Von der R(a)echenschaft oder füttere Deine Esel regelmäßig und gelassen / Fangen wir wieder an zu rauchen 05

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Pfronten / Fallmühle / 14. Juni 2022

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Alle haben es immer kommen gesehen. Außer die Väter, die keine Alimente zahlen wollen. Entschuldigung. Fortgeschrittenes Alter senkt das Niveau des Humors. Man muß sich nicht mehr ganz soviel beweisen. Schon gar nicht den Nachfolgenden. Natürlich bestätigen da Ausnahmen die Regel. Um was geht es? In meinen letzten Jahren an den Theatern wurde öfters über die sogenannte Einführung einer Fehlerkultur disputiert. Ich gebe zu: Ich war dabei. Eigentlich müßig. Man macht Fehler. Frauen nicht minder. Vielleicht sogar das dritte Geschlecht. Und ganz gewiß das fünfte Element. Warum man sich bei seinen Selbstbeschimpfungen nach einer erhöhten Fehlerquote gerne mal als Esel bezeichnet, war mir schon immer ein Rätsel. Die Anderen fordern gerne Rechenschaft, was meist nur verleugnete Rache schafft und ist. Man selbst hadert und ringt. Ja, ich mag diese altvorderen Bilder, man ringt mit sich und der übergeordneten Instanz. Auch Klage ist Gebet. Damit dies Früchte trägt, füttere man seinen Esel aka ehre seine Fehler. Als jemand, der sein langes Berufs – und Privatleben vom Perfektionsstreben durch die Tage gekickt wurde, ein nicht unwesentlicher Erkenntnisschritt. Besonders wenn ein Gegenüber dir einen besonders dämlichen Fehler verzeiht und dir sogar das Futter für deine Esel aus der Wiese zupft. Es ist nie einer, der es allein verkackt hat. Ich war immer dabei.

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RAUCHPAUSE / Teil 05

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Kälte ist ein Verbrechen. Katastrophale Auswirkungen auf den Körper. Man steht da, in sich gekrümmt, Schultern hochgezogen bis an die Ohren. Wenn das nicht die Seele und das Denken verkrümmt. Ob sich Hansi da schon mal drüber Gedanken gemacht hat?

Egal. Funktionsunterwäsche rules ok. Also sitze ich im Cafe mit meiner Zeitung und da fängt diese Masseurin tatsächlich an jemanden zu massieren. Eine junge hübsche Frau. Studentin. Die hat davor 2 bis 3 Bionade getrunken. Ich weiß jetzt nicht, ob das irgendwie verspannt. Nach kurzer Zeit fängt sie an zu stöhnen und die Masseurin, die sagte dann immer „Ja ja ja, er muß raus.“ Wahrscheinlich meinte die den Schmerz. Aber irgendwie habe ich das auch auf mich bezogen. Und wieder stand ich vor einer Türe. Verschreckt. Mit schlechtem Gewissen. Paranoid. Verfolgungswahn. (Pause, er nestelt rum, holt einen der vielen Zettel und Zeitungsausschnitte, mit denen seine Taschen gefüllt sind raus und liest vor, sehr laut und erregt)

„Die unternehmerische Freiheit, das Hausrecht und die Eigenverantwortlichkeit der Gastwirte, die mit der Zurverfügungstellung ihrer Geschäftsräume und dabei mit vollem unternehmerischem Risiko Ihren Lebensunterhalt verdienen, muß gewahrt bleiben. In der Demokratie ist die Selbstbestimmung des eigenen Lebensstils und die eigene Handlungsfreiheit das höchste Gut.“

(ein übler Hustenanfall schüttelt ihn) Schon wieder. COPD. Die „chronisch obstruktive Lungenkrankheit.“ Raucherhusten. Diese Pharisäer. Sie sorgen sich um mein Heil und schicken mich hier raus. In die Kälte. Und ich stehe hier wie ein Schaf, in Hinterhöfen, neben Mülltonnen, auf zugigen Bürgersteigen. Werde blöd angegafft. Stumm. Unter Wolken. Es war schon immer ein Merkmal der Bigotterie, daß sie keine Sekunde an Nächstenliebe verschwendet. Bigotterie, das ist die wahre Himmelsverschmutzung.

Gott sei Dank ist ja bald wieder Sommer oder wenigstens Frühling. Obwohl, ist mir eigentlich lieber der Winter. Habe ich wenigstens meine Ruhe hier. Im Sommer kommen die dann wieder alle angeschissen. Aber denen werde ich was erzählen. Hier draußen das ist mein Bereich. Ihr könnt ja wieder rein. Ist ja alles sauber jetzt, und frisch. Hier draußen ist Giftland. Die Wüste Nevada. Seveso. Tschernobyl. Wasteland. Weil, wenn die dann rauskommen, da sitz ich hier bald mit einem Aquarium auf dem Kopf. Die sollen schön da drinbleiben. Komm mir jetzt schon vor wie Richard Kimble. Immer auf der Flucht. Hansi. Im Sommer kommt er dann wieder raus mit dieser Tante, die den jetzt am Gängelband hat. Die können mich mal. Denen nagele ich die Tür zu. (fängt an zu lachen) Das mit dem Aquarium übern Kopf ist gar nicht schlecht. Verdichtung quasi. Erhöhte Konzentration. Früher: zu siebt oder zu acht im VW-Käfer. Alles zu, Türen, Fenster. Dann so ein langes Ding mit indischen Heilkräutern gebaut. Und: keiner verläßt den Raum. „Nobody gets out of here alive. I light another … learn to forget, learn to forget, let me sleep allnight in your soul kitchen, warm my mind in your gentle stove …” Das waren noch Gruppenerlebnisse. Solidarität. Gemeinsames Erfahren der Endlichkeit. Hunde wollt ihr ewig leben. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. „This is the End, my only friend, the End.“ Gestorben werden muß.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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