Hoch und runter bleiben wir munter und scherzen so mit den Schmerzen / Fangen wir wieder an zu rauchen 07

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Zirbe auf dem Zirmgrat / 14. Juni 2022

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Einst fuhr ich gerne mit der Bergbahn nach oben und rannte dem Hügel den Rücken hinab. Als gäbe es kein Unten. Jetzt schiebe ich mich keuchend die Berge hinauf, belohne mich – Es lebe die Binse! – mit einem Höhenerlebnis und quäle mich schlackernden Knies ins Tal. Hilf ja nix. Runter muß man immer. Wenn es auch nur von den Illusionen ist. Die Wenigstens werden auf den Gipfeln bestattet. Die Särge werden in den Tälern verkauft. Aber runter schaun von der Höh‘: Schee isses immer noch und wieder. Und drunten reißt Du Dir die Klamotten von Leib und haust Dich in den kalten Bergbach. Nachert kannst Du wieder auffi. Vielleicht. Einmal noch.

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RAUCHPAUSE / Teil 07

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Schritt eins: Kennzeichnungspflicht. Ich bin bereit mir von der Bundesgesundheitsbehörde ein großes „R“ auf den Ärmel nähen zu lassen. Ich will jedem „NR“ die Möglichkeit geben, wenn er mich sieht, die Straßenseite zu wechseln. Aber dann andere auch. Zum Beispiel: GT: Gelegenheitstrinker. Oder auch WT: Wochenendtrinker. WKT: Wochenendkomatrinker.  WKTMHZR:  Wochenendkomatrinker mit Hang zu Randale. IJ:  Internetjunkie. W(BU): Workoholic (beziehungsunfähig). MM – manischer Masturbateur. SS – Shopping und Spiele. IBN – Ich bremse nicht. RMS – Radfahrer mit Sendungsbewußtsein.

Überhaupt: Radfahrer. Auch eine sehr interessante Entwicklung. Wer ist vor zwanzig Jahren Rad gefahren? Holländer. Chinesen. Eddy Merckx. Kinder zur Schule. Fertig. Und dann so Anfang der Achtziger? Aus allen Ecken rollte er hervor: Der Radfahrer. Aber jetzt nicht, um eine Entfernung Geld sparend und die Gesundheit fördernd zu überwinden. Nein: Radfahren als Botschaft, Radfahren als Geste, als Ausdruck und Manifestation von moralischer Überlegenheit. „Ich arbeite hart an mir und der Verbesserung der ganzen Welt. Jeder meiner Tage ist Kampf und Beweis.“ Und es gab plötzlich ein klar definiertes Feindbild: den Autofahrer. 4 Räder: Böse. Böse. Böse. 2 Räder: Gut. Gut. Gut. Die moralische Überlegenheit. Dadurch genießt man gewisse Vorrechte. Rechtsverkehr, Linksverkehr, egal. Du darfst überall fahren. Fahrbahn. Radweg. Gehweg. Fußgängerzone. Ein Botschafter muß die Möglichkeit haben, überall all zu missionieren und Präsenz zu zeigen. Ampeln? Leuchttürme des Bösen. Lobbysäulen der Autoindustrie. Klingel? Nicht notwendig. Nur der verhärmte, spießige, unsensible Mensch spürt nicht, daß sich auf dem Wanderweg von hinten ein Missionar mit 25-45 km/h nähert. Bei Dunkelheit Licht anmachen? Die Strahlkraft des guten Willens per se erleuchtet den Pfad des Gerechten. Hieß ja früher auch immer der Pedalritter. Vielleicht kann man ja jetzt den Rittern eine zusätzliche Aufgabe anbieten. Die dürfen jetzt überall herumfahren, Fußgängerzone, Gehweg, Rasenflächen, in Kneipen. Und immer, wenn die jemand sehen, der es noch macht, so von hinten vorbeifahren und – zack – kurz mal in die Rippen treten – nur als kleine Erinnerung, kleines moralisches Fingerzeichen. „Hallo! Du bist ein Sünder!“

Schritt zwei: Der Pranger. Der gute alte Schandpfahl: „Ja, ich habe gesündigt, habe meine Arterien verstopft, erektile Dysfunktion provoziert, Benzol, Nitrosamine, Formaldehyd und Blausäure in die frische Luft gepustet, ungeborenes Leben bedroht. Ja. Gebt mir Tiernamen. Werft Steine nach mir. Spuckt mich an. Laßt mich Eure Voodoopuppe sein. Ich bin ein schlechter Mensch. Spuck mich an.“ (auf die Knie) Spucken Sie mich an. Jetzt hier. Stellvertretend für alle, die es tun. Noch immer tun.  (aufstehen) Traut sich wieder keiner von den Moralisten. Aber mich in die Kälte stellen und mich dazu zwingen lange Unterhosen anzuziehen. Wissen Sie überhaupt, was für eine fatale tiefenpsychologische Komponente da mit ins Spiel kommt? Lange Unterhosen? Kindheitstraumata. Übermächtige Mütter zwingen dich in eine wollene lange Unterhose. Schleifen Dich raus zum Sonntagsspaziergang und Du verpaßt die neueste Folge von Bonanza. Fragt sich jetzt noch einer, warum ich suchtkrank geworden bin? Und jetzt bin ich quasi in einem Akt der Regression gezwungen mir die langen Unterhosen selbst anzuziehen. Ich bin meine eigene Mutter. Das ist schlimmer als jede Sucht. Und während ich die lange Unterhose anziehe, ruft sie mir mit Bert Brecht zu: „Darum sag ich: laß es / Sieh den grauen Rauch/ der in immer kältre Kälten geht: so/ gehst du auch.“ Aber was weiß meine lange Unterhose vom nucleus accumbens? Der Kernstruktur im basalen Vorderhirn. Dopamin ist das Stichwort. Ich habe mich mit meiner Sucht auseinandergesetzt. (wedelt mit seinen Zeitungsartikeln, Ausdrucken von Internetseiten, Statistiken und ähnlichen Krempel) Zum Mitschreiben für meine lange Unterhose: In diesem sogenannten nucleus accumbens wohnt praktisch das interne Selbstbelohnungssystem. Das braucht man, weil jeder Mensch wohl schon früh begreift, daß man sich nur auf sich selber verlassen kann und Undank der Welten Lohn ist. Selbstgratifikation sagt der Fachmann dazu. Beispiel: „Stairway to heaven“läuft: „and she`s buying…oh ich komme…a stairway… ich auch… to heaven.“ Und dann? Schön eine drehen. Van nelle halfsware. Die Rache des Niederländers an der deutschen Lunge. Und dann vielleicht sogar: Der Moment des höchsten Glückes. Sie sagt: “Du, darf ich mal ziehen?” Seufzer. Großer Seufzer. Riesenseufzer. Oder am Tresen: „Hast Du mal Feuer?“ Du drehst dich in Richtung der fragenden Stimme um und am anderen Ende des Stäbchens Lippen, welche in ein Gesicht übergehen, von dem Du weißt: „Dies wird meine Zukunft sein“. Das Stäbchen glimmt. Deine Stimme versagt. Der nucleus accumbens ruft: „Junge, zünde Dir eine an.“ Die Hand zur Stimme reicht Dir – Du wolltest dein Stäbchen gerade an der Tropfkerze auf der Chiantibastflasche anzünden – reicht Dir ihr Stäbchen mit den Worten: „Nicht. Sonst stirbt ein Seemann.“ Die zwei Stäbchen berühren sich, entzünden sich aneinander. Augen zu, Inhalation, Augen auf. Sie ist weg. Aber vor Dir liegt das Streichholzheftchen mit ihrer Telefonnummer. Lilafarben hingekritzelt, fünfstellig. Höchstens. Festnetz! Oh ja. Dieser Abend braucht das zweite Päckchen. Ich könnte heulen. Wo ist das Leben im Jetzt?

Immer dieses Früher, früher, früher! Wo bist Du Hansi? Jetzt? Hier? Wahrscheinlich ist das so ein Fluch. Wir, die es noch tun, leben in der Vergangenheit. Und es gibt keine Tür mehr in die Gegenwart. Außer den Verzicht. Vielleicht muß man das, was uns quält ausrotten. Gnadenlos. (drückt die letzte Kippe aus, zündet sich eine neue an) Ich weiß es nicht. Was wollte ich?  Bekämpfen aller Abhängigkeiten. Weiter im Katalog.

Schritt drei: Lückenlose Überwachung und Erfassung. Man könnte alle Monitore von Laptops und PCs mit Webcams die mit heimlich integrierten Rauchmeldern versehen sind ausstatten. Oder man baut Feuerzeuge mit elektronischen Zündern, welche bei jedem Zündvorgang sofort ein Erkennungssignal an die Krankenkassen senden. Zack, wird der Beitrag erhöht. Und reden Sie sich nicht blöd raus. Von wegen ich hab nur eine Kerze angezündet oder so. Nichts. Da herrscht Beweispflicht. Das müssen Sie halt mit einem Handyfoto dokumentieren. Oder noch besser: in die Filter von den Dingern kleine Einmal-Videocams einbauen, die das Gesicht des Sünders erfassen und sofort weiterleiten. Und in jedem 10ten Stäbchen ist keine Kamera, sondern ein selbstauslösendes Blasrohr mit einem Betäubungspfeil eingespeist. Treffer. So kann man den Betäubten direkt zum Zwangsentzug oder zum Sozialdienst abtransportieren. Z.B. Kippen aufsammeln, Decken streichen in Restaurants, Giftpackungen mit Horrorbildchen von amputierten Gliedmaßen bekleben, alle amerikanischen Filme der letzten 50 Jahre anschauen und dann notieren, in welchen Menschen zu sehen sind, die es tun. Und aus diesen Filmen werden dann die Sticks rausretuschiert. Man fragt sich dann zwar, warum sich die Schauspieler ständig ins Gesicht langen. Oder man schneidet alle Szenen raus, in denen es dampft. „Casablanca“ dauert dann wahrscheinlich nur noch 3 Minuten.

Und natürlich: Schritt 4: Von den USA lernen, heißt siegen lernen. In den USA herrscht Inhalierverbot sogar in den Gefängnissen. Da laufen die Todeskandidaten und Lebenslänglichen rum und dürfen nicht mal mehr quarzen. Ist das jetzt gut gemeint oder eine ganz perfide neue Art von Folter? Kriegt Amnesty International so was mit? Und was ist mit dem letzten Wunsch vor dem elektrischen Stuhl? „Ich hätte gern noch ein Tofuschnitzel und einen Brennesseltee.“ Und warum das Ganze? Die Amis haben einfach nur ein schlechtes Gewissen. Wie immer. Setzen was in die Welt und dann verlieren sie die Kontrolle. „Das machen wir schon, ein Kinderspiel. Haben wir im Griff.“ Ja: Vietnam, Kabul, Bagdad, und und und. Was das mit den Stäbchen zu tun hat? Ja, wo kommt der ganze Scheiß denn her? Aus Amerika. Kolumbus. Der hat das Zeugs mitgebracht. Kartoffeln, Mais und den Stoff. Früher da sind ein paar Inkas oder Apachen oder Irokesen einmal im Monat bei Vollmond im Kreis gehockt, haben das Zeugs angezündet, paar Zehnägel und Bisonhaare reingeschnippelt und den großen Quetzalcoatl oder den Manitu angerufen. Heilig, heilig. Das war praktisch wie Weihrauch schwenken bei den Katholiken. Ritual. Religion. „Schnitt schnitt. Misch misch. Paff paff. So jetzt sind wir Blutsbrüder.“ Selbst mein Opa, der hat noch Pfeife gepafft und unser Nachbar, der alte Kühn saß immer auf seiner Gartenbank mit einem fetten Stumpem im Gesicht. Das hat zwar gestunken wie Sau, war aber im Prinzip indianische Meditation. Und wer hat jetzt dann diese hektische Reinzieherei erfunden? Marlboro, Camel, Winston, Lucky Strike? Amis! „Hello schone Fraulein, you beautiful, want my marlboro und so.“ Ich weiß nicht, ob sich jemand erinnert. Fingerhaltung wäre jetzt das Thema. Klassische Zeigefinger – Mittelfinger – Haltung. Nein, das ist nicht das Original. Diese Haltung wurde mit Einführung des Filterstäbchens auf die Welt gebracht. Sollte wahrscheinlich cool aussehen. Das Original sieht so aus. Daumen – Zeigefinger. Die Sparhaltung. Das Ding bis zum letzten Krümel reinziehen. Unten im Schacht. Draußen auf dem Acker. Im Schützengraben.

„Es steht ein Soldat am Wolgastrand. Hält Wache für sein Vaterland.“ Muß oft an meinen Vater denken. Wenn der draußen auf dem Balkon stand, um sich eine reinzuziehen, hatte ich immer das Gefühl, der hält Wache. Im Januar. Im Unterhemd. Feinripp. Und wartet auf einen Feind, den nur er kennt.

Da fällt mir ein: Die sollen mal den Soldaten, die in Bagdad, Basra und Kabul unsere Heizkostenabrechnung verteidigen, die Fluppen – welche die übrigens umsonst kriegen – wegnehmen. Sollen Sie mal versuchen. Das würde mich interessieren, was dann passiert.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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Vilstal / noch in Österreich / rechterhand die Vils / kalt /14. Juni 2022

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