Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 4

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Auf dem Nest gefallen / Krähenjunges / In einem Hinterhof in Hessen / Anfang Mai 2026

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Herz in Tüten oder Neulich beim Kardiologen 3

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„Ich habe kein Herz mehr. Als ich noch lebte, sagten die Leute, ich hätte kein Herz, aber das stimmt nicht. (Er lacht, schwenkt einen durchsichtigen Beutel, darin ein blutendes Schweineherz) Heute ist mein Herz Erde und Wind …“

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Oben in der Wohnung, in der Küche sitzend, den vorläufigen Entlassungsbrief vor mir auf dem Küchentisch, meine Frau, erschöpft, erleichert, der frühe Arbeitsbeginn hatte sie ins Bett geschickt, versuche ich die ärztlichen Botschaften zu entschlüsseln, chancenlos und mir kommen, wie so oft, wenn ich oder wer anderes auf mein Herz zu sprechen kam oder kommt, nicht auf das heute untersuchte Pumporgan, sondern auf die Bedeutungen und Mutmaßungen, die ihm zugewiesen, der gelegentliche Vorwurf der Emphatielosigkeit schwang ab und an mit, wenn ich, gerne auch im Rahmen von Panikvermeidung, behauptete zu denken mit dem Hirn und dem Pumporgan andere Aufgaben zugewiesen zu haben, in solchen Situationen des Unwohlseins, kamen und kommen mir die obigen Zeilen aus dem Theatertext Speckhut, gewiß auch von Koketterie nicht unbeleckt, in den Sinn, der Beginn eines Monologes, eine meiner ersten und tief prägenden Erfahrungen im noch zu erlernenden Beruf, den ich immer noch nicht beherrsche und dieses auch nun gar nicht mehr muß, gehe also in dieser schlaflosen Nacht leise an den Rechner und lese nach, was ich in den Monaten der Pandemie, eine Zeit, deren Bewegungslosigkeit – manchmal wünsche ich mir diesen Zustand zurück – Erinnerungen aus ihren Verstecken, aus den Gedankenschränken mit den knarzend ungeölten Türen lockte, jene Momente aus dem Jahre 1982 auch, als wir im Vorhof tanzten und uns nichtsdestotrotz im hellerleuchteten Festsaal sahen, uns spürten, umarmten und anschrien, als seien wir Ewige, ich mit dem Herzensbeutel in der Hand, den Geist eines verfluchten Mörders gebend, das in der Tüte blutende Schweineherz begann bald heftigst zu stinken – nun denn, müssen dies nicht sogar die miesen Gegenden? – und nach der Premiere wurde deshalb das Schweineherz, trotz meiner lautstarken, tränenfeuchten Proteste gegen eine in Ketchup getränkte Kartoffel ausgetauscht, der Beginn einer sukzessiven Herzensdämmerung schien es mir, der um sich greifende Unwille den Gestank der Welt mit sich herum zu (er)tragen, die Suche nach Placebos, Plastikorganen, windschnittiges Gehabe, Getöse und viel zu große Gesten falschen Mitgefühls begannen meinen Alltag zu takten. Ich habe kein Herz mehr? Ich? Aber es sei noch da. Sagte zumindest der Arzt.

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In dieser Nacht oder am frühen Morgen gab es vor unserem Fenster nach hinten raus ein riesiges Geschrei. Die Krähen, die gerne in den Bäumen am Rande unseres Hinterhofs übernachten und wohl auch nisten, begrüßten den Tag besonders laut und hysterisch. Es klang wie eine riesige Saatkrähenschlägerei. Als es hell wurde, sah ich ein aus dem Nest gefallenes, geschubstes, verjagtes Krähenjunges im Hinterhof sitzen, voller Angst, es zitterte, platschnaß, es hatte ja die ganze Nacht geregnet, aber das kleine Viechlein ließ sich nicht verscheuchen. Ein blauäugiger, nasser Todesbote ante portas, genauer post portas, hält Wacht? War es nur die Übermüdung? Mir wurde es mulmig.

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Als wir damals Speckhut probten, bat der Regisseur jeden Mitwirkenden sich ein Tier auszusuchen, um das herum man seine Rolle körperlich, aber auch seelisch, sagen wir, drapieren sollte. Ich wählte einen schwarzblau glitzernden Rabenvogel, der auf einem kahlen Baum saß, um von dort oben das Elend der Welt zu betrachten und zu besingen. Damals war mir Bob Dylan noch fremd. Oder doch nicht?

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XVII: Alles war unversehrt im Kloster und sah auch unversehrt aus. Nichts störte die innere Stille des Kondo, von draußen, von den vorhin entzündeten Stäbchen im Räucherbecken schlängelte sich langsam der duftende Rauch von Sandelholz herein. Der Buddha selbst, der einst aus einer teuren, nicht mehr als kindgroßen Kashi-Eiche geschnitzt worden war, stand reglos mitten auf dem Altar in einem besonderen Schutz bedeutenden, innen und außen reich vergoldeten Holzschrein, der hinten von einer dünnen Wand abgeschlossen, auf den drei anderen Seiten hingegen zu einem feinen Gitterwek geschnitzt war, damit etwas Licht hereinfalle und er ein wenig sichtbar sei und schließlich auch, damit er selbst Kenntnis erhalte von der Welt, falls von dort einer der Gläubigen einen Blick auf ihn zu werfen suchte. Er war unverrückbar und unveränderlich, genau seit tausend Jahren stand er auf demselben Punkt, auf seinem Platz, haargenau in der Mitte im überaus sicheren, vergoldeten Schrein, stand unerschütterlich, immer im selben Gewand, immer in der edelsten aller Haltungen erstarrt, und auch an der Stellung seines Kopfes, an seinem wundersamen, berühmten Blick hatte er in tausend Jahren nichts verändert. In seiner Traurigkeit war etwas herzergreifend Zartes, etwas unaussprechlich Erhabenes, und er hatte den Kopf aufs entschiedenste von der Welt abgewandt. Man sagte, er habe den Kopf abgewandt, weil er nach hinten blickte, nach hinten auf einen Mönch namens Eikan, dessen Rede so schön war, daß er, der Buddha, wissen wollte, wer da redete. Etwas ganz anderes war aber der Fall: Wer ihn auch nur einmal sah, wußte sofort: Er hatte diesen wundersamen Blick abgewandt, um nicht sehen, um nicht anschauen, um nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, was da auf drei Seiten um ihn herum lag: diese miese Welt!“

(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß) …..

Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 3

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Ein Hinterhof in einer Kleinstadt in Hessen im frühen Mai 2026

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Regentage oder Neulich beim Kardiologen 2

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Während ich, eine Haushaltrolle in einer Hand, welche mir der Arzt nach Abschluß der wortlosen Untersuchung in die Hand, nein, auf den Bauch gedrückt hatte, mit der Aufforderung, vielleicht sogar Bitte, mich trocken zu wischen, die Reste seiner Untersuchung, das was noch stören sollte davon, zu entfernen, ich in der anderen Hand zwei abgerissene Blatt Haushaltpapier, die ich über meinen entblößten Oberkörper streifen ließ, hielt, die letzten Worte des abräumenden Arztes im Ohr, der halb schon den Raum verlassen hatte, hinter einem Paravent einen Bericht, wohl den Bericht über die Ergebnisse der, so eben beendeten, Untersuchung meiner, wie man so sagt und singt und schreibt, miesen Gegend namens Herz, in eine Tastatur hämmerte, schnell, präzise, während ich seine beiläufig über den Raumteiler geworfenen Halbsätze auffing, beziehungsweise unkonzentriert aufzuschnappen versuchte, also in Teilen vernahm, daß von Lebensbedrohlichkeit nicht auszugehen sei, im Vorhof des Organs Ruhe herrschte, kein Flimmern und der LSB nur eine weiter und regelmäßig zu beobachtende Schwachstelle sei, älter schon und unentdeckt jedoch lange, nun von modernster Gerätschaft ans Licht der Erkenntnis gezogen, und, während ich in einem Krankenbett lag, da jetzt Erleichterung hätte in mir kribbeln können, saß ich mich in einem Vorhof stehen, vor einer gewaltigen, eisenbeschlagenen Flügeltür, es flimmerte vor meinen Augen, um mich herum, greifbar fast wie ein Spiralnebel, das optische Getänzel, welche einst Lysergsäurediethylamid hervorgerufen hatte in mir, stand also leicht zitternd, voller Ungeduld vor besagtem, streng verriegeltem Tor, vermutete dahinter Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen, Lichtkanonen, suchte nach einem Schlüssel, der Einlaß gewährte, nach kettensprengender Wut, das Tor bersten lassend, nach Zaubersprüchen, einem Sesam-öffne-dich, bitte oder sofort, du Aas, und, um mir die Wartezeit zu verkürzen auf das Eingelassenwerden ins Allerheiligste aller Wünsche, Traumgebilde, Hirnfaxen, begann ich meine Worte zu memorieren, Geschichten zu spinnen, Tanzschritte auf das dunkelrote Parkett zu setzen und zu deklamieren von den Dingen dahinter, und da ich noch hörte, wie der Oberarzt, als den er sich vorgestellt hatte, den Raum verließ mit den Worten, man werde mich wohl bald nach Hause schicken, da griff ich nach dem Buch des ungarischen Nobelpreisträgers, welches mir meine Frau vor ein paar Stunden, in Erwartung meiner Übernachtung hier, vorbeigebracht hatte, nebst Zahnbürste und Schlafgewand einschließlich Schlafmaske, und las, wie dieser ungarische Nobelpreisträger ein Waka-Gedicht eines, wie er schrieb, spintisierte oder wußte, eines von Kobo Daishis verstoßenem Sohn zitierte, wer auch immer dies sei, war, wird werden, der es geschrieben, spintisiert hatte, vielleicht sogar dort, hinter der eisenbeschlagenen Eichenflügeltür vor der ich lange Jahre herumgeflimmert war, im ewigen Vorhof eines Lebens:

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Der Buddha geht nicht weg

Der Buddha kommt nicht her

Der Buddha vergeblich, der Buddha ist nicht da

Hinunterblicken in die Tiefe, nach nichts suchen

Es gibt keine Fragen.

(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß)

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Den vorläufigen Entlassungsbrief hatte ich, er war mir mit einigen zur Vorsicht mahnenden, vor was auch, wie ich mich reflexartig fragte, dem Leben?, alten, vergangenen, längst verschütteten Nachlässigkeiten?, also gutgemeint mahnenden Worten von einer noch nicht gesehenen Ärztin übergeben worden, unbelesen in meine Tasche gesteckt und durch leergefegte Flure das Krankenhaus verlassend, hatte ich mich, unter der Mißachtung des mir freundlicherweise kostenfrei gewährten Taxitransports, zur Bushaltestelle begeben, wo ich sah, daß der nächste Bus erst in weit über einer Stunde fahren sollte und froh darüber meinen Gehstock mitgenommen zu haben, begab ich mich auf den Abstieg, der notwendig war, da das Spital auf einer Anhöhe vor der Stadt errichtet war und ich, schon seit etlichen Jahren, am verbürgt tiefsten Punkt der Stadt wohnte, dort, wo meine Frau auf mich wartete, die ich von meinem verfrühten Heimkommen nicht unterrichten konnte, weil am gestrigen Tag mein Mobiltelefon seinen Geist aufgegeben hatte, was nicht, wie von mir erst vermutet, an einer Netzschwäche lag, sondern an meinem, an reiner Altersschwäche, dahingegangenenen Nokia C2, was ich, seit eh und je von der sich im Alter verstärkenden Macke Omengeflüster, Aberglaube und andere Teufel an die Wandmalerei geplagt, nicht als ein sic! verstand, sondern als eine blanke Tatsache betrachten konnte, den gestorben werden muß ja gwiß, wie der gute alte Qualtinger einst sang.

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Und ich ging meines Weges, bergab, dreibeinig und erreichte noch vor Einbruch der Dunkelheit den Hinterhof unseres Miethauses in der Innenstadt, setzte mich auf eine der Bierbänke dort, betrachtete unseren Gewürztopfgarten und dachte nach, ob man, nach einer so gut wie endgültigen Ankunft im Hinterhof, gerade wenn diese Ankunft, unter Umgehung der Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen und Lichtkanonen, Lichtdome gar, erfolgt war, im Sinne Luther immer noch aufgerufen sei, ein Äpfelbäumchen zu pflanzen und, mein Herz hatte sich inzwischen bereit erklärt seine Dienste als Pumpwerk in freudiger Dienstbereitschaft wieder aufzunehmen, sich von der ihm von vielen Menschen zugedachten Aufgabe als Emotionsverwaltungsspeicher fernzuhalten und sich schon gar nicht von Füchsen und kleinen, aufgeblasenen Prinzen zum Augapfel des Wahren, Guten, Schönen ernennen zu lassen, und also als ich nun im Hinterhof nachsinnierte, nachflimmerte vielleicht, vom heutigen Tage angefasst, wie das wohl war, als ich einst losgelaufen bin am Beginn meiner Reisen, getrieben von was auch immer, gewiß aber schon damals den Tod unter meinem Arm mit mir herumtragend und … Es begann zu regnen. Meine Frau hatte meine stille Ankunft inzwischen bemerkt und bat mich in die Wohnung.

(Fortsetzung folgt)

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(gießen / anfang mai 2026)

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Nachflimmern:

„Es regnet.“ – „Ich hör’s.“ – „Ich gehe nach Süden, dort ist der Winter kürzer. Und pachte einen Einödhof, nahe bei irgendeiner blühenden Stadt. Und den ganzen Tag laß ich die Füße in warmes Wasser baumeln. Oder … als Nachtwächter in eine Schokoladenfabrik. Oder als Pförtner in ein Mädcheninternat. Und versuche alles zu vergessen. Eine Schüssel warmes Wasser. Und nichts mehr machen. Nur zugucken, wie das beschissene Leben vergeht.“ (Bela Tarr: “Satantango“ — Teil 1 — nach Laszlo Kraznahorkai)

Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 2

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Junge Blutbuche / Leitzpark / bei Wetzlar (Hessen) / Anfang Mai 2026

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Ruhetage oder Neulich beim Kardiologen 1

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Nachdem sie mich begrüßt und aufgenommen hatten im Spital, mich, der ich eben noch nicht unweit der Stadt, in der ich wohnen muß, mein Hanami feiern wollte, indem ich zwischen blühenden Kirschbäumen gemächlich hinaufstieg zum Waldrand, baten sie mich freundlich und bestimmt, mit fern südländischem Akzent, der mich die nächsten Stunden, bis auf wenige Ausnahmen, begleiten sollte, Platz zu nehmen in einem Rollstuhl und fuhren mich vorbei, nicht an blühenden Kirschbäumen, wo ich fernöstlicher Tradition gemäß einen kleinen Aufbruch, einen der etlichen hinter mir, wenigen jetzt noch vor mir liegenden Lenze, feiern wollte, einen Frühling also nochmal bestimmt und bewußt fassen, da ich seit einer überstandenen Malaise spürte, wie mein Herbst sich langsam hinter meinem Rücken davonschlich und das müde Gesicht von Winterwinden begrüßt wurde, rollte ich nun, was da heißt, ich  wurde gerollt, vorbei nicht an blühenden, ach, fast schon verblühten Kirschbäumen, denn wieder, wie so oft schon, kam ich diesen einen oder den anderen Tag zu spät, sondern an wartenden Maladen, manche trübe dreinblickend, in schierer Ungeduld oder von trauriger Schicksalsergebenheit und trüber Aufgabe gar gezeichnet andere; wurde ich also verfrachtet in einen Aufzug und landete in der sogenannten BRUSTKORBSCHMERZENEINHEIT, denn zwischen den Kirschbäumen, die ihre letzten Blüten mir entgegengestreckt hatten, hatte mich ereilt eine fatale Kurzatmigkeit, ich schleppte mich folglich irritiert und ausgebremst von Bank zu Bank, gestützt auf die neu erworbenen Wanderstöcke, Panik griff mir in die Eingeweide, der Brustkorb flatterte, sobald ich die karge Luft versuchte in meine Lungen zu zwingen und den Kirschbäumen, die mir inzwischen egal, zuwinkend, entschied ich mich den nächsten Bus zu besteigen, der da fuhr: ins Spital, um dort von meiner Unpässlichkeit und den flirrenden Ängsten zu berichten.

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Ich hätte einen ‚LSB‘ in meinem Herzen, ob ich davon wüßte, fragte mich eine junge Ärztin, tiefschwarzes Haar, offensichtlich schon auf dem Weg in den Feierabend, rüde und kurz angebunden im Ton, was mich nicht weiter störte, da ich immer noch schwer atmete und außerdem sediert war von ihrer beeindruckenden Attraktivität, die sie, schon für den freien Abend leger gekleidet, ausatmete und am Fußende meines Bettes stehend, mit ersten Befunden wedelte, einen LSB also, so sagte sie, was in meinen rauschenden Ohren klang wie die Bezeichnung einer Bausparkasse oder, und ich lachte lauter auf, als der Örtlichkeit angepasst, gar eine mir noch unbekannte linke Splittergruppe, worauf die behandelnde Prinzessin aus 1000 und 1 Nacht, schon halb auf dem Absatz, mir zurief, was, bitte schön, an einem Linksschenkelblock so lustig sei, vor allem wenn man, „in ihrem Alter“, was sie nicht zu betonen vergaß, hier abends auf einer BRUSTKORBSCHMERZENEINHEIT läge und, dies nur der Vollständigkeit halber erwähnt, von einem Rollstuhl hierher befördert wurde, aber sei es drum, morgen früh würde sie wieder nach mir sehen, was mich zwar erfreute, angesichts oben erwähnter Attraktivität, jedoch mich mehr noch erschreckte, war ich tatsächlich nicht auf eine, oder gar mehrere, Spitalnächte eingerichtet, der ich eben noch, heute morgen, bei kaltem Wind und freundlicher Aprilsonne aufgebrochen war, ein Hanami zu begehen und nun, während ich verdrahtet wurde und an fiepende Bildschirme angeschlossen, nicht umhin kam einen LSB mir als einen linken Block, einen gar linkssozialistischen Block in meinem Herzen zu denken, der nicht dazu da war die Menschheit, oder zumindest Teile davon, Seit‘ an Seit‘ mit den Brüdern in die lichte Sonn‘ und ewige Freiheit zu leiten, sondern, ganz im Gegenteil, eher darauf aus war die Arbeit meines Motors schwerwiegend zu beeinträchtigen und, während ich über die miese Gegend namens Herz nachsann, sowie mir das alte Diktum, daß wer in der Jugend nicht links denke, atme, fühle, eben kein Herz habe, wenn er aber im Alter immernoch den Chimären der großen Befreiung von ihm ungefragten Menschenmassen nachhänge, ein verdammter Schwachkopf sei, trat ein bebrillter Arzt, begleitet von einer Batterie neumodischster Gerätschaften an mein Bett, bat mich mich zu entspannen, stellte sich als diensthabender Oberster der Herzmediziner vor, riet mir noch, während der folgenden Untersuchungen, und wohl auch sonst, dem Gedankenkarussel und dem Herzen einen Ruhetag zu gönnen und so gleichmäßig und flach zu atmen, wie es mir möglich sei und den Rest würden wir, wer auch immer dies sein mochte, dann sehen, und ich verließ meine gute alte linke Herzhälfte, räumte die kleine Maobibel, über die ich beim Gehen fast gestolpert wäre, in meine rechte Hosentasche und schwieg, während das Ultraschallgerät über meinen Bauch glischte, begleitet vom gelegentlichen Nicken oder dem in sich Hineinbrummen des mich umsorgenden Arztes, der, unnötig dies zu erwähnen, bei weitem nicht so attraktiv wie die in den Feierabend Entwischene, aber dies tut hier nichts zur Sache und ich schwieg weiter.

(Fortsetzung folgt)

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(gießen / anfang mai 2026)

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Nachpochen:

„Als ich in Yunnan auf der Krankenstation lag, lag im Bett neben mir einer mit Lungenkrebs. Seine Frau munterte ihn eifrig auf: Mein Lieber, wenn du es vor Schmerzen nicht mehr aushälst, dann schrei. Die ganze Nacht lang schrie der Kerl: Lang lebe der Große Vorsitzende Mao! Keiner der anderen Patienten tat ein Auge zu. Bis irgendwann die Leiterin der Krankenstation hereinkam und zu ihm sagte: Du bist längst tot, das Geschrei kannst du dir spare! Dann gab er endlich Ruhe.“

(Wang Xiabo / Das goldene Zeitalter)

Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 1

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Bank am Waldesrand über Rodheim-Bieber (Hessen) / Anfang Mai 2026 / weit über 20° Celsius

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Vorwort: Was nicht ins Auge springt beim Blick aus dem Fenster, das mit verflossener Zeit getränkte Ellenbogenkissen unter den untätig unruhig verschränkten Armen, fällt vielleicht beim Herumstenzen, über Felder, durch Wälder, notfalls innert kleinstädtischen Unwirtlichkeiten, bestenfalls auf hoher See, von oben herab ins Hirnka(r)sterl und wird hier unten verabreicht in Sinn und Förmchen. Wohlan denn!

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Gemurmel aus der Herrentoilette oder Neulich beim Urologen

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In Reih‘ mit Glied noch ach vor dem Warteschalter tröpfelt die Zeit zäh groß der Andrang drängt und drängelt es gelegentlich trippelnden Schrittes in Erwartung des langen Gummifingers der nun ausmustert und nicht mehr ruft ins Reih‘ und Glied nun Wasser lassend homöopathisch noch und zu Lande haltend kaum stand oh Druck

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So stehen wir zerknirscht die Herzen boomernd und weiß wie alt und all‘ die Lieder ferner Jugend sie rauschen nicht der Wildgans gleich durch die Nächte die schlaflos einst aus freiem Willen und nicht ein stetes Pendeln in gekachelt‘ Räume gab den Takt der Nacht die haute auf die Pauke bis die Nachbarn baten um ihre Ruh‘

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Und drinnen bleibt heraus zum ersten Mai der müde Kolben nicht birkenastumwunden er streunt und stenzt herum nur ruhig müd‘ und der Träne gleich rollt warmer Tropfen herab den Oberschenkel kitzelnd wo ranke Finger einst im Kribbelkrabbel aufwärts suchten Antwort auf’s Verlangen nach dem Rausch der nicht die Wasserspülung und verging zu schnell und letztlich nie ach fick dich doch ins Knie nein eben nicht mal dies nur gnadenlos verfloss’ne Zeit

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Der Nächste bitte klingt es mütterlich streng hinter Plexiglasscheiben hervor der Bildschirm flimmert vorhofgleich und draußen vor den Toren ruft die Neue Jugend dazu auf alle Kolben fallen zu lassen lieb‘ Vaterland darfst Mutter sein die uns vergibt die Kolben feuern andere ab für uns

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Und es fällt der Blick auf ein Plakat im Flur der heilend‘ Hallen es ruft nicht zu Kolben Waffen Gräben ein bärtiger Onkel da nein zwei graue Musikanten aus dem Hinterland sie danken dem Herrn Doktor fein der rettete die Tour indem er behandelte wohl den Iltis der in der Hose der Sangesbrüder hauste und alte Lieder klingen so in meinem Ohre der guten Freunde aah

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(gießen / ende april 2026)

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Nachgetröpfel:

„Mein Leben war langweilig; ich gondelte herum wie einer, der zu nichts mehr nutze ist. Wer an diesem Punkt anlangt, bekommt mit einem Mal Anfälle von Größenwahn. Wenn jetzt ein Krieg ausbräche, das wäre was!, dachte ich. Menschen, die, vom Leben angeödet, auf einen Krieg hoffen, sind keine Seltenheit.“

(Wang Xiabo / Das goldene Zeitalter)

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