boredom is my inspiration / bob dylan

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Ich habe mich dieser Tage an den Dialog mit den alten Gefährten gewöhnt. Bleiben wir also dran am Alterndem Egoist. Oben der aktuelle Wanderstock.

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hinter mir der Weg liegt vor mir das neue Jahr schon gestorben vor der Zeit

das Nest verließ ich singend im Aprillaunengewitter am Stock

drücke ich mich in die erhofften Höhen

neue Lieder wie die ersten Schmetterlinge stammelnd

taumelnd Rauhreif auf den Flügeln durch die hohle Gasse hinauf

flatterhaft ohne Ziel Trommelwirbel Ungewißheit in den Innereien knirscht

des Winter Laub unter dem Fuß gnädige Erinnerung

und wäre ich dieses eine welke Blatt

und wäre man dieses eine Blatt das welken wird

und bliebe man ein Blatt welkend

man bliebe dieses Blatt

und welkte

eben noch erwacht

so ein Blödsinn aber auch

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(Archibald Mahler / Freund der Ambivalenzien und Zimmermannologe)

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Unten mein Beckettgedicht zum heutigen Tage

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Musik der Gleichgültigkeit

Herz Ruhe Luft Feuer Sand

der Ruhe Einsturz der Lieben

übertöne ihre Stimmen damit

ich mich nicht mehr

schweigen höre

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(Samuel Beckett / 1937 – 1939)

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Stille die Liebe den Haß die Stille stille

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Las eben in der Zeitung seit zehn Jahren nun sei dieser April wieder ein rechter April. Wie er früher einmal war. Sollte man eigentlich dankbar frieren und das Auf und Ab, Hin und Her, Holterdiepolter genießen mögen. Man gewöhnt sich wohl zu schnell daran, wenn es zu angenehm wird gegen alle Vernunft. Man sollte sich vielleicht doch schneller an Unvermeidliches gewöhnen können sollen. Ist möglicherweise vernünftiger trotz Gänsehaut. Nochmals der Verweis auf den Weggefährten. Er ist momentan gewitzter im Kopp als ich. Er wird dies aber bezweifeln wollen. Dafür liebe ich ihn.

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ich will es nicht wissen

was mir das Fremde in mir hielte ich es in den Händen gestern war

Bergwerke tiefe Gräben gesprengt in den Karst schuppender Erinnerungen

Laub im Lenz schon runzelnd

mein Finger streicht über

rauhe Häute Schürfwunden liebevoll Gewebe vernarbt

diese Landkarte mag ich lesen morgen wenn übrig mehr

an verlorener Zeit

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(Archibald Mahler / Poet der Meteorologie und Meisterschüler)  

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Ich hatte mich mit einem Beckett – Gedicht in die Bühnenpause verabschiedet. Hier wieder eines zur Rückkehr. Dylan. Beckett. Ä Gläsle Spätburgunder. Soviel mehr benötigt man eigentlich nicht. Und natürlich: das Vergessen können lernen. Freiwillig. Und jemanden der zurückliebt.

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gut gut es gibt ein Land

wo die Vergessenheit

sacht auf die unbenannten Welten drückt

da verschweigt man den Kopf der Kopf ist verstopft

und man weiß nein man weiß nichts

der Sarg der toten Münder stirbt

am Strand er ist angelangt

es ist nichts zu beweinen

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mein Einsamsein ich kenne es ja ja ich kenn‘ es kaum

ich habe Zeit so sag ich mir ich habe Zeit

doch welche Zeit hungrig Gebein die Zeit des Hunds

die des stetig verblassenden Himmels meines Stückchen Himmels

des Strahls der zitternd emporschimmert

der Mikronen der Dunkeljahre

..

es heißt ich soll von A nach B gehen ich kann es nicht

ich kann nicht `raus ich bin in einem fährtenlosen Land

ja ja es ist eine feine Sache die sie da haben eine ganz feine

was ist das fragen sie mich nichts mehr

Spirale Staub von Augenblicken was es ist das gleiche

Die Stille die Liebe der Haß die Stille die Stille

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(Samuel Beckett / Sechs Gedichte / 1947 – 1949)

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Die Probe läuft! An alle! Die Probe läuft!

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Was ist das Anstrengende? Warum fiel mir nichts ein in meiner ruhigen Schreibklause, wo mich – das hatte ich mir gewünscht – morgens Vögel weckten und nicht ein Müllauto und die Innenstadt? Es ist, glaube ich, das Leben in Simulation, was man gegenwärtig führt. Das Tun als wenn und ob. Statt komplett den Stecker draußen zu lassen, solange nix Halbes nix Ganzes ist, sich selbst Durchhalteparolen um die Ohren hauen. Deutscher Denker ruhet nicht und konzipiert Hygiene. Durchhalten. Na ja. Wollte und sollte Texte schreiben für Auftritte. Gibt sogar Vertrag, aber: Finden die statt? Wie? Draußen? Lebendiger Leib, welcher zuschaut? Doch wieder Digital? Schau’n mer mal und tun wir halt als und ob. Wie geht es so? Muss ja! Ist das Leben eine aufblasbare Puppe? Nee. Ich will Abgabetermine. Reelle Szenarien. Genug rumimprovisiert. Ansonsten lieber eine richtige Ruhe. Solange es nötig. Darf also der Weggefährte heute nochmals ran.

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So tun als ob und was wäre wenn jede Glühbirne eine Sonne

Und schien so hin auf das erwachende Haupt und regte redlich an und

Dann die Füße bewegt geschwungen und mit Schwung bewegt es sich

Und die leichten Gedanken ohne alle Schranken posaunt ins Himmelblau hinaus

Fegt weg alles Grau aus den Synapsen nie mehr tapsen

Und vermuten nein sich sputen weil das Leben rast

Doch all diese Schatten der Realitäten im Leben dem verpassten

Voll jener Erkenntnis der späten so ach

Die fallen herab auf den Boden als ob es geschehen wäre

Zu spät all die Wehen nach der Geburt was nicht ist wird nicht werden

Phantasie nur im Koppe eine Druckstelle der Erinnerung und

Drum stoppe dies Beharren auf Wiederholung das Wrack dümpelt friedlich

Es schneit noch immer kein Gewimmer die Höhenlampe ist keine Sonne

Die Leisten dieses müden Jahres bei denen bleibe und schustere nicht rum

Im Nebel dem wundersam ungefähren und überqueren wir den Fluß wenn

Die reißenden Wasser gezähmt solange gelähmt das Verlangen

Es rauschet das Blut nicht es fließet gemächlich

Doch jucket es in den Nasenflügeln es grüßen von den Hügeln

Die Kreuze man wird steigen wieder höher und hinauf

Solange kauf Dir was am besten nüscht

War das jetzt ein Gedüscht

Laß den Schnee solange er liegen mag bleibe müd‘

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(Archibald Mahler / Küchenphilosoph und bekennender Privatier)

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Achtung! Die Probe wird fortgesetzt. Wiederhole. Die Probe wird fortgesetzt.

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Konnte mich jetzt eine Zeit lang in ein Arbeitszimmer am Waldesrand zurückziehen. Schöner Zufall und Glück alter Beziehungen! Gearbeitet sprich geschrieben habe ich so gut wie nichts, aber beim Wandern durch die Wälder (Weia, in was für einem fürchterlichen Zustand die sich doch befinden! Spätsommerlich knackt es schon unter den Sohlen.) spüren, daß dieses ins Leere Fuchteln der letzten Monate doch Spuren hinterlässt und das ständige den Kopf oben halten wollen und müssen „scho au“, wie Jogi sagen würde, Nackenschmerzen hinterlässt. Die strahlen dann gerne aus. Abstand dazu gewinnen, tut jedoch wie immer gut. Nun wieder sortieren und suchen, wie es hier weitergeht. Lasse erstmal einem alten Weggefährten den Vortritt.

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Als der Frühling noch ein Lenz gewesen und buntes Band durch laue Luft vom Eise befreit

Ein Bach vor den Toren lachend durch frisches Grün murmelte

Wie man so reimte und Volk schritt hurtig drängelnd hinaus zum Tore

Bald auch die ersten Immen schwirrten taumelnd wild noch und wirr

Um Köpfe die nach vorne blickten naiv und freier jedoch

War’s Erwachen mir die größte Freude nach langem Winter

Doch heute da von Feuchte schwerer Schnee ruht noch auf Fensterbrett und Herzen

Wie Blei und in den Gliedern rheumatisch klammer Schmerz pocht

Da mag man doch verbleiben innerlich in jeder Hinsicht sowie Art

Statt zu singen, lärmen und mit Freudenkrach dem Leben an den Hals

Ich werde nicht wach in dieser grauen Feuchtigkeit

Nein bin es leid

Wenn selbst der Winterschlaf die Welt nicht lässt erblühen

Warum dann all die Mühen sich wiegen in den Schlaf durch langen Winter

Auf Träumen wild zu reiten und bei Zeiten dann den Kopf zu recken

Ob hinterm Horizont schon Lachse in die Mündung strömen

Den Büschen Beeren wachsen aus den Federn

Und das Bärenweib treibt des letzten Jahres Freude aus der Höhle

Tollend und neugierig

Dreh Dich um ein langes Viertelstündchen noch

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(Archibald Mahler / mittelhessischer Heimatdichter und Traditionalist)

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Achtung an alle! Die Bühne macht Pause. Ich wiederhole. An alle! Die Bühne macht Pause. Die Bühne macht Pause.

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was würde ich tun ohne diese Welt ohne Gesicht ohne Fragen

wo Sein nur einen Augenblick dauert wo jeder Augenblick

ins Leere fließt und ins Vergessen gewesen zu sein

ohne diese Welle wo am Ende

Körper und Schatten zusammen verschlungen werden

was würde ich tun ohne diese Stille Schlund der Seufzer

die wütend nach Hilfe nach Liebe lechzen

ohne diesen Himmel der sich erhebt

über dem Staub seines Ballasts

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was würde ich tun ich würde wie gestern wie heute tun

durch mein Bullauge schauend ob ich nicht allein bin

beim Irren und Schweifen fern von allem Leben

in einem Puppenraum

ohne Stimme inmitten der Stimmen

die mit mir eingesperrt

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(Samuel Beckett / aus Sechs Gedichte 1947 – 1949)

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PS: Mache hier eine Pause bis wahrscheinlich nach Ostern, um an Anderem zu arbeiten. Bis dann mit Lieblingslied. Möge die Gesundheit mit Euch sein!

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Der fröhliche Fensterputzer

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Ein alter Klassenkamerad hat einen alten Karton gefunden. Mit Briefen und Karten. Dabei auch ein Brief seiner Mutter, die ihm, dem heimatfernen Studenten, von ihren Begegnungen in der Stadt am See berichtete. Erst der Fensterputzer, darauf ein alter Freund von mir. Ein getippter Brief einer Mutter an den fernen Sohn. Im Oktober 1977 verfasst. Wie ergreifend. Im Rückblick. Damals wohl kaum so recht begriffen.

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Gäbe es den Zeittunnel, heut‘ würde ich eine kleine Reise zurück buchen und elegant das Fensterleder schwingen. Einer meiner schönsten Jobs. Und gut bezahlt. 10 DM auf die Hand. Und fertig. Wenn wir schnell waren, und das waren wir, die Schtudende, gab es am Freitag noch einen Zehner bis Zwanziger Akkordlohn für die Woche dazu. Und ein, zwei Viertele. Ernie hieß der Mann, mit Nachnamen wohlgemerkt, sprach breitestes Mannemerisch und verabschiedete mich nach Köln mit den Worten: „Ei, des is en Zigeune! Dä muss fott!“

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Vor ein paar Wochen, als ich begann diese Erzählseite ins Leben zu rufen, stieß ich in einem Regal auf einen längst vergessenen Ordner. Hunderte beschriebene Zettel. Die frühen Versuche des Schreibens. Ende der Schulzeit. Die „wilden Jahre“. Lieben. Reisen. Schauspielschule. Ob ich mich da ran wage? Uff.

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Alltag

Irgendwann kommt der Punkt

An dem wir die Fähigkeit

Die Zeit zu formen und zu kontrollieren

Verlieren

Und wir werden zu Zeigern auf einer

Der ständig hetzenden Uhren

Selbst Einzigartigkeit und Tiefe

Krachen hohnlachend durch die dünne Eisdecke

Die sie vom Mittelmaß getrennt hatten

Und ertrinken

Und dann wenden wird sehnend den

Blick und über uns gehen Neue

Auf dünnen Eisdecken

(Und so unendlich sicher)

(Konstanz / Oktober 1977)

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Was mache ich hier eigentlich?

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Seit einen Monat existiert dieser Blog. Es macht Spaß. Es ist mir als sei der – auch durch zu viel Alkohol – verstopfte Gedankenabfluß wieder freigelegt. Dennoch: was mache ich hier? Mentale Luftgitarre spielen? In einen abgedunkelten Raum Ideen hineinschießen, welche mir um die Ohren fliegen wie Squashbälle? Oder betrachte ich nur die Schatten an der Wand wie John Lennon in seinen regungslosen Jahren im Dakota – Building?

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bagatelle 12

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Die abgehäuteten abgehangenen Momente

Im Rückspiegel

Gelagert in Schubladen Zettelkästen

Verzettelkästen eingefroren

Die erhitzten Erinnerungen durchgegart

Gewürzt mit Arabesken versuche

Ich zu drücken durch ein Sieb

Montiere dazu die Butter

Der leichten Übertreibung

Und versuche wie einst als Junge

An der Bushaltestelle wartend auf

Den Bus zur Schule zwischen den

Brettern der Wartebank hindurch zu spucken

Das zu treffen was gewesen sein mag

Kein Paradies diese Erinnerung

Auch nicht Bagatelle aber

Tauschen mochte ich nie

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PS: Oben 2018 auf dem Markt in Kalamata. Portionieren muß man selbst.

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Lob und Tadel der Baustellen.

Blätter und Schatten

Nicht neu kann sein was du beginnst –

denn immer nimmst du was dir längst gegeben

und gibst es hin:

wie in der Liebe da es mir gebricht

an jeder Kenntnis: rot wie die Buchen Laub verstreun

maßlos am Wegrand wo ich schon sehr frühe ging …

und kannte nicht den Weg

und kenn ihn jetzt noch nicht

und kenne nicht das Kind des Schatten mir vorausläuft

und weiß nichts von der Sonne die ihr rotes Gold

dem Blattwerk einbrennt.

Und weiß nicht mehr den Herbst

der ernst in meinem Rücken ging und dem ich Schatten

war: stets neu entworfner Schatten ungezählter Herbste.

(Wolfgang Hilbig)

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An was bauen auf Trümmer blickend? Auf die Trümmer von zerbröselnden Gewißheiten. Auf die Reste der schmelzenden Ewigkeiten von gestern. Mehr erträumt und behauptet als denn jemals stattgefunden.

Vor dem Fenster Panik. Man stürmt nicht die Bastille oder die Gefängnisse, sondern ein Schuhgeschäft und verwüstet es. Welche Angst treibt hier an? Noch knappe 36 Stunden. Sonst mit leerem Arm am Fest der Liebe. Obsolet das seit Jahren heruntergeleierte „Dieses Jahr schenken wir uns aber nichts!“. Wird es jetzt wahr? Die schönsten Geliebten sind die, welche flohen. Wären die Kirchen dieses Jahr voller, wenn sie dürften?

Welches werden die großen, bedeutenden Baustellen werden? Wer wird haben das Sagen? Die Lenkradherumreißer? Die Tempomaten? Die Bleifüße? Letztes Jahr, als ich in Hoyerswerda über „Gundi“ nachdachte und arbeitete und die Neunziger im Osten, die Zeit der richtig großen Umbrüche, konnte ich zusehen wie, immer noch, Wohnkomplexe (WK) vor Ort „rückgebaut“ wurden. Abrissmonster fraßen sich in leergelebte Riegel, knirschend, mit, immer noch, siegergefletschten Eisenzähnen. Das Neue schleifte stets die Mauern des Alten bis auf den Grund. Bastarde werden selten gelitten. Vielleicht sind sie manchem zu zäh. Die streunenden Hunde erwachen eben erst. Woanders, in den Ländern ohne Staatsgarantien auf Ewigkeit, lecken sie schon die Pfoten der Macht.

Manchmal wünschte ich der Menschen höchstes Glück wäre die Fahrt mit dem Schlagrahmdampfer (mein neues Lieblingswort) geblieben. Einer meiner ältesten und besten Freunde ist der Sprecher. Bauen wir zurück? Bauen wir zurück! Baut ab, baut ab, baut auf! Helter skelter!

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