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Stolperte bei der heutigen Zeitungslektüre über einen dieser unzähligen Gedenktage, die das Alter so bereithält. Der von mir einst angehimmelte Wolfgang Overath, sein Oberkörper rauschte noch aufrechter als der des Kaisers über den Rasen, bemerkte im Interview, daß ihn die Frage, ob das dritte Tor vor oder hinter der Linie, nie wirklich interessiert hatte. Und wie sehr er Uwe Seeler für seine, trotz geknickten Kopfes, oder gerade deshalb, aufrechte Haltung nach dem verlorenen Finale dereinst bewundert hatte. In jenen Tagen, als man, so meine Erinnerung, noch würdevoll zu verlieren in der Lage war. Den Text unten hab ich im Januar 2020 anläßlich des Todes von Hans Tilkowski auf meiner alten Homepage gepostet. Wiedervorlage.
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Ein früher Lehrmeister in der Sache „Dem Unvermeidlichen ins Auge geblickt“ war mir der nun verstorbene Hans Tilkowski. 1966 – noch keine zehn Jahre alt – dürfte ich erstmals bei Bekannten der Eltern abends Fußball gucken. Borussia Dortmund gewann als erste deutsche Mannschaft den Europapokal der Pokalsieger. Schwarzweiß der Apparat, es grieselte über den Bildschirm und in Glasgow war es regnerisch und nebeltrüb, meine Wimpern sackten hinab, aber ich stellte mich wach. Ob ich diese seltsame Bogenlampe des Stan Libuda zum 2 zu 1 wirklich sah, damals? Ich weiß es nicht. Aber da war noch der Mann mit der coolen Kappe, stand auf der Linie seines Tores, guckte, zuckte und lag dann quer in der Luft. Ewig schien es mir, dem müden Bub, konnte der über dem nicht rasenbeheizten, dafür schlammigen Boden schweben. Robinsonade nannte man das damals. Der Hans Tilkowski, mein – trotz Siggi und Emma – HELD ward geboren. Ein paar Wochen später, unsere Familie durfte das erste Mal 10 Jahren nach der Republikflucht meiner Mutter auf Verwandtenbesuch in die DDR, sah ich ihn wieder. Vor der Reise nahm unser Vater meinen Bruder und mich ins Gebet. Kein schlechtes Wort über Russen, den Kosenamen Iwan tunlichst vermeiden! War gar nicht nötig. Mir gefielen die martialischen Plakate und Wandgemälde mit all den HELDENHAFTEN Bauern und Arbeitern. Drachentöter allenthalben. Dann der Endspieltag im Wembley und wir in Ilmenau. Die erste und zweite Halbzeit klemmten mein Bruder und ich in der Wohnung der Oma vor dem Radiogerät und die Großen saßen unterm Dach bei den Nachbarn mit dem gutem Westfernsehempfang. Helmut Haller machte die Führung und dann antworten die Engländer zweimal. Sind wohl einfach besser. Niederlage annehmen. Feuchte Augen. Nach Wolfgang Webers Ausgleich kurz vor Schluß platzte unser euphorisierter Vater ins Zimmer und holte uns, die wir nicht minder in die Höhe hüpften, mit nach oben. Wieder schwere Nebelschwaden, doch diesmal kein britischer Nebel, sondern etliche abgebrannte Caros, glimmende Zigarren, Biere und Wodka, die den kleinen Raum undurchsichtig machten. Dichtgedrängte Lebensfreude. Die Verlängerung. Dann der historische Moment. Natürlich nicht hinter der Linie. Der Schweizer, der auch noch Dienst heißt, traut sich nicht, er fragt den Russen an der Außenlinie und jener entscheidet: „TOR!!!“ Tumulte brechen aus in der Dachwohnung in der Straße des Friedens zu Ilmenau. „Der blinde Drecksiwan!“ „Das ist doch Betrug!“ „So sind se halt, unsere Brüder in Moskau!“ Und so weiter und so fort. Man fordere keine textgetreue Erinnerung. Ich war mir sicher in wenigen Minuten würde eine bewaffnete Kohorte der glorreichen ROTEN ARMEE das Haus stürmen und uns alle mitnehmen. Aber es kam anders. Die vernebelte Bude beruhigte sich, sie tröstete uns konsternierte Kinder, kippte den einen Kurzen und den anderen Längeren nach. „Aber gekämpft ham se!“ Man war trainiert in der Causa Ungerechtigkeit. Mit ziemlich vertränten Augen guckte ich hin wie der HELD Tilkowski und unser aller UNS UWE den Engländern gratulierten. Und das sah in meiner nebeltrüben Erinnerung aufrichtigst aus. Wünschte ich mir das alles gar nur? Nein: es war so.
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(7. januar 2020)
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