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Regentage oder Neulich beim Kardiologen 2
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Während ich, eine Haushaltrolle in einer Hand, welche mir der Arzt nach Abschluß der wortlosen Untersuchung in die Hand, nein, auf den Bauch gedrückt hatte, mit der Aufforderung, vielleicht sogar Bitte, mich trocken zu wischen, die Reste seiner Untersuchung, das was noch stören sollte davon, zu entfernen, ich in der anderen Hand zwei abgerissene Blatt Haushaltpapier, die ich über meinen entblößten Oberkörper streifen ließ, hielt, die letzten Worte des abräumenden Arztes im Ohr, der halb schon den Raum verlassen hatte, hinter einem Paravent einen Bericht, wohl den Bericht über die Ergebnisse der, so eben beendeten, Untersuchung meiner, wie man so sagt und singt und schreibt, miesen Gegend namens Herz, in eine Tastatur hämmerte, schnell, präzise, während ich seine beiläufig über den Raumteiler geworfenen Halbsätze auffing, beziehungsweise unkonzentriert aufzuschnappen versuchte, also in Teilen vernahm, daß von Lebensbedrohlichkeit nicht auszugehen sei, im Vorhof des Organs Ruhe herrschte, kein Flimmern und der LSB nur eine weiter und regelmäßig zu beobachtende Schwachstelle sei, älter schon und unentdeckt jedoch lange, nun von modernster Gerätschaft ans Licht der Erkenntnis gezogen, und, während ich in einem Krankenbett lag, da jetzt Erleichterung hätte in mir kribbeln können, saß ich mich in einem Vorhof stehen, vor einer gewaltigen, eisenbeschlagenen Flügeltür, es flimmerte vor meinen Augen, um mich herum, greifbar fast wie ein Spiralnebel, das optische Getänzel, welche einst Lysergsäurediethylamid hervorgerufen hatte in mir, stand also leicht zitternd, voller Ungeduld vor besagtem, streng verriegeltem Tor, vermutete dahinter Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen, Lichtkanonen, suchte nach einem Schlüssel, der Einlaß gewährte, nach kettensprengender Wut, das Tor bersten lassend, nach Zaubersprüchen, einem Sesam-öffne-dich, bitte oder sofort, du Aas, und, um mir die Wartezeit zu verkürzen auf das Eingelassenwerden ins Allerheiligste aller Wünsche, Traumgebilde, Hirnfaxen, begann ich meine Worte zu memorieren, Geschichten zu spinnen, Tanzschritte auf das dunkelrote Parkett zu setzen und zu deklamieren von den Dingen dahinter, und da ich noch hörte, wie der Oberarzt, als den er sich vorgestellt hatte, den Raum verließ mit den Worten, man werde mich wohl bald nach Hause schicken, da griff ich nach dem Buch des ungarischen Nobelpreisträgers, welches mir meine Frau vor ein paar Stunden, in Erwartung meiner Übernachtung hier, vorbeigebracht hatte, nebst Zahnbürste und Schlafgewand einschließlich Schlafmaske, und las, wie dieser ungarische Nobelpreisträger ein Waka-Gedicht eines, wie er schrieb, spintisierte oder wußte, eines von Kobo Daishis verstoßenem Sohn zitierte, wer auch immer dies sei, war, wird werden, der es geschrieben, spintisiert hatte, vielleicht sogar dort, hinter der eisenbeschlagenen Eichenflügeltür vor der ich lange Jahre herumgeflimmert war, im ewigen Vorhof eines Lebens:
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Der Buddha geht nicht weg
Der Buddha kommt nicht her
Der Buddha vergeblich, der Buddha ist nicht da
Hinunterblicken in die Tiefe, nach nichts suchen
Es gibt keine Fragen.
(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß)
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Den vorläufigen Entlassungsbrief hatte ich, er war mir mit einigen zur Vorsicht mahnenden, vor was auch, wie ich mich reflexartig fragte, dem Leben?, alten, vergangenen, längst verschütteten Nachlässigkeiten?, also gutgemeint mahnenden Worten von einer noch nicht gesehenen Ärztin übergeben worden, unbelesen in meine Tasche gesteckt und durch leergefegte Flure das Krankenhaus verlassend, hatte ich mich, unter der Mißachtung des mir freundlicherweise kostenfrei gewährten Taxitransports, zur Bushaltestelle begeben, wo ich sah, daß der nächste Bus erst in weit über einer Stunde fahren sollte und froh darüber meinen Gehstock mitgenommen zu haben, begab ich mich auf den Abstieg, der notwendig war, da das Spital auf einer Anhöhe vor der Stadt errichtet war und ich, schon seit etlichen Jahren, am verbürgt tiefsten Punkt der Stadt wohnte, dort, wo meine Frau auf mich wartete, die ich von meinem verfrühten Heimkommen nicht unterrichten konnte, weil am gestrigen Tag mein Mobiltelefon seinen Geist aufgegeben hatte, was nicht, wie von mir erst vermutet, an einer Netzschwäche lag, sondern an meinem, an reiner Altersschwäche, dahingegangenenen Nokia C2, was ich, seit eh und je von der sich im Alter verstärkenden Macke Omengeflüster, Aberglaube und andere Teufel an die Wandmalerei geplagt, nicht als ein sic! verstand, sondern als eine blanke Tatsache betrachten konnte, den gestorben werden muß ja gwiß, wie der gute alte Qualtinger einst sang.
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Und ich ging meines Weges, bergab, dreibeinig und erreichte noch vor Einbruch der Dunkelheit den Hinterhof unseres Miethauses in der Innenstadt, setzte mich auf eine der Bierbänke dort, betrachtete unseren Gewürztopfgarten und dachte nach, ob man, nach einer so gut wie endgültigen Ankunft im Hinterhof, gerade wenn diese Ankunft, unter Umgehung der Festsääle, Tempel, Kirchenschiffe, Stadien gefüllt mit Applaus, Jubel, Konfettiregen und Lichtkanonen, Lichtdome gar, erfolgt war, im Sinne Luther immer noch aufgerufen sei, ein Äpfelbäumchen zu pflanzen und, mein Herz hatte sich inzwischen bereit erklärt seine Dienste als Pumpwerk in freudiger Dienstbereitschaft wieder aufzunehmen, sich von der ihm von vielen Menschen zugedachten Aufgabe als Emotionsverwaltungsspeicher fernzuhalten und sich schon gar nicht von Füchsen und kleinen, aufgeblasenen Prinzen zum Augapfel des Wahren, Guten, Schönen ernennen zu lassen, und also als ich nun im Hinterhof nachsinnierte, nachflimmerte vielleicht, vom heutigen Tage angefasst, wie das wohl war, als ich einst losgelaufen bin am Beginn meiner Reisen, getrieben von was auch immer, gewiß aber schon damals den Tod unter meinem Arm mit mir herumtragend und … Es begann zu regnen. Meine Frau hatte meine stille Ankunft inzwischen bemerkt und bat mich in die Wohnung.
(Fortsetzung folgt)
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(gießen / anfang mai 2026)
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Nachflimmern:
„Es regnet.“ – „Ich hör’s.“ – „Ich gehe nach Süden, dort ist der Winter kürzer. Und pachte einen Einödhof, nahe bei irgendeiner blühenden Stadt. Und den ganzen Tag laß ich die Füße in warmes Wasser baumeln. Oder … als Nachtwächter in eine Schokoladenfabrik. Oder als Pförtner in ein Mädcheninternat. Und versuche alles zu vergessen. Eine Schüssel warmes Wasser. Und nichts mehr machen. Nur zugucken, wie das beschissene Leben vergeht.“ (Bela Tarr: “Satantango“ — Teil 1 — nach Laszlo Kraznahorkai)