Eine Möglichkeit sich dem schlimmsten Feind zu nähern kann mal existieren / Fangen wir wieder an zu rauchen 04

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Pfronten / 14. Juni 2022 / Blick vom Balkon

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Ich war jetzt in erfreulicher Begleitung meiner Vergangenheit und Zukunft im Allgäu. Berge hoch und runter. Von oben nach unten blicken. Von unten noch oben schauen. Aber auch in Bergseen schwimmen. (Mein Gott! Mitte / Ende Juni! Bergsee! Dig it!) Hatte mich ja in letzter Zeit eher in die See verguckt. Sogar ernsthaft überlegt da hoch zu ziehen. Vögel zählen. Oder Bier verkaufen. Und nun in der Gegend, in der wir in Kinder – und frühen Jugendzeiten oft Familienurlaub machten. Eine freundliche Landschaft. Freundliche Menschen. Griaß Di hat soviel Charme wie ein nordfriesisches Moin. Versöhnliche Tage. Hoffe, es bleibt so. Weiter im alten Text.

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RAUCHPAUSE / Teil 04

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Gut, ich sitze da und meine Hände drehen durch. Um runterzukommen mach ich so Handübungen. Funktioniert nicht wirklich. Also mach ich so eine entstressende ayurvedische Kurzmeditation, reibe meine Stirn mit Baldrianessenz ein – das Zeugs habe ich jetzt immer dabei, um in Krisensituationen nicht komplett nackt dazustehen – schau wieder hoch und da sehe ich, dort wo sonst der Drogenautomat stand, steht jetzt ein Massagestuhl. Wirklich! Und so eine seltsame hagere weißgesichtige Frau mit rotgefärbten Haaren.  Wieso sehen „Gesunde“ immer so krank aus?

Vor ein paar Wochen, da wollt ich mal Gesundleben – vom Salto mortale zum Salto vitale quasi – und geh zum Reformhaus. Wollte mir da was kaufen. Eine Kanne Brottrunk zum drin baden wegen Entgiftung der Leber. Hat man ja manchmal, solche Schübe. Ich stehe da und übe so vor mich hin, damit ich das so natürlich und schwungvoll sagen kann wie: „Machst Du mir noch mal ein Kleines, bitte!“  Oder: „Zwei Packungen. Die Roten. Die normalen.“ Hat man ja drauf. Aber: „Ich hätte gerne eine Kanne Brottrunk! Und wo bitte steht der extrastarke Leberentgiftungstee?“ Das ist doch wie der Hausärztin laut und vernehmlich ins Gesicht zu sagen: „Frau Doktor, meine Hämorrhoiden bluten wieder.“ Gut, da stehe ich also vor dem Laden und sehe im Ladeninneren hinter dem Tresen den Verkäufer. Wahnsinn. Ich denk, ich spinn. Also erstmal ist der total dürre. Keine Backen im Gesicht, eher so Löcher hier. Eine Haut, als hätte er Hepatitis, aber die harte B-Form. Ich dachte, das ist Pete Doherty mit Langhaar-Perücke. Im Schaufenster sah eigentlich alles nach Gesundheit aus. So ein großes Plakat: Rotbäckchen. Dieser Saft. Meine Augen wie ein Pendel immer zwischen dem Plakat und dem Besitzer hin und her: Rotbäckchen. Pete Doherty. Rotbäckchen. Pete Doherty. Rotbäckchen. Pete Doherty. Irgendjemand lügt hier, dachte ich mir und habe angefangen zu zweifeln, ob das alles richtig ist mit Kanne und Leber oder ob ich mir jetzt nicht einfach irgendwo ein Brot kaufe und Leberwurst draufschmiere. Blieb also erst mal da draußen stehen, um in mich zu gehen. Aber auch die Kunden, oder Käufer, die da aus dem Laden kamen, sahen alle irgendwie traurig aus oder müde oder waren einfach nur total verausgabt. Meistens Frauen. Also die sind da rein, konnte ich beobachten und haben eine halbe bis eine Stunde mit diesem „Öko – RiffRaff“ geredet. Gut, denke mir das so etwas erschöpft. Und am Ende haben sie nur so eine kleine Packung Tee oder Pillen gekauft. Wahrscheinlich hat das einen Wochenlohn des werten Gemahls gekostet. Gut, das wiederum macht traurig. Denke ich mir. Da sieht man nicht mehr so frisch aus. Ich bin dann letztlich nach nebenan. Zwei Häuser weiter ist so eine Kneipe, die schon morgens um sechs aufmacht. Ich habe gedacht, vielleicht gebe ich meiner Leber jetzt das, wo sie sich schon dran gewöhnt hat. Aber die, die dort drinnen saßen, die sahen auch so traurig aus und machten auch seltsame Handbewegungen. Und es roch nach Baldrian. „It’s a sad and beautiful world!“

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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