Begriffe so lange kneten, bis sie nicht mehr wissen, was sie erzählen sollten / Fangen wir wieder an zu rauchen 14

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Reutte / Tirol / 16. Juni 2022

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Redlichkeit. Ein altes Wort. In Moralsaucen aller Art über Jahrhunderte mariniert. Aufrecht gehen. Ritterlichkeit. Fällt mir heute dazu auch noch ein. Einsicht in die Notwendigkeit. NOT. WENDIGKEIT. Sprich: Begreifen. Und was man spricht, nach Abwägung (noch ein schönes im Sterben liegendes Wort) vieler Aspekte der Not – Muß man hier und heute gar wenden? – redlich bedenken. Gelingt uns sehr selten. Und dann packen wir das schöne Wörtchen redlich in den fürchterlichen Satz „Das habe ich mir doch redlich verdient!“. Während wir mit 200 km/h über den Highway brettern und unseren Steuerberater anrufen, ob da nicht noch was gehe, prinzipiell. Nur für diesen kleinen bedeutungslosen Kick heute auch mal eine Lichtgestalt gewesen zu sein, die die absolute Kontrolle über sein beschossenes Fürstentum namens Leben für fünf Minuten zurückerobert.

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Vor kurzem sagte ein ehemalige Schauspielkollegin was sehr Schönes. „Ich kann das Wort gemeinsam nicht mehr hören. Machen wir es doch einfach zusammen!“ Wir müssen uns alle dringendst entfloskeln. Und das redlich.

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FRÜHER fuhren wir zum Beispiel nach Griechenland. Mit elterlichen Geldern. Entdeckten einen Strand. Griechenland war billig. Da iss keiner. Das ist mein Strand. Kann man unbehelligt dingseln. Änderte sich irgendwann. Haben wir uns bis an unser Lebensende das Recht auf ungestörtes Dingseln redlich verdient? So ein Blödsinn. Heute humpeln wir rentengefüttert durch die heimischen Wälder. Wenn wir es uns leisten können. Seit einiger Zeit tun dies auch jüngere Menschen. Nicht wirklich leiser als wir damals sind sie. Sie dürfen das. Oder? Habe ich mir die Stille, sobald ich die Bühne Wald betrete, redlich verdient? Warum? Ich finde darauf keine Antwort. FRÜHER gibt es nicht. Auch Vater hatte einen Vater.

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RAUCHPAUSE / Teil 14

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Gonzo hat sich dann bereit erklärt den Schlichter zu machen. Und er hatte eine geniale Idee. Die sogenannte Gerade-Ungerade-Tageregelung. Das „Aquarium“ – Verzeihung das „Wind und Wasser“ – wurde, wie ich es gerne ausdrücke, zu einer veritablen „Wendejacken“ – bzw. „Große Koalitionskneipe“. Gerade Tage Hansi und Gitti. Keine Luftverpestung, Tee und sonst nur noch alkoholfreies Weizen. Ungerade Tage und traditionsbewußtes Kneipenleben unter meiner Leitung. Das hatte auch noch seinen tieferen Sinn, weil, wie mir Gitti klarmachte, steht der gerade Tag für die positive Energie und umgekehrt der ungerade für die eher nicht so positive. Kann man akzeptieren. Kröten zu schlucken hatte jede Partei. Das Pärchen mußte nach meiner Schicht die ersten drei Stunden bei offenem Fenster arbeiten. Feng Shuisierung der Raumluft sozusagen. Ich durfte dafür zu Beginn meiner Schicht Teebeutel und Zuckertütchen aus den Aschenbechern fummeln und die Weizenbiergläser von frischen Schnittblumen befreien. Es war ein bescheuerter Kompromiß, aber jeder hatte das Gefühl, wir seien da alle mit einer Win-Winsituation raus. Funktionierte leidlich. Die Schnittmengen waren klein, aber vorhanden.

Kompromiß. Teilen. Sich entgegenkommen. Machen wir es doch so. Hier draußen Heizung und Gift. Drinnen gesund und kälter. Aua. Aua. So langsam dreh ich am Rad. Komm, geh rein, du sentimentales Rindvieh. Rede mit anderen. Nein. Haltung. In Ordnung, eine noch. (schmeißt noch ein paar Zettel ins Aschenbecherlagerfeuer und zündet sich daran eine an)

Jetzt hatte ich natürlich nicht mit diesem Tsunami NRSG gerechnet. Ich dachte, so ein Gesetz dauert und dauert. Pustekuchen. Es kam quasi über Nacht. Das Fallbeil. Die Wende. Das NRSG. Die ersten Warnzeichen – keine Cowboys mehr in der Kinowerbung, die hübschen Kurzgedichte auf den Packungen, seltsame Nachrichten aus Irland und Italien – hatten wir nicht wirklich ernstgenommen. Jetzt war es da. Von einer Sekunde auf die andere. Ab dem 1. Oktober 2007 gab es nur noch gerade Tage. Und plötzlich stehst Du so was von auf der falschen Seite. Gitti grinste ab sofort Tag und Nacht wie 30 Buddhastatuen. Hansi knetete unentwegt seinen Handrücken.

Der 30.9. war ein, obwohl gerader, sehr trauriger Tag. Das „Wind und Wasser“ war rappelvoll. Die Stimmung hatte was von Abiturfeier und Abschied. Ich hatte der treuen Kundschaft 10 Stangen Gift zur Verfügung gestellt. Ich sah Fluppen in den Gesichtern von Menschen, wo ich sie noch nie gesehen hatte.  Für Mitternacht, die Minute der Ankunft des Monsters NRSG hatten sich Gonzo und noch ein paar Hardcore – Giftler was Hübsches einfallen lassen. Punkt Mitternacht betraten sie die Kneipe mit einem dieser „Laubwegpustegeräte“ – ein wahnsinniges Gedröhne – pusteten damit die noch brennenden Todesfinger aus, schütten den Inhalt aller Aschenbecher in einen riesigen Plastikeimer, verließen die Kneipe und kippten sich den Eimerinhalt aufs Haupt. Dort stimmten sie einen lauten Wehgesang zu den Klängen von „Yellow Submarine“ an: „Wir haben schwer gesündigt und hörn jetzt damit auf, hörn jetzt damit, hörn jetzt damit auf. Verzeihet ihr Gerechten, drum die Asche auf dem Haupt, Asche auf dem Haupt, Asche auf dem Haupt.“ Eine große Geste. Fand ich.

Es mag vielleicht gegen 1 / halb 2 Uhr morgens gewesen sein. Ich hatte mir eine sozusagen „Letzte vor Ort“ ins Gesicht gesteckt, als es plötzlich mit aller Macht von draußen gegen die Eingangstüre donnerte. Ich erschrak mich zu Tode und ich fiel rücklings vom Barhocker und war weg.  Als ich wieder zu mir kam, sich die Schockstarre löste, lagen neben mir die restlichen 3 nicht konsumierten Stangen fein säuberlich zerbröselt und auf meiner Brust klebte ein handgeschriebener Zettel mit den Worten: „Dafür wird gebüßt, du Verpester.“ „Das war sie nun die neue Zeit!“, habe ich mir gedacht. „Nehmen wir alles nicht so ernst. Vielleicht war es nur ein Geist und ich träume bös.“ Ich schlich nach Hause. Mein letzter Blick in den Badezimmerspiegel zeigte mir, daß sich auf meinem Schädel eine beulenhafte Erhebung gebildet hatte. Sehr schmerzhaft dazu. Nun gut. „Solange dein Leben in Gefahr ist, weißt du, daß du lebst. Der Rest ist Fernsehen.“ Dann zählte ich Schafe. Ich schlief ein, komatös und von Alpträumen geplagt.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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