Wo ist die Zeit? / Falls ich es erinnere

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Nein, nicht Schabbach 1952 , sondern Altstadt Grünberg / 10. September 2022

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Ab einem gewissen Alter hat man unweigerlich das Gefühl, die Zeitung füllt sich nur noch mit Nachrufen und Todesanzeigen. Nicht dass plötzlich mehr gestorben wird als sonst, es sind halt Menschen, die Erinnerungen entweder mit sich tragen oder auszulösen in der Lage sind, mögen sie fern sein oder näher bis ganz nah. Also die Menschen und die Erinnerungen. Man hat das Gefühl sich umdrehen zu müssen und schon fängt es an: was bitte ist denn nun erinnert?

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Tja, die Erinnerung – folgende Gedanken angeregt durch Edgar „Heimat“ Reitz – was ist das? War es denn so, falls ich mich erinnere, erinnern kann, erinnern will? Oder war es so, wie man mir erzählte, dass es gewesen wäre oder hundertprozentig und nicht anders derart stattgefunden hat? Gute alte Freunde und sehr gerne auch Familienmitglieder neigen zu letzterer Lesart. Oder hat sich die Erinnerung entlang meiner Entwicklungen, Verwicklungen, Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Lebenspfad geformt? Neige ich dazu 1001 Nacht als dramaturgischen Berater heranzuziehen oder Exxeltabellen? Tagebücher oder eine durchwachte trunkene Nacht? Ist mir der Lacher der Zuhörer wichtiger als der Verbleib auf dem halbwegs korrekten Erinnerungsweg? Geht es lediglich um mein Leben, ist dies wahrscheinlich eh wurscht. Doch wie, wenn man zum Beispiel in gemeinsamer Runde, versucht sich eines anderen zu erinnern?

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Las heute in einem der vielen Nachrufe der letzten Wochen einen guten Satz: „X ist tot. Es ist, als hätte man einen Baum gefällt!“ Ein schönes Bild. Wenig schmerzt mich mehr als der Anblick eines – meist sinnfrei – frisch gefällten Baumes. Ich denke, man kann letztlich nur Bilder erinnern. Vielleicht versuchen diese dann zu beschreiben. Man sollte sich hüten sie zu deuten oder gar zu interpretieren. Aber das ist nicht so einfach.

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Seit 10 Tagen nun kann man sich Tag und Nacht beschießen lassen mit Erinnerungen an die tote Königin. Dabei geht es wohl gar nicht um diese Person, sondern um ein Abstraktum, ein Stück imaginierter Beständigkeit, fast Ewigkeit, unverbrüchlich kollektive Erinnerung, Heimat vielleicht. Doch wo ich so etwas wie Heimatliebe eher im Privaten, gar im Stillen ansiedeln würde, scheint mir öffentliches Erinnern nicht anderes als ein nerviger und viel zu lauter, in den letzten Jahren mehr und mehr wuchernder, Zugehörigkeitsfanatismus zu sein.

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Für den herrlichen Ausdruck, den ich gerne hier wiederholend tippe, Zugehörigkeitsfanatismus, danke ich ebenso Edgar Reitz.

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Wo ist die Zeit? / Eine wahrhaftige Königin und dann ein langjähriger Freund

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Als junger Mann war ich bekennender Italo – Western – Gucker. Je einsamer und ambivalenter die Heroen, die meist und Gott sei Dank nicht nur gute Menschen waren, umso lieber waren sie mir. Besonders fasziniert war ich, wenn Meister Leone die gesamte Leinwand mit den funkelnden Augen der Protagonisten füllte. Mal so gucken können, dachte der Schauspielstudent. Aber sie haben es letztlich alle von Irini Pappas gelernt, den durchdringenden Blick. „Wo ist meine Ziege?“ Auch davon träumte der junge Mann: einmal der Pappas den Schirm reichen zu dürfen. Jetzt ist sie verstorben. Ich wusste gar nicht, dass sie auch so faszinierend sang.

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Während ich dies schreibe, klingelt das Telefon. Ein Freund, mit dem ich seit fast zwanzig Jahren regelmäßig zusammengearbeitet und manchen samstäglichen Grappa auf die Welt und zuletzt auf „Uns Uwe“ geleert habe, ist – viele spürten es eigentlich schon seit Wochen, dass es vor der Türe steht – heute gestorben. Man kann sich darauf nicht vorbereiten. Jedes Mal steht die Welt kurz still. Vor ein paar Wochen feierten wir seinen 70. Geburtstag beim Urgriechen hier vor Ort. Es war ein schöner Abschied.

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Wo ist die Zeit? / Auch noch die Queen!

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Nun, dies war für unser Land keine Glückspost, diese Neue Post. Sie ist von der Welt gegangen, die Frau mit Herz, die Frau im Spiegel, sie die verkörperte wie keine andere, so singen sie dieser Tage und auch nachts, das Echo der Frau, eine Frau aktuell schon immer. Nun werden wir aufschlagen Das Neue Blatt und blicken in eine Neue Welt. Unser Land hat zwar keine Königin, aber die Zeitschriften dazu. Immerhin. Und kein Land zieht sich professioneller den Mantel „Der Anderen Trauer“ über, wie das uns’rige.

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Der neue König war mir immer sympathisch. Vielleicht wegen gemeinsamer Ohrengröße, aber vor allem als die ganze Welt unter der Führung der BRD die Prinzessin der öffentlichen Schmerzen bejammerte. Und ob ich der Sohn dieser Mutter sein mochte, in diesem System, in dieser „Firma“? Dann lieber mit den Pflanzen sprechen. Das tue ich im Übrigen auch. Tomaten & co freuen sich darüber. Gott bewahre den König. Vielleicht fängt er mal an zu sparen. Bei Burgerking gibt es preiswerte Pappkronen. Und from Buckingham Palace to Windsor Castle sind es keine 45 minutes with the Royal Pedelecs. And Fish & Chips twice a week? Hold on, Charles!

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Wo ist die Zeit? / Wenn jeder Sommer zur Plage wird und so bleibt lediglich Gegenstand einer hirnleeren Hysterie in Sachen vermeintlicher Leichtigkeit

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Ich höre gerne Radio. Aber warum brüllen sie mich alle an dieser Tage, während Vater Rhein sich auf wenige Zentimeter Pegel zurückzieht, die hysterischen Mikrophonbesprecher und legen mir die neuesten, meist dreißig Jahre alten Sommerhits ans überhitzte Herz? Und dann jubeln sich die Werbungssprecherinnen – es sind halt die hochgetunten weiblichen Quietschestimmen – mir entgegen, daß wir jetzt endlich wieder alle feiern dürfen. Mit Billigbier. Tönnieskotletts. Und WAAACKEN! Und man möge endlich wieder die Harley aus der Garage ziehen. Selbst wenn du die nicht besitzt. Aber die Straßen wären trocken. Die Stadt sei ein Fest. Die Stadt nun fest in fremden Hälsen. YEEEAH! Der Oberbürgermeister trippelt erregt vor dem Photoapparat der für Billiggeld arbeitenden Schreibhilfe hin und her und freut sich wie Bolle, daß seine verarmte Gemeinde jetzt wieder leben täten darf.  Sacht er so. Und die Rentner spüren ihre maladen Körper nur noch in chlorgetränkten Bassins. Die Hartgesottenen unter ihnen springen in verseuchte Flüsse. Weil früher auch schon immer Sommer war. Den Sommer nochmal spüren. Jetzt oder früher? Jetzt. Wie früher. Weia!

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Wir brauchten früher jede große Reise

Wir wurden braun auf Kreta und auf Kos

Doch heute sind die Weißen rot Verbrannte

Denn hier wird man die eig’ne Haut schnell los

Ja, früher gab’s noch Regen und den leise

Das Freibad war im Mai geöffnet auf Verdacht

Ich saß bis in die Nacht in meiner Kneipe

Habe über die Verbissenen gelacht

Die als Riesenquallen lagen rum an Stränden

Und jeder Schutzmann ließ die Mütze auf

Und Du, Felix Germania

Du sauf

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Wann wird’s mal wieder richtig Sommer

Ein Sommer, wie er früher einmal war?

Ja, mit Regenfall von Juni bis September

Und nicht so krank und so hysterisch, wie die letzten Jahr‘

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Und wie wir da wir noch permanente Tiefs begrüßten

Die Regenschirmverkäufer waren froh

Da gab es auch mal fünfzehn Grad im Schatten

Und mit Pullover war es uns noch warm

Die Sonne verbarg sich auch mal hinter Wolken

Da brauchte man die Klimaanlage nicht

Das Schaf war einst noch froh, daß es nicht doof war

Wir lebten nicht in Mali sondern hier vor Ort

Wer niemals fror, der machte dann halt FKK

Doch heut‘, heut‘ summen alle Wespen laut im Chor

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Wann wird’s mal wieder richtig Sommer

Ein Sommer, wie er früher einmal war?

Ja, mit Regenfall von Juni bis September

Und nicht so krank und so hysterisch, wie die letzten Jahr‘

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Der Winter war der Reinfall des Jahrhunderts

Nur über tausend Meter gab es Schnee

Mein Milchmann sagt: „Dies‘ Klima hier wen wundert’s“

Denn Schuld daran ist nur die FDP

Ich find‘, das geht ein bisschen arg zu weit

Doch bald ist wieder – Hosianna – Urlaubszeit

Und wer von uns denkt da nicht dauernd dran

Weil wer beschränkt ist halt und auch nicht anders kann

Trotz allem, glaub‘ ich unbeirrt

Dass unser Wetter besser wird

Nur wann und diese Frage geht uns alle an

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Wann wird’s mal wieder richtig Sommer

Ein Sommer, wie er früher einmal war?

Ja, mit Regenfall von Juni bis September

Und nicht so krank und so hysterisch, wie die letzten Jahr‘

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Wäre ich doch in der Lage einen wirksamen Regentanz auf unsere trockenen Böden zu hüpfen!

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Wo ist die Zeit? / Von Uwe Seeler lernen, heißt siegen lernen! Und verlieren!

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Seltsam, wie der Tod mancher „Lebensbegleiter“ berühren kann. Vor allem, wenn Sie dich begleiteten, als du noch ein Bub‘ warst. Dieses Spiel oben durfte ich schauen, obwohl am sehr späten Abend übertragen. Was heute ja Normalität ist. Die gemeinsame Aussicht auf die Rache für Wembley hat das Herz meines strengen Vaters erweicht.

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Traurig wie ich gestern war, sagte ich zu meiner Frau: „Würde die Welt nach Art eines Uwe Seelers behandelt, es ginge ihr entschieden besser!“

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Wo ist die Zeit? / Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Oder? / Sag an, Genosse!

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Lausitz / Tagebau Welzow – Süd / 11. Juli 2019

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„hier isses heute nicht besser als gestern / und ein morgen gibt es hier nicht“

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Vor drei Jahren weilte ich eine Zeitlang in Hoyerswerda. Ich sammelte dort Material und führte Gespräche für mein Gundermann – Projekt ‚Tankstelle der Verlierer‘. Auf den Tag genau heute vor eben drei Jahren nahm ich teil an einer Exkursion durch den Tagebau Welzow – Süd. Dort hatte Gerhard „Gundi“ Gundermann seine letzten Wochen auf dem Bagger absolviert und später Andreas Dresen Teile des Filmes ‚Gundermann‘ gedreht. Ich hatte damals die Genossen Hoy und Woy davon berichten lassen.

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Denke ich daran zurück, habe ich das Gefühl das war nicht nur eine Reise auf den Mond oder in eine untergehende Welt, nein, das war der Besuch einer anderen Galaxie in einer anderen Zeitzone. Nun vielleicht müssen wir wieder dorthin zurückkehren, wenn unsere Ärsche kalt und kälter werden und letztlich auf Grundeis kratzen. Die Kumpel wird es freuen, daß man sie nun wieder benötigt. Den Genossen Covidel Sarsowitsch auch. Je kälter, desto mehr Verbreitung. Freundschaft! Und Gundi winkt runter von seiner Wolke. Was gestern falsch, wird morgen richtig! Ätsch! Und die Engel über dem Revier müssen dann auch wieder richtig ran. Siehe ganz unten.

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Einschub in Sachen Wolke und Engel: Jener hätte heute Geburtstag.

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Wie die „Welt“ sich in den letzten drei Jahren schüttelte, rüttelte, verbog, belog, sich selbst betrog und was auch immer – ich weiß, das tut und tat sie schon immer, aber die Verdichtung dieser Tage ist schon immens – nimmt mir in stetig kürzer werdenden Abständen den Atem. Man kommt nicht mehr hinterher als alter Sack. Da hilft nur eines, sich an den Straßenrand setzen. Um zu warten. Und zu schweigen.

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Eine meiner liebsten philosophischen Petitessen: Als Indien noch Bestandteil des United Kingdom war. Ein Sadhu, ein heiliger Mann, sitzt am Straßenrand. Vorbei fährt ein englischer Offizier in seinem nagelneuen Auto. Das heißt sein Chauffeur kutschiert den Mann. Der Offizier lässt ihn halten. Bietet dem Sadhu an, ihn ein Stück weit mitzunehmen. Dieser willigt ein, nimmt Platz im Fond. Man fährt los. Nach wenigen Minuten gestikuliert der Sadhu, bittet zu halten und ihn aussteigen zu lassen. Er setzt sich an den Straßenrand. Im Lotussitz. Der Offizier fragt ihn, was er da tue und warum. Der heilige Mann antwortet: „Das ging mir alles viel zu schnell. Ich warte hier bis meine Seele nachgekommen ist! Gute Reise!“

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In diesem Sinne: wenn meine Seele sich wieder in Reichweite befindet … Bis denne! Darauf noch einen letzten Kumpeltod!

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Wo ist die Zeit? / Leere Räume sollten leere Räume sein / Peter Brook ist tot

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Gotha / Ekhof – Theater / 7. Oktober 2021

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Zwei Meister waren mir Vorbild als Theaterschaffender. Der große Grummler George Tabori: „Und wenn Du mit Deiner Aufführung nur eine Seele im Publikum berühren konntest, hat sich Deine Arbeit gelohnt.“ Und der nun verstorbene Peter Brook: „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“

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Eines meiner beeindruckendsten Theatererlebnisse: 1983 Staatstheater Stuttgart. Gastspiel von Brooks Inszenierung. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte.“ Vier unfaßbar gute, weil auf das Wesentliche reduziert inszenierte Schauspieler. Ein Musiker. Der Raum: ein Teppich. Zwei Stühle. Zwei Lampen. Ein Kleiderständer. Gehirne, denen man beim Denken zusehen durfte. Körper, die Erkenntnisse abbildeten. Im leeren Raum. Es zumindest versuchten. Er ließ sie machen. Ein großer Meister.

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Sein Hauptwerk „Der leere Raum“ habe ich bestimmt dreimal gekauft und noch öfters verliehen. Nie zurückbekommen. Muß wohl ein gutes Buch sein. Heute sind leere Räume selten. Hektische Projektionen überfluten sie. Setzen das Denken unter Wasser. Scheinemotionale Videos erzeugen Nähe aka Enge und kleistern die Türen der Erkenntnis zu. Es quillt so manches über. Die Flüße trocknen derweilen aus. Zurück zur Windmaschine!

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Will ich herausfinden, ob zum Beispiel ein Italiener einen mehrmaligen Besuch wert ist, bestelle ich beim ersten Mal eine Pizza Margherita. Oder Spaghetti Bolognese. Der Rest erledigt sich von selbst. Legt aber eine Grieche eine Orangenscheibe neben die gebratene Leber, muß ich leider aufstehen. Große Lieder auf kleinen Tellern servieren ist Blödsinn.

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Wo ist die Zeit? / 1. FC Delius / März ’88

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Friedrich Christian Delius / In den späten Sechzigern / geklautes Photo

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Münster im Jahre 1988. Wir wussten alle nicht, daß die BRD bald Geschichte sein würde. Es war ein sehr warmer März. So eine Art Vormärz des Wandels. Wir probten ein Vier – Männerstück. Waschtag. Ich gab (was für ein bescheuerter Theaterausdruck!) die oberste Nazi – Jugend – Tucke Baldur von Schirach. Der Autor und sein Freund / Lektor / Verleger – ich erinnere es nicht mehr präzise – waren in den letzten zwei Wochen vor der Premiere vor Ort. Der kürzlich verstorbene Friedrich Christian Delius. Ein ruhiger, freundlicher, nie laut auftrumpfender Mann, der uns den ein oder anderen Fingerzeig gab, aber vor allem mit Freude und respektvoller Distanz zusah, wie wir mit großem Spaß, Hingabe, gelegentlichem Streit (und das mit … ähem … darf man das heute noch sagen ohne einen Haschischtag oder wie das heißt an den Hals gemailt zu bekommen … sogar durch den Probenraum fliegenden Stühlen) versuchten sein Stück auf die Bühne zu setzen. Wir wuschen Bettlaken, wrangen sie aus, mangelten sie, bügelten sie, falteten sie. Von Mann zu Mann. Alles live und in Farbe und mit echtem Wasser und Waschpulver. Und eine Miele spielte auch mit. Inklusive Schleudergang.

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Wo sich viele Herren treffen ist das Ritual nicht fern. Also wechselten wir zwischen den Proben stets die Straßenseite und aßen vis a vis vom HBF Münster, wo sich damals das Wolfgang Borchert Theater befand, bei einem Stehitaliener unsere Pizza und einen kleinen Vino Rosso gab es auch dazu. Den beglich gerne der Autor. Über das Theaterstück oder die Weltlage sprachen wir dabei selten. Wie schon das Namenskürzel F.C. Delius vermuten lässt: genau, stundenlang über den Fußball. Ich war damals noch, in Köln wohnend regelmäßig zu Gast im Müngersdorferstadion. Der große Toni Schumacher war zwar eben – ne, wat wor et lächerlich – wegen seiner literarischen Ersterscheinung rausgeworfen worden – aber der Kader war durchaus noch illuster. Fanden wir alle. Und nach Gründen zu suchen, warum dat unter Daum mit der Meisterschaft nie klappen würde: das füllte der Herren Mittagspause in Gänze.

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„Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Der Gedenkstein des Erinnerns schlechthin für unsere inzwischen verstorbene Republik, die sich damals aus dem Hintergrund zurück in die freie Welt schoß. Jahre nach unserem Zusammentreffen beschenkte F. C. Delius sich und uns mit dem schönsten Fußballbuch aller Zeiten. Ich habe es, glaube ich, mindestens fünfmal gekauft und besitze es nicht mehr, weil ich es stets weiterverschenkte. Ich war 1954 minus 2 Jahre alt. Oder plus 2 Jahre jung?

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Man zählte und zählt in den obligatorischen Rückblicken Delius zu den 68ern (Gab es die überhaupt?), aber attestiert ihm immer diese distanzierte Draufsicht. Das ist wohl die Aufgabe der Chronisten, hinschauen und nicht, was man so sieht, wenn man schaut, mehr oder weniger gewalttätig in sein eigenes, mühsam erworbenes Weltbild reinzuschustern. Fällt mir noch ein: Schuster, einer der besten und verrücktesten Kicker überhaupt! Aber das führt jetzt zu weit, war aber oft Thema bei der Mittagspizza! Eigentlich waren wir aber alle Anhänger der unglaublichen Eleganz des Klaus Allofs.

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Und einen Skandal hätte ich auch noch zu vermelden. Unser Bühnenbildner Bob (Nachname ist mir verdementet) schuf ein wunderbares Plakat. Das Logo der Nazis an einer Litfaßsäule, halb heruntergerissen – waren es wild gewordene Jugendliche oder nur der Regen? – und dort wo das Hakenkreuz schlapp in der Luft hing, erschien drunter das Logo von Coca – Cola, den Rettern der Demokratie und den Erfindern des Weihnachtsmannes. Wer glaubt, wird beschenkt. Das war die böse Idee. Und die Farben? Tja. Rot Weiß Schwarz. Eine emotionale Kombination. Dummerweise war die damalige (vielleicht noch heute) Gefährtin unseres Regisseurs und Intendanten die Tochter des Chefs von Coca – Cola NRW. Aber lesen Sie selbst.

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Ich denke gern an die Jahre in Münster zurück. Letztes Jahr war ich kurz mal wieder dort. Und nach dem Baldur von Schirach spielte ich … quatsch … gab ich den BAAL. Der nächste Aufruhr zu Münster. Davon demnächst.

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Antiquariat Michael Solder / Münster (Westfalen) / Mein rechter Daumen / 17. Juni 2021

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