bagatelle siebenundzwanzig / slubice 2

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wütend

müde

mütend

einen nagel in den pudding gehämmert

passt wackelt keine luft

dein duft irrt immer noch

rum in den

vernachlässigbarkeiten

gestern stolperte ich

über das vergessen

blieb liegen

heute graupelschauer

der winter winkt

herzensmuskelkater

seine lieder meine bagatelle

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(frankfurt an der oder / 1999)

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wohin auch immer sich die waage auf dem marktplatz der eitelkeiten neigen möge es schreite ein der eichmeister

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Las unlängst eine Meldung. Weiß gar nicht mehr, ob auf Papier oder auf einer der etlichen Mattscheiben. Inzidenz in Köln – Hahnwald 0. Inzidenz in Köln – Chorweiler 543. Das tat mir erhellend richtig weh.

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Ich lebte lange in Kölle. Südstadt. Wenn man Richtung Süden am Rhing entlang spazieren ging wuchs das Einkommen der dort Ansässigen in 100Meter – Schritten exponentiell. Rodenkirchen. Marienburg. Hahnwald. Auf den letzten Metern in Hahnwald kam man sich vor wie ein Oscar – Gewinner. Von rechts und links im Visier der Kameras. Wir winkten dann immer in die Linsen. Wie damals Honecker. Oder die Queen. Manchmal royste leise ein Rolls vorbei. Oder Christof Daum. Oder halt Hans Gerling.

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1983 drehte ich meinen einzig nennenswerten Film in Chorweiler. Chorweiler ist eine dieser typischen sozialdemokratischen Frühsiebziger Sozialbau – Monsterburgen. Gut gemeint und übelst gelandet in der Realität. Ich spielte in diesem WDR – Werk (bekannter Alt 68er Regisseur / sein Motto: rein in die sozialen Brennpunkte, ich aber wohne in acht Zimmern in Neu – Ehrenfeld / mein Nachbar Wallraff hat nur sieben, dafür aber allein) einen Skinhead, Neonazi. Dumm wie Brot? Oder einfach nur verletzt vom Leben? Bei den Dreharbeiten machten uns dann echte Skins an. „Wat wollt ihr eijentlich hier, ihr Heiopeis? Allet besserwissen, oder watt?“

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Wenn ich aus dem Fenster schaue – siehe Foto oben – blicke ich auf ein Gebäude der Wohnbau Gießen. Als wir hier einzogen, wohnten da drüben hauptsächlich Rentner. Ruhige Nachbarn. Seit zwei / drei Jahren hat sich das geändert. Viele Kinder. Flüchtlingsfamilien. Es wird lauter und lauter. Stundenlang jagen und toben 20 und mehr Kinder übers Gelände. Unsere Bierbank unten im Hinterhof? Da gemütlich rumsitzen? Nicht mehr so dolle dort. Manchmal kotze ich, sitze ich doch hier oben an den Tasten und versuche meine coronabeschädigte Konzentration aufrecht zu erhalten. Warum eigentlich empöre ich mich? Oh du Sensibilität? Oder Arroganz?

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Vorgestern feierten sie da unten einen Geburtstag. Abstände? Vergiß es. Aber bevor ich meinen Moralfinger ausfahren konnte, dachte ich an die obige Meldung und sah die Kinderaugen strahlen und toben. Führen wir eigentlich die Diskurse an Orten, wo wir nicht betroffen sind? Gut möglich.

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Ich glaube, ich bin Mitglied einer Generation, der das Glück unter die Nase gerieben wurde. Wir durften unsere Eltern beschimpfen und wurden auch noch bezahlt dafür. Wir konnten aus unseren Traumata Geschichten basteln. Wir haben als ewige Besserwisser das Logo „Das wird man doch mal sagen dürfen!“ erfunden. Jetzt entzieht man uns halt das Copyright.

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Vorgestern regnete es wieder heftig. Möge es dies noch lange tun, spricht der Gärtner in mir. Ich ging nach unten, um den Müll in den Tonnen getrennt zu versenken. So 10 / 15 der Kinder tobten noch durch den Graupelschauer. Eines sagte: „Wir müssen jetzt rein!“ Antwort: „Nee, hier draußen ist doch viel toller als drinnen!“ So isses. Wollen wir wirklich wissen, was hinter den runtergelassenen Rolläden geschieht? Ich werde mich nie mehr wieder über lärmende Kinder in der Nachbarschaft aufregen. Das Schlauchboot mit dem ich mal auf dem Mittelmeer rumschipperte war nicht überlebenswichtig, sondern: FUN! Eben. Nachdenken ist anstrengend.

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d‘ nasentrompeter gibt kei‘ ruh‘ also du

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Hör zu was ich gepfiffen hab‘

uff meiner langen Nas‘

so halte ich die Sau auf Trab

sie jagt durchs Dorf mit Spaß

auch schon gehört fragt man verstört

ertrinkt in Reizes Flut

Zeigefinger sich reckt empört

ein Bürger badet in Wut

und postet printet kommentiert

so langsam den Verstand verliert

sogar auf seinem Nagelbrett

im fernen Kloster Ruhebett

der Fakir und die letzte Nonne

Verzweiflung an der Welt ist Wonne

so hallt es allenthalben

auf Plätzen Straßen Foren

sogar die Gletscher kalben

ham im Galopp verloren

Vernunft Verstand und Maß

und weiter pfeift die Nas`

auf ihrem letzten Loch

wie lange ach wie lange noch

sogar die Engel liegen auf dem Rücken

ohne jegliches Entzücken

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PS: Nein nein, obiger Nasentrompeter ist nicht der weltbeste Reimer und Sangesbruder, welcher bald 80 werden wird, sondern er hängt mit der Trompete nach unten im Hauptportal des Freiburger Münsters, rechts oben. Ich habe ihn mal etwas auf links gedreht. Jetzt liegen dafür die Engel, die sonst aufrecht stehen neben ihm auf ihrem Rücken.

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PS2: Weshalb i etz da druff kumm? Stand heute in einer mittelhessischen Bäckerei neben einem alten Herrn der gnadenlos Dialekt sprechend Brezzele (die heißet so und schmecke halt au wie se heiße!) bestellte. Der Verkäufer war etwas irritiert. Ich übersetzte dann ä wengele. Und denn noch so drei Mohnweck. Hätter au no gsagt. Und machet ses in ein Beutel! Und was macht etzt en Badener in Hesse? Ho, de Bub schafft do! I au! Des henn i denn gsagt. Isch aktuell it so, aber egal. Schöne Begegnung in Sachen Alte Heimat. Aus aktuellen Anlässen den Nasentrompeter aus dem Archiv geholt.

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damals und heute heraus zum 1. mai

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Komme eben von der 1. Mai – Demo und stelle fest, daß ich egal wo und wie, kaum eine Kundgebung zum „Internationalen Kampftag“, wie es so schön heißt, verpasst habe in den letzten 48 Jahren. Nicht nur Ritual, sondern auch Überzeugung. Nötiger denn je: Zusammenhalt gegen soziale Kälten.

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Obiges Fotos kuckelte ich unlängst beim seemoz, einer Netzzeitung, die ich gerne mal besuche, wenn mir nach alter Heimat ist. Das Bild aus dem Jahre 1973 bestätigt mein allererstes Herausgehen zum ersten Mai.

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Aufgenommen wurde das Foto auf der Marktstätte zu Konstanz. Die alte Hauptpost im Hintergrund. Da habe ich später dann eine Zeit lang gejobbt. Da liegen auch noch schöne Geschichten rum. Ich lief, glaube ich mich zu erinnern, beim vierten Transparent mit. Man forderte ein selbstverwaltetes Jugendzentrum. Das waren die etwas Älteren. Ich schaute zu ihnen auf. Einige von denen haben dann Wochen später das erste Haus in KN besetzt. Rosenlächerweg 2. Und das wäre der Sound dazu, die Gruppe aus Berlin.

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Nächstes Jahr gehe ich sicher nochmal raus in den Mai. Hoffentlich dann wieder „mit einem Schoppe in der Hand“, wie einer der vielen alten „Genossen“, die ich jedes Jahr hier vor Ort treffe, heute richtig bemerkte.

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PS: Dank nach KN fürs klaue könne vun sellem Foto. Oder it? I zahl aber au!

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papa wann sind wir endlich zu hause mama der hat die hat ich hab aauaaa

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Ein Renault 4. Hellblau. Baujahr 1964 oder 1965. „Unser“ zweites Auto. Das erste war ein Leukoplast – Bomber gewesen, ein Lloyd. Wer mein Alter hat, erinnert sich an die Beschaffenheit der Rückbank eines R 4. Die Mittelstrebe aus Eisen. Eigentlich war das eine schlecht gefederte Gartenbank. Meine kleine Schwester musste in der Mitte sitzen. Mein Bruder meist hinter dem Fahrer oder der Fahrerin – meine Mutter war eine ausgezeichnete Autofahrerin, meinem Vater standen der Autofahrerei gerne seine schwankenden Launen im Weg – ich also saß auf der Beifahrerseite hinten. Das habe ich dann auch den Rest meines Lebens im Wesentlichen so gehalten. Ein Autolenkrad ward mir nie zum erstrebenswerten Fetisch. Freiheit geht auch anders. Und – sage ich mal frech – es gab einige die mich gerne chauffierten oder mitnahmen – Daumen im Wind – da ich wohl recht unterhaltsam sein konnte. Zigaretten und so rollen, Bier aufmachen, Witze erzählen oder einfach nur Stuss reden. Zurück in den Renault 4. Natürlich wurde gezankt auf der Rückbank. Manchmal so heftig, daß mein Vater nur noch eine Hand am Lenkrad hatte. Die andere, meist rechte, versuchte hinter ihm für Ruhe zu sorgen. Was wiederum meine Mutter nicht so schätzte. Dadurch war der Zank in den Fond gerutscht. Und weshalb ich mich daran erinnere? Weil die Zankerei auf der Rückbank meist dann eskalierte, wenn man kurz davor war zu Hause anzukommen. Eine lange Fahrt hatte man halbwegs entspannt überstanden, aber kaum sah man den Münsterturm der Heimatstadt am Horizont blinken, ging es ab da hinten. Mein Vater, der ein paar erinnerungswürdige Bonmots sein Eigen nannte, sagte dann gerne: „Wenn der Esel den Stall riecht, wird es ihm zu wohl!“

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Sah gestern – dies eine letzte Bemerkung zur Aktion der „53“ Dichtmacher – Maybritt Illner. Die Traurigkeit und Zerstörtheit von J. J. Liefers hat mich – bei aller Kritik an seiner extrem unbeholfenen Nichtrechtfertigung der blöden Aktion – fast schon wieder angerührt. Man muß wohl aufpassen auf den letzten Metern der schrecklich anstrengenden Reise auf der Rückbank nicht die Nerven zu verlieren. Dort ging es auch immer der kleinen Schwester am schlechtesten. Die musste auf der Eisenstrebe sitzen und bekam abwechselnd von rechts oder links einen ab. Und jammerte kaum.

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Oben das Foto meiner ersten Impfdosis. Mitte Mai werde ich durch sein, vorerst. Die mir dadurch neu zustehenden Rechte werde ich dann bei E – Bay an besonders Ungeduldige auf den Rückbänken unserer Republik versteigern. Davon kaufe ich mir ein Bier. Nee, zwei! „Well, I woke up this morning, I got myself a beer. Future’s uncertain and the end is always near.“

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den klempner rufen weil reinhard mey die welt rettet und nicht tim bendzko

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Stolperte eben über obiges Foto. Hatte ich 2012 in Istanbul aufgenommen.

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Erster Nebengedanke: Würde ich – selbst wenn ich dürfte – heute nochmal nach Istanbul reisen wollen? Ich war damals von dieser Stadt begeistert, mitgerissen, fasziniert wie von wenigen anderen. Lissabon noch. San Francisco. Hamburg. Wien. So in etwa die persönlichen Großen Fünf.

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Zweiter Nebengedanke: Die Welt steht Kopf. Nichts Neues. Tat sie immer. Draußen vor der Tür. Jetzt hat sie nicht nur bei uns angeklopft, sondern sogar einen Fuß auf die Schwelle gesetzt. Was erlaube Welt? Du solle kaufe deutsche Produkte und sonst halte Schnauze, gelle. Und ich fahre Urlaub.

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Dritter Nebengedanke: Weshalb nochmal obiges Bild? Man sitzt zu oft auf dem Sofa. Man schaut zu oft Fernsehen. Man sieht so viele Menschen reden. Man sieht Menschen reden, die ihr Geld damit verdienen zu reden darüber, warum viele dieser Tage kein Geld verdienen. Aus ihren Alligatorenaugen fließen gut bezahlte Bäche.

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Vierter Nebengedanke: Etliche beklagen aus der ehemaligen BeErDe sei eine diskursunfähige Bananenrepublik geworden. Sie beklagen dies, während sie sprechen. Warum sprechen sie außer um des Sprechens willen?

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Fünfter Nebengedanke: Die Kleinen Fünf noch. Kiel. Nidda. Kalamata. Hoyerswerda. Innsbruck.

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Danebengedanke zum fünften Nebengedanken: der war weniger wichtig, vielleicht sogar daneben. Aber vielleicht ist es das, was zählt. Die Ränder.

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Hauptgedanke: Gestern schickte mir ein sehr lieber Mensch eine Mail. Am Schluß stand: „Lasst Euch nich ermutigen“. War das jetzt nur der klassische Freud`sche Versprecher oder ist es sogar eine neue Wahrheit im Sinne von: Schnauze da draußen, das permanente mediale Geplapper hilft doch keinem? Vor allem nicht denen, die Hilfe bräuchten? Lediglich den eitel plappernden und wohlfeil klingelnden Börsen? May be, baby.

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Conclusio: Reinhard Mey ist gefordert. Statt 148.713 Mails checken, besser den Klempner rufen und die Kommunikationskanäle freipusten lassen.

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Erster Nebengedanke zur Conclusio: 1974 noch konnte eine Gitarre sogar Ragtime – Piano spielen. Siehste!

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Zweiter Nebengedanke zur Conclusio: Was wollte ich jetzt eigentlich sagen?

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Stimme von oben: Siehste! Hättste die Fahrradkette mal geschmiert, bevor Du losfährst.

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Stimme nach oben: Jetzt weiß ich. Weniger Pfeffer ins Geplapper.

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Antwort von oben: Besser spät als nie.

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Mit unterwürfigem Blinzeln nach oben: Heißt Du jetzt Thorwe? Und was ist Deine Postleitzahl?

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§=G*CS“‚***SX-F?$R’*C:WA“*“WD?

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einen gedenktag dem baum den rest des jahres sich den bauchnabel puhlen

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Den letzten Sonntag nannte man den Tag des Baumes. Es soll sogar den Tag der zu engen Unterwäsche geben. Oder den Tag des Fußschweißes. Und einst gab es den autofreien Sonntag. Gar den Tag der gerissenen B – Saite. Sowie den Tag der weinenden Alligatoren. Was man halt so als Schwerpunkt setzen mag. Der Gefährte war auch diesmal schneller. Es mangelt ihm zwar als Vertreter des Herren der Tiere an Bauchnabelei, wie er es nennt. Dafür aber ist mehr Weitsicht sein eigen, die ja letztlich Rücksicht ist. Oder?

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Wenn Dich jeder brüllende Schmerz Seifenblase

wie eine Säge die das Holz zersplittert kreischend

trifft wie eine Sonne die zerbrennt Lebensgeschichten

vor der Unerbittlichkeit Endlichkeit Dein Hasten Sekunden nur

bremse

die Furcht ehre

Deinen Baum hüte

und Element sei nicht Herrscher denn

umarmen mußt Du sie nicht die Bäume

laß sie nur in Ruhe betrachten Dich

als ein vorbeihuschendes Ausatmen

des Augenblicks Leben

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(Archibald Mahler / angehender Lehrling des Großen Kamuy)

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bagatelle sechsundzwanzig / für h.h.

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Saß am Grabe eines alten Lehrmeisters fröstelnd

In der Sonne kalter Aprilseuchenwind Wollschal

Immer noch den Hals engend

Dachte an seine Unerbittlichkeit

Erlernt bei Beckett Tabori Barlog Kortner wenn wir beugten

Verhunzten die Worte aus fremder Feder auf der Bühne

Gedankenlos den Beliebigkeiten fröhnend

Dachte an seine Rabbinergüte die ewig brennende

Zigarette Whiskeyglas mein Hirn noch

Verklebt von den Scheißstürmen der gegenwärtigen

Hysterien was er verschmitzt sagen würde

Nun und schämte mich wohltuend meiner

Aufgeregtheit um die Bagatellen

Baumelnd an den Angelhaken der Binse

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