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Zurück auf dem Boden des Wasserglasses oder Handyweitwurf ist auch keine Lösung
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Eigentlich wollte ich mich gestern in Braunfels, im Schatten der Burg, in jenes kleine Café setzen, in jenes kleine Café am Markt, im dem ich letztes Jahr kurz vor Weihnachten mit meiner Frau saß, bevor ich in die hiesige ATOS-Klinik eincheckte, mir mein Hüftersatzteil abzuholen. Von da an tat es weh. Leider hatte das kleine Café am Marktplatz Sommerpause und so sitze ich ein paar Blocks weiter im ersten Haus am Platz. Es war schon immer etwas teurer einen guten Geschmack zu haben.
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Zurück zum Wasserglas. Ich war zwischen Mitte Mai und Ende Juni dreimal runter an den Bodensee gefahren. Hatte es hier erwähnt und beschrieben wie und warum. Nach einer langen Phase der Nüchternheit – irgendwo zwischen freiwillig und gezwungen – fing ich dort unten wieder an zu trinken. Man kehrt schnell zurück zum alten Level. Eigentlich hatte ich mich beim ersten Aufbruch noch im Aufbautraining befunden, mußte die Physiotherapie unterbrechen, was mir die neue Hüfte etwas übelnahm. So dachte ich, falsch, ich dachte natürlich nicht, alte Reflexe übernahmen das Kommando, zwecks Schmerzbekämpfung und Belastungssteuerung in jeder Hinsicht, ein zwei Glaserl san schon okee. Aber wenn jemand in seinen Taschen ganze Fortsetzungsbände von Ausreden und Rechtfertigungen mit sich rumträgt, dann ist es der Trinker. Habe vorgestern ein kleines Liedchen darübergeschrieben. Das Lügenlexikon der Säufer. Ein Boogie. Wird wohl Bestandteil des Liederabends, an dem ich zur Zeit bastle. Heimata und andere Gesänge. Und es gibt wohl die Möglichkeit das Programm unten am See, vor den Toren der Stadt, dort, wo der Bodanrück beginnt, zum Vortrage zu bringen. Nächstes Jahr. Wir werden sehen.
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Wenn man in die Vergangenheit reist trifft man auf die Vergangenheit. Lässt sich nicht vermeiden. Das kann sehr erfrischend sein, wenn man leicht beduselt auf den See hinausschaut und alten Geistern und neueren Gespenstern beim Tanzen und Herumsegeln zuschauen darf. In sich und einigem alten Mist, mal erfreulich, mal weniger, versunken. Oft aber tritt die Vergangenheit auf zwei Menschenbeinen auf die Bühne, hält gerne, wie du selbst, Getränke in den Händen und man arbeitet sich gemeinsam Schritt für Schritt zurück. Gestern. Vorgestern. Studium. Kneipennächte. Verliebheiten. Schulhof. Kann sehr schön sein, aber Stolperfallen lauern allenthalben. Es kann schnell kippen und es wird bitter und man landet dort, was solche Rückführungen gerne sind: Kindergarten. Vergoß’ne Milch. Und plötzlich taumelt man am Rande des Großen Canyon Aufrechnung entlang und landet bei Abrechnungen. Rechnungen sollen beglichen werden, die schon etliche Male bezahlt wurden. In bar. Oder per Dauerauftrag von Deinem Konto abgebucht wurden. Jahr für Jahr. Falsche Hälse schlucken begierig jeden schludrig trunkenen Satz und es winkt das Drama. Und Bitterkeit. Hilfloses Wüten. Schade eigentlich.
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Ich war noch nie ein großer Freund des HÄTTEWENNUNDÜBERHAUPT gewesen. Werde es auch nicht mehr werden. Wollen auch nicht. Las unlängst im hier zitierten „Der Kinoerzähler“ von Gert Hofmann wie der Großvater dort sagt: „Ach, das Schreckliche ist lächerlich und das Lächerliche schrecklich.“ Ist was dran. Besser der Vergangenheit nur noch stocknüchtern entgegenzutreten. Oder es sein zu lassen. Die Gegenwart und die nähere Zukunft halten genug Herausforderungen bereit.
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Zurück zum Wasserglas also. Nach meinem Abschieds- und Nachdenksuff im Moseleck zu Frankfurt und anschließender hindernisreicher Heimkehr – Odysseus ließ kurz grüßen – bei knappen 40 Grad, konnte ich doch recht flott das Weinglas zurück ins Regal räumen. Mal schauen, wie lange es dort unbehelligt stehen bleiben darf. TOITOITOI. Es ist halt harte Arbeit. Schont jedoch den Geldbeutel, aber vor allem die Gefährtin, die mal Pause machen kann vom Co – Abhängigensyndrom.
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Jetzt sitze ich im Kurpark, das gewaltige Schloß schaut freundlich herab, ich überfliege die obigen Worte und hoffe sie sind mir klarer, assoziationsfreier und nicht von (leider gelegentlich notwendiger) Ironie komplett durchsuppt, gelungen, hatte mich doch meine Lektorin unlängst darauf hingewiesen, daß mein Geschreibsel Leser, die meine Art der Denke nicht kennen und vor allem überhaupt nicht mögen, sich schon mehrfach daran gestoßen haben. Und da die Lektorin nebenbei auch noch meine Stilberaterin ist, wechsle ich gleich die Strassenseite – das Frühstück war ausgezeichnet und hatte einen gerecht hohen Preis – und lasse mir Bart- und Haupthaar stutzen, soll ich doch, ich selbst hatte es ja gar nicht bemerkt, in letzter Zeit etwas verwildert, manche sagen gar pennerhaft auf meine Umwelt gewirkt haben. Wohlmeinend liebevolle Hinweise nehme ich mir gern zu Herzen. Und, ach ja, die Sache mit dem Handyweitwurf in der Überschrift wird bald aufgelöst. Aber erstmal zum Barbier.
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Kleine Anekdote zum Abschluß: Auf der Toilette des Cafés traf ich einen vor Schmerzen fluchenden älteren Herren – könnte sich auch mal wieder rasieren, dachte ich – der versuchte mit einer seiner Krücken die Türe zu öffnen. Deja vu. Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte, daß dieser, sein momentaner Zustand nicht so weit hinter mir läge. Er erzählte, daß er morgen in die Klinik eincheckt, die neue Hüfte abholen. Er hatte Humor und beschimpfte seine Schmerzen sehr phantasievoll. Wir wünschten uns gegenseitig viel Glück. Dann rief ich, ich liebe solche Begegnungen, meine Frau an und erstattete Bericht.
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Nachwehen:
Jetzt sitze ich wieder zu Hause und blättere, quasi zur Ermutigung im Sinne Biermanns – „Du lasst dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen, und brechen ab sogleich!“ – in einem Buch, welches ich im Frühjahr mit Freude und Entsetzen gelesen hatte. Kleiner Auszug:
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„Ich hab Dr. Laumann gesagt, daß das auf jeden Fall ohne mich stattfinden wird. Wenn ich dich nur ein einziges Mal mit einem Glas sehe, Bier, Wein, Wodka – egal was -, bin ich weg.“
„Klar.“
„… Oder ob er das zu hart findet.“
„Und?“
„Das ist gut, hat er gesagt, und daß ich schon mal nicht co-abhängig bin. Das Hauptproblem bei vielen Leuten, die mit Suchtkranken zusammenleben, ist, daß sie endlos versuchen, ihren Partner durch gutgemeinte Hilfestellungen, falsch verstandene Rücksichtnahme oder auch einfach aus Liebe vor dem Untergang zu retten. Das funktioniert nicht nur nie, sondern hat oft sogar den gegenteiligen Effekt. Solange noch jemand da ist, der ihn unterstützt, ihm neue Auswege aus seinen selbst verursachten Katastrophen öffnet, entwickelt der Süchtige immer perfidere Strategien, dich so zu manipulieren, daß du seine Sucht unterstützt, damit er nichts ändern muß. Er verläßt sich einfach darauf, daß es schon irgendwie gut gehen wird.“
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(aus: Christoph Peters / Entzug)