Ich habe sie bezahlt, meine 9 Euro / Dafür will ich aber auch den vollen Service / Fangen wir wieder an zu rauchen 02

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Oppenheim / Am Rheinufer / 7. September 2006

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Ist ja so eine Sache mit dem sogenannten Preisleistungsverhältnis. Und der Verführbarkeit. Die Billigangebote nutzen müssen oder wollen, möglichst wenig selber investieren können oder auch wollen und bei Nichtgefallen kostenfrei alles zurück. Diese Schuhe waren mir ein Irrtum. Und überhaupt. Die Rechnung zu begleichen wird zum Fremdwort. Dienstlich. Privat. Und sonst noch wo. Nennen wir es Leben und Lieben und Handeln nach Art des Hauses Zalando. Ich hab ein Recht auf Ryan – Air, mein Leben isch halt au so schwer. Meine volle Solidarität in den nächsten drei Monaten und darüber hinaus allen Zugbegleitern und Zugbegleiterinnen. Und jenen, die bereit sind auch über Zinsen nachzudenken. Oder gar Zinseszinsen.

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RAUCHPAUSE / Teil 02

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(mit oder gegen Ende des Textes vom Band beginnt der Mann zu sprechen)

Ich geh da nicht mehr rein. Rein. Raus. Tür auf. Tür zu. Was das kostet.  Heizung. CO2 ohne Ende. NSRG. Wenn das mal gesund ist. Und außerdem: Die können mich alle mal. Diese Weicheier. Feiglinge. Nachtragendes Scheißpack. „25 Jahre haben wir unter Dir gelitten. Jetzt bist Du dran. Sei ein Mann, klage nicht und friere.“ Oder: „Wieso? Ist doch spannend. Wie früher. Draußen am Lagerfeuer. Nimm es sportlich.“ Nee. Und da drinnen: Die zählen einem jetzt jede einzelne rein. Früher wurde das gar nicht bemerkt. Jetzt: „Oh, mußt Du schon wieder. Jetzt ist grad so nett. Du bist aber ungemütlich.“ Selbst der Hansi: „Jetzt bleib halt mal. Keine Selbstbeherrschung. Solidarität mit der schützenswerten Kreatur heißt das Gebot der Stunde, alter Genosse.“ Und dann blöd kichern. Der Hansi. Früher. Wir zwei. Schon morgens um sechs, aber volle Kanne. Und kein so Weicheierzeugs. Die „rote Hand“ und der „schwarze Krauser“ waren unsere Kampfnamen. Na ja. Und wie das jetzt stinkt da drin. Das hat man ja sonst gar nicht mitgekriegt früher. Jetzt riecht plötzlich jeder anders. Also riecht jetzt überhaupt. Plötzlich fällt dir nicht nur optisch, sondern auch quasi nasal auf: da sind andere Menschen. Ich komm mir plötzlich vor wie ein Hund, der an jeder Ecke die hinterlassenen Kommunikationsangebote seiner Artgenossen riecht. Man sagt ja, wir Raucher hätten durch jahrelangen Mißbrauch unser Riechorgan irreversibel zerstört. Vergiß es. Ich bestehe zurzeit nur noch aus Nase. Überall Düfte, Ausdünstungen. Odeur. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Von rechts kommt was – so Afterwork-Stress-Odeur. Schweiß. Schweiß. Schweiß. Riecht so nach: „Heute hat mein Chef mich wieder fertig gemacht.“ Und von links: „Ich habe mich noch schnell frisch gemacht.“ Duschgel, Marke Waldbeere, Vanilla oder Granatapfel. Ja sitze ich in einer Kneipe oder gehe ich im Botanischen Garten spazieren? Von gegenüber Hustenbonbons mit japanischen Heilpflanzenöl. Olfaktorischer Terror ist das. Und überhaupt: Parfüm. Weshalb Leute sich eigentlich parfümieren? Weil die sich selbst nicht riechen können, also nicht im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich. Im Gegensatz zu mir haben die offensichtlich keine Nase.

In Kanada gibt es jetzt eine Bürgerinitiative gegen Parfüm. Jawohl, in Ministerien und Institutionen darf keiner mehr Parfüm tragen. Offiziell wegen Asthma und Allergien. Das stimmt. Sollte man hier zu Lande auch mal drüber nachdenken, anstatt uns zu Outcasts zu stempeln. Vor kurzem, gestern, war ich essen. Ich sitz beim Italiener, richtig gut und teuer und da kam so eine Frau rein mit so einem scharfen japanischen Duftwasser auf der Haut. Ich weiß jetzt nicht, ob ich in zehn Jahren Nasenkrebs krieg davon, aber kotzen hätte ich können. Ich bin raus. Sofort. Ich zahl doch nicht mehr als 20 € für was wirklich Gutes und schmeck nichts mehr, weil ich nicht mehr atmen kann. Das war schlimmer als eine zwanzig Zentimeter lange Cohiba. Ich bin raus an die „Frische Luft.“

Mein Vater, Kriegsteilnehmer. Der ist nur raus, wenn er unbedingt mußte. Er sagte immer: „Ist noch keiner erstunken, aber schon viele erfroren.“ Die frische Luft, das ist ja jetzt das Ding. Plötzlich überall frische Luft. Endlich wieder. Freie fromme und fröhliche frische Luft. Soviel kann ich gar nicht einatmen.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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