wohin auch immer sich die waage auf dem marktplatz der eitelkeiten neigen möge es schreite ein der eichmeister

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Las unlängst eine Meldung. Weiß gar nicht mehr, ob auf Papier oder auf einer der etlichen Mattscheiben. Inzidenz in Köln – Hahnwald 0. Inzidenz in Köln – Chorweiler 543. Das tat mir erhellend richtig weh.

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Ich lebte lange in Kölle. Südstadt. Wenn man Richtung Süden am Rhing entlang spazieren ging wuchs das Einkommen der dort Ansässigen in 100Meter – Schritten exponentiell. Rodenkirchen. Marienburg. Hahnwald. Auf den letzten Metern in Hahnwald kam man sich vor wie ein Oscar – Gewinner. Von rechts und links im Visier der Kameras. Wir winkten dann immer in die Linsen. Wie damals Honecker. Oder die Queen. Manchmal royste leise ein Rolls vorbei. Oder Christof Daum. Oder halt Hans Gerling.

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1983 drehte ich meinen einzig nennenswerten Film in Chorweiler. Chorweiler ist eine dieser typischen sozialdemokratischen Frühsiebziger Sozialbau – Monsterburgen. Gut gemeint und übelst gelandet in der Realität. Ich spielte in diesem WDR – Werk (bekannter Alt 68er Regisseur / sein Motto: rein in die sozialen Brennpunkte, ich aber wohne in acht Zimmern in Neu – Ehrenfeld / mein Nachbar Wallraff hat nur sieben, dafür aber allein) einen Skinhead, Neonazi. Dumm wie Brot? Oder einfach nur verletzt vom Leben? Bei den Dreharbeiten machten uns dann echte Skins an. „Wat wollt ihr eijentlich hier, ihr Heiopeis? Allet besserwissen, oder watt?“

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Wenn ich aus dem Fenster schaue – siehe Foto oben – blicke ich auf ein Gebäude der Wohnbau Gießen. Als wir hier einzogen, wohnten da drüben hauptsächlich Rentner. Ruhige Nachbarn. Seit zwei / drei Jahren hat sich das geändert. Viele Kinder. Flüchtlingsfamilien. Es wird lauter und lauter. Stundenlang jagen und toben 20 und mehr Kinder übers Gelände. Unsere Bierbank unten im Hinterhof? Da gemütlich rumsitzen? Nicht mehr so dolle dort. Manchmal kotze ich, sitze ich doch hier oben an den Tasten und versuche meine coronabeschädigte Konzentration aufrecht zu erhalten. Warum eigentlich empöre ich mich? Oh du Sensibilität? Oder Arroganz?

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Vorgestern feierten sie da unten einen Geburtstag. Abstände? Vergiß es. Aber bevor ich meinen Moralfinger ausfahren konnte, dachte ich an die obige Meldung und sah die Kinderaugen strahlen und toben. Führen wir eigentlich die Diskurse an Orten, wo wir nicht betroffen sind? Gut möglich.

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Ich glaube, ich bin Mitglied einer Generation, der das Glück unter die Nase gerieben wurde. Wir durften unsere Eltern beschimpfen und wurden auch noch bezahlt dafür. Wir konnten aus unseren Traumata Geschichten basteln. Wir haben als ewige Besserwisser das Logo „Das wird man doch mal sagen dürfen!“ erfunden. Jetzt entzieht man uns halt das Copyright.

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Vorgestern regnete es wieder heftig. Möge es dies noch lange tun, spricht der Gärtner in mir. Ich ging nach unten, um den Müll in den Tonnen getrennt zu versenken. So 10 / 15 der Kinder tobten noch durch den Graupelschauer. Eines sagte: „Wir müssen jetzt rein!“ Antwort: „Nee, hier draußen ist doch viel toller als drinnen!“ So isses. Wollen wir wirklich wissen, was hinter den runtergelassenen Rolläden geschieht? Ich werde mich nie mehr wieder über lärmende Kinder in der Nachbarschaft aufregen. Das Schlauchboot mit dem ich mal auf dem Mittelmeer rumschipperte war nicht überlebenswichtig, sondern: FUN! Eben. Nachdenken ist anstrengend.

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