Von all den Kälten auf den Fluchten vor seinem schlimmsten Feind: sich selbst / Fangen wir wieder an zu rauchen 03

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Gießen / Enjoy Bar / 11. Oktober 2006

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Draußen graue Unwetterwolkenberge. Meine Rechner meldet mir: 20 °C sonnig. Ja, im Laufe der letzten Jahre / Jahrzehnte haben sich die Einschätzungen, was denn nun eine gemeinsame Realität sein könnte massivst verschoben. Es gibt sie die Paralleluniversen, die verschiedenen Wahrnehmungen. Man kann sich kaum mehr einigen auf die Bedeutung eines Wortes. Turmbau zu Babel revisited. Blick aus dem Fenster versus Blick auf den Bildschirm. Nachsinnen versus Ratgeber. Gleich der erste Donnerschlag. Ich höre ihn. Es regnet. Jemand biegt um die Ecke, klingelt bei mir und sagt: „Das siehst Du ganz falsch!“

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RAUCHPAUSE / Teil 03

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Schon kalt, gell. Wenn ich hier draußen stehe, habe ich immer das Gefühl gleich kommt jemand um die Ecke, hält mir ein Thermometer unter die Nase und sagt: „Ich habe hier eine einstweilige Erfrierung gegen sie.“ Aber nicht mit mir. Ich bin nicht so dick. Das täuscht. (zeigt seine mehreren Schichten Kleidung) Ich habe jetzt, als das alles am Horizont so sichtbar wurde mit dem NRSG, da habe ich mir Aktien gekauft von so einer Firma für Funktionsunterwäsche. An dieser Firma bin ich jetzt prozentual beteiligt. Ich schaffe neue Arbeitsplätze. Nicht nur in diesem Bereich. Hier draußen wird ja nun einiges benötigt. Lange Unterhosen. Heizpilze. Schirme. Stehtische. Meditonsin. Wick Medinait. Und. Und.

Es gibt Firmen, die bauen alte Bushäuschen zu Kabinen um, in denen man es tun darf. Oder bewegliche Abzugshauben über dem Schreibtisch, die sehen aus, wie die Trockenhauben beim Friseur. Du fühlst die Sucht kommen und zack. Kauf ich auch noch Aktien von. So ein Hype momentan. Sonst könnte ich mir meinen – sagen wir – leicht gestrigen Lebensstil auch gar nicht mehr leisten.

Überschlagen wir mal: 4€ – 8€ am Tag. Mal 365. Macht: 2920€ per anno. Nicht schlecht. Könnte ich bis zu 4-mal für 2 Wochen nach Malle fliegen. Mit diesen gesunden Flugzeugen, die alle inzwischen mit genmanipuliertem Rapsöl betrieben werden. Kleiner Witz. Oder 4 bis 5 mal meinen Offroadporsche volltanken.  Die machen wahrscheinlich auch frische Luft, diese Geländewagenpanzer, in denen meistens 1,60 m große Nebenerwerbsgattinen zum Shoppen fahren. Vielleicht gibt es ja inzwischen Katalysatoren, die man uns einbauen kann, und dann ist alles, was aus uns rauskommt Ambrosia.

Verdammte Scheiße. Saukalt. Ich meine nicht die Außentemperaturen. Ich meine das jetzt eher seelisch. Ein Riß geht durch unser Land. Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde/ Erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt. / Bedenkt das Dunkel und die große Kälte/ In diesem Tale, das von Jammer schallt. Bertolt Brecht. An Bronchitis will ich nicht sterben oder Kälteschock oder Lungenentzündung. So ein Bronchialkatarrh klingt einfach anders als das morgendliche rituelle Abhusten. Da arbeite ich mich jahrzehntelang in Richtung Karzinom, und jetzt. Wenn man sich für eine Krankheit entschieden hat, soll man schon da dranbleiben. Da bin ich anders als meine Altersgenossen. Das ist ja das Manko meiner Generation, dieser ständige Wechsel. Alles mal ausprobieren müssen, erst Jusos, dann KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland), dann Kiffen, dann Bhagwan, dann CDU wählen, dann heiraten, Scheidung, dann wieder Haare wachsen lassen, 10 Ausbildungen und 3 Studienrichtungen angefangen, doppelt so viele abgebrochen, mal diese Frau, mal jene, das Erbe verjubelt – falls es eines gab – mit 45 noch Punkmusik machen und wenn man sich dann im Wald verläuft, Papa anrufen, daß der einen abholt. Ist jetzt kurz gefaßt. Ich bin da anders. Konsequent. Leben wie ein Pfeil. Einmal abgeschossen.

Gestern oder vorgestern, als ich aus diesem Italiener raus bin, bin ich in ein Cafe, Zeitung lesen und für Hansi einen Gedenkgrappa trinken. Der macht das ja nicht mehr. Also, ich sitz da, will Zeitung lesen und kann mich nicht konzentrieren, weil meine Hände verrückt spielen. Die machen unkontrollierte Wellenbewegungen, fuchteln rum, als würde ich ein unsichtbares Orchester dirigieren. Das Stichwort ist: Konditionierung. Wenn ich eine Zeitung lese und einen Kaffee trinke, sind meine Hände es gewohnt gewisse Dinge zu tun. Da hat sich was auf der Festplatte festgebrannt. Vergleichendes Beispiel. Also wir jetzt: Menschen, Männer meines Alters. Du kannst mich nachts wecken und sagen: „Leg eine Schallplatte auf.“ Kein Problem, selbst mit 1,2 Promille. Jede Bewegung sitzt, obwohl das bald 20 Jahre her ist: Platte im Regal suchen, erst mit einem Finger leicht an sich ranziehen, dann mit zwei Fingern rausziehen, Cover anschauen, Cover umdrehen, rausholen mit Innenhülle, Innenhülle abstreifen, A- Seite auf Kratzer untersuchen, B- Seite dito, Staubfussel wegmachen, auf Plattenteller legen, kurz zur Freundin rüberblinzeln: „für Dich“, Tonarm auf den vierten Song: „lalalalala, lalala, etc There’s a lady who’s sure all that glitters is gold And she’s buying a stairway to heaven.“ Knutschen, Geschlechtsverkehr, und danach? Ja: eine anzünden.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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