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Ruhetage oder Neulich beim Kardiologen 1
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Nachdem sie mich begrüßt und aufgenommen hatten im Spital, mich, der ich eben noch nicht unweit der Stadt, in der ich wohnen muß, mein Hanami feiern wollte, indem ich zwischen blühenden Kirschbäumen gemächlich hinaufstieg zum Waldrand, baten sie mich freundlich und bestimmt, mit fern südländischem Akzent, der mich die nächsten Stunden, bis auf wenige Ausnahmen, begleiten sollte, Platz zu nehmen in einem Rollstuhl und fuhren mich vorbei, nicht an blühenden Kirschbäumen, wo ich fernöstlicher Tradition gemäß einen kleinen Aufbruch, einen der etlichen hinter mir, wenigen jetzt noch vor mir liegenden Lenze, feiern wollte, einen Frühling also nochmal bestimmt und bewußt fassen, da ich seit einer überstandenen Malaise spürte, wie mein Herbst sich langsam hinter meinem Rücken davonschlich und das müde Gesicht von Winterwinden begrüßt wurde, rollte ich nun, was da heißt, ich wurde gerollt, vorbei nicht an blühenden, ach, fast schon verblühten Kirschbäumen, denn wieder, wie so oft schon, kam ich diesen einen oder den anderen Tag zu spät, sondern an wartenden Maladen, manche trübe dreinblickend, in schierer Ungeduld oder von trauriger Schicksalsergebenheit und trüber Aufgabe gar gezeichnet andere; wurde ich also verfrachtet in einen Aufzug und landete in der sogenannten BRUSTKORBSCHMERZENEINHEIT, denn zwischen den Kirschbäumen, die ihre letzten Blüten mir entgegengestreckt hatten, hatte mich ereilt eine fatale Kurzatmigkeit, ich schleppte mich folglich irritiert und ausgebremst von Bank zu Bank, gestützt auf die neu erworbenen Wanderstöcke, Panik griff mir in die Eingeweide, der Brustkorb flatterte, sobald ich die karge Luft versuchte in meine Lungen zu zwingen und den Kirschbäumen, die mir inzwischen egal, zuwinkend, entschied ich mich den nächsten Bus zu besteigen, der da fuhr: ins Spital, um dort von meiner Unpässlichkeit und den flirrenden Ängsten zu berichten.
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Ich hätte einen ‚LSB‘ in meinem Herzen, ob ich davon wüßte, fragte mich eine junge Ärztin, tiefschwarzes Haar, offensichtlich schon auf dem Weg in den Feierabend, rüde und kurz angebunden im Ton, was mich nicht weiter störte, da ich immer noch schwer atmete und außerdem sediert war von ihrer beeindruckenden Attraktivität, die sie, schon für den freien Abend leger gekleidet, ausatmete und am Fußende meines Bettes stehend, mit ersten Befunden wedelte, einen LSB also, so sagte sie, was in meinen rauschenden Ohren klang wie die Bezeichnung einer Bausparkasse oder, und ich lachte lauter auf, als der Örtlichkeit angepasst, gar eine mir noch unbekannte linke Splittergruppe, worauf die behandelnde Prinzessin aus 1000 und 1 Nacht, schon halb auf dem Absatz, mir zurief, was, bitte schön, an einem Linksschenkelblock so lustig sei, vor allem wenn man, „in ihrem Alter“, was sie nicht zu betonen vergaß, hier abends auf einer BRUSTKORBSCHMERZENEINHEIT läge und, dies nur der Vollständigkeit halber erwähnt, von einem Rollstuhl hierher befördert wurde, aber sei es drum, morgen früh würde sie wieder nach mir sehen, was mich zwar erfreute, angesichts oben erwähnter Attraktivität, jedoch mich mehr noch erschreckte, war ich tatsächlich nicht auf eine, oder gar mehrere, Spitalnächte eingerichtet, der ich eben noch, heute morgen, bei kaltem Wind und freundlicher Aprilsonne aufgebrochen war, ein Hanami zu begehen und nun, während ich verdrahtet wurde und an fiepende Bildschirme angeschlossen, nicht umhin kam einen LSB mir als einen linken Block, einen gar linkssozialistischen Block in meinem Herzen zu denken, der nicht dazu da war die Menschheit, oder zumindest Teile davon, Seit‘ an Seit‘ mit den Brüdern in die lichte Sonn‘ und ewige Freiheit zu leiten, sondern, ganz im Gegenteil, eher darauf aus war die Arbeit meines Motors schwerwiegend zu beeinträchtigen und, während ich über die miese Gegend namens Herz nachsann, sowie mir das alte Diktum, daß wer in der Jugend nicht links denke, atme, fühle, eben kein Herz habe, wenn er aber im Alter immernoch den Chimären der großen Befreiung von ihm ungefragten Menschenmassen nachhänge, ein verdammter Schwachkopf sei, trat ein bebrillter Arzt, begleitet von einer Batterie neumodischster Gerätschaften an mein Bett, bat mich mich zu entspannen, stellte sich als diensthabender Oberster der Herzmediziner vor, riet mir noch, während der folgenden Untersuchungen, und wohl auch sonst, dem Gedankenkarussel und dem Herzen einen Ruhetag zu gönnen und so gleichmäßig und flach zu atmen, wie es mir möglich sei und den Rest würden wir, wer auch immer dies sein mochte, dann sehen, und ich verließ meine gute alte linke Herzhälfte, räumte die kleine Maobibel, über die ich beim Gehen fast gestolpert wäre, in meine rechte Hosentasche und schwieg, während das Ultraschallgerät über meinen Bauch glischte, begleitet vom gelegentlichen Nicken oder dem in sich Hineinbrummen des mich umsorgenden Arztes, der, unnötig dies zu erwähnen, bei weitem nicht so attraktiv wie die in den Feierabend Entwischene, aber dies tut hier nichts zur Sache und ich schwieg weiter. (Fortsetzung folgt)
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(gießen / anfang mai 2026)
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Nachpochen:
„Als ich in Yunnan auf der Krankenstation lag, lag im Bett neben mir einer mit Lungenkrebs. Seine Frau munterte ihn eifrig auf: Mein Lieber, wenn du es vor Schmerzen nicht mehr aushälst, dann schrei. Die ganze Nacht lang schrie der Kerl: Lang lebe der Große Vorsitzende Mao! Keiner der anderen Patienten tat ein Auge zu. Bis irgendwann die Leiterin der Krankenstation hereinkam und zu ihm sagte: Du bist längst tot, das Geschrei kannst du dir spare! Dann gab er endlich Ruhe.“
(Wang Xiabo / Das goldene Zeitalter)









