bagatelle vierundvierzig

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vor dem nächtlichen balkon

unserer ersten reise

lagen schafe dösend in dürrem gras

ich sprach sie an

sie gaben antwort

schliefen weiter dann

wie du

die du mich geweckt hattest

auf dem nächtlichen balkon

zweimal

jan ullrich fuhr ins gelbe trikot

am nächsten tag

und mir gehörte die welt

sekunden

*

(Thassos / 1997)

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bagatelle einundvierzig / pere lachaise

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Bevor ich in den großen Schlaf sinken werde

Möchte ich daß Du den Schrei eines

Schmetterlings hörst

Sagte ich zu ihr

Die mich begleitete

Jene angebetete Schaustellerin der Liebe

Die stand irritiert vom Leben jenseits der Bühnen

Mit mir am Grab des Sängers

Der zu schön war für den Rock’n’Roll

Und in einer Badewanne landete

Als er den Blues entdeckte

Um einzuschlafen für immer

In der Stadt der Liebe

Die ich suchte festzuhalten dort

Vergebens und hörte wie

Alle Schmetterlinge entflohen meiner Brust als ich sah

Ihr gelangweiltes Gesicht

Ob meiner kindischen Freude

Und ihre Gewißheit den Sänger im eigenen Bett

Empfangen zu dürfen

Hätte sie nur wollen dürfen

Zwischen ihren überschminkten Augen glaubte ich

Dies zu lesen

Vor dem Friedhof in einem Bistro

Trank ich drei Pernod

Sie schwieg eisern

Wie mein schmerzendes Herz

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(Paris / Frühjahr 1998)

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PS: Zum fünfzigsten Todestag. Weiß immer noch nicht, was ich von ihm halten soll. Dieses Lied mochte ich immer sehr.

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PS2: Das Photo oben hat mir Mick Jagger zur Verfügung gestellt.

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Mit Dylan durch ein Leben latschen / 6

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Eimer randvoll geregnet

Eimer voller Tränen

Manchmal quellen meine Eimer mir aus den Ohren raus

Eimer voller Mondstrahlen in meiner Hand

Ich trage soviel Liebe mit mir rum, Liebste

Das hältst du nicht aus

*

Ich war sanftmütig

Ich war hart wie Eichenholz

Ich sah Schöne und Reiche sich in Rauch auflösen

Freunde werden ankommen, Freunde werden verschwinden

Wenn du mich willst, Liebste

Ich werde da sein

*

Ich liebe dein Lächeln

Deine Fingerspitzen

Ich liebe die Art und Weise wie du deine Lippen schürzt

Ich liebe wie du mich geringschätzig anblickst

Alles an dir bringt mir

Schweren Kummer

*

Kleine rote Kutsche

Ein kleines rotes Fahrrad

Ich bin kein Zirkusaffe aber ich weiß was mir gefällt

Ich liebe es wenn du mich stark und langsam liebst

Ich werde dich mitnehmen, Liebste

Wenn ich dann gehe

*

Das Leben ist traurig

Das Leben ist eine einzige Pleite

Alles was du tun kannst ist tu was du zu tun hast

Tu was du zu tun hast und tu es richtig

Ich tu das alles für dich, Liebste

Das weißt du schon

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Der Mann, der mich als Sänger, Musiker und Dichter ein Leben lang begleitete, lebt noch. Er wird bald 80 Jahre alt werden. Deshalb ein kleiner Countdown to Zimmermann`s Birthday. Noch 5 Tage. Get prepared!

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bagatelle siebenundzwanzig / slubice 2

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wütend

müde

mütend

einen nagel in den pudding gehämmert

passt wackelt keine luft

dein duft irrt immer noch

rum in den

vernachlässigbarkeiten

gestern stolperte ich

über das vergessen

blieb liegen

heute graupelschauer

der winter winkt mir hinterher

herzensmuskelkater

ein lied meine bagatelle

ein lied noch erinnernd

immer und hin

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(frankfurt an der oder / 1999)

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bagatelle vierundzwanzig

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Ich las es seien die Bagatellen

Was man die Erinnerung nennt

Ein achtlos hingeworfenes Lachen

Das kurze Stolpern über eine Treppenstufe

Ein Schritt ins Leere dachte ich an die letzte Nacht

Der Geruch frisch gewaschener Hände

Dieses Räuspern nach einer Frage

Die zu stellen fehlte der Mut

Blieb eine Fotografie welche ich bewahrte

Ein Maler schuf danach ein Porträt skizzenhaft

Mit fremdem Auge blicken auf die verlorene Haut

Der Kirschkern Zweifel rumort im Magen

Ich spucke ihn aus mit aller verbliebenen Kraft

Er landet auf den Spitzen meiner Schuh‘

Weiter ging es nicht

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bagatelle zweiundzwanzig / aug. `99 / tangled up in slubice

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Auf dem Bahnsteig der Grenzstadt

in der ich den Maschinist mimte in Schopenhauers Salon

Setz Dich zu ihm er ist nett er ist klug er zeigt Dir die Hauptstadt

Sagte ich zu ihr und ging dann über die Brücke

Billige Zigaretten und Fusel zu kaufen der Grashalm verleihe mir die Kraft des Büffels

Man hatte mir erzählt in Slubice auf dem Markt bekomme man alles

Schnaps Frauen Waffen Drogen einen Killer nur nicht das Glück

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Abends saß ich an der Bar des Hotels draußen unwirtliches Industriegebiet

Dzevad der Schriftsteller der in Schopenhauers Salon das Gespenst von Kleist auf den treulosen Goethe hetzte

Erzählte mir von der Belagerung Sarajevos und wie sie schoßen die Nationalbibliothek in Brand

Drei Millionen Bücher starben seinen Studenten rezitierte er fortan den Faust aus dem Gedächtnis

Auf dem Hotelzimmer tranken wir die Flasche aus Slubice leer dann stand er auf und ging hinaus

Jede Nacht flog er mit den Schwarzen Vögeln über Sarajevo ohne Schlaf

Zum Frühstück sahen wir uns nochmal er müsse nun nach Hause ich möge meine Frau grüßen

Sie ist es nicht sagte ich noch

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In einer Probenpause rief ich ihren Anrufbeantworter an ob es nett war wollte ich wissen

Der kluge Dramaturg an dessen Tür ich klopfte hatte keine Zeit

Jetzt nicht wie es gestern war jetzt nicht später nein der Text müsse neu ob es nötig sei war meine Frage

Ein paar Stellen eigentlich nur Bagatellen wichtig nein aber na ja nötig gewiß die Türe schlug zu

Nachmittags standen alle mit gerußten Scheiben vor dem Theater und betrachteten die Sonnenfinsternis

Es sei die letzte totale Finsternis des zwanzigsten Jahrhunderts hieß es

Die Vögel schwiegen der Anrufbeantworter fiepte mich an

Sie las einen Brief er hatte ihr geschrieben vor halbvollen Gläsern wartend

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Vor dem Haus in dem Kleist ein Junge gewesen

auf der Treppe des Museums saß ich im Schatten blickte über den Fluß

fröstelnd am gegenüberliegenden Ufer glitzerte Slubice im Abendschein der zurückgekehrten Sonne

Ich ruderte hinaus auf die Oder mit Kleistens Kahn

Allein Henriette stand am Ufer und winkte fröhlich

Keine Lust auf Untergang rief sie ein knappes Jahr schritten wir

wohin denn noch und stießen an mit halbleeren Gläsern

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Diese Nacht halte ich ein Buch des Schriftstellers in der Hand ich hatte es nie zu Ende gelesen

Der nächtliche Rat die schwarzen Vögel machten sich bereit davon erzählt es das Lesezeichen an alter Stelle

„Die Vergangenheit ist immer da, unvermeidlich und unerbittlich, wie eine Falle, der wir sowenig entgehen können wie den Himmelsrichtungen.“

Kalter Regen trommelt Ich blicke in Dunkelheit gen Osten hoffnungsfroh

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bagatelle 18 / woyzeck genua aug. `98

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Heute Nacht kehre ich zurück in

Jenes kleine Hotel am Hafen

Unter frisch bezogenen Betten

Die Schädelstätten der Erinnerung

Blechkisten randvoll mit Fotographien

Retuschiert angekokelt zerfetzt

Ein Vorhängeschloß verwehrt Zugang

Der Schlüssel zur Rückschau

Zwischen meinen Zähnen knirscht

Die Minibar brummt

Lakritze Ramazotti ein billiger Reim

Warmes Bier und kaltes Lachen

Ein Lied ungesungen Glied

Der Verkettungen

Sag mir Deinen Text

Kannst Du schon die Worte

Tanz Franz Tanz

Wie zwei Fliegen auf den Händen

Auf ihren Lenden sie treiben es

Unter ihren Fingern glänzet noch

Der silberne Abgrund

Geht doch alles zum Teufel

Franz zahl doch schon mal

Ruft es unter der dampfenden Dusche

Die Alte an der Rezeption trägt ihr von mir

Vergessenes

Gesicht das ich nicht mehr entziffern kann

Was ist über frage ich was meine Schuld

Fünftausend Lirascheine nur

Ach Bagatellen die gelangweilte Antwort

Auf dem Nachttisch oben hinterließ ich ein Senryu

Der Falke rüttelt

Am Gürtel des Jägers hängt

Die tote Nachtigall

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Auguste R. sprach zu Camille C.

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sie verwaltete die liebe wie ihren kleiderschrank

jedes modell mehrfach erstanden

nach farben und schattierungen

fein säuberlich gestapelt

warm und wartend

bereit gelegentlich von ihr ausgeführt zu werden

oder beim nächsten umzug

durch die erinnernd seufzenden hände zu gleiten

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mit mächtigen schlägen

trieb ich maßlos worte in den stein

ihr gesicht erfror ohne antwort

täglich änderte ich meine entwürfe

unbehauen bist du nichts als

ein haufen staub

jammerte mein suff zur

mitternacht

ohne meine irrtümer

herz schrie ich

höre ich auf zu atmen

bedenke dies

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die zerbrochenen stemmeisen füllten mein kopfkissen

und so wunderte ich mich nicht

wenn ich nachts erwachte

mit zettels haupt

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ich hatte davon geträumt ein meer zu modellieren

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(oktober 2000)

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