Zwo Null Zwo und Drei / Lieb‘ Welt so reim‘ oder ich fress Dich aufs Neue 11

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Lissabon / 13. Juni 2014

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Steh auf oh Volk und erstürme frei

Die Kamera ist stets dabei

Und hinter dir wer’s immer ist

Letztendlich nur ein Journalist

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Bleib liegen Volk und singe Lieder

Sing sie immer immer wieder

Und blinkt vor dir die Kamera

Na ja die war schon immer da

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Bedenke Volk du bist längst tot

Es gab dich nie nur Einzelnot

Kannst weder reimen auch nicht dichten

Auf die Ermächtigung verzichten

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Oh Volk was willst du alles haben

Kaufe dir doch einen Buchstaben

Schlemihl schenkt dir eine Nelke

Volk oh gehe weg und welke

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„Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur besteht darin, dass Sie in einer Demokratie zuerst wählen und später Befehle entgegennehmen. In einer Diktatur müssen Sie Ihre Zeit nicht mit Abstimmungen verschwenden.“ (Charles Bukowski)

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Die Jahresabschlusswünsche 2022/23

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Lindau / Hafen / Oktober 2022

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Halt das Maul Kassandra

Endlich einmal dein loses Maul halte

Hatten sie geschrien

Wütend

Die Weissagerin geknebelt

An den Mastbaum geklebt

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Das Schiff blieb im Hafen

Die Berge im Dunst

Acht Segel gerefft

Zerschnitten mit trotzigem Messer

Stupor

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Einen letzten Glühwein noch

Aber wir werden schreiten über den See dann

So jubelte man sich träge zu

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(Gießen / Ende Dezember ’22)

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Schauen wir mal, wer oder was sich im nächsten Jahr bewegt und / oder rollt. Allen die hier reingucken sei gewünscht eine friedliche Weihnacht und ein gutes neues Jahr. Bis 2023. Jetzt muß ich an den Herd: der Rotkohl.

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Wenn des Pudels Kern ein Kranich wäre

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Der alte Hut / Lindau / Theatercafe / 8. Oktober 2022

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Seit bald drei Monaten bessere ich meine Rente auf, indem ich gelegentlich als Kulturschreiberling arbeite. Ich bemühe mich dabei ein gut und gütiger Mensch zu bleiben, so nicht auf die von mir besehenen Bühnentätigen und – tätigerinnen draufzuhauen. Manchen Zweifel an den betrachteten Darbietungen schlucke ich runter und konzentriere mich darauf, wird der Schalter denn gedrückt, nicht zu heftig auf die Empathiebremse zu treten.

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Gestern war ich entzückt. Der großartige Christian Baron stellte hier in Gießen seine zwei – Achtung: Wiederholung! – großartigen Bücher „Ein Mann seiner Klasse“ und „Schön ist die Nacht“ vor. Auf dem Nachhauseweg, drüber hirnend, wie ich über das eben Erlebte mit den wenigen mir erlaubten Zeilen berichten soll, hörte ich die ersten Kraniche dieses Herbstes nach Süden ziehen. Finster war es, es regnete und ich sah die Vögel nicht, hörte sie nur. Als klängen die zwei Bücher Barons, die mich entfernt an meine Kindheit und Jugend gemahnten, in mir nach. Ich kramte nach meinem Telefon, um der schon schlafenden Gemahlin per SMS von der Herbstflucht der von uns verehrten Vögel zu berichten, blickte so auf Bildschirm und Fußspitze, als mich ein junger, sehr trunkener Bub anhielt mit den Worten: „Hier! Ich muss mal was fragen! Was ist des Pudels Kern? Wissen Sie das?“ Er schwankte, wollte mir schier um den Hals fallen, seine Begleiterin hielt ihn zurück.

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Die Kraniche hörte ich nicht mehr, die Ampel am Berliner Platz war auf rot gesprungen, gegenüber grüßte meine alte Arbeitsstätte, das Stadttheater Gießen mit inzwischen dämlich verhängten Fenstern. „DEINS!“ brüllte es mir statt leise sprechender Butzenscheiben entgegen. Ach nee? Was war noch die Frage? „Was ist des Pudels Kern?“

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Der Teufel sei es, antwortete ich und der Bub, als hätte er erstmalig in seinem Leben einen Leser des FAUST erblickt, wollte mir schon wieder um den Hals fallen. Mit der in Coronazeiten virtuos erlernten GhettoFAUST hielt ich ihn auf Distanz und empfahl ihm, der, wie er sagte, eben im Rahmen seiner ihn euphorisierenden Lektüre bei der „Gretchenerzählung“ angekommen sei, dringendst bei Bedarf mit dem zweiten Teil des FAUST nachzulegen. Da habe er was für den Rest seines Lebens. Auch wenn da nichts drinsteht. Von seinem restlichen Leben.

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Eine wunderbare Begegnung in jenen Tagen, da ich mir vorgenommen habe, das Weltenrund nach den zarten Anzeichen einer Hoffnung abzuscannen. War jetzt kein schlechter Einstieg, diese Begegnung. Gibt es noch Gründe ein Theater zu betreten? Also für mich nur, `tschulligung! Wenn es mich nicht deppert anbrüllt, gerne. Sonst lesen der trunkene Bub und ich, der auch nicht nüchtern war, uns gegenseitig aus dem FAUST vor.

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Bevor ich es vergesse. Oben mein Hut, unten ein Pfaffenhütchen. Und unter den Hüten wohnt? Des Pudels Kern vielleicht. Seien wir also gut behütet.

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Zu Hause dann noch ein letzter Gedanke angeregt durch Christian Baron. Wer fällt denn dieser Tage in den Kriegen? Nicht die Söhne der Akademiker. An der Front werden die Buben der armen Leut‘ verheizt. Immer schon. Der Teufel tanzt nicht sich, sondern die anderen tot. Und wer heizt wem die Hütte? Sind wir auf der Hut. Oder ziehen mit den Kranichen von dannen. Die schlimmsten Hüte sind die Hüte der Pharisäer. Lechts wie rinks. Oder?

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Pfaffenhütchen / Lindau / Theatercafe / 8. Oktober 2022

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Es ist ein schöner Tag. Ist es nicht?

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Pause mal wieder hier.

Mehr Leichtigkeit ist nötig.

Oder zumindest das Schwere im Leichten verbergen.

Zurück zum Bären.

Man soll sich nicht beschweren

In diesen Tagen

Geduldig nur am Schicksal nagen

Die Götter sind nicht nur blöde

Und Glück oft reichlich öde

Es schadet aber kaum

Selbst als Traum

Bis denne.

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Auch Musik ist eine Pause / kein Zitat

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Weiß jetzt gar nicht, welche Art von Tränen über dieses Konzert zu vergießen wären. Sind es Sentimentalitäten, die sich als Schmerzen tarnen wollen oder eine Art von Scham, die man altersbedingt unter den Erinnerungen an die alten, ach so wilden Tänze abheftet? Da hält der Richards die Hand vom Mick. Nach „It`s only Rock’n‘ Roll“. Dann zelebrieren sie „Tumbling Dice“. Meine erste Stones – Single. Nix begriffen damals. „Frauen denken sie schmecken nach was, aber sie wollen mich nur vernichten.“ Was ein wunderbarer Blödsinn. Und dann lese ich – Spiegel oder war es doch die BILD? / Who tells the difference? – daß Niedecken auf seinem ersten und bis zum letzten Auto immer die Zunge der Steine am Heck kleben hatte.  Was wollen sagen alte graue Mann zu uns? Mit 78 hüpfen wie ein beflügelter Rammler übers Parkett? Ich weiß es nicht. Jedoch: Spotify ist nicht die Alternative. Nee. Bestimmt nicht. Und eigentlich wollte ich nur nochmal kurz an diesen wunderbaren Trommler denken. Da bricht man gerne ein Schweigeversprechen. Watts the Fuck?

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Mit lieben Grüßen an die Kollegen, die immer noch verzweifelt versuchen Band 3 des Kapitals zu Ende zu schustern. Oder war es doch der Faust? Oder lediglich ein weiterer selbstverliebter Jupp Eichendorff? Vielleicht ist das Prinzip der Knitternasen da oben gar kein so schlechtes. Ähem, ist Ronny Wood eigentlich nicht der Jüngste im Verbund? Haarfärbemittel verbieten!

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Auch die Pause gehört zur Musik / Zitat

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Hier kehrt nun wieder Ruhe ein. (Zitat oben ist von Stefan Zweig entliehen.) Nicht das mir nichts mehr einfiele, eher im Gegenteil, aber gelegentlich sollte man die Füße länger stillhalten im Öffentlichen und in der Stube still sitzen, nun da der Herbst usw und sofort.

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Hauptgrund aber, das erste Mal nach knapp zwei Jahren – damals die Gundermann – Premiere und meine letzte Arbeit am örtlichen Theaterbau – werde ich wieder in meinem Hauptberuf als Regisseur arbeiten dürfen. Zwei Arbeiten oben an der Förde bis kurz vor Weihnachten. Endlich ans Meer und mal wieder länger absteigen von mittelhessischen Karussellen.

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Ob es noch geht? Die Vorbereitungen fallen mir dieser Tage sehr schwer. Die Selbstverständlichkeiten alter Tage scheinen perdu. Und nichts ist mir unangenehmer als ständige Wiederbekäung meiner selbst. Vermeiden lässt es sich dennoch sehr schwer. Dies sollte aber vermieden werden. Nun denn!

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Also dann bis nächstes Jahr!

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PS: Eine kleine Tastenruhe erspart mir auch Kommentare zu bevorstehenden Wahlergebnissen. Jedoch: in der Hinterhand lauert hinterhältig mein Freund Archibald Mahler plus Gefährte. Wohlsein! Stößchen! Und Gesundheit auch!

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Ein kleines Überbrückungslied!

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Zum Tode von Mikis Theodorakis

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Eine der schönsten Filmszenen, die jemals gedreht wurde. Eine der schönsten Filmmusiken überhaupt. Und ein großer Kämpfer war er auch.

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Tanzen? Hast Du tanzen gesagt? Also los, mein Junge! Zusammen! Fangen wir an! Oppa! (Sorbas lacht) Nochmal. Upp! (Sorbas lacht) Jetzt. Herzlich willkommen. Boss! Ich habe soviel zu erzählen. Niemals habe ich einen Mann mehr geliebt als Dich. Hey Boss, hast Du jemals etwas schöner zusammenkrachen sehen. (Sorbas lacht, dann auch Basil) Du kannst also auch lachen. Du lachst. (Beide lachen) Und vor allem die Mönche. Nicht blieb übrig, nichts. (Sie tanzen)

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Sie machen halt leider keine Fußballspieler mehr wie einstens Gerd Müller

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Fußball war mal eine ganz einfache Geschichte. Der Junge saß mit Vater und Bruder auf dem Sofa und schaute in den zur WM 1966 angeschafften Fernsehapparat. Schwarz – weiß, schnörkellos wie die Trikots der Nationalmannschaft. Das war möglich weil die Spiele, sogar die Endspiele, meist zwischen 14 und 16 Uhr angepfiffen wurden und so der Junge ordentlich spätestens um 20h, plus rausgeschundenen 30 Minuten Lesezeit, in der Heia liegen konnte. Aus dem Lautsprecher knarzte gelassen die Stimme von Ernst Huberty oder Heribert Faßbender oder dem großen Rudi Michel. Wie ein Sufi – Tänzer auf dem Weg zur Versenkung wiederholten die Kommentatoren die Namen der auf dem grauen Rasen umherlaufenden Spieler. Kein selbstverliebtes Abfeiern vermeintlicher Emotion, keine in der Mittelstufe stehen gebliebene billige Ironie, kein Ablesen von Datenbanken, kein Hurz der vermeintlichen Experten. Der Betrachter durfte selber hinschauen. Der Vater war ein Anhänger – der Fan war Gott sei Dank noch nicht erfunden – der Bayern aus München. Da mußte der Junge dagegenhalten und entschied sich nach dem legendären 2:1 gegen Liverpool für Stan Libuda und also die Schwarz – Gelben aus Dortmund. Gelegentlich bemerkte dann der Vater: „Na ja, kein Schlechter der Libuda, aber dem kleinen dicken Müller kann er nicht das Wasser reichen!“ „Und was ist mit Emma? Und Sigi Held!“ „Hab ich eben doch schon gesagt!“ Und natürlich, was den Jungen ärgern mußte, hatte der Alte recht. Und vor allem deswegen saß man entspannt auf dem Sofa, weil alle wußten, selbst in der 85. Minute – die Nachspielzeitorgien von heute gab es damals noch nicht – mag es noch so eng sein, noch so anstrengend, der Gerd Müller schießt noch sein Tor. Oder besser noch: DAS TOR!! Und so geschah es dann auch. Fast immer.

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Das Finale von München unter der Leitung eines anderen Hochgeschätzten, dem Mann mit der Mütze, sah der Junge alleine. Heimlich rauchend. Der Vater war inzwischen tot. Gerd Müller sollte sein letztes Tor schießen für das damals vom angehenden Abiturienten überhaupt nicht geschätzte Vaterland. Doch hat er sich trotzdem gefreut wie Bolle. Dies gelang dem nun Erwachsenen weder 1990 (gar nicht gesehen!), geschweige denn 2014 (Sorry Baden!). Also frei nach Kinky Friedman: They ain’t making Müllers like Gerd anymore. Und keiner jubelte nach Toren wie er. Ehrliche Freude!

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PS vom 20.08.2021: Las in den letzten 24 Stunden am Stück das wunderbare Buch von Hans Woller „Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam“. Es ist nicht nur die Erzählung vom genialen, schweigsamen und freundlichen Landei, dessen Tore Weltkulturerbe wurden, sondern verhandelt auch die tragischen Verstrickungen eines sturen, nachtragenden, eifersüchtigen und traurigen Saufkopps. Die Rollen, die der Kaiser Franzl und vor allem der Lifestyle – Maoist Breitner einnahmen in jenen – auch von mir gelegentlich – glorifizierten Tagen: Uff! Und nicht zu vergessen die Ambivalenzen des Großen Uli H. Vor allen Dingen, wenn man noch deren in der letzten Woche in Dauerschleife gesendeten Anekdötchen über Müller im Ohr hat. Mögen mehr Historiker vom Pöhlen schreiben und nicht nur die Auftragsschreiber und zu Autismus neigende Fans.

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