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Ballade vom unschuldigen Handy, welches das Fliegen erlernen mußte
(frei nach Bertolt Brecht / Erinnerung an die Marie A.)
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1
In jener Nacht am See, die voller Hitze
Da lag ein Handy leise bis sehr stumm
Nur sacht berührt von einer Fingerspitze
Man war verschlafen, man nahm gar nichts krumm
Über dem Telefon da wölbte sich ein Himmel
Und voller Sterne glimmerte die Nacht
Am Nebentisch die Stimmen laut und lauter
Der See er raunte, habe besser acht
2
Seit jener Nacht und viele Tage später
Fragt sich das Handy, was plötzlich da geschah
Es lernte fliegen, hört Flüche und Gesänge
Und fühlte sich dem Tode ziemlich nah
Die fremde Hand war keine Fingerspitze
Die es ergriff so fest, man glaubt es nit
Die dunkle Luft strich über seinen Bildschirm
In seinem Hörer taumelte ein Lied
3
Und jenes Lied es wird es nie vergessen
Welch es durchdrang, als es zu Boden schlug
Es sang vom Hass der gräßlicher als häßlich
Von einem Fluch und niemals nie genug
Heut‘ liegt das Handy lebend vor der Seeschau
Unter Kastanien wellig tanzt der See
Die Fingerspitzen streicheln es ganz leise
Die Dämm’rung kommt und es tut kaum mehr weh
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(gießen / 21. Juley 2026)
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So! Jetzt habe ich mir die letzten Wochen, die mit einem – sagen wir – ‚argentinischen‘ Schlußakkord enden mußten (?), weitgehend aus den Klamotten geschrieben. Vielleicht noch eine kleine Ballade über einem Begriff inklusive Totschlagargument, der mich seit einiger Zeit verfolgt und in etwa so unvermeidlich ist wie Achtsamkeit, Quinoa oder Resilienz: Die Kröte Empathie? Oder besser doch den inneren Bodensee austrocknen lassen oder wie Halics in Kraznahorkais „Satanstango“ sagt: „Man muß sich schützen vor dem innerlichen Regen, der leicht verhängnisvoll wird.“ Ein Klagelied und ich gebe ab an Genosse Archibald Mahler. Der sendet ab dem Wochenende aus einer Anstalt. Hasta la vista, baby!
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Nachreim:
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Der gütige Gott des Umbruchs packt dich am Ärmel.
Das Licht von jenseits ist genauso stechend wie hier.
Wichtiger ist, wer dich hören kann und nicht, wen du gerufen hast.
Es gibt nur ein Motiv und eine Strecke.
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Siehst du das Kinderbild? Jemand hat sich große Mühe gegeben:
fröhliche Männer stehen da wie Gedichtzeilen.
Ein Mann hat ein dick nachgezogenes Herz, als sei es misslungen.
Was da nachgezogen ist, das ist die Seele.
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11.10.21
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(aus: Serhij Zhadan / Chronik des eigenen Atems / 50 und 1 Gedicht)
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