Gießen oh Heldenstadt, leuchte weiter!

…..

In der Heldenstadt sind die roten Nelken ausverkauft!

…..

*

Gießen feiert sich dieser Tage. Darf man. Nachdem etliche auf die „Panikmache“ im Vorfeld reingefallen waren – die bösen bösen Panikmacher eben – Frage: Wenn man auf Panikmache panisch reagiert, wer ist Schuld? Die „Panikmacher“? – war die Erleichterung ab Samstagnachmittag groß. Zu Recht. Der Gießener hat es den Rechten und der Welt gezeigt, vergißt dabei aber geflissentlich, daß nicht nur die Randalefreaks von außerhalb kamen, sondern auch ein erklecklich großer Haufen der Friedlichen. 70 Prozent? Weiß nicht. Manche Einwohner flohen im Vorfeld ins Umland, zu Mama und Papa oder – wie ich las – gar bis Südtirol. Skifahren für den Frieden! Viele haben ihre Geschäfte verbarrikadiert, als würde ein Hurrikan das Lahntal hinunter wehen wollen und die Innenstadt überfluten. Das es auch anders geht, zeigte mein persönlicher Glückwunschkartendealer. Er blieb offen, kam so mit vielen (Nicht)käufern ins Gespräch. Seine Schaufenster hatte er mit Postern voller guter alter humanistischer Sinnsprüche vollgehängt. Sein Motto? „es gibt wichtigeres als umsatz“. Der Zentralgastronom visavis hatte geschlossen. Als man nachmittags bemerkte, daß auch der Protestant (so ein Reporter in der Hessenschau!) konsumbereit ist – Zack! – war der Laden offen. Pecunia non olet! Gibt es neben Kriegs- eigentlich auch Demogewinnler?

*

Gießen leuchtete also und brannte nicht. So der erste Bürger der Stadt. Er hatte am Montag letzter Woche den obligatorischen Weihnachtsmarkt eröffnet und man könnte meinen, daß das was eine Demokratie auszeichnet und was das Allererste der zu verteidigenden Kulturgüter ist, dies der deutsche Weihnachtsmarkt sei. So der erste Bürger der Stadt. Es wurde sogar – kostspielig – ein Shuttleservice organisiert, um dem geschockten und abgeschnittenen Umland den Besuch des Kulturguts zu ermöglichen. Doch ab Freitagmittag bis Sonntagabend machte davon kaum jemand Gebrauch. Schon gar nicht die Demonstranten. Da waren Gehbier, Kaffeebecher und ein Stück Pizza gefragter. Am gestrigen Montag war die Location dann wieder proppenvoll. Die hohe Kultur ist back in town. Und was gibt es Schöneres als überteuertes Zuckerwasser mit Alkohol aus Plastikkanistern in geschmackvoll designten Tassen zu süffeln?

*

Gießen ist eine Kulturstadt und auch diese zeigte Flagge oder wahlweise gold-silberne Rettungsdecken. Warum? Bereitete man sich auf Wasserwerfereinsätze vor? Oder wollte man gegebenenfalls die unterkühlte Demokratie darinnen einwickeln? Flaggen wurden aus einigen – überschaubar – Fenstern gehängt. Einer reaktivierte sogar sein altes „Kein Blut für Öl!“- Bettlaken. Er heizt wahrscheinlich noch mit russischem Gas. Ein Konzert am Vorabend des bange erwarteten Samstags eröffnete ein Mime mit den markigen Worten, dies sei ein Konzert für Frieden und gegen rechts. Wahrscheinlich damals schon, als die alte Autokratin noch dem Musentempel vorstand, ein unerschrockener Kämpfer gegen antidemokratisches Gemauschel. Der Bandleader bat das Publikum dann zu tanzen. Derweilen machte sich in den Strassen der Stadt eine an die Pandemie erinnernde vibrierende Stille und Leere breit. Auf dem Kirchplatz knatterten drei einsame Fahnen im Wind. Klaus Meine pfiff dazu.

*

Gießen, ja und gelle, Gießen konnte auch anders. Nachdem in den frühen Morgenstunden an den beiden Lahnbrücken, rechterhand gar nicht, linkerhand dann doch etwas mehr, die ersten Erregungs- und Aggrowellen ausgelaufen waren, füllte sich die Kreuzung vor der zentralen Bühne. Und da begann wirklich Erstaunliches. Eine gelassene Stimmung machte sich breit, man mäanderte von hier nach da, lauschte, länger, kürzer, wärmte sich in der Einkaufspassage. Auf dem Wochenmarkt stand ein einsamer Brotverkäufer und – anders als auf der anderen Seite des Flußes – sank das für das Zentrum dieser Stadt eigentlich typisch hohe Aggressionspotential gegen Null. Da der Hauptdealer der Punker- und Trinkerszene am Marktplatz geschlossen blieb, wurden diese nicht gesichtet. Die Freunde des Cracks und die dazugehörigen Händler mieden – Wer weiß, vielleicht hat der Polizist gerade nichts zu tun – ebenfalls das Zentrum. Die streunenden, sich in Grüppchen lautstark langweilenden Jungmänner saßen wahrscheinlich zu Hause vor der Daddelmaschine und – Tusch! – den „Hauptaggressoren“ Parkplatzsuchverkehr und Umlandshopper war es weder gelungen die Polizeiabsperrungen noch die widersetzlichen Blockaden zu überwinden. Außerdem war da ja noch die „Panikmache“. Die Stadt kurzzeitig wieder in den Händen der Bewohner. So schien es. Gelle Umland! Einschub 1: Und am erstaunlichsten war, daß am Ende des langen Demosamstags weitaus weniger Müll auf den Straßen lag, denn nach einem langen Einkaufssamstag oder einer vom Jungvolk befeierten Nacht. Können so viel mehr Menschen weniger rummüllen als weniger Menschen? Einschub 2: Noch erstaunlicher, daß entgegen der üblichen Praxis am Sonntagmorgen die Straßen in kürzester Zeit gereinigt waren. Weiter im Text: als nach dem wunderbaren Kurzauftritt von KRAFTCLUB die große Masse der Friedlichen und Freundlichen sich zerstreute, blickte man in tatsächlich strahlende Gesichter. Es gemahnte an die verzückte Atmo, nachdem in Kölle der Rosenmontagszoch vorübergezogen ist. Ein letztes Alaaf und „Es hätt noch immer jootgejange!“

*

Gießen, heute mehr denn vorgestern Heldenstadt, fängt an ein bisserl zu hyperventilieren. Gewiß darf man das, wenn man in den samstäglichen Hauptnachrichten den Opener geben durfte aka mußte und auch das Netz überquillt wie bei einem Heringsfang im letzten Jahrhundert. Gewiß muß man das, da man in den Geschichtsbüchern ab sofort seinen Eintrag mit Sternchen gefunden hat. Die zwei Lokalgazetten, die eigentlich nur noch eine sind, schicken ihre Jungredakteure an die etwas arg starre Meinungsfront. „Wer ist schuld an der Eskalation?“ Sie beziehen in Sachen Gewalt Stellung neben den inzwischen entfernten Blockaden. Wie in den Gefechten im Kampf um die Meinungshohheit zwischen den Behelmten und den Vermummten bleiben die Zeigefinger weit ausgestreckt und man vermisst den guten alten Spruch von der Sinnhaftigkeit der Reinigungsarbeiten vor der eigenen Haustür. Von Feindbildern mag man nicht lassen. In „Heldenstädten“ steht man – zumindest bis zur Kommunalwahl – eben immer auf der rechten Seite. (Ein Hoch der Doppeldeutigkeit der deutschen Sprache!) „Hey Wiesbaden! Mach mir meinen Status nicht madig!“ Egal! Wiesbaden ist halt keine Heldenstadt. Pfeift Klaus Meine noch?

*

Die Geburt der Heldenstadt Gießen war ein freudiges Ereignis. Aber auch mit gewissen (oder Gewissens..) Schmerzen verbunden. Und jetzt lauf los, Kleine! Feier Dich nicht zu lange und geh an die Arbeit! Nachdenken wie man dem braunen Haufen aus den Hessenhallen in Zukunft beikommt. Oder vertreibt. Und laß Dir ruhig ab und zu von Wiesbaden helfen. Auch wenn die keine ….etc ppp. Und draußen vor der kleinen Stadt stehen sich nicht mehr die Kontrahenten des letzten Samstags die Füße platt, sondern der Chef des Einzelhandels brüllt von seinem Hügel herunter: „Wer hat mir meine Millionen geklaut?“

*

…..

…..

Lechts und rinks kann man leicht usw

…..

In Gießen und anderswo im November 2025: „Der braune Haufen muß weg! Aber wie?“

…..

In der Überschrift dieses Blogs steht, daß an den Rändern Erfahrungen lauerten. Wie man’s nimmt. Ganz gewiß lauern dort auch erhebliche Gefahren und Abgründe. Wie letzten Samstag direkt vor meiner Haustür zu erleben. Wer aus Gewalt gegen Polizisten, die ihrem Scheißjob machen, schulterzuckend einen „Fliegenschiß“ macht … nun denn. Untiger Kommentar dazu spricht mir aus dem Herzen.

*
„Die Ereignisse in Gießen an diesem Wochenende sind in keiner Weise erfreulich. Das gilt sowohl für das eigentliche Gründungstreffen der neuen AfD-Jugend als auch für das, was sich außerhalb in der Stadt abgespielt hat. Friedrich Merz hat von einer Auseinandersetzung zwischen ganz links und ganz rechts gesprochen.

Beginnen wir mit ganz links: Statt eines friedlichen Aufzugs für Freiheit und Demokratie, wie ihn sich Gießens Oberbürgermeister gewünscht hatte, gab es wieder einmal von Chaoten geprägte Proteste. Es ist leider oftmals das Gleiche: Linke Gewalttäter nutzen Demonstrationen, um vor allem Polizisten mit Steinen, Flaschen, Feuerwerkskörpern und anderen Dingen anzugreifen.

Derart verteidigen sie aber nicht die Demokratie, sondern sie verletzen sie. Das fängt nicht erst bei den Gewalttaten an, sondern schon mit dem Vorhaben, Andersdenkende daran zu hindern, sich zu versammeln. Die Gewalt der linken Chaoten führt dazu, dass die Mehrheit der friedlichen Demonstranten kaum noch wahrgenommen wird, die sich für ein Land der Vielfalt und gegen Rechtsextremismus eingesetzt haben.

Aber nicht nur das. Die Gewalt überschattet auch das, was auf der anderen Seite eigentlich vor sich geht – die Inhalte der AfD-Jugend und die damit verbundenen Gefahren geraten ins Hintertreffen.

Damit sind wir bei ganz rechts. Denn dort steht die neue AfD-Jugendorganisation ganz sicher. Nicht nur dass ihr Vorsitzender als Rechtsextremist wohlbekannt ist, auch die Träume von einer „millionenfachen Remigration“ waren bei dem Gründungstreffen mehrfach zu vernehmen. Das ist die Höcke-Linie der „wohltemperierten Grausamkeit“. Auch die „Generation Deutschland“ gibt also nicht Anlass zur Hoffnung, dass sich die AfD in nächster Zeit mäßigen könnte. Sie sollte vielmehr ein weiterer Grund sein, über eine irgendwie geartete Zusammenarbeit mit dieser Partei gar nicht erst nachzudenken – sondern sich ihr mit friedlichen Mitteln entgegenzustellen.“

(FAZ / Kommentar von Philip Eppelsheim / mit Dank für das Verwursten)

*

Das Beharren auf und an den Rändern, somit das Beharren auf eigener Besonderheit, die starke Anziehungskraft der Selbstgerechtigkeit oder gar Selbstüberhöhung lauern nunmal eben dort. Auch wenn man nur seinen Lebensweg nachträglich verteidigen, geradebiegen oder was auch immer will. Da halte ich es heute lieber mit David Bowie. Mal so, dann anders, aber beweglich bleiben. Nicht immer in denselben Haufen … Naja! TOITOITOI!

*

…..

…..

*

PS: Vielleicht muß ich nach Rückkehr aus den Spitälern – ab heute läuft die Maschine (Vorgespräche, Voruntersuchungen etc ppp) – das Ding hier in eine wie auch immer geartete Mitte verorten. Ansonsten bin ich froh, daß es endlich losgeht.

Melankomie, Morälchen, Ritterregeln 14

…..

Einheitsflaschenöffner „Hand in Hand“ / gefunden bei BUSCHFUNK

…..

*

Erinnerungskrümel in Sachen Einheit

*

Stand nicht schon in der Heiligen Schrift: „Ein jeder öffne des anderen Bier!“? Doch heute benutzt man den 17er-Schlüssel meist nur ums Getränk vor der eigenen Nase verzehrfertig zu öffnen. Und rechts wie links von sich? „Das ist nicht mein Bier!“

*

Gestern feierte das offizielle Land 35 Jahre Vereinheitlichung. Im Westen. Ganz am Rande. Ohne einen Vertreter des Ostens. Dafür kamen Monsieur „Mark/Krone“ und Jörg Pilawa vorbei. War die Mauer am Ende gar ein die Brüder und Schwestern eher verbindendes Element?

*

Unlängst als ich ein Cafe hier vor Ort – das Traditionscafe!!! – verließ, schnappte ich auf, wie ein älterer gutsituierter Herr zum anderen gutsituiertem Herrn – es roch nach Oberstudienräten oder Rechtsanwälten in Rente – sagte: „Also das muß man doch mal sagen. Die jetzige Situation besteht doch erst, seitdem wir das ganze Geld da drüben hinschicken.“ „So isses doch!“ War die Antwort. Wie sprach mein Vater immer? „Der Teufel scheißt stets auf den größten Haufen!“ Wobei die Haufen dies für selbstverständlich halten oder ihr Anwachsen gar nicht bemerken. Werde die zwei armen Kaffeehausrentner fortan in meine allabendlichen Fürbitten einschließen.

*

Ich habe am gestrigen Erinnerungstag dem „Lern- und Erinnerungsort“ Meisenbornweg einen ersten Besuch abgestattet. War dabei einer der eher jüngeren Besucher. Sic! Gut gemacht das Ganze. Fand ich. Ein Ort um die Fähigkeit sich zu erinnern, im Guten wie im Schlechten, nicht komplett und auf Dauer zu verlernen.

*

Stadttheater Gießen im Jahr vor der Pandemie. Eine Hauptprobe meines Gundermannprojektes. Die damalige Intendantin – Schweizerin – kritzelt, mit hängenden Mundwinkeln und schräg gelegtem Haupt zuschauend, einen halben Notizblock voll. Zum Gespräch über das Monierte kam es nicht. Oder fehlte – Vermutung – schlichtweg jegliches Wissen / Interesse / der passende Flaschenöffner? Ich hatte damals vorgeschlagen den noch leerstehenden Meisenbornweg als Spielstätte zu nutzen. Die Gesichter gegenüber sprachen daraufhin ein großes „HÄ?“.

*

Die Verträge waren früh und schnell gemacht. War es wirklich die einzige Chance diese Eile damals? Spät ist gerne mal schlau. Jedoch das Rütteln an Bäumen, deren Früchte noch nicht reif, und die Unfähigkeit auf das gereifte Fallen zu warten, war noch nie gescheit. Vor allem, wenn man an den Bäumen der Anderen rüttelt. Siehe der „große Haufen“!

*

Ritter Runkel von Rübenstein einst erlaubte sich diese Bemerkung mal: „Wer gern mit bloßem Tand sich schmückt, der ist von Fürstenhold entzückt. Doch alle Ehren sind umsunst, genießt er nicht des Volkes Gunst!“

…..

…..

PS: Im Dezember wird – endlich – meine mich ordentlich ärgernde Hüfte ersetzt. Weihnachten und Sylvester verbringe ich dann mit dem Pflegepersonal in der Reha. Bis nächstes Jahr dann. Wieder hier. Vielleicht!

Melankomie, Morälchen, Ritterregeln 12

…..

An der Seite des Geheimrats / Ilmenau im Oktober 2021

…..

Zeigefinger auf hohen Absatzbewegungen

*

Beschwingt zerknirscht schwingt das hochdesignte Schlaghosenbein

Hinter dem geschwungenen Pult hervor im Studio der

Zeitendeuterinnen

Und ich versuche mit druckergeschwärzten Fingerspitzen

Mir die Zeigefinger aus den Augen zu kratzen

Die auf mich eindringen moralingesäuert

Die Meldungen überschreiend

*

In NY grinst eine Prinzessin Gernegroß in die Linsen

Kein Eintopf

Winkt heran einen alten Backfischtraum stampft auf

Und rumpelstilzt

Nein nein nein

Meine High Heels laß ich mir nicht verbieten

Der Dienstwagen hält auf Passanten

nicht mehr halten aber

kann es der farbige Chauffeur welcher lachend

sich erleichert an einen Hydranten

*

Wie gut ginge es mir

Ohne all die

Die mir weismachen wollen

Es ginge mir schlecht

Schrieb mal Andre Gide

*

(September 2025)

*

Umzingelt von Besserwissern und Rechthabern aller sieben Geschlechter, meide ich die Bildschirme nicht immer, aber immer öfter, halte mich an einer Zeitung aus Frankfurt fest, auch wenn die nicht mehr soviel Druckerschwärze hinterlässt wie anno tobacco road und ansonsten bleibe ich in der Nähe von Reimen. Den unten mag ich. Selber denken.

*

du heilige

*

wie hast du

alle hinters licht

geführt

ganz ohne

insignien

der ohnmacht

du bist die beste

scheinheilige

alle kerzen

zünde ich dir an

*

(Doris Runge)

*

Ritter Runkel von Rübenstein einst erlaubte sich diese Bemerkung mal: „Ein Ritter findet immer noch, zu guter Letzt, ein Mauseloch!“

…..

…..

„Der Sturm wird immer stärker. Das macht nichts. Ich auch!“ (Pippi L.)

…..

…..

Lob der Lethargie

*

Wie ich beschloß ein schlechter Mensch zu werden

Der ich schon immer

War mit dem nackten Arsch gen Bestätigung

Da wo er mich lecken mag

Empor empor empört schon lange nicht

Mehr mehr sagte der kleine Häwelmann und ich mache mir

Die Welt wie sie vielleicht

In den alten Unterhosen und Almanachen nur noch gelbe Flecken

Pippi konnte Pferde in die Luft

Schlösser

*

Als kleiner Junge träumte ich vom Dietrich

Der öffnende Öffner der verschlossenen Schlafzimmer

Töte den Vater schlaf mit der Mutter

Oh Jimi Morrison Schreivogel

Der Diederich die alten Geschichten wundersam befreie

Wie ich mein trauriges Glied von mir selbst

Jahre später verabschiedete sich eine Bildschirmtante

Nacht für Nacht

Alles wird gut

Grinste sie

Ach

*

Jetzt liege ich auf der Matratze meiner letzten Sätze

Roch besser schon

Doch meine Frau verzeiht mir

Was ich mir niemals

Und die Jugend vermodert endlich sich

Müde so müde

Und führe mich nicht

Versuche mich

Chimären kostenbefreit und von der Erlösung

Singen die ewigen Konfirmanden

Und die Weltenretter tanzen in ihren Gummizellen

Den Klammerblues allein

*

…..

…..

Von unsereren Freiheiten und der Alternativlosigkeit des Chromosoms XX

…..

Hellas / Agäis / Leros / Bruuuce waiting for us / 18. August 2016

…..

Frau Merkel hat ein Buch geschrieben. Warum nur? Es wird gewiß niemals in keinem meiner Bücherschränke landen. Weder in dem Einem noch in dem Anderen. Und ich habe auch keine solchen Feinde, denen ich das Ding zu Weihnachten schenken könnte. Es lebe die doppelte Verneinung!

*

2016 unternahmen wir eine wunderbare Inseltour durch die Agäis. Kos. Kalymnos. Leros. Patmos. Kos. Jede Insel ein eigener Motorroller. Meine liebste Urlaubsfreude. Auf Leros vermietete uns eine Klischeeinselhippie – zum Zopf gebundene lange Haare, eine behaarte Statur wie Achilles und ein wortloses Lachen im Gesicht – einen kleinen blau kompakten 50er. Möchte nicht wissen, was der mit dem angestellt hatte. Er war höllisch laut. Fuhr in der Spitze über 80km/h und jagte brüllend jeden Berg hoch. Auch mit zwei Passagieren. Als Achilles uns das Gerät vor unserem Hotel übergab und ich ihm meine Liebste vorstellte – Merkels Vorname – sagte der alte Freak nur: “Be careful with your name in this country. Better change it for this week!”

*

Das blaue Kraftteil nannten wir dann “Bruuuce”. Er erinnerte uns an den unermüdlichen Schreihals Springsteen. Der schreibt ja statt zu singen auch viele Bücher meanwhile. Ich liebte dieses blaue röhrende Teil. One Two.

*

Zu der Zeit wurde ich von einem Triumfeminat regiert. Staat. Stadt. Arbeitsstelle. Was die drei Damen (vom Grill?) verband? Das scheinbar zugeneigte aka aktive Zuhören – “Ja! Genau! Verstehe ich! Sehe ich ähnlich! Meinen Sie?” – wobei aber die letztlich folgenden Be- oder Entschlüsse meist auf ein ausgeprägtes Bewußtsein in Bezug auf die eigene Machtfülle hinwiesen. Fast schon XY. Weil ich ein Mädchen bin. Ich hatte einst davon gesungen. Im Nachhinein wohl eher recht peinlich. Trotzdem.

*

Anfang 2015 waren die Griechen am Ende. In den Augen der deutschen Regierung. “Isch over!” Die “Dummbatze und Anarchos” Tsipras und Varoufakis halt. Schäuble was not amused at all und hatte Spaß an Herabwürdigungen. Dann folgte der Sommer, in dem Deutschland erkennen sollte, daß es das alles schafft, was da noch bevorsteht. Den folgenden Rest im Folgejahr sollten dann die Hellenen übernehmen. Moria gelle, Angie!

*

2016 am vorletzten Tag auf Kos – der Roller dort war eine lahme Ente, da ich mich auf Patmos mit dem dortigen überdrehten Roller auf die Nase gelegt hatte – fanden wir an einem der noch nicht von TUI und Condor zerstörten Strandabschnitte hunderte Kinderschuhe, Schwimmwesten, Reste von Schlauchbooten, Plastikflaschen, Exkremente, nicht zu Ende gebaute Hotelanlagen, welche als Notunterkünfte genutzt worden waren. Zerbrochene Brillen. Kinderspielzeug. Püppchen. Reisetaschen. Adidas. Nike. Reebok. Fußballshirts. Liverpool. Bayern München. PSG. Real Madrid.

*

Frau Merkel hatte sich inzwischen – natürlich nicht nur sie – mit dem lupenreinen Demokraten Erdogan darauf geeinigt, ihn fürstlich bezahlt, daß die armen Schweine doch bitte da drüben in der Türkei gegenüber. Usw. Gibt doch Fernseher überall. Adidas. Nike. Reebok. Liverpool. Bayern München. PSG. Real Madrid. Ronaldo, Messi trallala. Die Kopie der Kopie.

*

Heute in der FAZ zu diesem Thema: “Wer glaubt, dass man die Vergangenheit nicht mehr ändern kann, hat noch keine Memoiren geschrieben.” Danke dafür, Herr Martens. Auf ins gelobte Land. Mit dem Boss. Oder einer Bossine.

…..

…..

PS: Auch mein Erinnern lebt von wohlfeiler Ausgestaltung der Lücken der Erinnerung. Lücken drücken auf’s Gemüt. Man neigt so zur Überdekoration.

“Wir haben schlicht keine Zeit!” (Julian Nagelsmann / Deutscher Übungsleiter)

…..

Międzyzdroje/ Ostseeküste / Polen / 5. August 2012

…..

Wieviele Bücherschränke braucht ein Mensch? Wie sollte man die Bücherschränke aufstellen? Falls man über den Luxus verfügt in einer Wohnung zu wohnen, in welcher Bücherschränke überhaupt Platz finden! Darf man Büchern gegenüber Liebe zeigen? Oder sollte man gerade diesen Büchern, die man gerne selber einstens geschrieben hätte, ein gerüttelt‘ Maß an Zweifel gegenüberstellen? Ist es sinnvoll Bücher mehrfach zu lesen? Oder erfüllt das den Tatbestand der von G’tt beklagten Missetat des biblischen Onan? Ist es nicht das Buch welches ich lesen sollte, welches mein durch sogenannte Vorgängerbücher einbetoniertes Weltbild nicht nur in Frage stellt, sondern gar erschüttert? Verschüttet gar? Wie ambivalent sollte ein Bücherschrank werden wollen können? Ist es sinnvoll sich dem eigenen Bücherschrank in fremden Schuhen zu nähern und sich die Frage zu stellen, was das wohl für ein wohlfeiler Depp sein könnte, der diesen eitlen Schrein errichtet hat? Ich weiß es nicht, jedoch: in dubio pro dubium.

*

Ich bin gerade dieser Tage sehr froh einen Menschen Freund nennen zu können – ich hatte ihn ab und an hier schon erwähnt – der mich immer wieder mit Buchgeschenken beglückt, die hier oder dorthin oder ganz woanders hin führen. Froh bin ich auch – Attenzione: Eigenlob! – über eine von den Genen oder G’tt oder – wohl eher nicht – Sozialisation errungenen Eigenschaft zu verfügen: naive und vorurteilsfreie Begeisterungsfähigkeit.

*

“Man kann nicht einfach mal locker nach Deutschland fahren. So wie zum Beispiel nach Monaco, Portugal oder nach Ungarn. Nach Deutschland fahren, das ist Psychoanalyse.” Schreibt Andrzej Stasiuk in seinem Büchlein “Dojczland!”. Von den Lesereisen eines Polen durch Neumerkelland. Der Blick von außen tut mir, gefangen hinter den geschlossenen Hirnfenstern Germaniens, gerade dieser Tage gut. Auslöser dieses Buch zu kaufen war eine Kolumnensammlung des Autors, was das ursprüngliche Geschenk des Freundes gewesen war. Die Beskiden könnte ich mir als Heimat erträumen.

*

Kurzes Zitat noch: “Im Stillen sagte ich mir: Die Schweiz ist zu schade für mich, wenn dein Herz in der DDR geblieben ist. Und gab mir im Stillen recht.” Von der Schweiz – wie einst Brecht nach dem Ende des Krieges – kommend, las Stasiuk in Konstanz. Wollte. Blieb ein Versuch. Ich denke im Bürgersaal, so wie er den Ort beschreibt. Er hatte keine Zuhörer, außer die Veranstalter. Eine Buchhändlerin. Ja, da kam ich zur Welt. Im Lande der Interessefreien.

*

Immer wieder wundere ich mich darüber, daß meine Alterskohorte den fremden Freund sucht auf den Kapverden, in Memphis / Tennessee oder vor oder hinter Matala und gerne auch zwischen Lavendelfeldern den Pastis gurgelnd. Oder halt in Bogota. Wo doch die nahe Verwandschaft woanders hockt und zu sehen wäre, wenn man den Kopf gen Sonnenaufgang dreht. Da hängen wahrscheinlich zu viele Spiegel. Schmeißt die Gläser an die Wand.

*

Ich werde der Tage ein zusätzliches Bücherregal kaufen. Sortiere dann um. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Und vice versa. Die Buchrücken schauen sich an. Nicht Aug’ in Aug’. Sondern Arsch zu Arsch. Wie stellt man seine Bücherregale auf? Danach? Oder noch später? Dann gehe ich nachts ins Nebenzimmer. Und reiße, erwacht von den mürben Gedanken, die Tür zum Bücherzimmer auf. Überraschung! Wer mit wem?

*

Taugen die Übungsanleiter von Kickern eigentlich zum Philosophentum?

…..

…..

„Ich will weitergeh’n, keine Träne seh’n, so ein Abschied ist lang noch kein Tod.“ (Trude Herr revisited)

…..

Buchhandlung (Ost) / Schuhgeschäft (West) / Ilmenau / Straße des Friedens 2 / 8. Oktober 2021

…..

17 tolle Faselanten oder Lob des Tanzes

*

17 tolle Faselanten und ihre 13 toten Tanten

Trafen sich zur Weltenschau

Ganz vorne an der Rampe

Es fehlte nur bei Tee und Keks die Schweigsamkeit die Schlampe

Ein jeder schrie man sieht mich nicht

Bin ich denn ein Glasbaustein

Kann man denn seh’n durch mich hindurch bis in mein Herz hinein

Wo in den eig‘nen Mördergruben die Schuldzuweisung schreit

Selbst die Abstinenzler heute sind sie breit

Weil et Jeld jejeben hat

Man flutet Brust geschwellt die fremden Hirne

Der Weihnachtsmarkt brennt lichterloh

Der Faselant rät Mützenstricken sich zu schützen und die kalte Birne

Vor jeder Nähe sowieso

Ein neues Jahr scharrt mit den Hufen

Man hat es nicht gerufen

Et kütt trotzdem um die Eck mal links mal rächs heröm

Tanzen wir hück wigger

Think smaller and not bigger

Und trink dir ens zehn Lömmelömm

*

HAMLET Hat dieser Kerl kein Gefühl von seinem Geschäft? Er gräbt ein Grab und singt dazu.

HORATIO Die Gewohnheit hat es ihm zu einer leichten Sache gemacht.

HAMLET So pflegt es zu sein; je weniger eine Hand verrichtet, desto zarter ist ihr Gefühl.

ERSTER TOTENGRÄBER (singt)

Doch Alter mit dem schleichenden Tritt

Hat mich gepackt mit der Faust

Und hat mich weg aus dem Lande geschifft,

Als hätt‘ ich da nimmer gehaust.

(Wirft einen Schädel auf)

…..

…..

“You know something is happening but you don’t know what it is!“ (Bob Dylan)

…..

Sonnenaufgang über Rantum / Sylt / 7. November 2018

….

Als hätte die vorgestrige Nacht nicht ausgereicht, gestern Abend dieser neverending Brennpunkt. Berlin statt Arizona. Was das alles bedeutet? Geschichte wiederholt sich? May be. Aber stets in Variationen und also nicht vorhersagbar. Das Ende des Diktats der politischen Kindergärtnerinnen? Abgesägte Zeigefinger? Die Rückkehr der doch eigentlich so abwesenden bösen Väter? An ihrer Seite kalte Mütter? Vorbei das alte Rautenglück. Wir schafften es eben nicht. Who the fuck ist WIR? Wo ist Nancy? Jetzt aber Glorioses ante Portas da drüben? Bald bei uns? Der Schwarze Fels aus dem Sauerland als Retter? Oder das endgültige Ende? So gegen 13:37h oder was früher bis später? Der trotzige Hamburger. Der Dreiprozenttrickser. Das strahlende Orangengesicht da drüben. Viele beleidigte Flunsche. Sattes Grinsen auf der anderen Seite des gefluteten Grabens. Warum nur sieht keiner meine Grandiosität? Was hat der, was ich nicht habe? Als knirscht es auf dieser Seite des Ozeans zwischen den abgeriebenen Zähnen. Binsen?

*

“Ich habe am Wannsee Rosen gepflückt und weiß nicht mehr, wem ich sie schenken soll!”, steht auf einer Gedenktafel am Alten Wohnhaus des Jakob van Hoddis in Berlin-Mitte, die mich vor Jahren schon erfreut stutzen ließ. Oder war es die gute alte rote Nelke, die er pflückte? Trockenblumen nur?

*

Auf dem Asphalt vom Panzer Donald platt gefahrene Tauben. In ihren zermatschten Eingeweiden puhlen die Auguren linkerhand. Hüten wir uns vor der Illusion am Morgen eines langen Tages zur Nacht zu wissen, wie und wo wir ins Bett sinken werden. Das wird kein Fest. Soviel scheint gewiß.

…..

…..

“Fröhlichen Weltuntergang noch!” (Gießener Klimaaktivisten beim Verlassen des Gerichtssaals nach Verurteilung)

…..

Strand / Rantum / Sylt / 6. November 2018

…..

Weltende

*

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

*

(Jakob van Hoddis / 1911)

*

Und nun? Schuld reklamieren oder Verantwortung übernehmen? Es bleibt anstrengend diffus. Zusätzlich noch die heutige Nacht. Aber vorwärts und nicht vergessen: den eigenen Geldbeutel feste festhalten! Gelle Mensch!

…..

…..