bagatelle einunddreissig oder von der arroganz der eigenen angst atme doch

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Las heute das Zitat eines Regisseurs

Eben achtzig Jahre geworden

Man betitelte ihn Enfant terrible Berserker Avantgardist einst

Als Theater noch in offene Ohren und Augen schreien durfte

Man nicht nur Oberflächlichkeiten verwaltete wie überzogene Konten

Flunschlippig

Gelernt habe er von den Dichtern Komponisten Malern

Die sein reiches Leben in Schwung gebracht

Der Mensch sei disparat fragmentarisch beeinflußbar

Das einzig Unzuverlässige

Garantiert

Sei der Mensch

Der Einzige garantiert Unzuverlässige in der Natur

Und dachte an den unfassbaren Lärm in der reichen Welt

Nein nicht aufheulende Motoren

Gröhlende Fußballanhänger

Schreiende Kinder

Kläffende Hunde

Brüllend volle Plastiktüten

Und exaltiertes Partyvolk

Müde Menschen lediglich die doch auch dachte ich nur

Nein der sekündlich anschwellende Bocksgesang der Klagen Vorwürfe

Die Schatzsuche nach der Truhe Bundeslade Erlösung Heil

Ewige Narren die wir sind doch und die letzte Antwort bleibt Bagatelle

Die Schuldfrage stets im Visier die schon in den Almanachen unserer Ahnen

Vor sich hin moderte unbeantwortet

Das Große Jammern nun da sich die Lebenswut wieder nähert unserer

Gelähmten Gesellschaft

Die Arroganz der eigenen Angst

Spielart eine nur der vielen Verzweiflungen

Disparat fragmentarisch beeinflußbar

An den Rändern des eigenen Tellers in Agonie

Selbst Eingebrocktes den Fremden auslöffeln lassen mögen

Oh nein der Schrei

Es gibt sie nicht die Guten

Nirgendwo und nirgends

Auf den Feldern der eigenen Endlichkeit

Bastarde vermeintlichen Wissens wir

Werden überleben müssen die letzten Tage ohne zu wissen

Einatmen

Ausatmen

Abwarten

Ich wünschte ich wäre ein Berg doch bin ich nur Mensch

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Immer wieder Sonntags …

… ein kleines Stück Dylan zum Frühstück / eins

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Ab heute jeden Sonntag – ok, fast jeden Sonntag und wenn ich Lust und Zeit habe und nicht unseren Gemüsegarten gießen muß (neues Thema) – ein kleines Stückchen Bob Dylan zum Frühstück. Oder auch zum späten Mittagessen. Frisch verwurstete Texte. Altes Material. Eigener Mist. Fremder Mist. Fundstücke. Auch das alte Brot muß man essen. Auf geht’s.

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wieviele strasse musse manne gehe weg
bisse heisse richtige mann
wieviele grosse wassa musse weisse vogel flieg
bisse koenne slafe in de sand?
wie oft musse kanonekugel mache bumm
bisse alle sage nix gutt: verbot!

*

richtich antwort gut freund musse feife inne wind
richtich antwort musse feife inne wind

*

wie oft musse manne immer kucke immerzu
bisse koenne sehe dä himmell
un wieviele ohre musse eine manne hab
bis koenne hoere au au au
und wieviele tot kaputte leute musse sehn
bisse wisse zu viele tot kaputt

*

richtich antwort gut freund musse feife inne wind
richtich antwort musse feife inne wind

*

wieviele jahre musse eine berge leb
bisse gewasche von de see
wieviele jahre koenne gebe eine volk
bisse frei sein duerfe all‘ hurra
wie oft musse manne drehe seine kopf
und immer tue so als ob nix seh

*

richtich antwort gut freund musse feife inne wind
richtich antwort musse feife inne wind

*

(aufgenommen in gießen im theater im löbershof / ende mai 2006)

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PS: Der Text ist von Wiglaf, dem Droste(n). (Ist das der Vater unseres EAV? Der Säzzer). Hallo, was bitte ist der EAV? (Unser Erster Allgemeiner Virologe! Der uns gerne mal verunsichert. Und das nicht nur einmal. Grins. Der Säzzer) Zurück zum Thema. Die Anregung damals kam über die Interpretation dieses Textes durch die wunderbaren Herren Köster und Hocker aus der seit gestern doch noch Erstliga – Stadt. Hätte es Kiel, einem meiner liebsten Arbeitsorte, schon gekönnt.

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PS2: Warum PfeiferSoltauLugerth nicht begrenzt weltberühmt wurden, ist uns allen noch ein ungelöstes Rätsel. Grüße hiermit die zwei alten Wegbegleiter in Rente. Wat eine Freude am Spaß wir damals hatten. Humor gehört halt in die Musik rein. Sagte ja schon Zweitmeister Zappa.

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damals: sicherheitsabstand oder keine angst, schon in Ordnung (test negativ)

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1.

dieses kleine liedchen das ist für dich

mit dem festen versprechen ich lieb dich nicht

und vermissen tu ich dich

auch nicht

und wenn ich dich zufällig mal seh

dann tut es auch gewiß nicht weh

ich ruf dich sicher nicht mehr an

aber du kannst mich immer anrufen

wenn du mal stress hast mit der arbeit oder so

steh ich dir selbstverständlich bin ganz ohr

sonst nur noch die eine sms pro jahr

verspreche ich dir hier für immerdar

und deine festnetznummer schreibe ich beflissen

in ein altes buch und das wird fortgeschmissen

so daß es keiner finden kann außer dir

vielleicht außer dir

*

2.

in dieser zweiten strophe die ein tönchen höherliegt

damit das ganze so ne art von wildem drama kriegt

versprech ich wenn wir uns wieder mal begegnen

und erinnerungen leise auf uns niederregnen

und wir sitzen dann in deinem kleinen stehcafe

und ich mache keine dummen alten witze ne ne ne

und berühre auch nicht beim fuchteln und beschreiben

deinen arm oder deine hand

was ist das nur für ein land

dein espresso und die cocktails werden von dir selbst gelöhnt

denn zu zahlen das hab ich mir schon lange abgewöhnt

denn wie kommt das auch rüber

rein gendertechnisch oder so

und wenn du plötzlich gehen willst verschwinde ich aufs klo

dann können wir das gastlokal auch getrennt verlassen

und beim gehen blick ich so als würde ich alle hassen

außer dich vielleicht außer dich

*

3.

und die dritte strophe die ein weitres tönchen höher wandert

beschreibt nicht mal mehr wie es zwischen uns mäandert

beschreibt lediglich ein leeres blatt

das an den ecken nicht mal ecken hat

kein fluß tritt mehr lüstern über seine ufer

in der vorstadt stehen 43 einsame rufer

und es ist herbst

yeah

*

(einschub: heartbreak hotel frei nach elvis)

*

es ist im leben einmal so

den andren geht es ebenso

was man möchte und hätte es so gern

versteckt sich irgendwo

oder bleibt einfach fern

drum lobet den herrn

*

(gießen, im mai 2006)

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PS: Hatte ich doch schon im Jahre 2006 ein Corona – Lied geschrieben. Ohne es zu wissen. Und die ganze Genderei gab es damals auch schon in Gießen. Die angewandten Theatralen waren ja immer ganz früh vorne dabei, liebe Frau Gerster. Viel Spaß im Ruhestand. (Was soll denn das schon wieder heißen? Fragt der Säzzer) Ähem, nur so.

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damals: der narzisst will ein guter mensch werden, macht sich so seine gedanken und reibt sich an der welt

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ein bißchen weniger bewegung bitte

ein bißchen weniger da hab´ ich einen plan

ein bißchen weniger da muß ich auch noch hin

streich es mir rot im kalender an

*

ein bißchen weniger ich weiß bescheid

ein bißchen weniger das schafft man doch

ein bißchen weniger tut mir so leid

ich befind mich grad in einem loch

*

weil irgendwann da wirst du wiedergeboren

als parkuhr vor einem bordell

oder als leeres regal in einem lidlmarkt

oder als coverversion von highway to hell

*

ein bißchen weniger die strassenseite wechseln

ein bißchen weniger es kotzt mich alles an

ein bißchen weniger gesampeltes grinsen

vor dieser freundlichkeit wird mir angst und bang

*

ein bißchen weniger bullshit und leere hülsen

ein bißchen weniger arschkriecherei und judaslohn

ein bißchen sag atmest du noch

oder bester freund sprichst du etwa schon

*

denn irgendwann da wirst du wiedergeboren

als sohn von daniel küblböck

oder als handy von franz beckenbauer

oder als ungedeckter scheck

*

ein bißchen weniger kann es ein bißchen mehr sein

ein bißchen weniger es gibt für alles einen grund

ein bißchen weniger von dieser zornesfalte

zwischen mir und deinem goldenen erdbeermund

*

ein bißchen weniger vom pogo linksherum

ein bißchen weniger von diesem kreisverkehr

ein bißchen weniger von all dem anderen

dafür soviel mehr von dir

*

(gießen / TiL / Ende Mai 2006)

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PS: Ja, ich weiß. Schon wieder Früher. Aber immerhin nicht Früher Früher. An diesem Abend, der sich jetzt jährt, begann ganz leise und noch unbemerkt etwas was bis heute anhält. Davon demnächst noch ein paar Liedlein. Stay tuned.

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damals: weekend warrior hände einsam

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in manchen löchern treffen wir uns dann

wenn uns die woche freigegeben hat

frei zum grossen sturm

auf unser leben

in plastic

*

in manchen rhythmen treffen wir uns dann

wenn uns die maschine freigegeben hat

frei für den großen schwung

unserer hüften

in schweiss und gleichförmigkeit

*

in manchen ecken stehen wir dann

wenn johnny travolta uns die letzte mieze ausgespannt hat

kühlend unser fieber

in bier

*

und wieder bleibt uns nichts

als unserer hände arbeit

*

(konschtanz / im juli 1980)

*

So! Schluß jetzt mit Früher Früher. Habe das alte Machwerk (ein Gruß ans damalige Partyvolk männlichen Geschlechts, was es heutzutage ja gar nicht mehr gibt! Oder?) nur gepostet, um die leider vergessenen Strassenjungs in Erinnerung zu rufen. War auch stets eines der Konzerthighlights der Konschtanzertruppe, die sich erst High Voltage, später dann (Achtung: Deutschrock!) Hochspannung nannte. Jetzt wieder High Voltage. Ein letztes Früher Früher noch: selbstverwaltetes JuZe war schon geil. Damals. Nun zurück ins Jetzt und Alter.

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damals: die gute alte brd / alltag voran

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der see läuft über

das ist noch lange keine apokalypse

einer hat die stechuhr zerschlagen

das ist noch lange keine revolution

die saure luft zerfrißt eine rentnerlunge

das ist hier immer noch ein luftkurort

eine zeitung vergißt

das ist hier immer noch die pressefreiheit

ein kindergesicht trägt rote striemen

das ist immer noch erziehung

eine frau voller prellungen

das ist immer noch liebe

ein haus wurde geräumt

das ist immer noch privateigentum

ein säufer liegt im strassengraben

das ist immer noch selbstbestimmung

ein lautes lachen nach zehn

das ist immer noch ruhestörung

eine theaterszene im foyer

das hier ist immer noch eine kulturelle einrichtung

ein grüner im landtag

das hier ist immer noch ein parlament

ein gardinenloses fenster

das ist immer noch exhibitionismus

der verteidigungsminister lächelt

das ist immer noch unsere sicherheit

*

unser täglich not gib uns heute

und erhalt uns unsere pein

*

das ist immer noch meine heimat

*

(konschtanz, 14. juli 1980)

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Da wühle ich in alten Kartons. Und lese und lese und frage mich: Was hat sich nun verändert? Sicher nicht der Mensch. Vielleicht die Verhältnisse. Die sind eher so wie sie sind und bleiben das wohl auch. Oder?

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damals oder visions ahead oder die markgrafenstr. 8 a verlassen müssen

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Man mag ja nicht immer so gerne der sein, der man mal gewesen war. Dennoch, was wäre man ohne den? Nüscht und letztlich lediglich eine schale Behauptung der sogenannten Lernfähigkeit des Homo demenzis wahrscheinlich. Gestern hatte ich anläßlich des Dylan – Konzerts am See mit einem der alten ‚Miggle‘ – Leute gemailt. Er schrieb mir zurück und sprach von der Altersmelancholie und freute sich, das er da nicht alleine ist. Das hat mich wiederum gefreut. Iss halt so! Also – Hose runter – ein ganz alter Text – geschrieben in einer der letzten Nächte – nicht ganz drogenfrei – bevor ich dem guten Konschtanz endgültig den Rücken kehrte. Im dritten Versuch. Erster Versuch war eine große, schöne Katastrophenliebe und ein neues Studium in Freiburg. Knappes halbes Jahr hat es gedauert. Zurück. Fenster putzen. Geld verdienen. Dann ein knappes dreiviertel Jahr USA wegen Seele heilen inklusive erster Versuch Schauspielschule plus Mexiko und Kanada und und und. Wieder zurück und noch mehr Fenster putzen. Noch mehr Geld verdienen. Vorsprechen. Kölle rief. Von nun an sollte es dann andauern mit der Heimatlosigkeit. 41 Jahre sind es bis heute. Voila!

*

todtraurig besoffene nacht. der ewig regenschwere sommerhimmel versteckt die sterne, als hätte er sie im supermarkt geklaut. ich bin so müde, daß die hände ich nicht hochkrieg, um mir tränen ins gesicht zu wischen. an die teppichstange gelehnt, der kalte kies knirscht zwischen meinen arschbacken, trage ich meine zerfließenden augen die hauswand hoch und runter. hinter jedes fenster schreiben lange rote filzstifte die namen. ich steh auf allen fensterbrettern und tanze fallend alle verlorenen träume und sprenge den hinterhofkies mit meinen aufgebrochenen adern. und das blut fließt wie eine ewige liebe über die hilflos glücklichen gesichter. ich halte kleine bildchen, die ich aus den versoffenen jackentaschen ziehe, juwele durchjubelter nächte, wundgeschlagene fingerknöchel, blutige gitarren, verzerrte witze über klagevolle schwänze, reine mädchen und abservierte fremdlinge. umarmungen, die über das ende der horizonte greifen, geahnte küsse auf die bauchnäbel, der große taumel des jetzt wieder einmal alles verstanden haben. das plötzliche aufbrechen des nichts und abgetretene rückspiegel. (?) meiner ewigen freunde verkünden vom versuch anzuhalten, stehenzubleiben, sich umzuschauen um was zu sehen. der unbedenkliche mut zur euphorie, das kindliche durchstreifen der abgetakelten zukunften, der wahn des sich ständigen wiederholens einer seltsamen, fixen schönheit.  und alles in diesem haus, das seine zerbröckelnden schatten mir in ein biergesicht wirft. aus den verschlossenen doppelfenstern. aus der sinfonie von fußschweiß und grasrauch. aus den fußpilzverseuchten strohmatten, über hügelige küchenböden gelegt.

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entnervend verachtend geliebter biorhythmiker. unlust und schrei. tausendmal haben wir liebevoll um uns geschlagen. in dieser nacht breitet sich ein grosses bett in meinen köpfen aus. hundert stöhnende matratzen und das eine todtraurig besoffene rezept. eben das stehenbleiben. das festhalten. das weinen um die zerbrechenden sekunden, das aushauchen des katerzerfressenen schädels. die logische ahnung vom wecker. raketensätze zünden im keller, das haus steigt und zieht ruhige wilde runden über seinem so entsetzlich metaphorischen standort. der wall der bürger , der erschreckt, hassend, fürchtend und bewundernd sich um die idylle der romantischen rattenfänger legt. jede unserer lauten nächte war ein mahnmal, ein kettenrasseln, ein nicht zu bremsendes sehnsuchtsgetanze, ein langes weinen am eigenen offenen grab. eine autobahn – atomkraft – rüstungs – arbeitslosigkeit – kümmer – kümmer – freie sentimentalität – ein gruss an eine ahnung der richtung des lebens, ein unschuldiges versuchen dieses wort auszusprechen, dieses wort leben. ein  ‚i don’t care‘, ein umstürzen vom nachbar frisch ausgewaschener mülltonnen und über dem unruhigen schlaf der malocher die exzentrischen schreie meines bruders und das waldschratige hoppeln des bärtigen hängers, des suchers, nichtfinders, desillusionierend andere, erbaulich in sich und ach stellt den menschen die biere vor die nase, lasst jeden morgen die hirne der generäle und direktoren von den winden des weines zerrissen sein und schmerzen.

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ich wage reinheiten zu träumen, abschiede, das aus dem nest fallen des jungen kuckucks. drei schnitzel muß sich jeder um uns kaufen können, damit wir leben können. hat einer gesagt, allen ernstes. oh mögen die baggerarme, die parteiprogramme und die arbeitsverträge, versicherungspolicen ewig an diesen haus vorbeirauschen. ich bete um die kleine sich selbst zerfleischende illusion, um die reste trunkener lieben, um die klagen und das wissen von der großen leere. ich lehne meinen kopf zurück, schlage ihn an die teppichstange, an die ich immer noch gelehnt sitze. aus dem fenster: clark hutchinson. der ewige trip zurück in die leiber, die tage als das wixen noch eine sensation war. die lachenden tränen fallen aus dem fenstern. liebevoll (selten habe ich so oft dieses wort geschrieben) geh ich mir eine zigarette schnorren, ich weiß nicht, ob der transzendentierende lebensmitteltausch, das mittragen eindeutiger zigarettenschmarotzer, die basis einer neuen gesellschaft ist.

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heute nacht fühle ich wie meine hand auf den sprößlingen, auf den ersten kleinen geschwüren und zellen ruht. vier jahre, viermal dreihundertfünf – und – sechzig tage und stunden und immer eine kleine geschichte, auch der weg zum klo und jetzt will ich gehen und ich höre das gelangweilte stöhnen aus all diesen mündern und das warten und ameisen am arsch und heute nacht will ich diese alten mauern über meinem alkoholleib zusammenbrechen hören und mich in den tanz meiner jugend, meiner illusionen einschütten hören und fühlen und die leiber über mir.

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und ich stehe auf, lege die hand an die feuchten mauern und den kopf in den schoß meiner frau. und jetzt weiß ich, daß ich nie etwas suchen werde und große stahlnägel schlagen mich in den mutterleib zurück.

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todtraurig besoffene nacht. dies ist mein haus und ich schaue hin und fühle so viel von mir und der welt und das sage ich hier.

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(konschtanz / 13. juli 1980)

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PS: Habe den Text, wie er einst getippt ward, heute abtastaturt. Keine Korrekturen, außer die Satzzeichen und (wenige) Rechtschreibfehler. So einer war man halt auch mal. Damals. Man hatte ja seinen Ginsburg oder den Jack „Ti Jean“ Kerouac gelesen. Widme das selbstredend H., der der eigentliche Gründungsvater der Markgrafenstrasse 8a war und ist.

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Encore: Wie Dylan meine Geburtsstadt beehrte, Schweiß von der Decke tropfte und wir die Jugend verabschiedeten

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Nachdem ich heute das Obige bei meinen Geburtstagsrecherchen in Sachen Bob Dylan entdeckt habe, gibt es eine Zugabe. Kann nicht anders.

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„Hosch scho ghört, dä Dillen kummt nach Konschtanz!“ Ungläubiges Staunen am anderen Ende der Leitung in Köln – Nippes. „Awa! Blödsinn!“, antwortete ich. Es war keine Ente. Robert Allen Zimmermann beehrte das noch recht junge Konstanzer Zeltfestival. Im Juli 1996. Ich war damals eh ohne Engagement, also runter an den See. Ein Gewährsmann da unten hatte einen größeren Set Karten besorgt und die Veranstalter waren alte Bekannte und Freunde aus den – nicht nur für mich – schwer bewegten 70ern in KN. „s` beese Miggle“ – Die böse Mücke –  hieß die Kneipe jener schwäbisch – bayrischen Studentengang aus der später die Veranstalter dieses historischen Konzertes hervorgehen sollten. Etliche Jahre war das ‚Miggle‘ unser Stammlokal, von wo aus wir in die langen und längeren Nächte starteten. Wir, das war die konschtanzweit weltbekannte Markgrafenstrasse 8a. Davon später mal mehr Geschichten.

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Viele Wiedersehen vor dem kleinen Zirkuszelt. 16 Jahre nachdem ich die Heimat verlassen hatte. Kaum einer fehlte. Die ganze damalige Szene sehr präsent vertreten und ein extrem gut gelaunter und für seine Verhältnisse staubtrocken rockender Dylan. Es war ein heißer Tag und nach kürzester Zeit tropfte der kondensierte Schweiß vom Zeltdach zurück auf die vom ersten Song an feiernde Menge. Klassentreffen. Homecoming. Anekdoten. A`s dröhnende Lache. HJ`s euphorische Pfiffe. Y`s beschlagene Brillengläser. R`s ewiges Grinsen. J´s esoterische Tänze. T., der nicht begriff, was da vor sich ging, aber ständig labberte. Mein Bruder, der den ganzen Nachmittag auf „Like a Rolling Stone“ wartete, vergebens. Und der große B., der stand wie ein Denkmal und sich lediglich den Bart kraulte. Anerkennend. „It schlecht, der Kerle!“ Ausgestreckter Finger nach ganz oben für ihn.

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Die Ratespiele am Anfang jeden Songs. Ein Ritual bei jedem Dylan – Konzert. Mein Ehrgeiz: stets der Erste zu sein, welcher den angespielten Song erkennt. Es gelang mir recht häufig, nicht immer. Übung für den Meister macht es. Ein großer Nachmittag. Man meinte sich später sogar daran zu erinnern, der Bobby habe, angesteckt von dieser unglaublichen Euphorie, den Bodensee gelobt. „Great place!“ Oder so ähnlich. Schöne Legende. Was er tatsächlich sagte: „Alright so … We gotta go now… we got places to be and things to do.“

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Es war mit das intensivste und beste der vielen Konzerte, die ich seither besucht habe. Danach hockten wir noch in großen Runden und tranken Bier und als ich ging, mit meiner damaligen, der ersten Gattin, sehr wehmütig, schien es mir als hätte Dylan für uns, die wir alle so um die vierzig Jahre alt waren, zum endgültigen Abschied von unser aller Jugend ein gutgelauntes Ständchen gegeben. Gut. Wir müssen gehen. Es gibt genügend Orte, die auf uns warten. Und wir haben noch einiges zu erledigen. Hatte er das gesagt?

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Wie man es nimmt. Ein paar Monate später wurde ich vierzig und kurz danach verließ ich die Ehe. Es folgte über Jahre eine wilde emotionale Achterbahnfahrt, Höhen und Tiefen in Sachen Herzeleid, die man eigentlich in diesem Alter überwunden zu haben glaubte. Nein, weitere zehn Jahre dauerte es bis ich zur Ruhe kam. Und es hält an. Ein stabiles Azorenhoch in Sachen Liebe.

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Will ich mal wieder etwas Achterbahn fahren – oder war es doch eine Geisterbahn? – greife ich zu dem ein oder anderen Lied des Meisters.  Und da Dylan seit 2006 mehrere Kreativitätsschübe hatte und immer noch hat, gibt es sie nun mehr und mehr die Lieder des Alterns, die Lieder von der Fahrt über eine ruhige See. Wobei, bei ihm darf man sich nie sicher sein, ob nicht vielleicht doch Moby Dick vor dir auftaucht oder dein Boot auf Grund läuft. Never be too sure. Wir sind nur Menschen. Nicht immer die Hellsten. Also weitermachen. Das hilft. Gerade in Zeiten der Pandemie. It’s not over.

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Wie Dylan in Dresden seinen 59ten feierte, ich Gundis Geist nicht erkannte und die Marie sich vom Acker machte

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https://www.youtube.com/watch?v=n7-bAE3Qfsg

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Im Frühsommer 2000 arbeitete ich im damals noch recht neuem Osten in einem sehr obskuren freien „FAUST – Projekt“ mit. Financier war eine Schweizer Großbank. Ich spielte den Mephisto, genauer einen bei Tom Waits „Magic Bullets“ entlehnten Peg Leg. Untergebracht war ich in einen kleinen Ort im Süden von Leipzig. Die Regisseurin bewohnte dort mit ihren Pferden, vielen Katzen und ihrem Mann eine alte Fabrikantenvilla auf dem Gelände eines abgewickelten VEB. Schuhe wurden dort einst produziert. Vor dem zweiten Weltkrieg. Nach dem zweiten Weltkrieg. Nun nicht mehr. Die Wende halt. Wir probten in den Stallungen, die zu der Villa gehörten oder im Ratshauskeller des Ortes. Ansonsten saßen wir im großen Garten, grillten, kochten, machten Musik, tranken, quatschten und ich zog eine kleine kranke Katze groß. Und die Nachbarn schauten auch gerne mal vorbei. Oder luden uns zu ihren Dorffeierlichkeiten ein.

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N., der Mann der Regisseurin, war Schweizer, so um die fünfzig und immer noch ein bekennender Kiffer. Eines Tages hielt er mir die Leipziger Volkszeitung unter die Nase. „Hier, Dein Dylan spielt in Dresden in zwei Wochen.“ „Fährst Du mich hin? Ich lad‘ Dich ein!“  Auf der Hinfahrt rollte ich auf der Klappe des Handschuhfachs des alten Volvos einige Kräuterzigaretten für den Chauffeur. Das verlernt man nie. Wir erreichten die Freilichtbühne „Junge Garde“ beseelt. Es war N.‘s erster Bob live.

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Damals hatte sich Dylan wieder mal musikalisch in die „Grand Ole Opry“ begeben. Es niddelte, slidete, mandolinte und nashvillte vor sich, daß es eine Freude war. Ich mag diese Phase seines Schaffens sehr. Nach dem fünften Lied – Immer noch kein „Like a Rolling Stone“? Das macht den Laien ungeduldig! – fragte mich N.: „Warum ist der so unfreundlich? Der spricht gar nicht zu seinen Fans!“ „Erstens bin ich kein Fan, sondern verfolge sein Schaffen. Und zum zweiten sprechen seine Lieder!“ „Du bisch en genauso arroganter Sirch wie seller!“ „Ist das jetzt ein Kompliment? Halt die Gosch. I sollt jetzt lose! Und, häsch mir noch ä Ziggi?“

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Das schätze ich an Dylans Arbeit vor Publikum. Er schleudert den Menschen kein dämliches „Hämbörg, how are you?“ oder „Do you fell allright, Treysden?“ entgegen. Er singt, spielt seine Instrumente, atmet in die Harp ein und wieder aus, fertig. Ab und zu stellt er seine großartige Band vor. Selbst das unterlässt er gelegentlich. Man kann so unter vielen sehr schön allein sein. Nur zuhören sollte man. Muß man auch, weil auf jeder Tour eine leicht veränderte Stimme zu hören ist, neue Arrangements, veränderte Setlist. Oft überraschend, seltener ärgerlich. Und je kleiner die Bühne, desto mehr Freude an der Arbeit hat er. Die „Junge Garde“ war eine kleine Bühne. (Gibt es sie noch, frage ich mich eben.) Stimmt schon, so manches Dylan – Konzert ist von einer seltsam andächtigen Stimmung überlagert. „Gottesdienst, oder was?“ hörte ich so manchen lästern. Nun gut, warum nicht? Gott ist nicht die dümmste Erfindung der Menschheit. Wir reden nicht von der Kirche, Genossen!

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Das Konzert in Dresden war tatsächlich ein Gottesdienst. Viele – oft einsame Männer – in Dylans Alter im Publikum, eindeutig Bürger Ost, ergriffen, wissend um die Bedeutung, die die Lieder einst für sie hatten. Ich weiß von manchem Kollegen, was der Erwerb einer Originalpressung bedeutete, einst hinter dem antifaschistischen Schutzwall. Der Applaus zwischen den Songs war meist kurz und artig, fast gerührt. Irgendwann öffnete auch N. sein Herz für Herrn Zimmermann, packte der doch mit den letzten sieben Songs des Sets alles aus, was so Grundwissen sein sollte in Sachen „His Bobness“. (Ein grauenhafter Begriff, der sich irgendwann bei den Schreiberlingen nachplappernd eingebürgert hat. Einmal tippen wollte ich ihn aber doch. I got blisters on my fingers.) Am Schluß des Konzerts flogen Geburtstagsgeschenke auf die Bühne. Blumen. Bilder. Ein Billbox – Hat und ein mit Blumen geschmückter Rolling – Thunder – Borsalino. Dann geschah das „Unfassbare“. Dylan, von seiner Band an die Rampe geschoben, sprach zum ihn feiernden Publikum. „Thank you! I will remember this birthday for a while.“ N. und ich, wir umarmten uns. Kurz.

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Auf der neuen Autobahn Richtung Leipzig, eben hatte wir die Stadtgrenzen von Dresden passiert, überholten uns – N. fuhr nicht gerade langsam – zwei schwarze Busse. Beat the Street stand in fetten Lettern auf den Seiten der Geschosse. In dem einem saß der Chef, im anderen die Band. Die Rücklichter tauchten ein in die noch glühende Nacht und verschwanden, heading for another joint. „Bleibt dran! Gib Gas!“ „Häsch Du sie noch älle?“ Wir konnten ihnen nicht folgen.

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„Roll mir noch einen, dann zeig ich Dir mal was! Revanche!“, sagte N. und verließ die Autobahn. Nach einigen Kilometern auf alten DDR – Betonplatten stoppten wir am Rande eines noch aktiven Tagebaus. Nachtschicht. Aus dem gigantischen schwarzen Loch drang zu uns hinauf das Knirschen der sich in die Kohle wühlenden Schaufelradbagger, das Scheppern der Eimerkettenbagger, das Brummen der Großmuldenkipper, ein ständiges Summen und Grummeln, beleuchtete Wesenheiten aus einer anderen Welt kreuzten durch die Nacht. Fasziniert blickten wir hinab. Ein großes Schauspiel, befördert von unseren Räuschen. So gegen Mitternacht winkte ein kleiner Mann mit einer großen Brille, blonden strähnigen Haaren, die unter seinem Helm hervorzauselten, mir zu und rief: „Nu? Wie woar ern heute so, do Zimmermänn. Isch woar ja och mal sein Vormusikant!“ Ich dachte, was will der Kerl von mir. „Ich komme jetzt drei Sekunden zu dir raus, nur bleiben kann ich nicht!“, sang er daraufhin, um am Ende des Liedes in das Cockpit seines 293 zu klettern. „Wer bist du?“, schrie ich ins beleuchtete Dunkel da unten. „Maschinist für Tagebaugroßgeräte und Volkssänger!“ Das war seine Antwort. Falls ich mich recht erinnere. Was war das? Ich verstand kein Wort! Halluzinationen? Ich hatte doch nur gesoffen, mein Kompagnon hatte doch ausdauernd gekifft. Ich schüttelte mich und schnorrte noch eine Kippe von N., bevor der einschlief, öffnete die letzte Büchse Lübzer und wir fuhren heeme.

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Es war der Geist von Gundermann, der nach mir gerufen hatte. Ich benötigte 18 Jahre, um zu antworten. „Ja, Gundi. Er war gut der Zimmermann, damals in Dresd‘ne. Richtig, richtig gut. Und jetzt zu dir!“

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In jener Nacht schlief Marie mit dem Tambourmajor. Davon sollte ich ein paar Tage später erfahren. Franz weilte im Osten.

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PS 1: Für die Nobelpreisrede – Leonard Cohen bemerkte anläßlich der Verleihung kurz und knapp: „Für mich ist das in etwa so, als würde man ein Schild vor dem Mount Everest errichten, auf dem ‚höchster Berg der Welt‘ steht.“ – kann man sich gern die achtundzwanzig Minuten Zeit lassen. Der Text läuft unten mit. Ansonsten hoffe ich darauf nach dem Ende der Pandemie noch einmal den Meister live erleben zu dürfen. Ich gratuliere hiermit und höre weiterhin einfach zu.

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PS 2: Die Nachdichtung der Texte in den letzten zehn Tagen hat sehr viel Spaß gemacht und war erhellend. Vielleicht mache ich damit weiter. Etwa so: „Mein Dylan zum Sonntag.“  Oder : „Hallo, hier ist Ihr Monatsbob!“

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