Vor den verhängten Spiegeln das Schneiden von Grimassen üben

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We’ve got to fool the fools

We got to plan the plans

We got to rule the rules

We got to stand the stands

We got to fight the fight

We must fall the falls

We got to light the light

We got to call the calls

We must race the race

So we can face the face

We got to race the race

We must race the race

So we can face the face

Face the face

We got to face the face

(Pete Townsend)

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10 Uhr Nachrichten. Tankgutscheine her oder hin. Habeck bettelt in Katar um unseren Stoff. Weil unser alter Dealer durchknallt. Magath will Hart Härter Hertha retten und ist positiv. Keine Masken mehr. Oder doch und warum dann? „Nicht die Impfpflicht ist eine Zumutung, sondern keine Impfpflicht ist die Zumutung!“ Das ruft die jüngste Abgeordnete wütend ins Hohe Haus. Die Virustoten hier zu Lande? Stand heute: 126420! Schreibe:

Einhundertsechsundzwanzigtausendvierhundertundzwanzig.

Die Toten in der Ukraine sind nicht zu zählen. Die Toten, welche unser durchgeknallter Lebensstil weltweit produziert, noch nicht mal hochzurechnen. Ach ja! Man kann den Frühling schon richtig spüren. Oh welch Erkenntnis! Ist auch in jeder Nachrichtensendung dieser Tage tatsächlich mehrere Zeilen wert. Und die Sehnsucht nach den Helden, dem Heldentum in diesen Tagen. Ich verstehe das tiefe Bedürfnis endlich das gesamtgesellschaftliche Hotel Mama verlassen zu wollen – nun ja, wer es sich halt leisten konnte, dort ein Zimmer bezogen zu haben – um wieder ein richtiger Mann zu werden. Zumindest auf dem Sofa und von Genosse Putin beheizt. Kein deutscher Mann zwischen 18 und 60 dürfte das Land verlassen! Gelle! Auch nicht zum Kite – Surfen? Oder einfach nur zum Shoppen in Dubai? Nein, mein Lieber. Ja, aber ich bin doch geboostert! Junge, da verwechselst Du leider etwas.

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Man sollte weiterhin vorsichtig sein und halt ein bisserl langweilig bleiben. Held und Held ist leicht zu verwechseln. Deutschland und seine Ahnen haben, wenn, stets Angriffskriege geführt, nie Verteidigungskriege. Und schon gar nicht Freiheitskriege. Das haben andere für uns erledigt. Aber reden können wir. Das sollten wir tun. Und dann den vollen Rechnungsbetrag begleichen. Das Trinkgeld nicht vergessen. Und dann schweigen. Und wieder von vorne anfangen. Geduldig. Und die Brennpunkte und „Specials“ abschaffen. Ach, quatsch doch keine Opern. Wer spricht?

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Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.

Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun –
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,

und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot –
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

(Gottfried Benn)

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Und vor dem verhängten Spiegel Grimassen übend, frage ich mich, was ist denn nun ein Reden, was nur ein Quatschen?

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Das dunkle Lied vom verletzten Stolz statt von der Scham kennt keine Gnade

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Ehemaliger Grenzübergang Wartha – Herleshausen / 4. Oktober 2021

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„Der politischen Aussichtslosigkeit kann der Führer der Krimtataren, Refat Tschubarow, nur den Hinweis entgegenhalten, daß sein Volk bis jetzt noch immer alle Schläge überlebt habe. Denn realistisch ist es nicht, daß sich irgendwer auf der Welt für seine kleine Minderheit verwendet, die Ukrainer nicht, die wegen der Krim keinen zweiten Krieg gegen eine Großmacht führen werden, Europa schon gar nicht, das mit Rußland genug andere Konflikte hat, und Amerika … ach, Amerika war mal ein Traum.

Ich besuche Tschubarow in einer unscheinbaren Hinterhauswohnung, Geschäftsstelle eines Volks, wo er mehr melancholisch als empört die Schläge der letzten zweihundert Jahre aufzählt, Vertreibungen, Deportationen, Massenmorde, Verhaftungen, Landraub, Diskriminierungen, falsche Beschuldigungen, früher der Kollaboration, heute des religiösen Extremismus. Gerade hatte sich mit der Unabhängigkeit der Ukraine und der Rückkehr der Tataren aus der Verbannung eine Zukunft abgezeichnet, eine gesicherte, friedliche und freie Existenz, in der sie die Trümmer ihrer alten Kultur hätten sammeln und neu aufbauen können, da hat die russische Annexion der Krim sie erneut zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Immer habe sein Vater in Samarkand gesagt, fast wie ein Gebet: Wir werden heimkehren, wir werden heimkehren. Er kehrte heim auf die Krim und starb am 13. März 2014, als in den Straßen wieder russische Soldaten marschierten. Seine Mama – der Sechzigjährige benutzt dieses Wort: Mama – lebt noch in der Heimat, nur daß er sie nicht mehr besuchen kann.

„Stalin hat meine Eltern deportiert, Putin mir die Eltern genommen.“

Eine realistische Perspektive, wie die Krim wieder in die Ukraine zurückgeführt werden könnte, vermag Tschubarow nicht aufzuzeigen. Rußland müsse stärker unter Druck gesetzt werden, sagt er beinah verzweifelt, um selbst zu konstatieren, daß der deutsche Außenminister Steinmeier im Gegenteil die Sanktionen aufheben wolle, um Verhandlungen zu führen.

„Du gibst einem Erpresser alles, damit er mit dir in Verhandlungen tritt – worüber willst du dann noch verhandeln?“

Ob ihn der Pessimismus nicht niederdrücke, frage ich. Nein, sagt Tschubarow, nein, es gebe so viele Lösungsmöglichkeiten, man müsse nur in die Geschichte schauen.

„In der Geschichte?“ frage ich. „Das zwanzigste Jahrhundert ist doch voll von Vertreibungen, und kaum eine ist rückgängig gemacht worden. Im Gegenteil: Länder wie Polen, Deutschland, auch die Griechen oder Türken konnten ihren Frieden nur machen, weil sie sich mit den Vertreibungen abgefunden haben.“

„Ja, aber Deutschland hatte noch ein Land. Die deutsche Sprache, die deutsche Kultur war nicht vom Aussterben bedroht. Die Führer der großen Nationenhaben kein Gespür dafür, wie es für Minderheiten ist. Wenn wir verlieren, dann verlieren wir alles. Dann gibt es uns nicht mehr.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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Jeden Morgen trinke ich weiterhin meinen Tee aus einer Tasse, die mir zum Abschied damals in Sowetsk geschenkt wurde. Heute vergaß ich auch den Pin der Gesellschaft für Deutsch – Russische Freundschaft, der seit damals an einem meiner Jacketts heftet, vor dem Betreten der Fußgängerzone zu entfernen. Was ich schrieb vor 4 Jahren? (Eintrag vom 5. September unten) Die Ansage der Delegationsleitung damals: „Auf keinen Fall politische Themen anschneiden!“ Wir waren folgsam. Wir haben uns folgsam betrunken.

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1978 fiel der Stadt Hannover auf, daß der Führer noch Ehrenbürger ihrer Stadt war. Jetzt sind sie richtig schnell unterwegs. Die Stadt Gießen benötigte wiederum knappe 10 Jahre bis sie ihrem Bürger, dem Friedenspolitiker und Pazifist Horst Eberhard Richter diese Würde angedeihen lassen wollte.

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„Du kämpfst?“ frage ich erstaunt, weil ich mir einen wie Pavel, einen feinsinnigen Theatermann mit weicher Stimme, der Körperbau zart, so gar nicht als Krieger vorzustellen vermag.

„Ich habe mich als Reservist gemeldet. Irgendetwas muß man doch tun, wenn man auf dem Maidan war. Auch wenn man das in Kiew nicht merkt – wir haben nun einmal Krieg. Und abgesehen davon, ist die Miliz sehr interessant.“

„Warum?“

„Das sind Leute aus allen Schichten, mit denen hätte ich sonst nie etwas zu tun. Und es ist auch interessant zu erfahren, was eine Waffe mit dir macht. Das meine ich jetzt persönlich, aber das gilt natürlich ebenso fürs Land. Du fühlst dich nicht mehr so verletzlich.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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Und nun sollen alte sowjetische Flugabwehrwaffen aus Beständen der Volksarmee die russische Aggression zumindest stundenweise stoppen. Mehr kann das blanke deutsche Militär wohl nicht tun. Perversionen unserer Geschichte.

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Laß uns das Schälchen erheben,

die Koto anstimmen und

die Mondhelle preisen.

Dann erst fragen nach der morgigen Nacht,

ob es klar wird oder bedeckt,

denn – wer weiß das schon?

(Basho)

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First we take Manhattan, then we take Kiew? Oder: ab wann ist denn nun ein Flüchtling ein guter Flüchtling?

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Grenzlandmuseum Eichsfeld / 14. Juni 2019

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„Abends in Kiew dann die Rückkehr ins eigene Koordinatensystem. Vielleicht weil ich von Eindrücken schon entwöhnt bin – auch die Landschaft ist schließlich seit Vilnius nur eintönig und flach gewesen -, kommt mir das Nachtleben um so greller, anarchischer vor, die Restaurants und Bars bis auf die Bürgersteige gefüllt, die gutgekleideten jungen Menschen, die erkennbar vergnügungssüchtig sind, eine Stadt, die zugleich boomt und zerfällt, hier pittoresk heruntergekommene Altbauten, dort bereits Gentrifizierung, die jedes Leben aus den Gassen vertreibt, die Straßenbahnen noch aus dem kalten Krieg, wo in Minsk alles pikobello war, Schmutz auf den Straßen, der in Weißrußland nirgends lag, die Armut sichtbar und der Reichtum um so protziger ausgestellt. „Die in den SUVs sind ausnahmslos alle kriminell“, murmelt Sashko, wie der Fahrer heißt, aufgewachsen in einer Lemberger Künstlerfamilie, später Taxifahrer und Barmann in New York, heute Revolutionär und glühender Patriot. „Putin versteht nur die Faust“, sagt er, um im nächsten Satz die eigene Regierung zu verfluchen.

An den Gebäuden rings um den Maidan sind hier und dort noch Einschußlöcher zu erkennen, in der Mitte Photos der Märtyrer aufgestellt. Ansonsten ist der riesige Platz mit den sowjetischen Hochhäusern, der in den Nachrichtensendungen einen ganz falschen Eindruck vom historischen Stadtbild vermittelte, längst von der Freizeitgesellschaft zurückerobert worden. Touristen, Jugendliche, Familien mit Kindern, die gleichen Straßenkünstler wie in Krakau oder Barcelona, der ganze Tand, den man früher nur auf der Kirmes fand. Auf einigen Werbetafeln sind Soldaten zu sehen, die im Osten kämpfen. Der Krieg könnte nicht weiter weg sein.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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Beginnt die Freiheit, die wir die unsere nennen – beziehungsweise nennen lassen – eigentlich erst in Kabul oder doch schon in Kiew? Oder gar vor der eigenen Haustür? Im Dannenröder Forst? Sehr viele nehmen leider auf dem Weg von der Ohnmacht zur phantasierten Allmacht eine Abkürzung.

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„Konstantin ist Politikberater, war einmal für Serhij Taruta tätig, der zu den liberaleren Oligarchen gehört, und ist trotz seiner Weltläufigkeit stolzer ukrainischer Nationalist. Dabei hat er selbst keinen Tropfen ukrainisches Blut in den Adern, wie er ironisch vermerkt, wurde 1980 in Donezk geboren, der sowjetisch geprägten Industriestadt im Osten, wo heute die Separatisten herrschen, wuchs ohne Bezug zur ukrainischen Kultur auf, beherrschte die Sprache so gut wie nicht und ging zum Politikstudium nach Moskau. Als die Revolution ausbrach, stellten sich die meisten seiner Bekannten wie selbstverständlich auf die Seite der Regierung, die das Land nach Osten ausrichtete. Konstantin zögerte kurz. Dann flog er nach Kiew und marschierte mit auf dem Maidan. Warum?

„Weil die politischen Ideale meine eigenen waren: Freiheit, Demokratie, Europa.“

„Faschist“, beschimpfte ihn ein Freund, aber umgekehrt zögert Konstantin auch nicht, Putin mit Hitler gleichzusetzen, und führt Paralellen an. Inzwischen lernt er ukrainisch, und seine Kinder wachsen von Anfang an zweisprachig auf. Und was solle mit den vielen anderen Menschen geschehen, deren Eltern oder Großeltern innerhalb der Sowjetunion umgesiedelt worden sind, frage ich. Plötzlich fänden sie sich in einem Staat wieder, mit dem sie überhaupt nichts verbindet. Ja, sagt Konstantin, sicher sei das schwierig. Er verstehe auch seine Familie, die in Donezk geblieben ist: Sie hätten keine sonderlichen Sympathien für die Separatisten, doch seien sie alte Leute, konservativ, nicht willens ihre Heimat aufzugeben.

„Was ist dann also mit den Russen, die in der sowjetischen Zeit in die Ukraine gekommen sind?“ hake ich nach. „Man kann doch diese Leute nicht alle zwingen, die ukrainische Kultur anzunehmen.“

„Warum nicht?“ meint Konstantin: „Mindestens für ihre Kinder müssen sie entscheiden, ob sie Ukrainer oder Russen sein sollen.“

„Und was, wenn sie Russen bleiben wollen?“

„Das wird natürlich ein Problem sein.“

„Was für ein Problem? Werden sie dann vertrieben?“

„Nein. Aber wer unter dem Einfluß der russischen Propaganda steht, wird sich kaum in die Ukraine integrieren können.“

„Dann läuft es doch auf Vertreibung hinaus.“

„Nein. Nein. Aber man kann doch nicht alle Rechte eines Staates genießen und den Staat gleichzeitig ablehnen. Das würde nirgendwo auf der Welt gehen.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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… außer natürlich in Deutschland, denke ich beim Lesen des letzten Satzes. Hier gehört es quasi zum guten Ton in etlichen, auch gut bezahlten Diskursen, lechts wie rinks.

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Da haben wir fünf Jahre lang dauerempört und moraleregiert den Zeigefinger Richtung Washington ausgestreckt, von wo aus Chief „The Deal“ Orangehair die Erhöhung unseres Beitrages zur NATO – Finanzierung auf zwei Prozent einforderte. Tja, jetzt gehen sie – als einzige – ab: die Aktien der Rüstungsindustrie. Besser zu spät als zu früh. Oder? Ich mag nicht so recht ins eigene Koordinatensystem zurückkehren. Falls ich je eines hatte.

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Die Menschenwelt –

Ein Jammertal! Auch für den Mond:

Er verfinstert sich.

(Issa)

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Stell Dir vor 3 Wochen nach Ausbruch erführest Du durch einen Boten vom Ausbruch eines weiteren Krieges!

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Gedenkstätte „Point Alpha“ / 11. Oktober 2021

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„Aber was meinst du denn selbst?“ frage ich Andrej: „Wäre es gut, wenn Weißrußland zu Europa gehörte? Ich meine, wenn der Beitritt zur Europäischen Union eine Perspektive wäre?“

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortet Andrej. „Das Dorf wäre nicht vorbereitet. Das würde nicht langsam sterben, sondern sofort hinweggefegt. Weißt du, wir befinden uns an der Kreuzung unterschiedlicher Welten, das macht uns besonders. Der Sinn unserer Kultur ist, daß wir Westen und Osten sind. Wenn wir uns nur dem Westen zuwendeten, würden wir unsere Kultur zerstören. Ich stelle mir immer vor, wir hätten nach beiden Seiten einen Zaun, nach Westen und nach Osten. Aber einen ganz niedrigen Zaun, über den man leicht steigen kann.“

Ich sagte Andrej, daß es Menschen wie ihn brauche, die gewissermaßen übersetzen. Ohne ihn hätte ich, hätten nicht mal meine Begleiter aus Minsk einen Zugang zu dieser dörflichen Welt am Rande Europas gefunden. Selbst mit Dolmetscher hätte ich nicht einfach mit den Menschen sprechen können.

„Ja, aber man muß länger bleiben, wenn man verstehen will“, gibt er zu bedenken.

„Das stimmt“, antworte. „Aber manches versteht man auch erst, wenn man reist, nicht wenn man bleibt.“

„Kann sein“, sagt Andrej Horwarth, der wegen seiner Ziege immer nur für einen Tag verreisen kann.

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / LESEN!!!)

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Und wenn Putin nichts anderes ist als der böse Geist und die Fratze der Globalisierung? Seit zwei Jahren verabschieden wir uns Tag für Tag von vermeintlichen Gewißheiten. Muß man erstmal fressen. Meist zu spät. Aber dafür in einem Höllentempo.

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Dankbar dafür in beheizten Räumen solche Gedanken denken zu können und unbehelligt – außer von den Zumutungen eigener Fehleinschätzungen und / oder naiver Wunschgebilde – niederschreiben zu dürfen.

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Wir haben ihn beschrieben,

dann zweigeteilt – den Fächer

schmerzlichen Gedenkens …

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(Basho)

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In the Bordertowns of Despair / Zeitenwende (Mitfahrgelegenheit)

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Zeitenwende also!?! Wie darf ich mir das vorstellen? Ein inzwischen graumelierter 007, aber immer noch unbeleckt von gegenderten Zweifeln, der mit seinem – Zugeständnis an die Reise zurück in die Zukunft – hybriden Aston Martin durch die französischen Seealpen brettert auf der Jagd nach dem Großen Bösewicht. Er ist sich sicher seinen Gegenspieler (Feind?) vor sich herzujagen. Nur eine Frage der Zeit. Plötzlich kommt ihm dieser entgegen. Volles Tempo. Ausweichen wird der nicht. Natürlich ist die Straße zu eng für zwei, der Abgrund grüßt und die Kurven sind haarnadelig. Der Gegenspieler (alter Freund?) also schießt vorbei. Knapp ist das alles. Unser Agent, eben noch eingenickt, plötzlich hellwach. Powerslide. Handbremse anziehen. Gleichzeitig Vollgas. Lenkrad festhalten. 180 Grad. Zack. Richtungswechsel. Hinterher dem Hund. Wohin? Zurück? Unten im Hafen von Monte Carlo schlägt die Yacht noch gegen die Kaimauer, wo wir gestern gerne stets als Freunde? Wieviel Zeit nochmal auf der Rückseite der Goldenen Taschenuhr? War mal ein Geschenk!

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Zeitenwende also!?! Wie darf ich mir das vorstellen? Bis gestern schmurgelte das Omelett leise vor sich hin. Reduzierte Hitze in der Pfanne. Der Koch aber stand vor der Küchentüre, rauchte, telefonierte und kratzte sich gelegentlich am Genital. Plötzlich, ach plötzlich, aber Rauchschwaden aus der Küche. Der Koch stürzt zurück. Beschimpft den Kellner. Dieser habe wieder nicht aufgepasst. Verlernt hat man es nicht. Elegant – Salto rückwärts mit eingedrehter Schraube – fliegt der Pfannkuchen durch die Luft und landet satt ploppend in der überhitzten Pfanne. Das Rabenschwarze jetzt nach oben schauend. Rechtzeitig gewendet? Ist der Pfannkuchen noch genießbar? Egal. Verkauft und bezahlt war er schon länger.

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Zeitenwende also!?! Wie darf ich mir das vorstellen? Gundermann darf wieder baggern bis ans Ende aller Tagebauten? Freiburg hält in Sachen AKW Fessenheim einfach nachhaltig die Schnauze? Zusätzliche Panzerspuren auf unseren Autobahnen? Mitfahrgelegenheiten schaffen für Einsatzwaffen?

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Die Bettdecken wende beizeiten. Sprach der Narr zum König. Man liegt zu schnell im eigenen Duft.

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Zeitenwende also!?! Wie darf ich mir das vorstellen? In Kiew hat ein Heldenverleih aufgemacht. Wir bedienen uns. Wie hoch könnte die Zeche sein, die wir bezahlen mögen, wenn die Verbindungen gekappt sind und wir den Krieg nicht mehr im TV betrachten können? Hinter den sieben Bergen? Sondern ihn hören werden? Das Comeback des Molotowcocktails in neuen Zusammenhängen. Zeitenwende? Gute Leichen, schlechte Leichen?

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In the Bordertowns of Despair / Einwurf / Die Kraniche kehren wieder um

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Ich ergehe mich hier in neueren und steintoten Gefühlsscheitereien, beleuchte emotionale Niederlagen, wühle in alten Pappkartons und schiebe farbstichige Dias in den Projektor. Ante portas aber bellum vincit! Geht’s noch?

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Vorgestern ab 5.55 Uhr hat ein Faschist zurückgeschossen. Er möchte ein Land entnazifizieren. Ein waffenstarrender und dauerbeleidigter Mafioso will also ein benachbartes Land entmilitarisieren. Von einer drogensüchtigen Mischpoke befreien müsse er es auch noch, zetert er mit aufgedunsenem Medikamentengesicht in die Kamera. Europa empört sich. Da die Panzer unseres Landes aber noch nicht auf E – Mobilität umgerüstet sind, empfiehlt das Verteidigungsministerium den Bürgern von Kiew sich mit Sekundenkleber auf dem Maidan festzukleben. Im Kreml sei das Aceton ausgegangen. Habeck spricht aus, was alle denken. Wir können nicht helfen. Zynisch?

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Seit acht Jahren befindet sich der Osten der Ukraine im Bürgerkrieg auf Moskaus Geheiß. Ach ja, das ist ja kein Krieg. Betrifft uns nicht. Erst ab Brennpunktdringlichkeit schauen wir hin. Solange lassen wir das Gas einströmen. Man will es ja schon muckelig warm haben im mitteleuropäischen Winter. Man handelt stets den eigenen Verlust vermeidend. Gut, lügen wir uns nicht in die Tasche, unsere Gesellschaft befindet sich seit Jahren auf der Flucht ins bunte Land GEHTMICHNIXAN.

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Eben erwischte mich ein heftiger Schneeschauer. Kalter Ostwind. Ich lief einfach weiter. Die sorgenfreiesten Jahre meines Lebens durchlebte ich während des sogenannten Kalten Krieges. Dachte ich vor mich hin. Geht’s noch? Glaub schon. Mein Mantel suppte durch. Ich hörte Kraniche schreien. Ich konnte sie nicht sehen. Der Himmel riß auf. Unverschämt strahlendes Blau. Da waren sie. Die Kraniche. Sie flogen zurück. Gen Westen. Ihre Flugformation war wirr und zerrissen. Was hatten sie gesehen, dass sie zur Umkehr bewegte?

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Geht’s noch? Von den erkalteten Lieben schreiben in Zeiten des Krieges, der wahrscheinlich noch gar nicht begonnen hat? Und ob. Aus der Riege der Welterklärer und Deuter den ungeordneten Rückzug antreten? Gewiß. Ich zweifle mehr und mehr an der Lernfähigkeit unserer Art. Zuallererst an der eigenen. Vor allem an dieser. Was tun? Fliehen? Nur wohin? Fröhlicher Defätismus? Radikale Akzeptanz? Die bevorstehenden Verluste dabei einspeisen?  Auf alle Fälle.

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Die Welt ist seit gestern keine andere geworden, wie sie nun alle beteuern wollen. Nein, sie zeigt mal wieder ihr tatsächliches Antlitz. Als Entlohnung quasi gestern die erste Tagesschau seit Menschengedenken ohne das Virus. Keine Atempause: es geht voran. Zynisch?

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Musik der Gleichgültigkeit

Herz Zeit Luft Feuer Sand

der Ruhe Einsturz der Lieben

übertöne ihre Stimmen damit

ich mich nicht mehr

schweigen höre

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(Samuel Beckett)

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Nachbarskindern lauschen oder von der pfeilschnellen Überwindung des Turbokapitalismus und der Hoffnung

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Ich hatte schon mal Anfang Juni von den lieben Tobenden auf dem Nachbarsgrundstück geschrieben. Vor ein paar Tagen saß ich wieder unten im Hinterhof im milden Septembersommer, trank billigen Wein, wie stets ein bisserl zu viel davon. Also und nicht nur aber deshalb lauschte ich grinsend dem Getöse jenseits des Zaunes und war ordentlich erfreut.

„Die Bayern sind Scheiße!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“

„Die Bayern sind Scheiße. Die sind so was von Kacke!“

„Die haben 5:0 gewonnen!“

„Das ist es doch!“

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Die Kinder, die da drüben kicken, sind so plus minus 7 oder 10, die meisten Migranten und auch noch Mädels. Das volle Programm also. Sie geben sich gegenseitig Namen. Aishe ist Thomas Müller, Samra ist Lewandowski, Alia ist Marco Reus und Bassam ist ein Schiedsrichterwesen namens Steinhaus.

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Wir kickten einst auf dem Acker, auf einer Lichtung im Wald neben dem Friedhof, wo der Vater liegt, selten auf einem gepflegten Rasen. Ich war Emma. Der, der mich umsenste, nannte sich Horst Höttges und natürlich war da noch ein Franz, der uns alle nass machte. Der hieß Gernot. In echt.

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Die Lütten da drüben tun es immer noch. Den rollenden Ball in Rollen rollen lassen. Sind sie lauter als wir damals? Hoffentlich. Es wächst also was nach an Hoffnung. Frühkindliche Erkenntnisse arbeiten an der Überwindung des Turbokapitalismus. Ätsch! Oder vielleicht doch nicht ganz so unbedingt?

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Gestern kam meine liebste Gattin vom Wäscheaufhängen hoch und berichtete von folgendem Kurzdialog. Wieder zwei der wilden Mädels.

„Du willst immer nur Geld. An Weihnachten. Zum Geburtstag. Immer!“

„Ja und?“

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Die meine, glückliche und verwöhnte Generation fordert von den Nachfolgenden den Verzicht. Nach intensiver Lebensnutzung. Schon strange. Ich weiß immer noch nicht was ich wählen werde. Ich werde versuchen eine Entscheidung jenseits meines Bauchnabels zu finden. Aber die sind schwer in Ordnung da drüben. Die Mädels jenseits des Zaunes.

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Ein dreifaches Halleluja sei gesungen auf die Kraft der deutschen Jugend

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Die Sprache ist die, die man schreibt. So war das mal gewesen. Vielleicht. Die Sprache ist die, die man spricht. Teils, teils ist’s noch so. Eventuell. Die Sprache dieser Tage scheint die zu sein, die einem um die hilflosen Ohren und Augen gehauen wird. Gewiß. Es sei denn, man meidet öffentliche Plätze, verschrottet die Glotze, versenkt das Radio im nächst erreichbaren Gewässer. Leider sollte man auch etliche Printmedien – vor der Lektüre – nur noch zum Gemüse einwickeln nutzen. Tschüß FRAZ. Hallo FAZ.

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Gut, ein schön polarisierendes Duell Habeck versus Söder mag so nicht stattfinden. Lieber mögen sich alle in der Kuhle namens Mitte wohlig gestresst rumwälzen. So haben wir nun drei – wer hat da eigentlich das Copyright (Ricola natürlich, Du Sirch. Gruezi, dä Säzzer!) – TRIELLE. Oder Trielli? Wurst oder Salsiccia! Schlimm genug das schon. Samstagabend aber, in irgendeinem der komplett sinnfrei gewordenen – ich schau trotzdem – Strafräume der Liga stiegen zwei Undercutler nach einem Eckball hoch und ein Dritter rumpelte, wie die Faust des kleinen Boatengs ins Gesicht seiner Ex, in die sich in der Luft befindliche Zweiertruppe. Der Kommentator – die achtundvierzigste Kopie des mich schon damals nervenden Marcelo Überreif – schrie, die Hand am eigenen Glied, das neue Wort in meine Lautsprecher: ein Kopfballtriell! Ich wiederhole: DAS KOPFBALLTRIELL! Da wir, blöd wie wir sind, unsere Glotze eben auf Internetgucken aufgerüstet haben, steht der Empfänger immer noch gegenüber von unserem Sofa und schwimmt nicht lahnabwärts.

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1965 oder so mein erstes Spiel für den 1. FC Wollmatingen als Halbrechter. WM – System hieß das damals. Oben der Platz des Gegners. Getuntes Photo von diesem Sommer. Kunstrasen jetzt. Damals war das noch Ascheplatz. Ich war sehr engagiert und schoß gleich im ersten Spiel – 2:2 – den Ausgleich. Nach dem Spiel pickte meine Mutter dem Buben mit der Pinzette die Kiesel aus den Knien und Jod drauf. Ein schöner Schmerz ist das nach so einem wichtigen Tor. Wenige Hütten sollten folgen. Fünf Spiele später der Trainer: „Lugerth, Du bisch ein Schatte von Deinem Selbscht!“ Der erste Gegner hieß DJK Konstanz. Erst heute habe ich mal geguckelt, was DJK eigentlich heißt. Deutsche Jugendkraft. Weia. Deutsche Jugendkraft. Halleluja. Hät mr au wisse könne solle. Gegeüber vum Kickacker war‘s Kolpingheim. Ein Unentschieden gegen die Kirche erzielte ich also. Isch au heut noch so.

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Zurück zum Driell. Der Gute, die Böse, der Häßliche? Die Gute, der Böse, der Häßliche? Der Gute, der Böse, die Häßliche? Ich werde Eli Wallach wählen. Der gräbt wenigstens die Leiche der Mutti aus. Wenn auch unter Druck.

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It was twenty years ago today …

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… als nicht etwa Leutnant Pfeffer seiner Combo die Flötentöne beibrachte, sondern mein Telefon klingelte, eine Stimme mich – ja! – anschrie, ich solle sofort den Fernseher einschalten und zehn, hundert, tausendmal flog ein Flugzeug in den zweiten Turm. Die Abendprobe fiel aus.

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Ich lebte seit ein paar Wochen, da wo ich heute noch lebe, in einer noch nicht komplett renovierten Wohnung, zwischen Pappkarton und Gyros und der Tod hatte mich umzingelt. Die Stimme am Telefon gehörte zu meiner damaligen Liaison, wir beide schwer verwundet noch von fiesen Trennungen (Alle Trennungen sind fies! Schönen Gruß vom Säzzer!) und so auf eine nächste Trennung zustürmend. Die Frau war Pneumologin und begleitete in ihrer Klinik vor allem am Kaposi – Sarkom erkrankte HIV – Positive auf die andere Seite. An manchen Abenden half nur viel Wein.  In meiner Geburtsstadt lag mein Bruder auf der Intensivstation. Ein Arzt, der später freiwillig den Planet verlassen sollte, hatte ihm das Leben gerettet. Knapper als knapp. Hatte ich mehr als 24 Stunden probenfrei rauschte ich in den Süden. Ich sprach, als eine Art Familienältester, ein / zweimal mit diesem Arzt. Beeindruckende Persönlichkeit. In Flur der Klinik stehend rauchte jeder von uns in einer halben Stunde ein halbes Dutzend Gauloises bleu weg. Die Pneumologin tröstete mich mit den Worten: „Christian, das härteste für uns Ärzte sind die nahen Angehörigen und die Ungeduld!“

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Zu dieser Zeit spielte ich – meine erste Rolle hier – einen dem Tod geweihten alten Familientyrann, der die Hochzeit seiner Tochter mit einem Künstler und Freigeist mit allen Mittel verhindern wollte. Racine, der Vorgänger und Wegbereiter von Moliere hatte diese Geschichte verfasst. Der Regisseur kam aus dem Osten und ließ mich zu einem über Hundertjährigen, der über die Bühne humpelte, mit Krückstöcken um sich schlagend, schminken. So zwanzig Minuten war ich auf der Bühne, jedoch neunzig Minuten – manchmal sogar länger – in der Maske. Jedes Mal, blickte ich nach der Prozedur in den Spiegel, sah ich Dustin Hoffman am Anfang von „Little Big Man“ oder schlimmer noch, ich erblickte meinen Vater im offenen Sarg damals.

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Ich saß vor der Glotze, telefonierte, dieses sei doch einer jener spekulativen Weltuntergangsblockbuster mit denen Hollywood seit ein paar Jahren die Kinos dieser Welt penetriere, so das hilflose Gestammel. Die Stimmen der Kommentatoren, anfangs von fassungsloser Ungläubigkeit, wechselten binnen weniger Stunden in kieferknirschende Racheschwüre. Die Geburtsminuten von Guantanamo und Abu Ghraib. Das alte Prinzip eben, die Menschenverachtung mit der Menschenverachtung zu bekämpfen. Und die Vorbereitung einer weiteren schrecklichen Niederlage unserer Befreier. (Tja, der Blutzoll der Roten Armee wird gerne vergessen! Noch e‘ Grüßle vom Säzzer!) Man komme bloß nicht auf die Idee gegenzurechnen.

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Am nächsten Tag saßen wir schon um elf Uhr morgens im Burghof, direkt gegenüber vom Theater, damals Kantine, Debattierclub und Rettungsanker bis nachts um drei. Grazie, Maestro Parisi! E molto grazie Donna Parisi naturalamente! Axel, der Regisseur wollte hinschmeißen. „In diesen Zeiten kann ich doch keine Scheißkomödie auf die Bühne stellen!“ Wir waren erst ratlos, dann betrunken. Zuhause rief mich die Ärztin an. Ihr Chef schicke sie per Flugzeug in die USA. Ich weiß nicht mehr, was ich in den Hörer brüllte. Ein paar Tage später flog sie tatsächlich los. Die Premiere fand dann doch statt. Die Trennung folgte auf den Fuß. Mein Bruder überlebte.

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Ich weiß nicht, wer es erfunden hat. Vielleicht die frühen Italiener in San Gimingiano oder Bologna? Oder die Bewohner auf diesem wilden Finger des Peloponnes, der Mani? Um den Nachbarn, der gerne auch der Feind ist, zu beeindrucken und zu zeigen, wo der Hammer hängt, baut man den höchsten Turm im Dorf. Und die Antwort folgt sogleich, der Nachbar rüstet nach beziehungsweise auf. Ständerpolitik. Pimmelarchitektur. Karl Heinz Stockhausen – ach welcher Schrei der Empörung damals – hatte recht, als er davon sprach, was für eine wirkmächtige Inszenierung dieser Anschlag auf das großkotzige Symbol des Siegers der Geschichte vulgo Kapitalismus doch gewesen war. Er erschrak, kaum waren die Worte über seine Lippen gerutscht. Man kennt sie diese Reflexe. Es wird nicht gerne gesehen, wenn Du den Fluß überqueren willst. Die höchsten Türme der Menschheit bauen heute die alten Förderer der Piloten vom 11. September. (Danke dafür nicht 9 / 11 wiedergekäut zu haben. Der heute etwas geschwätzige Säzzer!) Deren einstige Förderer wiederum, es lebe die Vergeßlichkeit, waren die Erbauer der eingestürzten Türme. Davon berichtete schon Tolkien. Bände 3 & 4.

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Dem anderen den Krieg zu erklären, selbst in verständlichster Verzweiflung, zerstört letztlich Dich selbst. Dieses in die Wege zu leiten sei einem jeden gestattet. Aber die Strecke, die der Jäger nach der Genugtuung hinterlassen hat, sie ist immer eine viel zu lange. Da hilft auch kein Halali!

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Als Rio obiges Lied – meine Lieblingsstelle, wenn Rio ein Solo des Gitarristen mit einem herzhaften ‚Lanrue‘ einruft! – sang, regierte die sogenannte Heimstatt der Tapferen (Hähähä von wegen tapfer! Agent Orange und Drohnenkrieg! Etz halt ich die Gosch! Der Säzzer!) ein Sternenkrieger und Tarzandarsteller. Wir dachten, schlimmer geht es nicht. Das war aber erst der Anfang. Ronald MC Donald! Dig it, Stupid! Hinterher ist man meist nicht klüger, sondern macht einfach weiter. Die Rechnungen bezahlen eh die anderen. Davon gehen wir gerne aus. Schaun mer mal!

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Ach so, die Lichtgestalt hat heute Geburtstag und Herr Zimmermann veröffentlichte vor zwanzig Jahren sein Album „Liebe und Diebstahl!“ Sang von den brechenden Dämmen. New Orleans knows about it. Schon wieder.

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bagatelle 58 / spatz vom hindukusch

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eines morgens

ich hatte mit einer stumpfen rasierklinge

mein müdes gesicht gekratzt vom

badezimmerspiegel hielt eine tasse kaffee

klopfte ein spatz an mein küchenfenster

ich hatte ihm seit tagen keine brosamen

mehr auf das fensterbrett

gelegt schlecht gelaunt

schlurfte ich zum bäcker

auf dem gehsteig lag er tot

vom fenster zurückgeschleudert vor mein haus

der spatz

mit der kehrschaufel hob ich ihn

auf in der mülltonne lieg er nun

neben verschimmelten brotresten der letzten wochen

jahre

zu mehr war keine zeit

ich habe genug mit mir zu tun

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