Zwesche Finsterbredd un Stenz / Teil 8

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Vincentiuskrankenhaus / Siebzig Jahre nach meiner Geburt / KN / Schottenplatz

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Im richtigen Moment die Brille abnehmen oder Neulich im Friedwald

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An den Rändern der Gräber sterben alte Feindschaften, Verwerfungen und Irrungen oder es wachsen neue Feindseligkeiten, Nachharkereien und Irritationen heran. Sagt man so. Oder ich eben grad jetzt. Letzte Woche starben alte Verklebungen. Sehr schön. Und unerwartet.

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So lange war ich seit Ewigkeiten nicht mehr in der alten Heimat. Kann das Wort Heimat seit ewiger Zeit sogar fast schmerzfrei hintippen. Der Tod kann auch ein Freund sein. Und wird dann profan. Ich halte die Eröffnungsniederschrift des Nachlassgerichts Konschtanz in meinen Händen.

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Eine Urne wurde neben einem Baum in die Erde gelassen. So macht man das heute. Ich hänge immer noch innerlich an einer schweren Eichenkiste an der vier starke Männer zu schleppen haben an meinen Überresten und an dem harten Aufprall der Erde auf dem Holzdeckel, der mich vielleicht nochmal zurückruft ins Leben. Hatte ich nicht noch was zu erledigen? Etwas vergessen?

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Auf dem täglichen Weg zu meiner trauernden und unfassbar tapferen Mutter kam ich stets an der ehemaligen, einst von Nonnen betriebenen, Klinik vorbei, in der ich das Licht und die Düsternis der Welt erblickte und die nun entkernt wird. Vom Wochenbett zur Eigentumswohnung. Man kann dort bald hochpreisig wohnen. Weia! Zeit zu gehen. Das Leben ist ein endliches. Wäre ich ein Schotte – die Klinik liegt am Schottenplatz – würde ich den neuen Mietern als Gespenst dermaßen und so was auf den Geist gehen. (Hier die Flüche einfügen.) Bis sie wieder ausziehen. Schreiend. Endlich endend. Ein Leben ist endlich. Man sollte nicht zu geil und geizig sein. Und wenn, es nicht zu ewig bleiben wollen müssen. Ach.

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Die Trauerfeierlichkeiten waren würdig, gelassen, schmerzlich und die badische Küche danach ein bisserl – nein: mehr als Seelenheiler. Man drehte darüber schon Filme. Nannte es dann Soulfood. Will man in Hessen sterben? Die könne weder Brezzele noch Spätzle. Maultäschle scho gar it!

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Mein Bruder hatte in der Waldkapelle gesprochen. Meine Schwester hatte alles organisiert. Ich hatte ein Gedicht beigesteuert. Es war gut so wie es war. Am Ende ließen wir Udo Lindenberg singen. Hinterm Horizont. Seitdem klicker ich mich von Udo zu Udo, der jetzt auch in einer Klinik liegt, Grenzgänger, der er stets war und denke: Er kann es einfach. Vom Wesentlichen singen. Und die Brille abnehmen. Wenn es zählt.

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Nachkippen oder der Tod ist leider ein Arsch und drückte mir wieder das Weinglas in die Hand:

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„Ich kann unmöglich um diese Uhrzeit schon schlafen gehen. Das würde die Frau neben mir nur in der Annahme bestärken, dass ich wieder oder immer noch total betrunken bin. Dabei fühle ich mich, abgesehen von der Müdigkeit, im Grunde fast nüchtern. Da ist diese bestimmte Art von Klarheit, die man anders, ohne Alkohol, gar nicht erreicht. (…) „Willst du Sopranos gucken?“ – „Von mir aus.“ – „Das ist eine ziemlich gute Serie, finde ich, irgendwie neu, in der Art und Weise, wie sie angelegt ist, von der ganzen Erzählhaltung her.“ – „Du schläfst ja doch ein.“ – „Ich kann dir genau sagen, was in der letzten Folge passiert ist.“ (…) „Geht doch ins Bett“, sagt die Frau. Dann lauter: „Es ist Quatsch, dass du hier sitzt.“ – „Ich schlafe gar nicht.“ – „Natürlich schläfst du.“

(Christoph Peters / Entzug)

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