Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 07

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Konstanz / hinter der Hinteren Sonne / 11. März 2022

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7

Aus einer anderen

Versunkenen Welt taumelnd

Betrat ich den Hinterhof

In dem ich vor über vierzig Jahren

Die Traumkräuter kaufte

Knickte um vor einer Erinnerung

Rieb mir die Knie auf

Legte meinen berstenden Kopf

Auf ihren Altar

Und weinte Tränen aus

Honig

Bis sie schweigen ging

Ich pisste die Erbsen an die Wand

Stillgestanden, Franz, stillgestanden

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Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 06

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Konstanz / hinter der HInteren Sonne / 11. März 2022

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6

Dorthin

Wo meine größte Niederlage

Mir gegenüber saß

Erschöpft hinter dicken

Brillengläsern

Kehrte ich zurück

Nach genau zwanzig

Jahren

Als wollte ich feiern

Den Schmerz

Um wieder zu leben

Und lese:

„Wann ist ein Mensch ‚wahnsinnig‘? Wenn er das Normale tut und der Wahn nur in seinen Gedanken existiert oder wenn er unnormal handelt, aber mit der völligen Überzeugung, gesund zu sein?“

Danke Bernd Wagner

Worte als Pflaster

Ich reiße sie wieder ab

Der Wundschorf bleibt haften

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Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 05

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Konstanz / hinter der Hinteren Sonne / 11. März 2022

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5

Ich löschte alle Spuren

Riss mir aus den Rippen

Worte hysterisch müde

Feuerbrand

Ein Anderer hütet derweilen sorgsam

Kistenweise fremdes Leben

Finstere Leichtigkeit

Schlechter Wein gleich in Frankfurt

Was macht es so schwer sich für

Einen Sitzplatz

Entscheiden

Zu müssen

Können Sie sich bitte mal hinsetzen

Das ist ein Speisewagen und kein

Wandergebiet

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Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 04

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Konstanz / hinter der Hinteren Sonne / 11. März 2022

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4

Lasse er mich in Ruhe

Eine Kurzmitteilung droht

Dann sprachen wir

Eine lange Stunde

Im Kreis herum

Bibabutzemann

Rumpelstilzchen

Morgen backe besser nicht

Auch keine kleinen Brötchen

Das Märchenbuch aufgeschlagen auf ihrer atmenden

Brust

Es schneit

Der Zug hält nicht in Fulda

Der dumme Hund

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Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 03

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Konstanz / hinter der Hinteren Sonne / 11. März 2022

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3

Heute puhle ich mir

Erinnerungsfetzen

unter den Fingernägeln hervor

und sehe den Luftballon

Zuneigung

verschwindend platzen

unter schneeschweren Wolken

keine sanften Lieder

Trommelschläge noch gelegentlich

nervöse Finger klopfen

die Sprache der Liebe

wird zum Stammeln

Ratgeber wohlfeile

jeglicher Schnee schmilzt

erschrocken

wer diffundiert zuerst

ich nehme die Teile

mit

wohin

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Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 02

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Konstanz / hinter der Hinteren Sonne / 11. März 2022

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2

Gestern jagten wir den

Wolken hinterher

ritten Luftponys

bis zur Erschöpfung

wund getippte Fingerkuppen

Lippen rauhe

Strahlung radioaktiv

Gedehnte Bänder

und das Sehnen

stolpern mit Stil

muß man erlernen

vor der Zeit

Den letzten Krieg

müssen wir alleine

Geh!

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Siebenmal ein Scheitern in die Welt rufen freudig / Liebe in Zeiten des Krieges / Reime aus dem Speisewagen / 01

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Konstanz / hinter der Hinteren Sonne / 11. März 2022

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1

Eine ausgelaufene Badewanne

Bin ich heute

Ausgesaugt

Leere Hülle

Hänge über einem Stuhl

Wie die lange Unterhose von gestern

Stinkend

Die Welle auf der ich ritt

Die letzten Wochen

Eine Tüte Meersalz noch

Überteuert

Der Sand knirscht zwischen meinen Zähnen

Der Schwanz eingeklemmt

Zwischen den Hinterbeinen

Geprügelter Hund

Heimatlos

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Heraus, heraus zum zweiten Mal … ähem …  zweiten Mai in diesen Tagen, schwarze Männer und gelbe Frauen!

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Erklär mir, Liebe

*

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,

dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,

dein Herz hat anderswo zu tun,

dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,

das Zittergras im Land nimmt überhand,

Sternblumen bläst der Sommer an und aus,

von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,

du lachst und weinst und gehst an dir zu Grund‘,

was soll dir noch geschehen –

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Erklär mir, Liebe!

*

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,

die Taube schlägt den Federkragen hoch,

vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,

der Ent‘rich schreit, vom wilden Honig nimmt

das ganze Land, auch im gesetzten Park

hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

*

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm

und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.

Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.

Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;

Hätt‘ ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,

daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,

und nähm‘ den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

*

Erklär mir, Liebe!

*

Wasser weiß zu reden,

die Welle nimmt die Welle an der Hand,

im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.

So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

*

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

*

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:

sollt ich die kurze schauerliche Zeit

nur mit Gedanken Umgang haben und allein

nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?

Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

*

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …

Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander

durch jedes Feuer gehen.

Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

*

(Ingeborg Bachmann)

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Seltsame rote Fahnen gestern auf der 1. Mai – Demo. Die Angst davor wohl war es seinem eigenen gescheiterten Lebensentwurf – wie man so hübsch im Pott sacht – ein Ei drüber braten zu müssen. Der Krieg stellt immer diese eine böse Frage: ist da wer, den Du mehr liebst als dich selbst? Dann wird gelogen oder rumgeeiert, daß sich die Balken noch nicht mal mehr biegen können, sondern splittern.

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Was das mit einem Liebesgedicht einer Selbstmörderin zu tun hat? Erklär mir, Liebe.

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Mit Holzsplittern kann man müheloser ein neues Feuer entfachen als mit einem dicken Balken. Erklär mir, Liebe.

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Und alle hauen sich dieser Tage medial das beheizte Sofa um die Ohren, auf dem wir alle noch sitzen dürfen. Die einen mit, die anderen ohne „schwere“ Waffen. Kann man das heimatliche Sofa eigentlich mitnehmen, wenn man auf Abenteuerurlaub gen Kiew fährt? Und wer bezahlt den Frieder auf dem Sozius der stracken Zimmermännin? MannOmann. Zurück zum Scheitern.

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