Danke sehr, lieber Helge Schneider!

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Besser kann man es nicht ausdrücken. Der stadtbekannte Abonnent, der vergißt sein Hörgerät abzuschalten. Seine Gattin, die mit schwerer Bronchitis bei der Premiere nicht fehlen will und wenn sie eben nicht hustet, geräuschvoll ihre Bonbons ausknistert. Der Geschäftsmann, der sein Smartphone anlässt, um dann – der eine wichtige Anruf ist es wohl, sich – während ich auf der Bühne sterben muß – durch die Reihen nach draußen drängelt. Die Tür fällt geräuschvoll ins Schloß. Das Schnarchen in der ersten Reihe mit offenem Mund, in den ich meine Verse singe. Die Hälfte des Magistrats, die ihre Freikarten für die Premiere verfallen lassen. Meine Freunde bleiben deshalb zu Hause. Warteliste ist ja keine Garantie. Nicht zu vergessen die besser betuchten Bekannten, die Freikarten als eine Selbstverständlichkeit erachten. Klar, wir sind Hofnarren, wir werden oft bezahlt mit öffentlichem Geld, aber man stelle sich vor, ich beträte ein Büro, setzte mich eben mal auf den Schreibtisch, nähme dem Mauer die Kehle aus der Hand, labberte den Lokführer voll oder spuckte dem Koch in die Suppe und forderte das Schnitzel für lau. Nur weil ich ihn halt kenn. Der Künstler nun sitzt ergeben auf freiem Felde und dankt den Geiern, die über ihm kreisen. Muß er? Singen wir nur noch für die Smartphones?

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Natürlich gibt es – die Mehrheit – die, welche zuhören. Sie schrumpft aber, jene Mehrheit. Es werden mehr und mehr wie die Kids im Kindertheater, welche nicht mehr zwischen Bildschirm und Leben live unterscheiden können. „Bespaße mich, Äffchen! Wichtig ist mein eigener Schrei! Den zu hören! Oder auf der Videoleinwand zu sehen.“ Man will aber nicht nur belustigen, sondern Geschichten erzählen. Erinnere mich an etliche Dispute, wo Menschen sich darüber echauffierten, daß Bob Dylan nicht zum Publikum spricht. Warum hören sie nicht einfach zu? „Was machen Sie eigentlich so tagsüber?“ Ich gehe jetzt in die Maske und lasse mich abschminken.

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Unlängst sang ich ein für die Stadt Gießen geschriebenes Lied (Thema: was bedeutet Arbeit für uns? Jetzt, später und überhaupt!) – nach fast acht Monaten wieder vor Menschen – und während ich dies tat, saß in meinem Focus, wenige Meter vor der Bühne, der Moderator der folgenden Diskussion zum Thema. Eben Arbeit. Sein Blick war gesenkt in seine Unterlagen, Papierrascheln, er steht auf, versucht leise durch den Saal zu gleiten, man weiß ja, das sind dann die Lauten, quatscht mit dem Kameramann, zurück zum Platz, raschel, raschel. Ich mach weiter, leider? Aufgeregt war er wohl, der arme Kerle. Im Tunnel, wie man so schön sagt. Wieso verlegt er den Tunnel nicht vor die Türe, sondern gräbt ihn zu meinen Füßen? Kaum bin ich fertig, hüpft er behende auf die Bühne, steht zappelig rum, während ich mein kleines Equipment abbaue, sagt aber nix, trippelt vor sich hin, offensichtlich genervöst. „Wann ist das Äffchen endlich weg?“ Nun gut, ich hatte gearbeitet, während ich sang und spielte, auch wenn das dem geneigten Publikum gerne nicht auffallen will. Dann begann die Diskussion. Man disputierte über Wertschätzung von Arbeit. „Hätten Sie halt was anständiges gelernt!“ Vielleicht hat das Finanzamt recht.

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Danke nochmals, bester Helge Schneider.

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PS: Schon lustig! Helge Schneider bricht ab, Quersängerin Nena wird abgebrochen. Tja, die vielen Varianten der vielen neuen deutschen Freiheiten.

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bagatelle einunddreissig oder von der arroganz der eigenen angst atme doch

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Las heute das Zitat eines Regisseurs

Eben achtzig Jahre geworden

Man betitelte ihn Enfant terrible Berserker Avantgardist einst

Als Theater noch in offene Ohren und Augen schreien durfte

Man nicht nur Oberflächlichkeiten verwaltete wie überzogene Konten

Flunschlippig

Gelernt habe er von den Dichtern Komponisten Malern

Die sein reiches Leben in Schwung gebracht

Der Mensch sei disparat fragmentarisch beeinflußbar

Das einzig Unzuverlässige

Garantiert

Sei der Mensch

Der Einzige garantiert Unzuverlässige in der Natur

Und dachte an den unfassbaren Lärm in der reichen Welt

Nein nicht aufheulende Motoren

Gröhlende Fußballanhänger

Schreiende Kinder

Kläffende Hunde

Brüllend volle Plastiktüten

Und exaltiertes Partyvolk

Müde Menschen lediglich die doch auch dachte ich nur

Nein der sekündlich anschwellende Bocksgesang der Klagen Vorwürfe

Die Schatzsuche nach der Truhe Bundeslade Erlösung Heil

Ewige Narren die wir sind doch und die letzte Antwort bleibt Bagatelle

Die Schuldfrage stets im Visier die schon in den Almanachen unserer Ahnen

Vor sich hin moderte unbeantwortet

Das Große Jammern nun da sich die Lebenswut wieder nähert unserer

Gelähmten Gesellschaft

Die Arroganz der eigenen Angst

Spielart eine nur der vielen Verzweiflungen

Disparat fragmentarisch beeinflußbar

An den Rändern des eigenen Tellers in Agonie

Selbst Eingebrocktes den Fremden auslöffeln lassen mögen

Oh nein der Schrei

Es gibt sie nicht die Guten

Nirgendwo und nirgends

Auf den Feldern der eigenen Endlichkeit

Bastarde vermeintlichen Wissens wir

Werden überleben müssen die letzten Tage ohne zu wissen

Einatmen

Ausatmen

Abwarten

Ich wünschte ich wäre ein Berg doch bin ich nur Mensch

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bagatelle achtundzwanzig / grinsekatze glitt aus teflonpfanne auf die bühne

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Las die Zeitung ein Zitat von Mickey „Bad ass and distorted face“ Rourke

I hate actors. They are some oft the creepiest puke – asses I`ve met in life

Denke an Walter ein schwarzer Riese mit Boxerhänden und der

Seele eines neugierigen Schmetterlings

Schauspielcoach aus NYC ich war sein Übersetzer einige Wochen lang

Wie er schwärmte vom Boxer im Mimen Rourke

In der alten Schokoladenfabrik in Köln

Marathonsessions Seele aufrubbeln sich selbst durchsieben bis an

und über Grenzen hinaus Zeitreisen das Erinnern üben an alle Bagatellen

gefährliche Spiele manchmal

aber eines will ich

nicht vergessen den Rat des stets lachenden schwarzen Riesen

you gotta have commitment man commitment

wenn Dir nicht nach Grinsen ist tue es nicht du bist

Künstler keine Teflonpfanne

Und ehre deine Wunden die sind Dein Benzin

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bagatelle sechsundzwanzig / für h.h.

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Saß am Grabe eines alten Lehrmeisters fröstelnd

In der Sonne kalter Aprilseuchenwind Wollschal

Immer noch den Hals engend

Dachte an seine Unerbittlichkeit

Erlernt bei Beckett Tabori Barlog Kortner wenn wir beugten

Verhunzten die Worte aus fremder Feder auf der Bühne

Gedankenlos den Beliebigkeiten fröhnend

Dachte an seine Rabbinergüte die ewig brennende

Zigarette Whiskeyglas mein Hirn noch

Verklebt von den Scheißstürmen der gegenwärtigen

Hysterien was er verschmitzt sagen würde

Nun und schämte mich wohltuend meiner

Aufgeregtheit um die Bagatellen

Baumelnd an den Angelhaken der Binse

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neubeginn wiederhol erzähl geschichte

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Neunzehnhundertneunzig spielte ich auf dem Theater den Genossen Stalin. Der bessere Diktator und Massenmörder scherzten wir damals. War noch möglich zu der Zeit. Selbst in der BRD. Das Stück hatte Jörg – Michael Körbl geschrieben. Gorbatschow / Fragment hieß es. Ein Gespensterreigen, ein Parforceritt durch den Großen Vaterländischen Krieg und hellseherische Trauerarbeit über die Klötze am Bein des Erlösers Gorbi et Orbi. Eine zentrale These des Stücks war Michail Gorbatschow, der dann folgerichtig nicht nur auf der Bühne sondern auch realiter am Kreuz endete, sei das Ergebnis einer geheimen Liaison von Lenin und Rosa Luxemburg gewesen.

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Damals lebte ich in Münster im Schatten der Lambertitürme und war am kleinen feinen Borchert – Theater engagiert. Und da der damalige Intendant und Freund Wolfgang Rommerskirchen gute Beziehung zur Volksbühne Berlin hatte, damals weder Ost noch West und vor Castorf, waren wir in den bewegten Tagen gerne zu Besuch bei denen und die bei uns. Unvergessen eine Taxifahrt, das war im April 1990 noch ein Privileg in Ostberlin – Entschuldigung: Hauptstadt der DDR – nach einer schwer trunkenen Nacht in der düsteren Kantine der Volksbühne, das mit den Kurzen mussten wir Wessis noch trainieren, eben in jener Nacht da Stunden zuvor Oskar Lafontaine ein Messer in den Hals gestochen wurde in Müllem zu Kölle. Und der Taxifahrer dreht sich zu uns um, die wir versuchen nicht aus dem Wartburg zu fallen und sagt im breitesten Balinarisch: „Ditte iss Demokratie, wa? Da haun se eurem nächsten Kanzler ne Klinge innen Hals und die Vopos schaun nur zu? Da könn wa uns ja auf watt freuen!“ Und wir waren schlagartig nüchterner, bezahlten einen unfassbar niedrigen Pfennigbetrag in Aluchips und hockten noch mit ein paar Radebergern, Wernesgrünern und Lübzern in der zentral überheizten Plattenbau – Gastwohnung und halluzinierten vom ewigen König Helmut. Fernsehen gab es da ja nicht, Internet war noch nicht erfunden und wir fragten uns, mit Nebel im Hirn, hat der uns jetzt verarscht der Cabby aus Easttown? So gegen 4 Uhr morgens Nachrichten im Radio, Nachtarbeiterprogramm wie das da noch hieß. Tatsache. Taxifahrer lügen nicht. Was aber nun mit der Hoffnung?

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Wie komme ich da drauf? Sah gerade die Pressekonferenz der kommenden Kanzlerkandidatin dieser morgen vielleicht auch noch Grünen und dachte, haben da Oskar und Angela einst im Hinterzimmer? Nach der legendären Elefantenrunde als der besoffen abgewählte Gerd Brioni Kohls Mädchen lächerlich zu machen versuchte? Reinkarnation? Warum nicht Sarah, der Wagenknecht? Eben spricht Laschet. Und macht den Annalenus „Hennes“ Baerbock. (Opjepass: Witz für Kölsche!) In einem Satz mit drei Worten hat der doch achtmal das Mantra „gemeinsam“ ins Mikro gelächelt. Heute Abend endlich wieder Brennpunkt gucken müssen. Wie wird Gollum Söder zurück lächeln? Mein Schatz, meiner? Wieviel Realität ist Realität? Wie haben wir uns die Simulation einer Ehe Schwarz mit Grün vorzustellen? Baden wir in Württemberg bundesweit? Nein, jetzt nicht schon wieder den abgenudelten Beckenbauer zitieren wollen. Vielleicht tritt ja Mutti gegen ihre Tochter an.

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Für obiges Foto danke ich Lukas Noll, der einige meiner Arbeiten in Gießen mit wunderbaren Bühnenbildern versehen hat. Strukturelle Konflikte sind hiermit nicht verschwiegen, gelle! Die Weltzeituhr hatte er mir im Zusammenhang mit dem Gundermann – Abend zugesandt. Danke, icke vawurste dett mal, wa! Ha, darf ich halt wieder mal Gundi verlinken.

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Hoffe uns steht nach dem Ende der Pandemie eine Zeit bevor in der sich tatsächlich was dreht. Was sagte Beckenbauer immer? Nee, nicht das mit Weihnachten. Egal. Lieber das großartige Gedicht von Jörg – Michael Körbl.

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DAS NEIN UND DAS JA

sag niemals ja
denn wer ja sagt
zu dem was ist
tötet die zukunft

und wenn sie dich fragt
ob du sie liebst
sag nein
und küss ihren mund

denn die wahrheit
liegt sowieso
irgendwo
zwischendrin

(j.m.koerbl)

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Achtung an alle! Die Bühne macht Pause. Ich wiederhole. An alle! Die Bühne macht Pause. Die Bühne macht Pause.

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was würde ich tun ohne diese Welt ohne Gesicht ohne Fragen

wo Sein nur einen Augenblick dauert wo jeder Augenblick

ins Leere fließt und ins Vergessen gewesen zu sein

ohne diese Welle wo am Ende

Körper und Schatten zusammen verschlungen werden

was würde ich tun ohne diese Stille Schlund der Seufzer

die wütend nach Hilfe nach Liebe lechzen

ohne diesen Himmel der sich erhebt

über dem Staub seines Ballasts

*

was würde ich tun ich würde wie gestern wie heute tun

durch mein Bullauge schauend ob ich nicht allein bin

beim Irren und Schweifen fern von allem Leben

in einem Puppenraum

ohne Stimme inmitten der Stimmen

die mit mir eingesperrt

*

(Samuel Beckett / aus Sechs Gedichte 1947 – 1949)

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PS: Mache hier eine Pause bis wahrscheinlich nach Ostern, um an Anderem zu arbeiten. Bis dann mit Lieblingslied. Möge die Gesundheit mit Euch sein!

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Kleine Meditation über das Warten unter besonderer Berücksichtigung erinnerter Worte aus dem Theaterfundus

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Sagte der Schalk zum Dieb: „Es soll doch einen Weg geben, der hier rausführt!“

Sagte Estragon zu Wladimir: „Du sagtest, daß wir morgen wiederkommen müssen!“

Sagte Lobkowitz zu Shlomo: „Lass uns warten, Schlomo. Warten ist die wahre Zeit. Wenn man auf den Messias wartet, kommt es aufs Warten an, nicht aufs Kommen.“

Sagte Shlomo zu Lobkowitz: „Oh Herr!“

Sagte Wladimir zu Estragon: „Das sagt man so!“

Sagte der Dieb zum Schalk: „Kein Grund sich aufzuregen!“

Mischte sich Bertolt Brecht ein: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.  Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“

Sagte George Tabori: „In der Erinnerung ist das ganze Leben ein Tag.“

Wiederholte Wladimir: „Das sagt man so!“

Also sprach Samuel Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Und Winnie starrte zum Zenit und sagte: „Wieder ein himmlischer Tag!“

Willie antwortete: „Fürchte nicht mehr!“

Wieder Wladimir: „Das sagt man so!“

Darauf Winnie mit derselben Stimme: „Was?“

Willie wurde wütend: „Fürchte nicht mehr!“

Sagte aber Clov zu Hamm: „ … Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende!“

Sagte Hamm zu Clov: „Es ist aus. Mit uns ist es aus. Bald aus!“

Sprach Godot: „Wartet nicht auf mich!“

Erzählte George Tabori einen Witz: „Hängen zwei Schächer am Kreuz. Fragt der eine: „Tut’s sehr weh?“ Antwortet der andere: „Nur wenn ich lach‘.“

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Wenn der Anu Branco wüßte …

… wie teuer die Liebe sein mag

Ich wette nie würde er singen

Nie wieder wecken den Tag

(Teil 6)

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Seit jetzt bald vier Wochen nehme ich mir vor an der kleinen Rückblickserie „Wenn der Anu Branco wüßte …“ weiterzuschreiben, doch es will mir nicht gelingen. Einfach fiel es mich an einen euphorischen Anfang und an die ersten Einbrüche der sogenannten Realität zu erinnern. Viel Vergessenes ploppte wieder auf. Aber den Bogen schlagen ins Heute? Geschlossene Theater zum einen und auch noch die Rente aus Altersgründen vor Augen? Schwer und auch emotionaler als ich dachte. Was bleibt? Was ging so alles unterwegs verloren? Ist es wichtig? Ist es wurscht? Ein paar Stichworte und dann wieder zurück auf die längere Bank.

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Bleiben tut nicht viel. Kaum Fassbares. Paar kopierte Kritiken. Fotos auf der Festplatte. Begegnungen auf der Straße. Das und das war toll. Gelegentlich betrunkene Weisstunochs. Wir bauen keine Stühle, Instrumente, malen keine Bilder. Ein Fingerschnipps und alles ist futsch. Das Wort. Die Aufführung. Die Schminke. Das Bühnenbild nach einer halben Stunde durch das nächste ersetzt. Das berühmte Premierenloch. Schon nach der Premierenfeier erwacht man oft und weiß eigentlich nicht mehr, warum man sechs Wochen mit etlichen Menschen in einem von oft fürchterlichen Aufs und Abs geprägten Liebesverhältnis verbracht hat. Eine Nähe zulässt, die man sich in anderen privaten Zusammenhängen eher verbieten würde. Das, was stets blieb, war der Ausblick auf die nächste Arbeit. Oft voller Freude, gelegentlich war es halt die Pflicht. Das fällt dieser Tage weg. Aus zweierlei Gründen. Radikaler Entzug also.

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Was ging alles verloren an Glaube, Liebe, Hoffnung? Verglichen mit 1982 erarbeiten an den Theatern heute 50% weniger Mitarbeiter 50% mehr Produktionen zu 50% weniger Bezahlung. So ist Pi mal Daumen die Entwicklung vor allem der letzten 10 bis 15 Jahre beschrieben. Die Politik hat als Grundvoraussetzung zur Leitung eines Theaters mehr und mehr ein abgeschlossenes Betriebswirtschaftsstudium gemacht. Den finanziellen Druck weitergegeben in die Kunst hinein. Nun, in diesen Monaten der Pandemie fällt plötzlich allen auf, daß die Künstlers in einem prekären Gewerbe arbeiten. Die Sparpolitik hat uns die Zeit nachzudenken und die Luft in den Köpfen genommen. Ein Hamsterrennen ist die Folge, oft auch noch ein uns selbst auferlegtes, die wir gerne Meister der Selbstausbeutung sind. War in den letzten Jahren oft sehr anstrengend, vor allem auch, wenn Deine Gegenüber, Augenränder bis an die Knie, die Lage weglächeln wollen.

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Andererseits: Mitleid ist das Gegenteil von Kunst. Als Don Quichote gegen die Windmühlen anrennen, meist aus enttäuschter Liebe? Macht kaputt ohne daß du die Maschine kaputt kriegst. Die lacht. Frei nach John Lennon: Theater ist das, was Du machst, während Du darüber nachdenkst, was das ganze Theater soll und warum? Und: keiner hat dich dazu gezwungen. (Außer Dein Ego womöglich!)

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Das Theater und ich waren eigentlich immer ein Paar, daß sich gerne küßte und dann schlug. Offensichtlich von Anfang an. Folgendes entdeckte ich kürzlich in meinem wiedergefundenen USA – Tagebuch von 1979. Nachdem ich nach ein paar Wochen Schauspielschule dem Vorsprechen der Absolventen zugeschaut hatte plus anschließender Feier notierte ich: 

Oh, Mann, diese wahnsinnigen Kinder. Gezüchtet sich vor den Augen eines stumpfsinnigen Allesfresserpublikums aufzureiben. Träume, gekauft, injiziert, traurig und gnadenlos durchsichtig. 4 Jahre eingesperrt taumeln sie aus ihrem Gefängnis und können es nicht fassen. Aufgebaut und vollgepumpt mit nichtssagendem Applaus fahren sie, kokainschnupfend wie die Leithammel, gen New York, um berühmt zu werden. (Hoffentlich bleibt mir dieser Wahn erspart. Diese widerlichen Abgrenzungsshows, die Unfähigkeiten zu spontanen, tiefen Gemeinsamkeiten, öffentlich – oberflächliche Zärtlichkeiten, kultureller Dschungelkampf. Romantische Gosse oder Werbung, aber halt doch immer dieses verdammte Gefühl anders zu sein.)

Nennen wir es Wehwut. Die Geschichte dürfte noch nicht zu Ende sein, auch wenn es dieser Tage oft nicht so einfach ist, darauf zu hoffen. Vorläufige Conclusio: was man unterwegs begreift ist wichtig, aber wegschmeißen mag ich nie, was eigentlich der Antrieb war, als wir losliefen im Jahre 1982. Klicke auf „Ich wette nie würde er singen.“ Oben. Bis ich mich etwas ausgiebiger mit einer Rückschau in Sachen Beruf beschäftigen mag oder kann, unten ein Zwischenbericht aus dem Jahre 2006. Wie singt doch Gerhard Gundermann? „So wird es Tag! So wird es ein Leben! Wenn wir nicht wie tote Fliegen kleben an dem süßen Leim zu dem man Schicksal sagt!“

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PS: Alle Fotos zum „Anu Branco“ hat mir Google unter der Eingabe „Köln Luxemburgerstrasse 1982“ zur Verfügung gestellt. Danke dafür.

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