„Was ich gern früher gewusst hätte.“ (Eine Kolumne im ZEIT – Magazin)

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Neil Young hatte nach „second song“ ein neues Video vernetzt. Schönes Erinnern wieder. An was und wen auch immer. Mit Gefööhl!! Aber nicht blind oder vom sich selbst beweinenden Auge benetzet, sondern eine Rücksicht inklusive Rücksichtsnahme, weil sie auf ein Kategorisieren verzichtet. Und den Zeigefinger. Lassen wir Milde walten.

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Fahre morgen mal wieder an der See. Werde dort mit ein paar alten Geistern rumgeistern, worauf ich mich freue, hoffe aber den Gespenstern aus dem Weg gehen zu dürfen. Das mentale Pfefferspray jedenfalls ist besorgt. Bedenken jedoch bleiben. Manche Karusselle haben irgendwann mal den Bremser erschossen. Blöd!

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Eben las ich, was der italienische Künstler Maurizio Cattelan in der hier oben zitierten Kolumne geantwortet hatte. Ähnlich angenehm wie NY’s Video. Klaue das mal in Teilen. Genehmigt ungenehmigt.

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„Hüte dich vor dir selbst.

Ich kam, ich sah, ich missverstand.

Wir sind alle limitierte Auflagen.

Wenn du lachst, bist du bereits Komplize.

Etwas fehlt? Lass es so.

Trau dem Sockel nicht.

Das Wunder ist, dass eigentlich nichts geschehen ist.

Das Ego stirbt nie. Es wechselt nur sein Outfit.

Ich glaube nur an zerbrochene Ikonen.

Alle beten. Niemand hört zu.

Hinterlasse keine Spur. Hinterlasse einen Riss.

Ich wollte nie Künstler sein. Ich wollte frei sein.“

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(alle Zitate Auszüge aus Maurizio Cattelans Werk „BEWARE OF YOURSELF“)

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Mille Grazie, Signore Cattelan. A presto!

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„So I’ll remove the cause … hmm … hmm … hmm … but not the symptom!“

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Keine Premierenfeier oder sonst wie notwendige Zusammenkunft inklusive Körperschütteln ohne dieses Lied. Einst. Köln. Schauspielschule. Erste Engagements. Shivering with anti …. zipation. Heten, Frauen, Schwule und die anderen 27 Sexes versuchten sich in Tim Curry-Interpretationen. Stell Dir einen roten Teppich vor! Augenbraue hochziehen, manchmal Jaggers Hasenpfote in der Hose, erinnere mich sogar an ein Kölschglas an dieser Stelle, Buben durften Highheels antesten, die schwachen Bänder und Sehnen mißachtend. Es war ein Heiden(sic!)spaß. Seltsam unschuldig und sehr heiter. Urteilen wir morgen. Oder wenn das Buch in Gänze gelesen!

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Denke auch im Rückblick auf diesen fürchterlichen, hoffentlich bald enden mögenden, Sommer 2026, da ich im Gegensatz zu Frau Cpunkt Wahl das Schwimmen nicht als Möglichkeit von Erkenntnisgewinn in Betracht ziehen kann und mag, obwohl oder halt deswegen, da ich an einem See aufwuchs, vielleicht hätte ich auch in den Flüßen, Bächen und Tümpeln meiner jungen Jahre, in all meinen Lebensgewässern also, mehr Hungersteine hinterlassen sollen. Müssen gar? Wenn sich die Lebenswasser zurückziehen und so einiges trockenfällt, bleibt man gemahnt. Warte nicht auf bess’re Zeiten! Hätte man sich so sorgfältiger auf die unvermeidlichen anstehenden Brühe – sprich: Identitätsbruch – (Hallo! Lassen Sie diesen Vertipper – Brühe statt Brüche – bitte stehen. Selten gelang Ihnen in den letzten Tagen Sinnigeres. Gelle und so: Der Säzzer!) … also sich auf die unvermeidlich anstehenden Brüche einstimmen sollen? Zurück nach Gießen! Warte nicht auf bess’re Zeiten?

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„Könnte man Gott sehen, wäre man um keinen Deut weiter. Der Mensch ist eindeutig jenes Ding, das nichts um einen Deut weiterbringt.“

(Georgos Perros / Klebebilder)

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It was 30 years ago today, als der König von Deutschland sich zurückgezogen

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Technische Einrichtung / König von Deutschland / Stadttheater Gießen / 2016

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Nichts gegen Udo LPunkt und sein musikalisches, oft berührendes, in den letzten Wochen ordentlich abgefeiertes Deutschtextgenöhle. Aber: wer hats erfunden? Die beiden Ralphe, die sich trafen einst in Hessen, haben es erfunden. Ralph Christian Möbius. Und sein kongenialer Kompagnon Ralph Peter Steitz. Die wesentlichen Riffs von Keith Richards in den Fingern von Lanrue und Rio Reisers wütend melancholische Kampfliebesliederworte in eine hirn- und herzberührende Form zu gießen. Das war neu. Auch mal zu Gießen. Siehe oben. Die Einfügung gereimter Intelligenz in deutsche, nun auch rockende Musik. Zehn Jahre nachdem Herr Zimmermann dies jenseits des Atlantiks geleistet hatte. Also diese sinnstiftende Entdeckung, daß Hirn und Herz sich nicht ausschließen müssen. Die Einkehr des Intellekts ins Singen met Gefööhl. Und beide Ralphe sind später dann, aus verschiedenen Richtungen anreisend, mit fliegenden Segeln in die großen Häfen des Scheiterns eingelaufen. Jedoch klagefrei. Sehr sympathisch.

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Wer sich ein wenig Zeit nehmen mag: mein eigentlich liebstes Livekonzert. Kurz vor dem Mauerfall. Wer weniger Zeit hat: hier das Lied, welches die Genossen damals rausschnitten aus obiger Übertragung. Das Ausgeträumte und die Reaktion des Volkes. Kein sich als Sonderzügler mit Fläschchen Cognac und Lederjäckle an die Macht Rangewanze halt. Wir haben dieses rausgeschnittene Lied einst zu Gießen ins Zentrum des Abends gesetzt.

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Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist niiiiiicht.

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Was ich an diesen Musikern – nun, verzeihen Sie mir das folgende Wort – bewunderte und noch es tu, war deren steter Mut. Wer sich nicht in Gefahr begibt und so weiter und dann fort. Eines der letzten Lieder der Gefährten.

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It was 49 years ago the other day, when the king has left the building finally

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Party mit Hut / Elvis sein Geburtstag / Gießen / 7. Januar / 2010? / 2011? /2012?

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Ich erinnere mich, weiß aber nicht mehr wie und wann genau, was nunmal Wesen oder Wesentlichkeit des Erinnerns ist, entgegen anderer Be- oder soll man sagen Enthauptungen, aber da war was, was mir gestern, als wir von Braunfels, anläßlich des Todestages von Elvis spielte im Schloßpark in der Konzertmuschel, welch ein angemessener Ort für die lauschende Klientel, eine sehr kompetente Amateurband aus der Region, angemessen gekleidet in memoriam der „Rückkehr“ der Hüfte (Pelvis! Gelle! Hüfte und Braunfels!) im Jahre 1968, ins Erinnern ploppte, als wir so nach Hause fuhren. Und die liebste Gattin ständig ihr Lieblingslied vor sich hin summte.

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Elvis Presley ist mir ein paarmal beruflich über den Weg gelaufen. Mitte der Achtziger (Ach so liebes Gießelein! Was für ein hochnotpeinliches Stadtfestwochenende war das denn? Verzeihung! Nur ein kleiner Touretteeinschub!) spielte ich in Düsseldorf mit meiner damaligen Freundin „Burning Love“ von Fitzgerald Kusz. Ein kleiner Prolet und Motorradschrauber liebt den King und träumt von einer Kawasaki 750 und davon einmal nach Graceland zu pilgern. Seine Liebste arbeitet im Vorzimmer einer Behörde. Eine Aufstiegsgarantie war das damals noch. Geht aber nicht gut aus die Geschichte. Der Regisseur war ein überzeugter Presleyianer und überreichte mir, das Grundstudium zu absolvieren, zwei Musikkassetten mit der Mucke des essentiellen Meisters. In unserer Südstadtkneipe zu Kölle reichte ich die zwei Teile über den Tresen. Eine lange, recht verknutscht und freudig trunkene Nacht war die Konsequenz. Ich war platt, was der Mann mit seiner Musik noch immer auslösen konnte.

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Jahre später, nun in Gießen, hat ein wunderbarer Kollege, Antonio Lallo, Verehrer, Maniac, einen kleinen Abend in Sachen König der Hüfte im damaligem TiL zusammengebastelt. Ich, damals noch aufstrebender Jung-(45!)-regisseur, hab mal – heißt so – draufgeguckt. Ein Jahr später ging Toni nach Oberhausen und es sollte zwecks Neueröffnung des dortigen Studios ein richtiger „Abend“ werden aus der kleinen szenischen Lesung mit karaokischer Musik. Haben wir verantwortungsvoll gerockt und ich durfte als ein dürrer Colonel Parker am Ende des Abends die legendären Worte „Elvis has left the building. Have a save drive home!“ sprechen.

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1977 trampte ich – erinnert sich wer noch an diese orangenen Rucksäcke mit Gestell? – mit meiner damaligen Liebsten durch Irland. Freundlichkeit ohne Ende. Mal protestantisch. Dann katholisch. The problem is here. Or over there? Eins, zwei, drei. Du mußt Dich entscheiden. Oder es einfach aushalten. Eines Morgens aber. Wie auch immer. Einsteigen. Den Dialog annehmen. Als Smalltalkneuling, der man stets bleibt in Fortbildung.

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„Good Morning! Thanks for givin‘ us a ride. It’s a nice day. Is’nt it?“

„Fellows! This ain’t no nice day!“

„The sun is shining after three days of heavy rain! So what?“

„He’s dead. The King is dead! There cannot be nice days anymore!“

„Don’t get me wrong. Is’nt he a she? The queen is dead?“

„Hey you guys! I’m talking about the one and only King. About the REAL King!“

„OK! I’ll try to understand. I see you weeping.“

„The King is dead! But never forgotten!“

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Dann schob der Mann, der uns nach Galway mitnehmen wollte und es auch tat, eine MC in den Player. Ein wunderbares Kreuz wie Quer durch das durchaus ambivalente Schaffen von Elvis. Großartiges und auch die Songs aus den Movies. Ich hatte als Bube die seltsamen Filme mit Elvis in den Hauptverirrungen gerne geschaut. Ein Jahr später sollte auch ich raus aus dem Städtele. Erst nach Freiburg. Dann gen North Carolina. Dann Kölle. Das Puppenspiel zu erlernen. Den Vorwürfen aber enteilt ein Abreisender nie.

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„Allein machen sie Dich ein!“ (TSS)

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Der- oder diejenige wäre heute so und so alt geworden. Einlassungen dieser Art wollte ich hier eigentlich ab sofort vermeiden. Beginne ich also die mir selbst verordnete Regeländerung mit einer Ausnahme. Einer noch. Einer.

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Wer fünfzig Minuten Zeit hat sich im Netz zu versenken – mit lieben Grüßen an die Rentner und anderweitig Gelangweilten, die hier ab und zu reinschauen – diese Dokumentation ist sehr empfehlenswert. Best of quasi.

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Das neue Jahr begann so, daß ich kurz meinte mich davor fürchten zu müssen. Es steht an eine 50Jahresfeier in Sachen Hochschulreife unten am Bodensee. Im Vorfeld trudeln Mails eines Klassenkameraden ein. Warum ich AfD wählen müsse und wenn nicht, solle ich ihm das erklären. Weia! Das ist wohl erst der Anfang. Raus aus dem Netz? Klassen? Treffen? Meinte dies Rio Reiser, als er davon sprach, sich nicht zensieren zu können? Eher nicht?

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Noch ein letztes Zitat – auch die werden hier ab morgen rausfliegen – weil es so schön passt zu einem schmerzlichen, aber nötigen Abschied am Ende des letzten Jahres. Nicht mehr Robert Zimmermann singen in Gießen. Nee.

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„Bei Rockmusik geht es um Ekstase und Wut und nicht um Timing und Virtuosität!“ (Rio Reiser)

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Demnächst hier Nachrichten aus dem Nachlösewagen. Ein letztes Video.

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“It’s a sad and beautiful world.” (Zack)

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An der Lahn bei Naunheim / Lockdown / Mai 2020

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Im Jahre 1986 fiel im Gefolge von Jim Jarmushs “Down by law” Tom Waits, mit gehöriger Verzögerung, auch in Deutschland in die geneigten Ohren. Zu dieser Zeit pendelte ich zwischen Köln, Düsseldorf, St. Gallen, Münster und Basel jungschauspielernd. Viele Nächte in stets pünktlichen Zügen verdöst. Und egal wo ich ausstieg, in den Wohnungen oder Kneipen, lief die 80er Jahre Trilogie Swordfishtrombones, Rain Dogs und Frank Wild Years in Heavy Rotation. Und überall erzählte man sich die Mär vom trinkenden, einsamen Streuner aus LA. Dabei hatte der 1980 seine Frau Kathleen Brennan kennengelernt und den Whiskey in die Ecke gestellt. The Piano wasn’t drinking anymore.

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In Köln aber feiert bis 1993 Gerd Köster und das Klavier dat immer noch jesoffe hätt, den Barden mit dem kleinen Hut. Der kleine Hut blieb mir irgendwann.

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Die Welt war traurig und wunderschön. Damals. Schon immer. Und blieb sie auch dann fürderhin. Mal so oder eben so.

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 Roberto: It is a sad and beautiful world!

 Zack: Yeah, it’s a sad and beautiful world, pal. Eh, buzz off.

 Roberto: Ah, thank you! Buzz off-a to you, too.

 Zack: Buzz off!

Roberto: Ah, buzz off. Buzz off? Buzz off? It’s – it’s a sad and beautiful world. Buzz off. [writes it  down in a pocket notebook]

Roberto: Buzz – off. Good evening, buzz off to everybody. Oh, thank you. Buzz off to you too. Oh, it’s a pleasure. Thank you.

 Zack: [takes a swig of beer, starts singing] O-we, now, now, it’s a sad and beautiful world, It’s a sad and beautiful world, It’s a sad and beautiful world, It’s a sad and beautiful world …

(Dialog / Down by law / Roberto Benigni / Tom Waits)

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Heute wird er 75 Jahre alt der Mann, den ich in den letzten Jahren etwas aus den Augen und Ohren verloren habe. Bereiten wir ihm zu Ehren einen Hasen zu. An den alten Lagerfeuern. And then we all scream-a for icecream-a.

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„Ich hoffe bloß, ich lerne jemanden kennen, der mich so liebt, wie ich sein möchte!“ (Sven Glückspilz zu Hägar)

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Fahrweg / Ehemalige Grenze zwischen der DDR und Tschechien / Juni 2020

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Das ist ein Nachruf. Sentimental. Früher und von dem noch früherem Früher schreibend. Voller nebliger – oder sagt man nebulöser ? – Erinnerungen. Inklusive noch heute spürbar entspannter Kopfschmerzen.

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Las gestern die Todesanzeige von Carmelo Parise, dem unvergessenen Padrone des Burghof zu Gießen. Auf dem Weg ins Trübe fallen links und rechts tagtäglich die alten Haltepunkte, Anker und Kurzzeitheimaten in den Orkus. Unvermeidlich. Nicht darüber jammern. Davon erzählen.

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2001 kam ich nach Gießen. Eine fürchterlich zermürbende Trennung zwischen Köln, Mainz und Wiesbaden war der Anlaß. Ich saß in Mainz in einem Nachtlokal mit dem designierten Schauspielchef des hiesigen Stadttheaters. Getränke. Viele. Willst Du mit nach Gießen? Kann ich mit nach Gießen? Weiß nicht mehr. Was tun? Ich stieg kurz darauf hier aus dem Zug, gespaltenes Herzelein, sprach noch was vor, pro forma und ging dann in den Wienerwald ein paar Häuser weiter! Verträge wurden gemacht. Wochen später saß ich Rotz und Wasser heulend im Botanischen Garten. Pures Entsetzen in solch einem auf mehreren Ebenen wüst verwüsteten Ort landen zu müssen. Ich rief die Gegangene an und brüllte entgrenzt ins besoffene Telefon: „Du bist schuld, daß ich jetzt ein Hesse bin!“ Dann machte ich über Jahre hinweg meinen Frieden. Gelang mir gar. Gelegentlich.

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Der Friedensstifter der ersten Stunden und Monate war der Burghof. Endlich Probenende. Nur die Schulstrasse, in der ich eben auch eine Wohnung bezogen hatte, überqueren. Buena sera. Und dann bis drei Uhr morgens gerne. Auch wenn um 10 Uhr am nächsten Morgen die Probebühne rief. War nicht weiter schlimm, da meist das halbe bis vollständige Ensemble plus Regie, Chef und anderen Abteilungen zugegen war. Hart im Nehmen gegen sich selbst. Wüste Diskussionen. Herrlich sinnfreie Dispute. Beleidigte Bühnenwürste. Pathos. Tränen. Ich reise ab. Ganz schlechte Witze. Die letzte Schnapsrunde des ältesten Kollegen. Pflichtprogramm. Padrone Parise aus den Rippen geleiert. Donna Filomena senkte dann den Daumen. Ich weiß, sentimentaler Scheiß, war aber ab und an so. Genauso.

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Eines der ersten Erlebnisse. Jener 11. September. Eine Abendprobe ist komplett unmöglich. Geschlossen in den Burghof. Unter Schock. Wir arbeiteten an einer Komödie. Der Regisseur, von dem ich einiges für meine späteren Arbeiten übernommen hatte, sagte unvergessen: „Wie kann man in solchen Zeiten Komödien inszenieren?“ Oder ein anderer Lehrmeister und Regisseur der ersten Tage unterbrach – starker Raucher – die Probe. „Ach! Wir hauen uns doch nur Binsen um die Ohren! Wechseln wir die Straßenseite!“ Das konnte dann schon auch mal 12 Uhr mittags gewesen sein. Manchmal gelang es dann sogar gar im sanften Tagesdrümmeln einen Ausweg aus einer festgefahrenen Probensituation zu finden. Das alte (weiße?) Erinnerungsrauschen. Ich weiß. Aber frei von den unnötigen Seminaren.

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Es gab damals die sogenannte Feierpolizei. Ein, zwei Kollegen an vorderster Front waren meist dabei und der damalige Schauspielchef. Gelegentlich griff mich doch die Verantwortung oder die Textmenge des nächsten Tages am Schlafittchen und man stand früher auf vom Tisch oder mied gar die Überquerung der Straße. Heute nur mal! Prompt darauf: „Aha! Man schwächelt!“ Ab und an standen nach Toresschluss ein paar Hartgesottene unter meinem Balkon in der Schulstrasse. „Lugi? Ab ins Domizil!“

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Epilog. Ich mochte das Gießen von vor 23 Jahren, obwohl anfangs recht verzweifelt, lieber. Viel lieber. Weniger Schminke. Weniger Großmann- und Großfrausucht. Leerer. Einsamer. Mehr eigenen Charakter besitzend. Keine Events. Dafür Begegnungen. Und am Sonntag die leeren Strassen. Dann blätterte ich die Seiten vor der Todesanzeige um. Lese Zeitungen gerne von hinten her. Aha? Ein Professor der THM – eine Zeitlang mein Nachbar – will Gießen beleben. Da gehe doch noch was. Ja wo laufen sie denn? Weia!

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Mille Grazie Carmelo Parise! Sincere condoglianze, cara Donna Filomena!

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Dr Prinz säät Tschö, ävver he iss nit fott! Oder warum Poldi nach Gießen kütt!

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Eine mystische Begegnung unlängst in der Schulstrasse zu Gießen / 10. Oktober 2024

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Da lief ich also dieser Tage die Schulstrasse runter, die Straße in der ich meine erste Wohnung hier bezogen hatte. Und dr Prinz grüßte mich, jener Prinz der ordentlich Mitverantwortung dafür trägt, daß ich in dieser Stadtsimulation namens Gießen immer noch lebe. Jetzt kütt er also mal vorbei nach bald zwanzig Jahren. Will er nach dem Rechten schauen?

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Remember the legendary Summer of TwoOOSix! Er startete durch mit einem verzweifelten Flankenlauf eines der ersten stärker pigmentierten Nationalkicker und ein Schweizer rettete daraufhin die nächsten Wochen und Polen hatte mal wieder verloren. Es war der 14. Juni, der Geburtstag meiner jetzigen Gattin, was ich damals natürlich noch nicht wußte, da ich mich eben über eine ausgelassene polnische Chance laut geärgert hatte und der Nebentisch mich als – dies ist nicht gelogen – „Vaterlandsverräter“ beschimpfte. Ab diesen Abend wurde schwarzrotgold aufgewimpelt. Schland ward wieder auferstanden. Die AfD noch nicht gegründet.

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Ich wußte in den überhitzten Tagen nur: ich mußte das Stadttheater Gießen verlassen. Ich war Ensemblesprecher gewesen, Großmaul und unbequem. Das ist in DDR-affinen Gebilden, auch wenn sie von einer Dame aus der Schweiz geleitet werden, nicht gerne gesehen. Ich spielte meine letzten Vorstellungen. Im Menschenfeind war ich so eine Art von Molierepunk. Szenenappläuse. Abgänge abfeiern. Und WM gucken. Dann Bier trinken.

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Am 24.6. – dies wiederum der Geburtstag meiner Mutter – saß ich früh nachmittags u.a. mit meiner wunderbaren Kollegin Petra Soltau und der gesamten Abteilung Tanz im Türmchen. 30 Grad. Am Nebentisch oberkörperfreie Engländer. Verbrüderungsszenen. Petra ist mit einem Briten verheiratet. Keine 15 Minuten gekickt und unser aller Prinz hat den Schweden zwei Hütten ins Billy-Regal genagelt. Euphorie. Die Engländer immer freigiebiger und die Hirne wurden angenehm weich. Abpfiff. Vor dem Lokal hockte der Polsterer des Stadttheaters, neben ihm eine Frau. Eine wunderbare Frau. Abtasten. Vage Verabredungen. Ich mußte nochmal ins Theater. Danach mit ihr in einer anderen Kneipe Fußball geguckt. Mexiko gegen Argentinien. Der Rest ist Geschichte und seit jenem Tag auch Alltag.

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Kurzer Einschub in Sachen zweite Karriere nach der Pöhlerei. Zahnleiste Kloppo? Der düst und düst jetzt im Brauseschritt und kann fliegen. Nun gut.

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Zurück. Dr Prinz iss also Schuld. Jetzt will er irgendwann in der Schulstrasse Schabefleisch verkaufen lassen. Genau das hat der Kulturmetropole ja noch gefehlt. Mehr Döner macht Gießen noch schöner. Die Stadtreinigung bleibt weiter heiter. Ich freue mich, daß er kütt: Dr Prinz. Statt der Zahnleiste.

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Der Sohn unserer Nachbarn heißt Leopold. Ein kleines, charmantes, aber kokettes Monster, der seine Mutter am Nasenring durch seine Kindheit führt. Sie ruft ihn gerne Poldi. Ich mag den Bengel. Noch enne Prinz he.

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Heute Abend verabschiedet sich dr Prinz von Kölle um zurückzukehren.

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PS: Dieser Beitrag wurde nicht unter der Mitwirkung von KI erstellt. Es war ein Lauffener Schwarzriesling. Morgen werde ich ein 68er. Die Contenance schläft.

„Ich bin nur ’n armer Hund, aber bin ich wirklich von der Leine los?“ (‚Gundi‘)

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Irgendwo in Thüringen / Früh los in den Nebel hinein / Später Sonne / 9. Oktober 2021

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Und Lots Weib drückte die Taste FORWARD

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Und da die einen den Hals verdreht

Auf der alten Schaukel schwingen zurück

Höher das geht doch noch höher

Angefeuert und unterlegt mit einem Beat aus dem geplünderten

Plattenschrank älterer Geschwister

Und jetzt spring spring doch du du

Feigling ist mancher vor jeglicher Zuversicht

Das unendbare Kobaltblau jenes einen Sommers

Beschreien wollend

Dem ewigen Pflaumenbaum nachschmecken

Unter dem der eingeschlafene Hund jaulend den Blues

Halte mich noch einmal so

Wie du mich niemals

Aber ich es doch erinnere

Da dann holt Lots Weib

Eine erfahrene Braut etlicher Sehnsüchte

Ihren Kassettenrekorder aus der Umhängetasche

Den sie unablässig besprochen von den Stunden einst

In Sodom und Gomera

Und drückte fast entschlossen

Die Taste VORWÄRTS

Geht ab

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(gießen / heute / es regnet und regnet und regnet / erkältet / nachsinnen / gefährdete tage sind solche tage / in den gassen trifft man auf die klageweiber)

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„Das Gesicht eines Menschen lügt nicht; es ist die einzige Landkarte, auf der alle Regionen verzeichnet sind, die wir einmal bewohnt haben.“ (Luis Sepúlveda)

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Konstanz / Im März 2022

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In den letzten Tagen konnte man relativ gehaltvoll in die Glotze gucken. Herrhausen. Kati Witt. Auf Wiedersehen, Genosse Lenin. Und. Und. Und.

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Beeindruckend aber und selten solch eine Qualität gesehen in diesen Tagen: die Verfilmung von Christian Barons Roman „Ein Mann seiner Klasse“.

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Ich durfte Christian Baron vor zwei Jahren kurz kennenlernen. Ich hatte, kurzzeitig Lokalbetrachter, über seine Lesung zu berichten. Danach ein Bier getrunken in geselliger Runde. Später hier im Blog noch was nachbereitet.

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Man versieht Filme heute gerne öfters mit „Triggerwarnungen“. Eine Retraumatisierung scheint ständig ‚ante portas‘ zu lauern. Loriot? ‚Pappa‘?

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Vergleiche sind vermintes Gelände. Dennoch: In diesem Film gab es Momente, die mir, da in meinem Vater ebenso ungezählte Dämonen tobten, zwischen die Rippen fuhren. Messer. Würgen. Schläge. Schreie. Ohnmacht. Wie damit umgehen? Am nächsten Tag spazieren gehen. Drüber reden. Ohne Dramatisierung. Ohne Vergessen. Mit Mitgefühl. Es gab sie eben auch, die guten Tage. Welche Waagschale gewinnt? Es geht nicht um einen Sieg.

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Noch gewichtiger aber die anschließende Doku, welche davon berichtet, wie Baron seine alte Heimat wieder besucht. Heißer Sommer. Kein Fritz-Walter-Wetter. In seinen Händen hält er ein Tablet und sieht sich vor laufender Kamera Szenen aus der Verfilmung seiner Erinnerungen an. Messer. Würgen. Schläge. Schreie. Ohnmacht. Wie damit umgehen? Und sein Gesicht ist nicht nur eine Landkarte, sondern ein Atlas. Danke dafür.

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Man kann von Dingen schreiben. Man kann davon lesen. Wenn man daraus laufende Bilder baut oder bauen lässt, die Geschichten sichtbar werden: einige Erinnerungstonnen mehr. Deshalb – kurze Rückkehr in den eigenen Bauchnabel – ist der Zustand des Regisseurs nach Premieren stets prekär.

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Ich Prolet! Du Prolet! Aus dem Ehrentitel wurde irgendwann eine Beschimpfung. Der überdrehte Stolz von Barons Vater, als er der Familie geschenkte Lebensmittel vom Teller seiner Kinder in die Mülltonne schiebt, das ist die schlimmste Erinnerung. Der schreckliche, der so ohnmächtige Stolz. Da ist mir mein hilflos lauter Vater am lautesten erschienen. Ich wiederhole mich. Vergleiche sind vermintes Gelände. Grab. Kein Grabstein.

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Fremde Ohnmacht. Eigene Ohnmacht. Ohnmacht nicht weiterreichen.

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