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Herz in Tüten oder Neulich beim Kardiologen 3
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„Ich habe kein Herz mehr. Als ich noch lebte, sagten die Leute, ich hätte kein Herz, aber das stimmt nicht. (Er lacht, schwenkt einen durchsichtigen Beutel, darin ein blutendes Schweineherz) Heute ist mein Herz Erde und Wind …“
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Oben in der Wohnung, in der Küche sitzend, den vorläufigen Entlassungsbrief vor mir auf dem Küchentisch, meine Frau, erschöpft, erleichert, der frühe Arbeitsbeginn hatte sie ins Bett geschickt, versuche ich die ärztlichen Botschaften zu entschlüsseln, chancenlos und mir kommen, wie so oft, wenn ich oder wer anderes auf mein Herz zu sprechen kam oder kommt, nicht auf das heute untersuchte Pumporgan, sondern auf die Bedeutungen und Mutmaßungen, die ihm zugewiesen, der gelegentliche Vorwurf der Emphatielosigkeit schwang ab und an mit, wenn ich, gerne auch im Rahmen von Panikvermeidung, behauptete zu denken mit dem Hirn und dem Pumporgan andere Aufgaben zugewiesen zu haben, in solchen Situationen des Unwohlseins, kamen und kommen mir die obigen Zeilen aus dem Theatertext Speckhut, gewiß auch von Koketterie nicht unbeleckt, in den Sinn, der Beginn eines Monologes, eine meiner ersten und tief prägenden Erfahrungen im noch zu erlernenden Beruf, den ich immer noch nicht beherrsche und dieses auch nun gar nicht mehr muß, gehe also in dieser schlaflosen Nacht leise an den Rechner und lese nach, was ich in den Monaten der Pandemie, eine Zeit, deren Bewegungslosigkeit – manchmal wünsche ich mir diesen Zustand zurück – Erinnerungen aus ihren Verstecken, aus den Gedankenschränken mit den knarzend ungeölten Türen lockte, jene Momente aus dem Jahre 1982 auch, als wir im Vorhof tanzten und uns nichtsdestotrotz im hellerleuchteten Festsaal sahen, uns spürten, umarmten und anschrien, als seien wir Ewige, ich mit dem Herzensbeutel in der Hand, den Geist eines verfluchten Mörders gebend, das in der Tüte blutende Schweineherz begann bald heftigst zu stinken – nun denn, müssen dies nicht sogar die miesen Gegenden? – und nach der Premiere wurde deshalb das Schweineherz, trotz meiner lautstarken, tränenfeuchten Proteste gegen eine in Ketchup getränkte Kartoffel ausgetauscht, der Beginn einer sukzessiven Herzensdämmerung schien es mir, der um sich greifende Unwille den Gestank der Welt mit sich herum zu (er)tragen, die Suche nach Placebos, Plastikorganen, windschnittiges Gehabe, Getöse und viel zu große Gesten falschen Mitgefühls begannen meinen Alltag zu takten. Ich habe kein Herz mehr? Ich? Aber es sei noch da. Sagte zumindest der Arzt.
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In dieser Nacht oder am frühen Morgen gab es vor unserem Fenster nach hinten raus ein riesiges Geschrei. Die Krähen, die gerne in den Bäumen am Rande unseres Hinterhofs übernachten und wohl auch nisten, begrüßten den Tag besonders laut und hysterisch. Es klang wie eine riesige Saatkrähenschlägerei. Als es hell wurde, sah ich ein aus dem Nest gefallenes, geschubstes, verjagtes Krähenjunges im Hinterhof sitzen, voller Angst, es zitterte, platschnaß, es hatte ja die ganze Nacht geregnet, aber das kleine Viechlein ließ sich nicht verscheuchen. Ein blauäugiger, nasser Todesbote ante portas, genauer post portas, hält Wacht? War es nur die Übermüdung? Mir wurde es mulmig.
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Als wir damals Speckhut probten, bat der Regisseur jeden Mitwirkenden sich ein Tier auszusuchen, um das herum man seine Rolle körperlich, aber auch seelisch, sagen wir, drapieren sollte. Ich wählte einen schwarzblau glitzernden Rabenvogel, der auf einem kahlen Baum saß, um von dort oben das Elend der Welt zu betrachten und zu besingen. Damals war mir Bob Dylan noch fremd. Oder doch nicht?
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„XVII: Alles war unversehrt im Kloster und sah auch unversehrt aus. Nichts störte die innere Stille des Kondo, von draußen, von den vorhin entzündeten Stäbchen im Räucherbecken schlängelte sich langsam der duftende Rauch von Sandelholz herein. Der Buddha selbst, der einst aus einer teuren, nicht mehr als kindgroßen Kashi-Eiche geschnitzt worden war, stand reglos mitten auf dem Altar in einem besonderen Schutz bedeutenden, innen und außen reich vergoldeten Holzschrein, der hinten von einer dünnen Wand abgeschlossen, auf den drei anderen Seiten hingegen zu einem feinen Gitterwek geschnitzt war, damit etwas Licht hereinfalle und er ein wenig sichtbar sei und schließlich auch, damit er selbst Kenntnis erhalte von der Welt, falls von dort einer der Gläubigen einen Blick auf ihn zu werfen suchte. Er war unverrückbar und unveränderlich, genau seit tausend Jahren stand er auf demselben Punkt, auf seinem Platz, haargenau in der Mitte im überaus sicheren, vergoldeten Schrein, stand unerschütterlich, immer im selben Gewand, immer in der edelsten aller Haltungen erstarrt, und auch an der Stellung seines Kopfes, an seinem wundersamen, berühmten Blick hatte er in tausend Jahren nichts verändert. In seiner Traurigkeit war etwas herzergreifend Zartes, etwas unaussprechlich Erhabenes, und er hatte den Kopf aufs entschiedenste von der Welt abgewandt. Man sagte, er habe den Kopf abgewandt, weil er nach hinten blickte, nach hinten auf einen Mönch namens Eikan, dessen Rede so schön war, daß er, der Buddha, wissen wollte, wer da redete. Etwas ganz anderes war aber der Fall: Wer ihn auch nur einmal sah, wußte sofort: Er hatte diesen wundersamen Blick abgewandt, um nicht sehen, um nicht anschauen, um nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, was da auf drei Seiten um ihn herum lag: diese miese Welt!“
(aus: Laszlo Kraznahorkai / Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß) …..