bagatelle 8und50 / the potheadpixies

…..

…..

den kühlen kopf bewahre

es klare auf die sicht

und überm see am ufer drüben

kannst‘ gedanken fremd dir

fröhlich üben

statt zu hasten durch die tasten

du ohne ruh‘

die wenigen hellen stellen

in deinem hirn

vernebelen die bagatellen

bleib‘ wurm im sturm

schwimm‘ mit dem strom

dagegen an

werd‘ nicht zu gescheit

an dieser dummen zeit

und koche ein dein leid

zum tun

dann ruh’n

kannst du

eventuell

wir tanzen auf der stell‘

mit hornhaut im gehirn

…..

bagatelle sieben+fünfzig / konstanz 6

…..

…..

als ich ging damals warst du

alt müde verschlafen

eine marlene dietrich unter den kleinen städten

die gartenzäune hochgezogen

sich selbst genug räkelste du dich in agonie

um einmal im jahre zu schreien

ho narro im filzenkleid

später als ich ab und zu dich besuchte

fand ich dich nicht mehr

denn tag und nacht standest du im badezimmer

vor dem spiegel dich anmalend jung und jünger

die schenkel gespreizt franken und frei

bordsteinschwalbe

verhöckernd den see

die eigene seele an lärm und getümmel

nur der novembernebel noch

hüllt ab und an deine gier in watte

schwätz it blöd rum heimat

…..

bagatelle sechsundfünfzig / konstanz 5

…..

…..

in manchen nächten bildeten wir uns ein

die stadt läge uns zu füßen

wut waberte diffus

laternen dunkel geschüttelt

rückspiegel abgetreten

sterne gesammelt

vor der besetzten telefonzelle

kramte verzagte hoffnung

in den taschen nach dem letzten zehnerle

eine mutter legte auf

des herzerls seegfrörne

gelegentlich öffnete sich ein fenster

und spuckte einen ruhewunsch auf unseren struppigen schopf

das wolfsgeheul tanzender esel die antwort

hinter dem säntis kroch der tag

aus seinen vernebelten federn hoch

noch mal die hände gefaltet und

inhaliert die euphorie und alle müdigkeit

auch wir werden zahnräder werden

sang uns ein letzter blues

dann gingen wir in die welt hinaus

hänschen klein

…..

bagatelle fünfundfünfzig / konstanz 4

…..

…..

in der ruine erinnerung

leben nicht mehr die toten

in der ruine erinnerung hausen nun

jene die dem tod vom schlauchboot sprangen

alles und nichts ist vergangen so

stöhnen söhne gläser voll

tote väter singen ohne groll

die mütter ringen weiter

die töchter bringen heiter

ruhe ins spiel

das ist schon viel

und wenn der ball ruht

und die sehnsucht muht

tritt nicht nach

denk wie alkmene

sprich einfach dein ach

…..

bagatelle vierundfünfzig / konstanz 3

…..

…..

„zwei bilger bräu!“

das war der auftrag des vaters

„und zwei reval!“

hatte der tag und nacht nach tabak riechende nachbar

dem jungen zugeraunt

zehn pfennige extralohn inklusive

eine kugel eis damals

zigaretten solle der vater sich selber holen

so die mutter

hereinbrechende dunkelheit

der junge rennt und ist sich sicher

fänden die nächsten bundesjugendspiele im dunklen statt

er bräche alle persönlichen rekorde

das leergut mit bügelverschluß

lässt er rotieren um die zeigefinger

und stolpert über seine dünnen beine

dahin sein lohn der pfand

unten am bahnhöfle fällt der holzarm des besitzers

hart auf den tresen

schnapshauch ins gesicht des jungen pusten die worte

„und wo isch des leergut, kerle?“

abgezähltes geld

das zehnerle des nachbarn begleicht die schuld

meist zahlt man doppelt

frühe erkenntnisse

der heimweg verbummelte sich

furcht lähmt den größten sprinter

…..

bagatelle dreiundfünfzig / konstanz 2

…..

…..

manchmal winkte er dem überpünktlichen jungen zu

der unter dem fenster des kleinen büros stand

in das er sich hochgearbeitet hatte

er hatte nun sogar einen stift

wie es damals hieß

stifte mit köpfen

es dauere noch ein wenig rief er zu

dem jungen der stand vor dem werkstor

wartend und stolz war jener und schämte sich

als die sirene ertönte und die proleten

grinsend erschöpft die schicht wechselten

die ein oder andere hand sein

streng gescheiteltes haar

verwuschelte

der vater käme auch gleich

er durfte dann seine aktentasche

tragen auf dem heimweg

das hatte der junge gefordert

dann schwiegen beide

…..

bagatelle zweiundfünfzig / konstanz 1

…..

…..

mit den harten im garten

wollte ich warten

auf das ende der schmerzen

mit dröhnenden scherzen

das rothaus immer märzen

da der bauer den pflug

doch schon am anfang genug

vom eggen und pflügen

gott segne die lügen

die ich mir um die ohren schlug

der leiden genug

zu füllen den see

die in meinen taschen jacken wie hosen

gegenüber den kasernen der franzosen

gediehen

heimat es sei dir verziehen

am heutigen tage

keine weit’re frage

…..

bagatelle einundfünfzig / zweifel’s turm

…..

…..

da wir uns sonnten

zwischen den fronten

lediglich lagen

ohne zu sagen

bäuchlings verschliefen

das toben

sich selber loben

und nicht lauthals riefen

herbei schwarz oder weiß

und so vermieden

das kentern der boote

weniger tote

den frieden nun störe

der fronten

michel störe

und höre

zu und den kasten

klappe auch

halt dich fern gern

von den allzu klaren

es sei denn im stamperl

nur ein fremdes auge

bildet dich ab

besteige des zweifels turm

vor dem grab

*

PS: Geklaute Gedanken. Dazu angeregt hat mich ein sehr lesenswerter Essay im letzten Magazin der SZ. Autor Tobias Haberl. Überschrift „Zwischen den Fronten!“ Schön. Allein die Eröffnung: „Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte“, hat der Philosoph Hans-Georg Gadamer gesagt.

*

PS2: Der Mann ist 103 (einhundertunddrei) Jahre alt geworden. Vielleicht sollte ich ihn mir zum Vorbild nehmen.

*

PS3: Obiges Bild zeigt die Ecke des Hauses in der Straße des Friedens Nr. 1 in Ilmenau. Unten eine Buchhandlung. Oben wohnte meine Oma. Unten wurde einst der Zwangsumtausch in Buchstaben umgetauscht. Oben – man munkelt es – entstand ich. Würde mir gefallen. In der Straße des Friedens. Ist mir nicht immer gelungen dem Namen Ehre zu erweisen. Dranbleiben.

*

PS4: Hier noch das Lied meines Lieblingszweiflers. Ähem, gab es damals eigentlich schon dieses, ähem, Dingsbums, dieses #haschischetikett?

…..

…..