In the Bordertowns of Despair / Four

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Bob Dylan / The Bridge

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Auch der andere betrat einen Bahnhof, den Bahnhof der neuen Stadt. Seine Freundin reiste an zur morgigen Premiere, ein junges hübsches verhuschtes Mädchen aus dem tiefen Süden, gefärbte Härte, ‚taff‘, wie man so sagt, diese Sorte Mädels, die damals in der großen Pause im Schulhof auf dem Erdboden saßen, Beine über Kreuz, selbstgedrehte Zigaretten rauchten und eben nicht auf Cat Stevens, sondern schon mal auf AC / DC standen, es gibt sie und immer noch und immer wieder. Er gibt den verhuscht mürrisch Verkaterten, sie kennt das und freut sich da zu sein. Auf dem Weg zum Theater plappert er adrenalingetränkt über Egon Schiele, diese morbid bettlakenzerwühlenden Schönheit seiner Mädchenportraits und über das Scheitern. Sie liebt ihn dafür. Er raucht.

Jetzt konnte sie sich sehen. Ihre zweiten Augen klebten auf ihrer Netzhaut. Sie war ein Maulwurf, eine Höhlenbewohnerin. Ihr Vater, er war ein junger gutaussehender – adrett hat das wohl damals geheißen – Schauspieler am Theater seines Intendantenvaters, jener, ein strenger harter gnadenloser Mann, aus dem Krieg hervor gekrochen, bis in die Seele verwundet, gemantelt in den Kokon preußischer Disziplin und Gnadenlosigkeit, hatte in jenem Sommer, den man in San Francisco als den Sommer der Liebe besungen hatte, sich im Schoss einer kleinen Tänzerin verloren und wollte sich, die Unterhose noch in der Hand, davonmachen. Doch die lästige Frucht war da und verbiss sich im Uterus der Mutter. Der Intendantenvater ergriff den flüchtenden Sohn und prügelte, ja prügelte ihn vor den Traualtar. Ein Foto gibt es noch, abgegriffen verweint in einer der vielen ihrer Kisten. Sie sammelt alles. Davon wird noch zu erzählen sein. Man sieht zwei junge Menschen lachend, das verzweifelte Lachen von Todgeweihten, Eingesperrten. Das Maulwurfskind wühlte sich ans Licht der Welt und strahlte klein dunkel pummelig, dem Vater aus dem Gesicht geschnitten, nur die spitze Nase hatte sie von ihrer Mutter mitgenommen. Sie gaben dem Kind einen russischen Männernamen, der zweite Name jedoch war Maria. Die Zeit raste dahin und der Vater war nicht aufzuhalten. Er ging. Es gab so viele Frauen. Er war so jung. Er war so schön. Er war so charmant und er konnte noch nach einer Flasche Whisky eregieren, sagt man. Die kleine Tänzerin holt das Maulwurfskind aus dem Bettchen und es lief ungebremst gegen die Wand. Es hatte über Nacht auf einem Auge 70%, auf dem anderen 30% seiner Sehkraft verloren. Aus den Augen aus dem Sinn. So sagen die Alten. Wenn ich dich nicht mehr sehen darf, will ich nur noch mich spüren. Dort draußen bist du, außerhalb meiner, da draußen weit weit weg und dort muss es auch sein, das Böse, daß dich geholt hat. Du bist nur da, wenn ich es will. Ich sehe dich nicht mehr. Nicht weil du weg bist, ich kann ja nicht sehen. Ich rieche dich. Nachdem ich Dich rief. Sie blickte in den Spiegel und hatte keinen Plan. Ihre Masken lagen im Kleiderschrank und immer noch nicht hatte sie geschrien. Die gute alte Schlange Lüge räkelte sich in ihrem Waschbecken. Ich bin Maria und habe unbefleckt empfangen.

Der andere betritt den Probenraum setzt sich und atmet ihren Duft, der in dem kleinen Theater  hängt, betritt ihre Garderobe und berührt ihre Kostüme, vergräbt sein Gesicht in ihren Rock und erleichtert sich auf der Toilette. „All apologies. Married. Buried.“ Auf dem Weg zurück kommt er an einem alten Theaterplakat vorbei. Ein dicker, schwitzender, jungenhafter Schauspieler blickt ihn an. Woher soll der Andere auch wissen, dass jener vor wenigen Wochen den Leib besessen hatte, den er nun ergreifen wollte. Er habe so schön bitte gesagt. Hatte sie gesagt. Doch dies tut nichts zur Sache. Der Andere tänzelte auf der Probebühne herum, siegestrunken und bereit zuzuschlagen. Sanft streichelte er ihr Foto, welches er seit Wochen mit sich trug. Er hatte sie fotographiert. Auf dem Weg zur Probe. Heimlich. Sie strahlte. Eine SMS verlässt den Raum. Die Liebesbriefe der Armseligen, aus der Hüfte geschossen, Zelebration des intensiven Moments. Sein kleiner schwuler Assistent überreichte ihm einen Kaffee und war ernsthaft und schlank. Er mochte seinen Chef. Er verehrte sie.

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(Mainz / Oktober 2000)

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