Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 12

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Am Rande des Neuen Kurparks / Bad Soden / Hessen / letzten Sonntag

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Fuß ist Hand und Hand ist Fuß oder Neulich in Winston-Salem / Teil 3

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Da gab es, um die Ecke eine Tanke mit Büdchen. In Winston-Salem. Autos, Alkohol und Schmerztabletten – wie man heute sagt – 24/7 zu erwerben. Die Provinzbuben staunten. Der Betreiber war Grieche und wir recht schnell Stammkunden. Sixpacks, Fluppen, die direkt vor Ort gebastelt wurden, Camel, Winston, Pall Mall. Where special people congregate. Reynolds tobacco eben. Eric Burdon singt davon. Auf dem Verkaufstresen ein riesiges Glas voller Asper, as they said. Man konnte sich, und es war gelegentlich nötig, Aspirin abgezählt aus dem Gefäß nehmen. Und endlose Reihen von Softdrinks in allen Geschmacksrichtungen und vor allem Farben. Spektralzuckerstoff quasi. Irgendwann kauften wir uns dort für twohundertfifty bucks ein himmelblaues Automobil. Gab es ja alles vor Ort. Easy does it. So hieß er. Ein Ford Falcon Stationwaggon. Ein Schiff. Aber erst mal blieben wir noch.

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Wenn ich von der NCSA nach Hause kam, lag Freund H in der Hollywoodschaukel auf der Frontporch und mähte den Rasen nicht. Wie erwähnt, es war schwül. Sehr schwül. Ulrick und ich verpassten ihm bald den Spitznamen the schnitzl. Liegt rum und does not move. Like Timmy … sorry: Timma did it those days. Dann rafften wir uns auf und gleich wieder um die nächste corner eine Art Pub, eine Bar. Ein langhaariger Vietvet, der aussah wie Kris Kristofferson, war unser Gastgeber. Oft waren wir die einzigen Gäste. Büchsenbier. Chips. Peanuts. Zu Ehren des – denke ich – besten Präsidenten, den die Amis jemals gewählt haben: Jimmy Carter. Dylankenner by the way und vom Größenwahn unbeleckt. Giscard und Helmut verklickerten ihm damals ständig wie Wirtschaft geht. Hochnäsig wie wir Europäer sind. Hat sich ja inzwischen erledigt. Gelle. Da stand eine Jukebox in der finst’ren Stubb. Das Fenster ist den Bars in den Staaten eher fremd. Viel Country in der Kiste, von dem wir, arrogant halt, kaum Ahnung hatten. Der Arm griff nach der Single und legte sie unter den Sapphir. So lief in einer Art Dauerschleife I was made for loving you und Join together von The Who. Gelegentlich verschwand der Gastgeber in irgendwelchen Hinterräumen, zog sich, was auch immer rein, kam zurück, aufgeladen und schmiß uns raus. Germans gehen dem Rest der Welt meist gehörig auf die Nüsse. Wollen es aber nicht wahrhaben. Think!

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Darauf waren sie stolz in der Schauspielschule. Ein oder zwei Mitglieder der Village People hatten dort studiert. Der Cowboy? Der Indianer? Der Bauarbeiter? The Black Cop? Der Landser? Ich habe es mir nicht gemerkt. Ich dachte darüber nach da drüben zu bleiben. Mit der Sprache kam ich gut zurecht, ich war sogar in der Lage auf den Gipsfuß, den sich meine Partnerin kurz vor einer Prüfung zugezogen hatte, auf der Bühne improvisierend in Sachen Liebesszene einzugehen – nein: Julie war es nicht – schrieb sogar einen Aufsatz – creative writing – über die Auslöschung der Indianer in North Carolina – strenger Verweis! – How dare you german boy! Ausschwitz! – und dachte trotzdem nochmal nach und dran zu bleiben. Geld dafür hatte ich keines. Stipendium may be. Anyway. Ich hatte einen sehr guten Schauspiellehrer. Er wohnte quasi round the bend. Er riet mir ab. Theatre is language. Mind. You are not made for the showbusiness. Tell stories. Ich schloß mich dann ein paar Tage ein, schaute intensiv homebox, der Vorvorvorgänger von netflix und dachte nach. Was für ein schrecklich schönes Land. Aber dort leben?

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Bevor ich aber darüber nachdenken konnte, hatten wir noch zu dritt unseren easy does it gesattelt und brachen auf gen Mexiko. Man hatte seinen Kerouac durchaus studiert. Mit viel Bemüh’n. Das war die zweite Halbzeit der längsten aller summertimes.

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 11

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In Vergangenheit Badender / Lenkbrunnen / Obere Laube / KN / BW / Juni 2026

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Fuß ist Hand und Hand ist Fuß oder Neulich in Winston-Salem / Teil 2

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Liegt uns Europäern und den kolonialisierten Buben auf den anderen Kontinenten eine leere Bierdose vor den flanierenden Füßen, treten wir dagegen. Ganz anders der Ami-Bub. Er bückt sich, hebt das Teil auf und pfeffert es galant in den nächsten Korb oder seinem Gegenüber in die fangbereiten Arme. Hinter dem alten Südstaatenhaus – Frontporch und Hollywoodschaukel inklusive – lag ein kleiner Park. Dort wurde abends Softball, die Amateurversion von Baseball, dargeboten. Noch heute habe ich nicht die geringste Ahnung nach welchen Regeln da gespielt wurde. Aber die Zuschauer, die meisten farbig, waren von einer ansteckenden Euphorie beseelt. Go to the second base. Hit him low. Hit em high. Gegrillte Maiskolben. Popcorneimer. Wir, gerne mal vom Weed sediert, saßen da und erfreuten uns des Lebens. Bewegten uns eher nicht. Es war heiß und schwül like hell. Das mit dem Weed war irgendwie gestattet, es störte niemanden, aber wage es, dummer Europäer du, mit einer Bierbüchse durch die Strassen zu gehen, da hält der Cop neben dir an und du mußt das Getränk ins nächste Gebüsch schütten. Außer das Budweiser / Miller / Michelob / Pabst Blue Ribbon / whatever / steckt in einer Papiertüte. Und – i’m not joking – im North Carolina jener Tage durfte man Männer- und Frauenunterwäsche nicht auf die selbe Wäscheleine hängen. It’s the law, stupid.

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Die Schauspielschule war nur wenige Gehminuten von unserer Hütte entfernt, einer „Künstler–WG“ in der Ulrick, like they called him, lebte und aber auch Julie mit ihren etlichen Verehrern. Von ihr aber später. Frühmorgens, eben noch war ich barfuß auf der Suche nach etwas Orangensaft in Gallonengröße vor dem monströsen Kühlschrank in die Kakerlakenleichen getreten, die der obligatorische Kater (Fritz, the cat!) nachts frisch gekillt, hinterlassen hatte und wenige Minuten später hüpfte ich unter einem strengen Diktat – i’m afraid of americans – durch den Ballettsaal. Jazzdance. Bewegungstraining. Augen auf bei der Berufswahl. Le Freak. Danach arbeitete ich, nichts wissend, daß mein zukünftiger Beruf mich irgendwann in die hohle Mittelmäßigkeit der Herkunft dieses Textes führen würde, an einem Monolog von Jorsch Buckner. As they called him. The knife. Where is the knife? Blood. Blood everywhere. I killed her. Marie. Where are you tonight? Marie? Des Woizeggle in Amerika.

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Das seltsame an diesem Winston-Salem war, ich war noch nie dort, aber alles kam mir vertraut vor. Filme. Fernsehen. Wer die Nachtigall stört. Die Vorstädte. Mein Freund Harvey. Ist das Leben nicht schön. Happy family. Wir kriegen die Kurve. Wenn wir nur wollen. Milchflaschen vor der Tür. Der Zeitungsbote schleudert die Morgenlektüre vom Fahrrad direkt vor die Haustür. Ohne die Milchflasche wegzukegeln. Gegenüber der Hütte lebte ein alter Mann, der so gut wie täglich seinen Rasen mähte. Ein Schild, es stand eigentlich vor jeden der Häuser dort: NEIGHBORHOOD CRIME WATCH. Was das heiße, fragten wir. Well, Boys listen. Wenn ich sehe, daß da irgendein „unknown subject“ auf eurem Rasen, den man übrigens mal wieder mähen könnte, tell this Ulrick, rumhüpft, my gun is loaded. Er habe, ich liebe Klischees, uns, just to mention, damals befreit. Once upon the time in Heidelbörg. And by the way, i love the germans. Aber your Kanzler is leider a communist, dieser Hellmüt Schmitt.

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Der Sommer nach Winston-Salem war noch länger. Der längste Sommer meines Lebens. Länger sogar als diese … ähem … kuriose Veranstaltung. Da drüben. Eben.

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(soon to be continued)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 10

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Wäscheleine / Konschtanz – Staad / Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

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Fuß ist Hand und Hand ist Fuß oder Neulich in Winston-Salem / Teil 1

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Wir kamen an. Mitten in der Nacht. Von wo kommen wir? Von da hinten, wie mein Reisegenosse und selbsternannter Amateurcowboy wie wir alle damals gerne tönte, wenn uns einst am Bodensee die Polizei mal anhielt. Und wohin wollten wir? Nach da vorne, schob dann die Möchtegernhelden hinterher. Das sollte sich, wir befinden uns im Jahre 1979 in North Carolina, relativ schnell erledigen, diese postpubertäre Aufgeblasenheit. Aber wir kamen an. In einer schwülen Mainacht, in Winston–Salem / North Carolina.

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Sieben Tore in einem Testspiel, die ich mit einem bestenfalls viertelgeöffneten Auge in einem Mini-Fernseher in Bad Soden, einen der 10 Orte mit der höchsten Einkommensmillionärsdichte nicht nur Hessens, sondern ganz Deutschlands, sah, in einem dennoch bezahlbaren Hotelzimmer, Blick Richtung Kurpark, welches ich zu Ehren des Geburtstags meiner liebsten Gattin bezogen hatte. Man nennt diese Veranstaltung immer noch Fußball-WM. Der unsägliche Kommentator hyperventilierte. Man will wohl der in großen Teilen desinteressierten Nation sowas wie stattlich … ähem …  staatlich … verordnete Euphorie implementieren. Tom Bartels heißt er und zwingt mich dazu bei meiner Lieblingssportart Vierschanzentournee stets zu Eurosport zu switchen. Ist Frau Lea Wagner denn inzwischen schon niedergekommen? Was macht Sven Tannenwald? Endlich ein Schweigen zwischen den Wipfeln und Gipfeln?

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Meine Frau hat am selben Tag Geburtstag wie der orangenköpfige Heiopei aus Miami. Gestern also. Wir schauten im Kurpark von Bad Soden aber nicht auf Käfige in der, um den Ehrentag zu feiern, sich Dummbatzen gegenseitig aufs Maul hauten, sondern in eine Konzertmuschel, in der erst eine schwäbische Coverband und dann Egerländer Schmankerl aus Grünberg gelassen musizierten. Und vergessen wir nicht die ewige Stefanie Graf. Man sucht sich so ein Datum nicht aus, an dem man in die Welt flutscht. Noch nicht mal die Eltern. Die spekulieren lediglich.

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Wir, der Reisegenosse und ich, waren 1979 Ende April von London, Ryan Air hatte sich eben gegründet, für billiges Geld nach NY geflogen, hatten von dort einen klapprigen Datsun nach Oakland überführt, uns ein paar Tage in Kalifornien rumgetrieben und sind dann per Daumen nach North Carolina gereist. Zurück gen Osten. Ein Klassenkamerad von mir studierte dort an der NCSA – North Carolina School of Arts – Lichtdesign und Stagemanagment und ich, frisch von herzlichstem Liebeskummer gepeinigt, hatte eben Freiburg im Breisgau verlassen und wollte was Ordentliches lernen: die Schauspielerei. Nachts um – vielleicht – elf oder zwölfe – standen wir auf dem Campus – Wie kamen wir da hin? Don’t ask me! – We looking for Ulrich! – Are you the german guys he is expecting?– Guess so! – Come on, follow us. Dann standen wir nach wenigen minutes in the centre of einer Studentenparty. In einer schwülen Nacht in Winston- Salem. Heute wohnen da, gleich um die Ecke, wieder ein paar german kids. Wird es nochmal eine wilde Party?

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Vor zwanzig Jahren lernte ich meine Frau kennen und lieben. Eigentlich wollte ich dem unsäglichen Kaff Gießen eben den Rücken kehren. Damals als ein Sommer über das Land fiel. Erstens kommt es anders und der Rest ist Schweigen. Wir schauten gemeinsam Fußball und hoppla. Poldi machte zwei Hütten. Sommermärchen wurde das dann getauft. Es wimpelte sich ein Land in eine Ekstase, die irgendwie stimmte. Und in der Lokalpresse gab es eine – tägliche? – Kolumne, die auf die Kickerei inklusive weltbetrachtender Anhänge schaute. Mit Humor. Ich tippte gelegentlich etwas dazu. Kinder wie die Zeit vergeht und der Spaß an der Freud in Sachen Pöhlerei zur Zwangsveranstaltung mutierte. Schaun mer mal und Beckenbauer ist auch schon eine schöne Leich‘.

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Mein Sommer in Winston-Salem damals war ein langer und schöner. Etliche Geschichten klingeln noch. Und Liedlein.

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(soon to be continued)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 9

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Bauer mit Pferd / Königsberg (Hessen) / Januar `21 / hinten rechts der Dünsberg

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Hü und hott oder Neulich in Dänemark oder vom Wale umarmen und vom bösen Friederich, der ein Lieber sein wollte

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Timmy war ein Mägdelein

Tot am Strand das arme Schwein

äh die Sau so arm

Herr Brehm und Gott erbarm‘

Menschlein voller Emphateien

Mein Magen noch rumort ich könnte

Leiser schrei‘n und ob der Nietzsche‘ Friederich

Kurz vor dem Verlust des eig‘nen Ich

Umarmet hätt‘ das arme Vieh

Wir werden’s wissen nit

Und werden’s nie

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Die Dänen nun mit feinen Klingen

Die Timma die wird nit mehr singen

Gesänge walig göttergleich

Denn endlich ist sie eine Leich‘

Die immer sie schon war

Iss klar

Und tat ersaufen

Germanier in Erregung schnaufen

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Die Dänen aber denkten noch

Buddeln schnell ein Riesenloch

Zerlegen und verwerten

Den aufgeblähten Walballon

Laßt sterben was da sterben muß

Wenn wir was verehren

Dann lassen wir es reisen

Schrottwalli sammelt altes Eisen

Und aus den Riesenknochen

Kann man noch was feines kochen

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Und die langen Arm‘ des Friederich

Kippel nicht sitz still am Tisch

Sie taten nur noch winken

Laßt alle Hoffnung sinken

Doch fahren nicht ins Tal

Umarme keinen Wal

Es wird dich übermächt‘gen

Oh bitterböser Friederich

Der in uns allen hauset

Wovor es Walen grauset

Sicherlich

Geh heim und schweige

Peitschenschwinger

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Doch Nietzsche darf noch sprechen

Und die Pferde rächen

Mit Gott oder dagegen

Sturm auf allen Wegen

Hü und Hott

Irgendwann iss alles fott

Und nit mi joot jegange

Mitjejammert

Mitjefange

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(gießen / heute / es regnet)

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Nachschlagen und nichts Neues oder: „Mutter! Ich bin dumm!“

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„Giovanni Tardelli nämlich, so hieß der Kutscher, wie sich hinterher herausstellte, griff erneut zur Peitsche und bearbeitete damit nicht nur sein Pferd, sondern auch den Mann, der dem Tier noch immer am Halse hing. Diese an sich barbarische Aktion wurde von den umstehenden mit Beifall begleitet. Das Schimpfen des Mannes ging in ein Wimmern über; kein Zweifel: er litt. Kurze Zeit später trat die Polizei, die wohl ein zartbesaiteter Zeitgenosse verständigt hatte, in Gestalt von zwei kräftigen Beamten auf den Plan. Sie lösten den Mann vom Hals des Pferdes, schnauzten den Kutscher an, der sich darüber beschwerte, daß man seinem Pferd gegenüber zudringlich geworden war, und ersuchten die Menge höflich, aber bestimmt, sich umgehend aufzulösen. Danach nahm man ein Protokoll auf, das nicht viel Neues erbrachte.“

(aus: Otto A. Böhmer / Der Hammer des Herrn)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 8

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Vincentiuskrankenhaus / Siebzig Jahre nach meiner Geburt / KN / Schottenplatz

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Im richtigen Moment die Brille abnehmen oder Neulich im Friedwald

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An den Rändern der Gräber sterben alte Feindschaften, Verwerfungen und Irrungen oder es wachsen neue Feindseligkeiten, Nachharkereien und Irritationen heran. Sagt man so. Oder ich eben grad jetzt. Letzte Woche starben alte Verklebungen. Sehr schön. Und unerwartet.

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So lange war ich seit Ewigkeiten nicht mehr in der alten Heimat. Kann das Wort Heimat seit ewiger Zeit sogar fast schmerzfrei hintippen. Der Tod kann auch ein Freund sein. Und wird dann profan. Ich halte die Eröffnungsniederschrift des Nachlassgerichts Konschtanz in meinen Händen.

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Eine Urne wurde neben einem Baum in die Erde gelassen. So macht man das heute. Ich hänge immer noch innerlich an einer schweren Eichenkiste an der vier starke Männer zu schleppen haben an meinen Überresten und an dem harten Aufprall der Erde auf dem Holzdeckel, der mich vielleicht nochmal zurückruft ins Leben. Hatte ich nicht noch was zu erledigen? Etwas vergessen?

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Auf dem täglichen Weg zu meiner trauernden und unfassbar tapferen Mutter kam ich stets an der ehemaligen, einst von Nonnen betriebenen, Klinik vorbei, in der ich das Licht und die Düsternis der Welt erblickte und die nun entkernt wird. Vom Wochenbett zur Eigentumswohnung. Man kann dort bald hochpreisig wohnen. Weia! Zeit zu gehen. Das Leben ist ein endliches. Wäre ich ein Schotte – die Klinik liegt am Schottenplatz – würde ich den neuen Mietern als Gespenst dermaßen und so was auf den Geist gehen. (Hier die Flüche einfügen.) Bis sie wieder ausziehen. Schreiend. Endlich endend. Ein Leben ist endlich. Man sollte nicht zu geil und geizig sein. Und wenn, es nicht zu ewig bleiben wollen müssen. Ach.

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Die Trauerfeierlichkeiten waren würdig, gelassen, schmerzlich und die badische Küche danach ein bisserl – nein: mehr als Seelenheiler. Man drehte darüber schon Filme. Nannte es dann Soulfood. Will man in Hessen sterben? Die könne weder Brezzele noch Spätzle. Maultäschle scho gar it!

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Mein Bruder hatte in der Waldkapelle gesprochen. Meine Schwester hatte alles organisiert. Ich hatte ein Gedicht beigesteuert. Es war gut so wie es war. Am Ende ließen wir Udo Lindenberg singen. Hinterm Horizont. Seitdem klicker ich mich von Udo zu Udo, der jetzt auch in einer Klinik liegt, Grenzgänger, der er stets war und denke: Er kann es einfach. Vom Wesentlichen singen. Und die Brille abnehmen. Wenn es zählt.

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Nachkippen oder der Tod ist leider ein Arsch und drückte mir wieder das Weinglas in die Hand:

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„Ich kann unmöglich um diese Uhrzeit schon schlafen gehen. Das würde die Frau neben mir nur in der Annahme bestärken, dass ich wieder oder immer noch total betrunken bin. Dabei fühle ich mich, abgesehen von der Müdigkeit, im Grunde fast nüchtern. Da ist diese bestimmte Art von Klarheit, die man anders, ohne Alkohol, gar nicht erreicht. (…) „Willst du Sopranos gucken?“ – „Von mir aus.“ – „Das ist eine ziemlich gute Serie, finde ich, irgendwie neu, in der Art und Weise, wie sie angelegt ist, von der ganzen Erzählhaltung her.“ – „Du schläfst ja doch ein.“ – „Ich kann dir genau sagen, was in der letzten Folge passiert ist.“ (…) „Geht doch ins Bett“, sagt die Frau. Dann lauter: „Es ist Quatsch, dass du hier sitzt.“ – „Ich schlafe gar nicht.“ – „Natürlich schläfst du.“

(Christoph Peters / Entzug)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 7

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Einsame Socke / Die hängt rum in Mittelhessen / Wo ist denn heut‘ der Eisvogel?

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Von den Tränen humpelnder Krokodile, CheChe oder Heute morgen in der Kita der Rentnerkletten, an der Larmoyanz ersaufend oder was ist daran so erfreulich die Erinnerungsräume mit verschütteter Milch zu tünchen

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So fiel viel äh so viel fiel dunst herab

Alleine ich auf grabesfeldern

Wo meine wehmut inkontinent

Mich in eine erinnerung flennt

Als che und ich noch

Bücher

Verquast gelast und wir im krauttopf von frau bolte

Sangen von der

Bürgerbubenrevolte

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„Habe heute … den letzten … Schnaps ausgetrunken. Da werde ich ich … mich wohl aus dem Haus … bewegen müssen.“ (Doktor / Bela Tarr: “Satantango“ — Teil 1 — nach Laszlo Kraznahorkai)

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Oh nein

Ekstase blieb mir fern

Den namen trägt oh ja

Der stern

Ihr könnt mich

Alle gerne haben

Die rasenbank an meinem graben so wie an neuen gräbern

Es lebe die vergangenheit

Warum denn war ich niemals breit

Den schmerz nun denn was soll ich sagen

Laß mich ein bisserl klagen noch

Feucht wie ein gestaubter nebel

Bebel freund genosse bebel

Ebel denn

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„Und es regnet jeglichen Tag!“ (Der Narr / Shakespeare / Was ihr wollt)

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Ein neues körperteil

Was mir aus eisen

Gesetzt ins bein es singen meisen

ergötzt mich nicht

Ohjemine gibt es noch schnee

Der bodensee bleibt

Leer so leer

ach nee

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„Doctor, doctor! Heal yourself Doctor, doctor! Heal yourself And I will break my own heart I will break my own heart from now on“ (Geese)

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Ach ach und wieder ach

Mein denken bleibt wie damals flach

An fremden federn lutschte ich

Und weiter immer stets

Der nebel fällt was zählt

Ist meine wunde seel‘

Oh bettler weg von meiner pforte

Und taube

Fick woanders du

Heiligtum mein

Die eig’ne ruh

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 „There were days / And there were days / And there were days between.“ (Bob Weir / Grateful Dead)

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Oh gottchen ach und gottchen fein

Der lärm regiert wer ist das schwein

Das uns zu neuer einheit zwingen könnt

Wer totenstill den kindern singt

Von freiheit die wir ausgesoffen

Vergiß vergiß vergiß das hoffen

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„Don’t get up, gentlemen! I’m only passin‘ through!“ (Bob Dylan)

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Weiterlallen

Im selbst verfallen

Andere schnallen

Den gürtel enger

Texte werden lang und länger

Ab morgen will ich schlafen

Mit all den anderen schafen

Und eigene entbehrlichkeit

Allzeit bereit

Nein nein nein

Großbuchstabe noch ein punkt

Genügend in die welt gefunkt

Den nächsten text den schreib ich nicht

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(gewidmet den eisern erblauten linken, alten schaumschlägern, schlaumaiern und uns, die wir alle halt so hinken / rum oder cognac / anfang juni 2026)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 6

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Heute frühmorgens auf dem Weg zu unserer Gemüseparzelle / Gießen / Hessen

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Wieder in die alte Heimat fahren oder Eben noch am Fahrkartenschalter

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Auf dem Weg runter an den Bodensee. Wie man so sagt: Statt Karten. Die Frau, die trauert, sagt zu ihren Kindern: Ihr macht das schon. Also die Trauerfeier. Sie vertraut. Kann das. Soviele Hüte davor kann noch nicht mal Udo Lindenberg ziehen. Ein Reim dazu. Und ein Lied aus dem Osten. Weiter unten. Für die Frau aus dem Osten. Die im Süden Heimat fand. Ich leider nie wirklich. Aber das ist wurscht.

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Statt Karten

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Wer weiß denn schon Bescheid

Wer ist denn schon bereit

Wenn die Nacht hereinbricht

Nach einem langen Tag

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Wer ist von blinder Hoffnung frei

Wer köpft noch ein Columbus – Ei

Wenn an der fest verschloss‘nen Tür

Es klopft und spricht: Komm! Folge mir!

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Wer hat die Koffer schon gepackt

In wessen Herz ist reingesackt

Ein Wissen um die letzte Stund‘

Man wehrt sich. Schreit: die Seel‘ bleibt wund

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Wer reicht dem Geist zur Wolfesstunde

Mit dem du drehst die Schlaflosrunde

Die Hand und deinen kleinen Frieden

Such‘ ihn auf

Das kannst nur du

So find‘ ein bisserl Ruh‘

Vielleicht

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Im schmerzenden Gedenken

Da all‘ die Tage lenkte

Nicht nur ein ewig‘ Glück

Freundlich bleib‘ dein Blick zurück

Dies wird dir keiner nehmen

Das Leben ist nicht fair

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(gestern / gießen )

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 5

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Kunschtobjektle im Pausenhof der THM Konschtanz / Mitte Mai 2026

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Verlieren, Überleben, Verlust besteht oder Heute in der Meisterklasse

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It was twenty years ago today (almost)

When the master told me what to say

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I was going in an‘ out of style

And I managed just to raise a smile

So may I introduce to you

The one and only transcendental

Geburtstagchild

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Nachgesang:

„E. gestand sich ein, daß sie glücklich war, ein Seelenfunke, der aufglühte in ihr, mehr nicht; es hatte schon seine Ordnung, und kein Glück konnte von Dauer sein, was er stets wußte; das Schicksal der Menschen ist auf glückliche Augenblicke eingerichtet, hatte er ihr einmal geschrieben, auf glückliche Augenblicke, jedes Leben hat solche, aber nicht auf glückliche Zeiten.“ (Otto A. Böhmer / Der Hammer des Herrn)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 4

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Auf dem Nest gefallen / Krähenjunges / In einem Hinterhof in Hessen / Anfang Mai 2026

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Herz in Tüten oder Neulich beim Kardiologen 3

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„Ich habe kein Herz mehr. Als ich noch lebte, sagten die Leute, ich hätte kein Herz, aber das stimmt nicht. (Er lacht, schwenkt einen durchsichtigen Beutel, darin ein blutendes Schweineherz) Heute ist mein Herz Erde und Wind …“

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Oben in der Wohnung, in der Küche sitzend, den vorläufigen Entlassungsbrief vor mir auf dem Küchentisch, meine Frau, erschöpft, erleichert, der frühe Arbeitsbeginn hatte sie ins Bett geschickt, versuche ich die ärztlichen Botschaften zu entschlüsseln, chancenlos und mir kommen, wie so oft, wenn ich oder wer anderes auf mein Herz zu sprechen kam oder kommt, nicht auf das heute untersuchte Pumporgan, sondern auf die Bedeutungen und Mutmaßungen, die ihm zugewiesen, der gelegentliche Vorwurf der Emphatielosigkeit schwang ab und an mit, wenn ich, gerne auch im Rahmen von Panikvermeidung, behauptete zu denken mit dem Hirn und dem Pumporgan andere Aufgaben zugewiesen zu haben, in solchen Situationen des Unwohlseins, kamen und kommen mir die obigen Zeilen aus dem Theatertext Speckhut, gewiß auch von Koketterie nicht unbeleckt, in den Sinn, der Beginn eines Monologes, eine meiner ersten und tief prägenden Erfahrungen im noch zu erlernenden Beruf, den ich immer noch nicht beherrsche und dieses auch nun gar nicht mehr muß, gehe also in dieser schlaflosen Nacht leise an den Rechner und lese nach, was ich in den Monaten der Pandemie, eine Zeit, deren Bewegungslosigkeit – manchmal wünsche ich mir diesen Zustand zurück – Erinnerungen aus ihren Verstecken, aus den Gedankenschränken mit den knarzend ungeölten Türen lockte, jene Momente aus dem Jahre 1982 auch, als wir im Vorhof tanzten und uns nichtsdestotrotz im hellerleuchteten Festsaal sahen, uns spürten, umarmten und anschrien, als seien wir Ewige, ich mit dem Herzensbeutel in der Hand, den Geist eines verfluchten Mörders gebend, das in der Tüte blutende Schweineherz begann bald heftigst zu stinken – nun denn, müssen dies nicht sogar die miesen Gegenden? – und nach der Premiere wurde deshalb das Schweineherz, trotz meiner lautstarken, tränenfeuchten Proteste gegen eine in Ketchup getränkte Kartoffel ausgetauscht, der Beginn einer sukzessiven Herzensdämmerung schien es mir, der um sich greifende Unwille den Gestank der Welt mit sich herum zu (er)tragen, die Suche nach Placebos, Plastikorganen, windschnittiges Gehabe, Getöse und viel zu große Gesten falschen Mitgefühls begannen meinen Alltag zu takten. Ich habe kein Herz mehr? Ich? Aber es sei noch da. Sagte zumindest der Arzt.

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In dieser Nacht oder am frühen Morgen gab es vor unserem Fenster nach hinten raus ein riesiges Geschrei. Die Krähen, die gerne in den Bäumen am Rande unseres Hinterhofs übernachten und wohl auch nisten, begrüßten den Tag besonders laut und hysterisch. Es klang wie eine riesige Saatkrähenschlägerei. Als es hell wurde, sah ich ein aus dem Nest gefallenes, geschubstes, verjagtes Krähenjunges im Hinterhof sitzen, voller Angst, es zitterte, platschnaß, es hatte ja die ganze Nacht geregnet, aber das kleine Viechlein ließ sich nicht verscheuchen. Ein blauäugiger, nasser Todesbote ante portas, genauer post portas, hält Wacht? War es nur die Übermüdung? Mir wurde es mulmig.

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Als wir damals Speckhut probten, bat der Regisseur jeden Mitwirkenden sich ein Tier auszusuchen, um das herum man seine Rolle körperlich, aber auch seelisch, sagen wir, drapieren sollte. Ich wählte einen schwarzblau glitzernden Rabenvogel, der auf einem kahlen Baum saß, um von dort oben das Elend der Welt zu betrachten und zu besingen. Damals war mir Bob Dylan noch fremd. Oder doch nicht?

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XVII: Alles war unversehrt im Kloster und sah auch unversehrt aus. Nichts störte die innere Stille des Kondo, von draußen, von den vorhin entzündeten Stäbchen im Räucherbecken schlängelte sich langsam der duftende Rauch von Sandelholz herein. Der Buddha selbst, der einst aus einer teuren, nicht mehr als kindgroßen Kashi-Eiche geschnitzt worden war, stand reglos mitten auf dem Altar in einem besonderen Schutz bedeutenden, innen und außen reich vergoldeten Holzschrein, der hinten von einer dünnen Wand abgeschlossen, auf den drei anderen Seiten hingegen zu einem feinen Gitterwek geschnitzt war, damit etwas Licht hereinfalle und er ein wenig sichtbar sei und schließlich auch, damit er selbst Kenntnis erhalte von der Welt, falls von dort einer der Gläubigen einen Blick auf ihn zu werfen suchte. Er war unverrückbar und unveränderlich, genau seit tausend Jahren stand er auf demselben Punkt, auf seinem Platz, haargenau in der Mitte im überaus sicheren, vergoldeten Schrein, stand unerschütterlich, immer im selben Gewand, immer in der edelsten aller Haltungen erstarrt, und auch an der Stellung seines Kopfes, an seinem wundersamen, berühmten Blick hatte er in tausend Jahren nichts verändert. In seiner Traurigkeit war etwas herzergreifend Zartes, etwas unaussprechlich Erhabenes, und er hatte den Kopf aufs entschiedenste von der Welt abgewandt. Man sagte, er habe den Kopf abgewandt, weil er nach hinten blickte, nach hinten auf einen Mönch namens Eikan, dessen Rede so schön war, daß er, der Buddha, wissen wollte, wer da redete. Etwas ganz anderes war aber der Fall: Wer ihn auch nur einmal sah, wußte sofort: Er hatte diesen wundersamen Blick abgewandt, um nicht sehen, um nicht anschauen, um nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, was da auf drei Seiten um ihn herum lag: diese miese Welt!“

(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß)

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Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 3

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Ein Hinterhof in einer Kleinstadt in Hessen im frühen Mai 2026

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Regentage oder Neulich beim Kardiologen 2

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Während ich, eine Haushaltrolle in einer Hand, welche mir der Arzt nach Abschluß der wortlosen Untersuchung in die Hand, nein, auf den Bauch gedrückt hatte, mit der Aufforderung, vielleicht sogar Bitte, mich trocken zu wischen, die Reste seiner Untersuchung, das was noch stören sollte davon, zu entfernen, ich in der anderen Hand zwei abgerissene Blatt Haushaltpapier, die ich über meinen entblößten Oberkörper streifen ließ, hielt, die letzten Worte des abräumenden Arztes im Ohr, der halb schon den Raum verlassen hatte, hinter einem Paravent einen Bericht, wohl den Bericht über die Ergebnisse der, so eben beendeten, Untersuchung meiner, wie man so sagt und singt und schreibt, miesen Gegend namens Herz, in eine Tastatur hämmerte, schnell, präzise, während ich seine beiläufig über den Raumteiler geworfenen Halbsätze auffing, beziehungsweise unkonzentriert aufzuschnappen versuchte, also in Teilen vernahm, daß von Lebensbedrohlichkeit nicht auszugehen sei, im Vorhof des Organs Ruhe herrschte, kein Flimmern und der LSB nur eine weiter und regelmäßig zu beobachtende Schwachstelle sei, älter schon und unentdeckt jedoch lange, nun von modernster Gerätschaft ans Licht der Erkenntnis gezogen, und, während ich in einem Krankenbett lag, da jetzt Erleichterung hätte in mir kribbeln können, saß ich mich in einem Vorhof stehen, vor einer gewaltigen, eisenbeschlagenen Flügeltür, es flimmerte vor meinen Augen, um mich herum, greifbar fast wie ein Spiralnebel, das optische Getänzel, welche einst Lysergsäurediethylamid hervorgerufen hatte in mir, stand also leicht zitternd, voller Ungeduld vor besagtem, streng verriegeltem Tor, vermutete dahinter Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen, Lichtkanonen, suchte nach einem Schlüssel, der Einlaß gewährte, nach kettensprengender Wut, das Tor bersten lassend, nach Zaubersprüchen, einem Sesam-öffne-dich, bitte oder sofort, du Aas, und, um mir die Wartezeit zu verkürzen auf das Eingelassenwerden ins Allerheiligste aller Wünsche, Traumgebilde, Hirnfaxen, begann ich meine Worte zu memorieren, Geschichten zu spinnen, Tanzschritte auf das dunkelrote Parkett zu setzen und zu deklamieren von den Dingen dahinter, und da ich noch hörte, wie der Oberarzt, als den er sich vorgestellt hatte, den Raum verließ mit den Worten, man werde mich wohl bald nach Hause schicken, da griff ich nach dem Buch des ungarischen Nobelpreisträgers, welches mir meine Frau vor ein paar Stunden, in Erwartung meiner Übernachtung hier, vorbeigebracht hatte, nebst Zahnbürste und Schlafgewand einschließlich Schlafmaske, und las, wie dieser ungarische Nobelpreisträger ein Waka-Gedicht eines, wie er schrieb, spintisierte oder wußte, eines von Kobo Daishis verstoßenem Sohn zitierte, wer auch immer dies sei, war, wird werden, der es geschrieben, spintisiert hatte, vielleicht sogar dort, hinter der eisenbeschlagenen Eichenflügeltür vor der ich lange Jahre herumgeflimmert war, im ewigen Vorhof eines Lebens:

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Der Buddha geht nicht weg

Der Buddha kommt nicht her

Der Buddha vergeblich, der Buddha ist nicht da

Hinunterblicken in die Tiefe, nach nichts suchen

Es gibt keine Fragen.

(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß)

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Den vorläufigen Entlassungsbrief hatte ich, er war mir mit einigen zur Vorsicht mahnenden, vor was auch, wie ich mich reflexartig fragte, dem Leben?, alten, vergangenen, längst verschütteten Nachlässigkeiten?, also gutgemeint mahnenden Worten von einer noch nicht gesehenen Ärztin übergeben worden, unbelesen in meine Tasche gesteckt und durch leergefegte Flure das Krankenhaus verlassend, hatte ich mich, unter der Mißachtung des mir freundlicherweise kostenfrei gewährten Taxitransports, zur Bushaltestelle begeben, wo ich sah, daß der nächste Bus erst in weit über einer Stunde fahren sollte und froh darüber meinen Gehstock mitgenommen zu haben, begab ich mich auf den Abstieg, der notwendig war, da das Spital auf einer Anhöhe vor der Stadt errichtet war und ich, schon seit etlichen Jahren, am verbürgt tiefsten Punkt der Stadt wohnte, dort, wo meine Frau auf mich wartete, die ich von meinem verfrühten Heimkommen nicht unterrichten konnte, weil am gestrigen Tag mein Mobiltelefon seinen Geist aufgegeben hatte, was nicht, wie von mir erst vermutet, an einer Netzschwäche lag, sondern an meinem, an reiner Altersschwäche, dahingegangenenen Nokia C2, was ich, seit eh und je von der sich im Alter verstärkenden Macke Omengeflüster, Aberglaube und andere Teufel an die Wandmalerei geplagt, nicht als ein sic! verstand, sondern als eine blanke Tatsache betrachten konnte, den gestorben werden muß ja gwiß, wie der gute alte Qualtinger einst sang.

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Und ich ging meines Weges, bergab, dreibeinig und erreichte noch vor Einbruch der Dunkelheit den Hinterhof unseres Miethauses in der Innenstadt, setzte mich auf eine der Bierbänke dort, betrachtete unseren Gewürztopfgarten und dachte nach, ob man, nach einer so gut wie endgültigen Ankunft im Hinterhof, gerade wenn diese Ankunft, unter Umgehung der Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen und Lichtkanonen, Lichtdome gar, erfolgt war, im Sinne Luther immer noch aufgerufen sei, ein Äpfelbäumchen zu pflanzen und, mein Herz hatte sich inzwischen bereit erklärt seine Dienste als Pumpwerk in freudiger Dienstbereitschaft wieder aufzunehmen, sich von der ihm von vielen Menschen zugedachten Aufgabe als Emotionsverwaltungsspeicher fernzuhalten und sich schon gar nicht von Füchsen und kleinen, aufgeblasenen Prinzen zum Augapfel des Wahren, Guten, Schönen ernennen zu lassen, und also als ich nun im Hinterhof nachsinnierte, nachflimmerte vielleicht, vom heutigen Tage angefasst, wie das wohl war, als ich einst losgelaufen bin am Beginn meiner Reisen, getrieben von was auch immer, gewiß aber schon damals den Tod unter meinem Arm mit mir herumtragend und … Es begann zu regnen. Meine Frau hatte meine stille Ankunft inzwischen bemerkt und bat mich in die Wohnung.

(Fortsetzung folgt)

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(gießen / anfang mai 2026)

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Nachflimmern:

„Es regnet.“ – „Ich hör’s.“ – „Ich gehe nach Süden, dort ist der Winter kürzer. Und pachte einen Einödhof, nahe bei irgendeiner blühenden Stadt. Und den ganzen Tag laß ich die Füße in warmes Wasser baumeln. Oder … als Nachtwächter in eine Schokoladenfabrik. Oder als Pförtner in ein Mädcheninternat. Und versuche alles zu vergessen. Eine Schüssel warmes Wasser. Und nichts mehr machen. Nur zugucken, wie das beschissene Leben vergeht.“ (Bela Tarr: “Satantango“ — Teil 1 — nach Laszlo Kraznahorkai)