weiter denn der Hopfen

Kann nicht warten

Geduld Geduld Geduld

Am Ende ist man selber schuld

Dies würd ich nie behaupten

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Der Kranke oder leicht bis schwerer Lädierte weiß manchmal nicht, wem er da ins gesunde Aug‘ schaut. Den Ängsten des Gegenübers? Oft. Diffusen Befürchtungen vor der Aussicht auf den eigenen nicht zu vermeidenden Verfall, der eventuell ähnliches bereithält? Augen auf und trotzdem nicht durch? Nichts in den falschen Kropf, Emphatie gibt es auch, aber ganz frei von … siehe oben … selten. Vor allem bei meiner Alterskohorte.

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Von der ängsten Vertrauten A. / 2

Den Stock den Stock den brauchst du nicht

Er ist nur Accessoire

Den Stock den Stock den brauch ich doch

Ich gehe schief sonst zwar

Ich weiß genau

Obwohl nicht grau

Dem Alter flieh ich nicht

Doch doch unendlich Jahre hast Du noch

begib dich nicht in dieses Loch

Man ist so jung wie ich mich fühle

Ach Freund dies wird dich nicht entzücken

Ich mocht sogar die beiden Krücken

Ich mußte ja

So endet dies Gedicht

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Die letzten Monate haben mir gewiß etliche Stecker gezogen und waren oft sehr schmerzlich. Aber ‚Derjenige von vor der OP‘ mag ich gar nicht mehr sein. Isch over! Ein bisserl was Anderes nehm ich mit und wahr. Was genau? Wird sich weisen. Solange gemächlich am Stock in Würde altern unter Verzicht auf alterspubertäre Schübe. Und nun hier zum dritten Mal die Ankündigung von den Flugversuchen zu denken. Solang halt nochmal von den ängsten Vertrauten. In, um und um mich herum. Die Rente ist sicher!

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Die Zurückeroberung des Alltags / III

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Quäle nie den Schmerz zum Scherz, denn er ist ein Tier mit Herz

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Nein, Ärzte sind sie nun wirklich nicht, die lieben Götter, deren Garagen überquellen von Streitwägen, mit denen sie ausfahren, der Schmerzen vielfältige unters hastig davoneilende Volk zu schmeißen wie ein überdrehtes Dreigestirn op der Vringstroß am Rosenmontag zu Kölle die Kamel(l)e. Nun die Verantwortung für die meisten Wehwehchen wollen wir damit nicht von den gesenkten Schultern der gerne und meist unaufrichtigen Aufrechtgeher nehmen, aber wo wir schon die Götter rumstehen haben, auch wenn wir sie kaum mehr benutzen, außer als Begrün(d)ung für Kriege aller Art, von irgendwo her müssen wir uns ja einen Schuldigen zusammenschustern.

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Erste und leicht klagende Schmerzensmelodei:

In jenem Haus des Laibes

Ich war und hieß‘ und hauste

Statt zu wohnen

Poltern Schmerzen

Die wie Drohnen

Nicht erkennen lassen jeglich Sinn

Wohin die AUAS fallen hin

Und her bis alle Nervenbahnen

Leiten Leiden leider weiter

Man finstert ein was wenig heiter

Bis ins klagend‘ weiche Hirn

Menschlein konntest Du nicht ahnen

Daß die Götter pinglig sind

Will man sie ver …

Arsch und Himmel und auch Zwirn

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Gewiß Manches ereilt einen. Und nimmt so (s)einen nicht erwartbaren Gang. Mal mit Schutzengel, mal ohne. Auf das Meiste sind die Meisten jedoch sehend blind zugerauscht. Man gönnt sich ja sonst nichts und erzähle mir nichts vom Pferd, welches den größeren Kopf hat und dem man deshalb, auf väterlichen Rat, das Denken überlassen hatte. Und wenn es mal wieder richtig weh macht und nicht vorangeht, geschweige denn schleicht, bestenfalls in so etwas wie Richtung „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ humpelt, hat man ja immer noch die Ärzte, die bekanntnerweise keine Götter sind und lediglich Verwalter der Schmerzen, aber vorzüglich zum Schuldigen taugen wie immer, zum Blindfuchs und Schuldschulterer – wenn nicht der klimaanverwandelnde Turbokapitalismus einspringt – ohne den wir nicht mehr atmen können, denken wir, falls uns nicht anheim oder von drohnenverschmierten Himmeln fällt zu ein Hauch von Dank für das ein oder andere AUA. Hätte man sich sonst wieder bewegt? Ohne eine Stunde Null ist Erkenntnis selten zu erwerben. Leider(n)! Wir erinnern uns: „Großhirn an Blutdruck: Steigen!“

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Innehaltende Schmerzmelodei, so nun als No Zwei:

Der Körper wird zur Diktatur

Was will er denn was hat er nur

Der Schmerz entgleitet meinem Griff

Wie war die Melodei die pfiff

Ein Gott mir von den Wolken runter

Wenn einem sowas widerfährt

Das ist schon einen …

Oder darauf einen Dujardin

Hallo mein Hirn bin Dein Cousin

So singt der Schmerz und

Und dies ist kein …

Den Reim erspare ich dem Hirn

Oh Arsch und Himmel und auch Zwirn

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Das nächste Mal von den Genesungswünschen und Flugversuchen (auf allen vieren).

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