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Fuß ist Hand und Hand ist Fuß oder Neulich in Winston-Salem / Teil 9
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Selbstredend waren die helping hands in der Mehrzahl. Wie oft wurde der dürre Bub, blaue Latzhose, fadenscheinig grüne Jeansjacke und rote Stiefeletten, am Strassenrand stehend oder sitzend, aufgeklaubt, zum Essen eingeladen, ein etwas sicherer Schlafplatz angeboten, als unter Bäumen oder unter Autobahnbrücken oder in leerstehenden Baustellen neben streng riechenden Hinterlassenschaften eine unruhige Nacht verbringen zu müssen / zu dürfen / zu wollen. Als ich die Rücklichter des Psychos in Arkansas in der Nacht verschwinden sah, mir klar wurde, uff, meine letzten American Express Travellerchecks fahren davon, ein zwei bucks noch in der Tasche und more than thousand miles to go, wurde mir Geld geschenkt, man half mir in NYC bei American Express anzurufen und die Bank in Winston-Salem war erfreut mir die versicherten und verlustig gegangenen Schecks vollständig zu ersetzen. Der Mensch, der mich nach überstandener Unterhosengeschichte im Hotel am nächsten Tag aufgabelte, steckte mir einen Hunderter zu, in Kentucky lud uns, zu zweit, eine Familie in ihr beeindruckendes Anwesen ein, Pferde durften wir reiten, die Kinder fragten uns Löcher in die germanischen Bäuche. Der Trucker in Indiana, der Melonen auslieferte und ich ihm half die Riesenteile auszuladen und er mich mit einem Stundenlohn bezahlte, den ich als Schauspieler nie wieder erhalten sollte – was, by the way, auch nicht sonderlich schwierig ist. Der schwarze Trucker, feier das Klischee, der mich nach St Louis fuhr, im Radio Hitze in Dosen, er über CB – Funk ein paar Deals organisierte, wir auf den Highway stoppten, er Päckchen übergab und mir einen gut gefüllten nickelback schenkte. Man, you will enjoy that stuff. It’s from mehicho. So wars. Die kanadische Familie, die mich irgendwo in den Rockies zu einer Familienfeier einlud auf einem riesigen Campground, ich den whiskey so gar nicht vertrug und sie am nächsten Tag gelassen meine unhöflichen Hinterlassenschaften aus dem Camper entfernten, boy, life is life, just don’t care. Der Mann in Kansas, der mir seine zwei Kinder zur Aufsicht anvertraute, er hatte noch einen Job to do und fuhr mich dafür am nächsten Tag bis Nebraska. Die Familie, die mich in den Yellowstone- Nationalpark einlud und der Ranger, der mich dort ein paar Tage später, sehr früh am Morgen nach einer gruseligen Nacht, aufpickte – well, boy, hitchhiking ist not permitted inside the nationalparcs. I’ll better drive you to a good place to roll on. Und es war, ganz anders als damals vor Reno, ein wirklich und so much better place. Thanks a lot.
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Ich wollte ja unbedingt nach Kanada hoch. Mein Vater hatte da nach dem Krieg unter anderem als lamberjack gearbeitet. Seine Kollegen waren meist Indianer. Es gab ein Fotoalbum. Er und lauter Winnetous. In den Untiefen familiärer Erinnerungsversuche leider verschwunden. Und da war diese eine Geschichte, Vater liebte es uns Buben ein bisserl Angst einzujagen, die Ängste, die der Krieg hinterlassen hatte bei ihm und die nie thematisiert wurden, wie es halt so war, als wir zur reichen und stolzen Nation wuchsen, die Ängste halt an den Nachwuchs weiterleiten. Und erzählte uns von den Bären, die zu früh aus dem Winterschlaf erwacht, ach du Hunger, du unstillbarer Hunger, sie kratzen und scharrten an den Blockhütten mitten im Wald, in denen die Vorräte der Waldarbeiter lagerten. Load the guns. Also mietete ich mir eine Blockhütte am Nordende des Yellowstone. Mitten im Wald. Vielleicht 10 qm. In der Nähe ein Fluß. Kein Ort. Da waren vielleicht sechs / sieben verwaiste Hütten um die Ecke. Es dämmerte. Mal gucken. Vielleicht sehe ich vor dem Schlafengehen noch ein paar Bisons. Elks? Da waren welche. Oder gar einen Wolf? Oder einen … Mir wurde mulmig und eine Nacht brach herein, so finster, wie man sie als Zivilisationsbube halt nicht kennt. Und Yogi und Booboo sind nun mal keine echten Bären. Gelle. Ohne Taschenlampe und durch das verdächtig raschelnde Unterholz stolpernd, fand ich meine Blockhütte wieder. Die ganze Nacht kratzte und knarzte und raschelte es. War es mein Vater, der mal vorbeischaute? Ein richtiger Bär? Oder nur die gute alte Angst. Geschlafen habe ich kaum. Am nächsten Morgen war eine der anderen Hütten offen. Es gab coffee / toast / eggs (sunny side up) und Ahornsirup auf pancakes. Und der gute Ranger saß am Nebentisch und nahm mich mit.
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Also stand ich vor dem Nordeingang des Yellowstone, es nieselte, bitterkalt und ein altes und rasselndes Auto hielt. Where you heading for? As close to the canadian border as possible. Get in. Hat er nicht mehr gesagt. Lediglich ein Fingerzeig. Ein Indianer. Nicht so wir wie wir Weicheiwessis optisch sozialisiert wurden in Sachen Indigene mit einem etwas teigigen Franzosen sah er aus, sondern eher wie die Brüder und Schwestern im Osten es lernten: also wie Gojko Mitic. Die Heizung lief auf voller Tour, die Lebensgeister waren zurück, die Kiste schepperte und die Euphorie des Buben schrie nach freier Bahn. Man! Er sagte nicht boy. Man! Just! Do! Not! Talk! Seine Hakennase berührte fast die Frontscheibe. Er atmete eine Finsternis aus, die meine Blase füllte. Ab und an, schenken wäre falsch ausgedrückt, gewährte er mir einen Seitenblick. An seinem Gürtel ein Bowiemesser. Den befederten Hut über den Augenbrauen. Nun gut, es gibt schlimmere Arten als von einem sehr gut aussehenden, erschöpften, vernarbten alten – sprich: vielleicht vierzig oder so im Rückblick – Indianer irgendwo, kurz vor Montana, vergewaltigt und erstochen zu werden. Aber meine Blase. Seitenblick. Sorry. Paar Meilen weiter. Sorry. Die Klapperkiste stoppt. Get out. Ich stehe am Strassenrand. Strullen. Er ein paar yards weiter. Strullt. Man! Get back in. Zwei / drei Stunden fuhr er mich weiter Richtung Kanada. Wortlos. Ich dachte, vielleicht bringt er mich doch nicht um, sondern …. Whatever. Great Falls. Der Wagen hält. My car needs gasoline and we need food. Er kann also sprechen. Und ich lebe noch.
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Und dann saßen wir im Diner. Redeten, redeten. Long time. Ich erzählte von meinem Vater. Von Kanada. Den Träumen. Er von seiner Arbeit. Seiner Scheidung. Seiner Wut. Er war ein Blackfoot. Lud mich ein. Couple of Coors. Gab mir ein paar Münzen. Fuhr mich zur greyhound station. Kanada ist nicht mehr weit. If there is someone you meet, who doesn’t want to talk, you better wait, till he can talk. Good luck, man. Gab er mir mit auf den Weg. Nach Kanada.
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Jetzt muß und / oder will ich wieder an den Bodensee und verlasse den erstaunlich vollen Erinnerungsraum Winston-Salem. So long.
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