Tuchel muß sich nach jedem Spiel was anhören. Halt einer derjenigen, die es niemandem recht machen können. Nun wird er kritisiert, gerne auch von solchen, die beim Anblick eines Pekinesen schon die Strassenseite wechseln, wegen „Feigheit vor dem Feind“, weil er nach der Führung der englischen Pöhler auf 5er-Kette umgestellt hatte. Sei’s drum. Ich glaube nicht, daß die erzmüden Engländer gegen die Dampfwalze Argentinien, die ja nebenher noch die Falklandinseln in Malvinias umbennen mußte, den Hauch einer Chance hatte. So oder so. Genausowenig wie am Tage zuvor die Blauen gegen die spanische Präzisionsmaschine. Aber dies ist nunmal ein zentrales Hobby der Menschen: die sogenannte, nachträgliche Betrachtung, gerne Aufarbeitung genannt, jedoch letztlich nichts anderes als das Besingen vergoß’ner Milch. Hosianna! Kreuziget ihn! Klar, ich hätte gerne ein finales Aufeinandertreffen der Ritter der Kokosnuß und der Froschschenkelfresser gesehen. Und wie Mick Jagger jubelt. Bleibt halt der Samstag. Heißt ja nicht umsonst Trostpreis. Schnief schnief!
*
Ich mag den Tuchel. Weil ich mich gelegentlich in seinen Verbissenheiten und (unerfüllbaren?) Ansprüchen wiedererkenne. Oder sind es die Ohren? Erinnere mich an eine Vorstellung meiner Rio Reiser – Inszenierung, sie lief vier komplette Spielzeiten lang, stets volles Haus, inklusive Warteliste. Das Publikum hatte eben noch stehend applaudiert, als ich schon hinter die Bühne jagte und in ‚Tuchelscher‘ Gereiztheit das Ensemble ‚bat‘, sich bitte nicht zu sehr in der Gunst der Zuschauer zu suhlen, alle Tränchen der Selbstrührung zu streichen und einfach nur die Geschichte zu erzählen und zu singen. Dem Stück folgen. Egos in der Garderobe lassen. Dienen und Team. Spanisch quasi. Man war so gar nicht amused. Wie kann das arrogante Arschloch nur? Wir waren doch sooo gut. Nun denn, die nächste Aufführung war, in meinen Augen, dichter und konsequenter. Und wir hatten uns alle wieder ganz arg lieb. Zitiere dazu den guten Olli Kahn, der Tuchel, nachdem der nach dem Norwegenspiel seine Mannschaft kritisiert hatte, in Schutz nahm.
*
Olli Kahn:
„Die Reaktionen folgten sofort. Und sie verraten mehr über unsere Zeit als über den Fußball. (…) Denn sie offenbaren eine Eigenart, die weit über den Sport hinausreicht. Wir glauben, Niederlagen seien der gefährlichste Moment einer Entwicklung. Tatsächlich ist es oft der Sieg. (…) Deshalb beginnt die eigentliche Führungsarbeit nicht nach einem verlorenen Spiel, sondern nach einem gewonnenen. (…) Er hat etwas getan, das im Spitzensport selbstverständlich sein sollte. Er hat verhindert, dass ein Sieg wichtiger wird als die Wahrheit.“
Mmm, when the walls cave in And the lights go dim And I drag you out again Well, dystopian values are too hot to handle And I’m going out in a blaze Can we run any faster? It’s a total disaster I, I, I’m going down in the flames Yeah, when they try to arrest you I’ll come to your rescue Life is a gambling game
„Weißt du, setzt er noch mal an, als ich schon fast draußen bin, der Nestbeschmutzer ist der, der den Dreck ins Nest trägt. Nicht der, der rauskrabbelt und mit jemandem drüber reden muss. Ich nicke, er scheint ergriffen von seinen eigenen Worten. Ja, danke jedenfalls!„
*
(aus: Lena Schätte / Das Schwarz an den Händen meines Vaters)
Ehemaliges Kinderzimmer von außen / KN – Staad / Juni 2026
…..
Abschiedsbriefe oder Neulich in alten Schubladen wieder nix gefunden
*
Da stimmt doch was nicht? Mit der Zählung? Oder? Oder it? Stimmt! Ich habe die letzten zwei Nachklappeinlassungen hier nach eigentlich selbstverordneter Pause in den Papierkorb geschoben. Falls es bemerkt wurde. Wenn nicht, auch gut. Das übliche Bessergewissere oder das Schlaulehinterhertreten in Sachen Pöhlerei. War mir dann doch eher peinlich. Vor allem, weil die deutschen Kickereiüberheblichkeiten einfach überhaupt kein Thema mehr für mich sind. Ala hopp! Nun die nächste Lichtgestalt vor den Toren der Nation? Schau‘n mer mal, Jürgen. Oder soll’s denn doch de Chrischtian besser mache? Driss-elmala-ejal.
*
Ein Abschiedsbrief an Väter die keinen schrieben
*
Du hättest vielleicht wissen sollen, daß ich dir keine Fragen hätte stellen können
So jung und blaß und Antworten suchend in dir fremden Sümpfen
Behaupte ich so unfrei wie ich einst war und weiter blieb
Zwischen den Flußpiraten vom Mississippi und den Alligatoren Vaterland und Einsamkeit
*
Ein Hinweis nur da hinten da wohin du dich fortgemacht hingepickt
Mit Reiszwecken mit Nägeln besser noch Mann
Wer sucht der findet und wenn es ein langes Leben dauert
An einem der Ausgänge denen du ewig schon die Klinke gestreichelt hast
*
Weil du es nicht hast gut gemacht in meinen trüblichen Augen
Lehnt mein Kopf im Nacken knirschend Tag wie Nacht
Wie soll ich beweisen meine unzähligen Fähigkeiten
Denn besser und strenger und den Anderen selten nur ein Gegenüber seiend
*
So flog ich dann mit Mama nach Amerika ins Große Hotel zu groß
Die Augen mir zu Schlitzen wuchsen vor lauter Angst vor meinen Freunden
Ich brauchte kein Feuerzeug in Foxborough nein
Meine Lunte glomm immer in steter stiller Wut seit jenen Tagen
*
(gießen am 3. Juli / irgendwo zwischen frankfurt und winston-salem hin- und herpendelnd. Und natürlich KN-Staad.)
*
Wer lässt wen erst rein und dann wieder raus und so weiter und so weiter? Experten abschaffen! Fragen und nach den Fragen noch mehr Fragen und weniger Antworten. Kein auratischer Messias is needed! Aber Messi vielleicht doch. Noch. Good Luck, Bub Julian Nagelsmann.
Hörst Du die Glocken von Santa Fe oder Neulich im Moseleck / Teil 3
*
„I don’t wanna be buried in a pet cementary!“ (The Ramones)
*
Im dritten Teil wird gerne gestorben. Der Pate. Der Pferdekopf im Bett. Winnetou. Den gab es nie. Die Wahrheit in diesem Fall. Aber, küss die Hand Frau Bachmann, die war schon immer eine schöne Leich‘.
*
Sitze im Moment im Türmchen zu Gießen. Am Nebentisch zwei muskelbepackte und mit Botschaften hautbemalte Levantiner. Sie unterhalten sich eher lautstark. Ich sitz eben am Nebentisch. Das Risiko des Nebentisches. Man sitzt oft neben anderen Tischen oder zwischen den Stühlen. Muß ja nicht gleich der Katzentisch sein. Ist dir die Welt zu laut, gibt es halt nur noch das Separee. Der Nebentisch spricht von einem vor Jahren hier im Umland spektakulär erschossenen Höllenengel. In den Tempeln der Rückschau entweder Held oder Arschkrampe. Die einen so, die anderen gegensätzlich. Ich liebe diese Coinzidenzien, sitze ich doch hier, um etwas zu notieren vom Tod, den Nebentischen und allzu kuscheligen Erinnerungen, der Wut über diese und denke: Des glaub‘ i doch it.
*
Zurück ins Moseleck und zur Mundharmonika. Die Kuhjungen. Die Kriegsheimkehrer. Am Lagerfeuer. Am Wolgastrand. Bob Dylan. Einatmen. Ausatmen. Die Zunge einrollen. Strecken. Gegen die Zähne stoßen. Und die Mundorgel beginnt zu weinen. Traintime. Wer einsam ist, muß sich bewegen. Iss besser so. Sonst wird er bewegt. Die Züge rollen nach Nirgendwo. An die Ostfront. Ins Lager. Mundharfe. Das einsamste aller Instrumente. Es genügt sich selbst. Wenn man an der Rampe in den Klangkolben bläst, zieht sich der Rest der Band dezent zurück. Lauscht den eigenen Zähren. Außer da ist Ginger Baker und trommelt alles zu.
*
Die Erinnerung und die Wahrheit sind Idioten oder – süddeutscher halt – Deppen. Entweder machen sie aus Monstern Kuscheltiere oder aus traurigen Gestalten Dämonen. Die Pendel schwingen, in sich verbissen, im größtmöglichen Ausschlag von rechts nach links und kommen nie zur Ruh‘. Erinnernde sind selten Archäologen, die, bei brütender Hitze im Hirn, in den pompejanischen Resten ihres Lebens Tonscherbe nach Tonscherbe aus dem verhärteten Lehm herauskratzen und die Scherben und deren freigesetzte Töne neu und wieder neu und anders bewerten.
*
Braucht Trauer als Hintergrund eine Mär von einem allseitig glücklichen Leben? Ein alter Lieblingswitz von mir: Laufen zwei Brüder die Straße lang. Nach einer Weile sagt der eine zum anderen, der Rechte zum Linken, oder umgekehrt: Du! Gelle! Jetzt! Ich will halt auch mal in der Mitte laufen! Verzeihung? Dann eben der noch: „Wenn ein Witz gut ist, dann ist mir egal, wenn ich damit beleidige!“ (W.C. Fields). Einer geht noch. Immer. Oder it?
*
Ein Neuer war nicht nötig. Im Moseleck. Zwei Humpen im Moseleck. Einer für jedes Bein. Standbein. Spielbein. Weiterziehen. Natürlich werden verschwiegen die Vorglüheinheiten und geflissentlich die Absäckeleien. Früher Abend. FFm glüht vor sich hin. Ich flippfloppe ins Hotel. Ich hatte das vor Jahren entdeckt, nicht nur weil es nah am Bahnhof liegt, sondern weil es nach dem Spanier aus Genua, der Amerika entdeckt haben soll, benannt wurde. Unten ein Italiener. Auch hier Bierbänke bis an den Rand der Strassenbahnschienen. Die Italiener leider nicht mehr da. Jetzt? Türken? Usbeken? Kurden? Tadschiken? Immer noch eine wunderbare Speisekarte. Salsiccia gegrillt. Das verdura dazu auch. Halbliterkaraffen Hauswein. Uff. Wollte ich doch von schweigen. Früh ins Bett. Im Hotelzimmer weit über 30 Grad. Unten: Niddastraße / Ecke Ottostraße toben die jungen, einsamen, dunklen Buben die ganze Nacht durch. Sollen sie. Oben: Etliche Gespenster kraulten mir den Nacken sanft. Noch’n Gedicht kritzeln halt noch.
*
Wie wir nicht mehr sitzenbleiben wollten
*
Du hattest mir mal ein Versprechen gegeben
Wir hatten keine Verträge unterzeichnet
Dann standest du auf wortloses Lächeln
Ich rief noch hinter dir her
Es sei MEINE Entscheidung gewesen
Du murmeltest etwas von
Auf der Flucht zu sein
Eine Tür fiel ins Schloß
*
Dann blieb ich einfach sitzen
Ameisen im Hinterteil juckend
Momentan ist richtig momentan ist gut
Du freutest dich sagtest du
Wie ein Schnitzel
Was mich lachen machte
Die Tür stand weiter offen
Spielen wir hier eigentlich UNO
*
Nun ein leerer Tisch
Die Lehne des einen Stuhles
Hält sich fest an der Tischkante noch
Der Stuhl visavis liegt quer zu den Füßen
Des noch nicht abgeräumten Tisches
Die Türe angelehnt abwartend
Ein milder Wind bläst durch den Spalt
Vielleicht werden wir zusammen alt
*
Man denkt
Gott lenkt
Chancen versenkt
Den Mantel an den Kleiderhaken gehängt
Bestattungsunternehmen
Werden im Alter Themen
Der Tod ist nicht nur ein Formular
Er war schon da trotz Anfang wahr
*
(Hotel Columbus / FFm / unlängst)
…..
…..
Nachklapp:
So. Jetzt hammer hier eine kleine Sommerpause. Die Bub’n übernehmen mal wieder. Und: Randnotiz: Geh bitte, lieber Gott: Wann i noch einmal auf der Erde herumhüpfen täten dürfte, könnt ich dann vielleicht als an Weaner zurückkemma können? Dafür tat ich gerne danken und sonst, liaber Gott, die Woit ist halt eine Art von Schrott. Iss nett so schlimm. Servus. Hier ist jetzt eine Sommerpause. Hoab i mi jetz gar wiederholt? Bist Du deppart? So isses hoit mit dem Lebn. Küß die Hand, schöne Frau. Gemma oile scheiß’n.