Bob Dylan – 1970 (50th Anniversary Collection) / Die Reise ist mein Zuhause

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Gestern das neueste Werk von Bob Dylan aus dem Briefkasten gefischt. Neu? Fünfzig Jahre alt. Und frisch wie eine eben aus dem Teich gezogene Regenbogenforelle. Ein dickes, fettes Buch voller junger, ewiger Lieder. Angerissenes, Variertes, Eigenes, Fremdes, mäandernd. Viel Spaß an der Arbeit ist zu hören. Und ein ehemaliger Beatle spielt auch ab und an mit.

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Ich machte mich auf den Zigeuner zu sehen. Er wohnte in einem großen Hotel. Als er mich kommen sah, lächelte er. Er sagte: „Gut. Gut. Gut.“ Sein Zimmer war dunkel und vollgerümpelt. Kaum Licht, runtergedimmte Glühbirnen. „Wie geht es Dir?“, sagte er zu mir. Ich entgegnete die gleichen Worte. Ich ging hinunter in die Lobby. Ich tätigte einen kurzen Anruf. Eine hübsche Tänzerin stand da rum. Sie schrie mich an: „Geh wieder zum Zigeuner. Der krempelt Dich komplett um. Nimmt Dir Deine Ängste. Er führt Dich hinter den Spiegel. Dafür war er bekannt in Las Vegas. Hier führt er das fort!“

Draußen die Straßenlichter. Der Fluß Träne glitzerte in ihrem Schein. Ich betrachtete alles aus der Ferne. Musik klang in meinen Ohren.

Ich machte mich ein zweites Mal auf den Zigeuner zu sehen. Der Morgen dämmerte. Die Tür zum Zimmer des Zigeuners stand weit offen. Der Zigeuner war weitergezogen. Die hübsche Tänzerin ebenso. Sie war nirgends zu finden. Also schaute ich der Sonne beim Aufgehen zu. Ich kam aus dieser kleinen Stadt in Minnesota. Ja, ich war gekommen aus dieser kleinen Stadt in Minnesota.

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„Die Reise ist mein Zuhause“. Dies schrieb einst der Meister des Haiku: Basho. Der Vorgang des Suchens ist mindestens genauso von Bedeutung wie ein anvisiertes Ziel. Das Wie eines Schaffensprozesses erzählt vom Künstler ebenso wie das Ergebnis des Suchens, sein Werk.

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Ich werde mir eine Blockhütte bauen in Utah. Ich werde heiraten. Ich werde Regenbogenforellen fangen. Ich werde eine ganze Schar Kinder haben, die mich „Pa“ rufen. Ich glaube darum geht es. Das muß es sein, um was es geht.

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Bob Dylan wird so zitiert: „Im Leben geht es nicht darum, Dich selbst zu finden oder überhaupt irgendetwas zu finden. Leben handelt davon sich selbst zu erschaffen!“

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„Natürlich ist die drei CDs umfassende Sammlung kaum mehr als ein Stück Pop-Archäologie. Kurz vor dem 80. Geburtstag Dylans aber verweisen diese Hervorbringungen aus dem Jahr 1970 darauf, dass Kreativität und Zeitgenossenschaft nicht nur etwas mit der Gunst des Einfalls, sondern auch mit der Bereitschaft zum Üben zu tun haben.“ (Harry Nutt / Frankfurter Rundschau)

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bagatelle acht oder ein lob der naivität und ein lob des endes der naivität auch

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Sie nannten sich die Sahne und sangen

Vom Sonnenschein der Liebe bis alle Samen

Vertrocknet sind

Sie nannten sich der Bleierne Zeppelin und sangen

Von der Wiesovielliebe und davon alle Zitronen

Auszuquetschen

Sie nannten sich Tiefes Lila und sangen

Vom blinden Mann der schießt auf

Die Welt

Sie nannten sich Schwarzer Samstag Kirchenglocken und

Regen ließen sie singen

Und fragten wer ist der schwarze Mann der vor mir steht

Sie nannten sich zu Ehren der alten schwarzen Männer die

Ernteten ab die Baumwollfelder und sangen also

Von der Traurigkeit und den Steinen

Den rollenden

So nannten sie sich und sangen von der Thekenkönigin

Die ein Stockwerk höher erfüllte den Sänger mit Rock’n‘Roll

Und der Gott der Gitarren sang ein Lied für Josef

Ihm mitzuteilen daß er

Seine Frau niedergemäht habe

Nicht mit der Gitarre

Mit einer billigen Knarre nur

Geklaut damals als er diente dem Maschinengewehr

Und wir nahmen das ernst

Die Sänger der Lieder

Aber

hatten Spaß

An den Bagatellen

Als die Zeiten sich vermeintlich

Änderten

Der Zimmermann baute das Dach

Und dichtete es ab mit Worten

Wie fühlt sich das alles an

Heute da wir weniger lachen

denn einst

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Das Graue(n) lernen von Lot’s Weib

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Man dreht sich um, schaut zurück, mit Verve und Wucht ganz besonders in diesen Tagen ‚zwischen den Jahren‘, wie man vollkommen sinnbefreit die langen Stunden zwischen der Christmette und der Böllerei (fällt gerne aus!) bezeichnet. Ob man auf dieses Ritual nach diesem Jahr verzichten sollte? Fragen wir Lot’s Weib. Der tat das gar nicht gut, dieses Zurückblicken.

Zwischen den Jahren bleibt uns eigentlich nicht mal eine einzige Sekunde. Der Butler stolpert über den Tigerkopf. Mag er nun dem altem Jahr in das Schlafgemach folgen? So besoffen, wie er’s gerne wär‘, es aber nur spielt?

Vor wenigen Tagen sah ich im Fernsehapparat das „Werk ohne Autor.“ Müsste eigentlich heißen „Werk ohne Regie“. Was Baron von und zu Hunderteuro da verbrochen hat ist ein historisierender Softporno, schlimmer noch als das andere Leben der Anderen. Keine Farben. Eine dumme Denke in Schwarz / Weiß. Der Arsch der Beer. Das Fell des Richters. Ein Uecker, verkleidet als Mister Universum, nagelt blau blaue Nägel. Die DDR nichts als eine computerbearbeitete Sepialandschaft. Ich dachte an Christof Hein und seine Wut. Nur Oliver Masucci als Beuys beruhigte mich ein bisserl. Schlimm das alles. Dennoch blieb ein Grund für eine Erinnerung.

Eine Ausstellung einst in Köln. Oder Düsseldorf. Weiß nicht mehr genau. Die grauen Bilder von Gerhard Richter. Das Grauen im Grau. Heute fand ich im Netz ein Zitat des Künstlers. Man könne mit dem Grau „wenig falsch machen, es hat etwas von Vollkommenheit. Alles, was wir tun, kann ja zur Hälfte falsch sein. Das Falsch-Tun gehört ja zu uns. Und die Illusion zu haben, dass das mal überwunden werden könnte. Oder in dem ganzen Wust von scheiß Bildern, die man heute sieht – es wird ja immer schlimmer, das sind ja nur noch Berge von Elend“. Soviel heute am Abend noch zum jetzt entfleuchendem Jahr.

Anschließend dachte ich an Gerhard Richters Fenster im Dom zu Kölle. Ich stand gerne darunter und ließ mich beregnen vom Licht der Zuversicht.

Mein Wunsch für das neue Jahr? „Not to be wounded in hatred“

„And i know my song well before i start singin‘.“ Diese Textzettel hätte ich gerne aufgefangen, die Frau Smith ins Publikum warf. Nächstes Jahr dann.

Wird schon werden. Jammern ist keine Option. Ab jetzt Karl Geiger. Zieeeh!

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Wenn der Mond im siebten Hause steht

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Glaube ich dem Deutschlandfunk Kultur, den ich eben hörte, treten wir heute ein ins Zeitalter des Wassermanns. Dachte stets das hätten wir schon mal erlebt, aber ein Astrologe oder Astronom sagte eben, ab heute werde es richtig ernst und ante porta stellarium warte eine Aera der Harmonie und des Friedens. Und ich beginne zu verstehen.

Seit Wochen hat sich eine Horde Raben, die täglich anwächst, zwei kahle Bäume schräg gegenüber unseres Schlafzimmerfensters zur nächtlichen Ruhestatt auserkoren. Mit Einbruch der Dämmerung und lautem Geschrei über die Lahn in die verödete Innenstadt einfallen, dann die mit Lebensmittelresten überquellenden Müllbehälter plündern, eine anarchische Deko hinterlassen und ab in den Baum, aber nicht nur zum Schlaf. Durch die Ausgangssperre wohl so richtig angestachelt, gilt es nun einiges zu bereden. Zum Beispiel warum, obwohl da unten weniger Humanoide als sonst rumhuschen, der Tisch reicher gedeckt ist denn je, ob man die Tauben vor dem Schlafen gehen nochmal jagen sollte und wer weckt morgen und wann.

Der Rabe, ein mir symphatisches Tier – werde bald hier eine kleine Geschichte aus meiner frühesten Musentempelzeit hinterlegen – ist seit je her der Barde des Vergehenden, der Sänger der Entschwundenen, der Troubadour des Todes. Und er ist nicht schwarz, nein, in sein Gefieder hat der Schöpfer ein metallisch glitzerndes Blau eingewoben, als spiegelte sich darin ein letztes Mal die davoneilende Seele der Besungenen. Und er hat ihm vor allem ein Organ geschenkt, das Steine spalten kann und krächzen wie Tom Waits. Ein musisch begabtes, gescheites Tier. Besonders mag ich es zu beobachten, wenn die räuberischen Sängesbrüder oben auf einer Ampel sitzen, eine Nuss im Schnabel – eben schweigt er der Rabe! – und die, kaum sprang die Ampel auf Rot, aus großer Höhe auf den Asphalt klatschen lassen. Guten Appetit!

Zurück zum erhöhten nächtlichen Gesprächsbedarf der Horde vor unserem Fenster. Vielleicht liegt es ja daran, daß sie als Troubadoure des Todes zurzeit überbeschäftigt sind und das muß man sich nachts mal von der Seele reden. Kenne ich sehr gut. Siehe oben: einst im Musentempel. Also wache ich immer wieder auf in den letzten Nächten, ob es die Raben vor dem Fenster oder jene in meinem Kopp sind, die mich auf die Beine stellen, nichts ist gewiß, geistere ausdauernd und den Schlaf herbeisehnend durch die Wohnung, lauschend dem auf – und abschwellenden Gesang und blicke auf leere Blätter.

Morgens, meine Gattin verläßt früh um sieben das Haus gen Arbeit, die mich nährt, aufmerksam beäugt von den Barden, schwillt das Getratsche ein letztes Mal richtig an, einzelne Schreie verkünden den neuen Tag, vielleicht ist es ja der Weckbeauftragte, vielleicht wird die Tagesparole ausgegeben oder die Liste der in der Nacht Verstorbenen aktualisiert und – zack – brechen sie auf, ein letztes Getöse und Flügelschlagen und ich finde endlich noch etwas Schlaf.

Davor aber sehe ich aus dem Fenster und zähle die neu emanierten Sterne auf dem Pflaster. Der Rabe trägt keine Windel. Diese Sterne sind zwar aus Scheiße, sind jedoch trotzdem Sterne und in Sachen Hoffnung sollte man als Mensch derzeit nicht allzu wählerisch sein. Es ist die Dämmerung des Zeitalters des Wassermanns. Die Raben befinden sich in der Umschulung.

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Well, I’ve been to London and I’ve been to gay Paris

I’ve followed the river and I got to the sea

I’ve been down on the bottom of a world full of lies

I ain’t looking for nothing in anyone’s eyes

Sometimes my burden is more than I can bear

It’s not dark yet, but it’s getting there

(Bob Dylan)

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PS: Obiges Lied sang der Meister mir zu meinem vorletzten Geburtstag.

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gotta serve somebody

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„Zum anderen sollte es uns helfen, mal wieder in aller Demut zu realisieren, dass uns nichts gehört, nichts für immer ist und unser Leben nur eine Leihgabe. Nach all den Jahren, die uns schon geschenkt wurden, wäre ein regelmäßiges Ritual aktiver Dankbarkeit – in welcher Form auch immer – ganz angebracht.“

Das schrieb mir unlängst ein musikalischer Freund. Gute Ärzte hatten ihm eben geholfen dem Sensenmann, der schon gewunken hatte, die Sichel aus der Hand zu nehmen. Immer wieder las ich letzter Tage diese Zeilen und war getröstet. Etliche Jahresabschlußworte werden in den nächsten Tagen niederregnen. Denke dem obigen Text ist wenig hinzufügen.

Anfang März dieses Jahres – das Virustier machte sich so langsam in Deutschland breit – war ich eine Zeitlang im Kloster Engelthal. Entscheidungen treffen, nachdenken statt trinken, etwas suchen, einen Adressaten in Sachen Dankbarkeit vielleicht und die Ruhe sowieso, den guten alten Stein der Weisen auch, wohl wissend, daß er meist nur ein Wunsch und so Vater dämlicher Gedanken ist. Als ich das Kloster nach beeindruckten Tagen verließ, stand ich in einer anderen Welt. Laden runter, Läden zu. Bleibt zu Hause, sprach das Virusvieh.

Mit dem musikalischem Freund, der die obigen Worte schrieb, sang ich letztes Jahr „Gotta serve somebody“. Er sang es davor schon mal woanders und das anders. Ich sang es ganz woanders auch mal früher und anders eben. Der Text bleibt. Eine Fassung.

Die Suche geht weiter. Mal da, mal dort. Manchmal ahne ich, wo man aufgehoben ist. Sein wird. Könnte. Weiß man es? Gewiß aber nicht in der gnadenlosen (neoliberalen?) Einforderung seiner als Bub mal erträumten Einzigartigkeit oder im ewigen Lamento. Nee Nee Nee!

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Out on the highways and the by-ways, all alone

I’m still searching for, searching for my home

Up in the morning, up in the morning out on the road

And my head is aching and my hands are cold

And I’m looking for the silver lining, silver lining in the clouds

And I’m searching for, searching for The Philosopher’s Stone

And it’s a hard road, it’s a hard road

daddy-o

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(Van Morrison)

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Gute Lieder kosten Geld

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What was it you wanted

Tell me again so i know

What`s happening in there

What´s going on in your show

What was it you wanted

Could you say it again

I’ll be back in a minute

You can get it together by then

(Bob Dylan)

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Bob der Baumeister hat sein Leben lang gearbeitet. Er schuftete, schaufelte und durchforstete alles was ihm vor die frierenden und betrunkenen und bekifften und nüchternen und lysergsäurehaltigen Füße fiel, sang sich durch Bibliotheken, durch seine Geliebten, sein trauriges Land, sein euphorisches Land, die Geschichte, seine Bewunderer, seine Verehrten und Angebeteten, die Bibel, Shakespeare, Brecht, Rimbaud und schlechte Comics, Little Richard, Allen Ginsbergs Geheul, am Grab von Ti Jean zu Lowell mit pathetischer Gelassenheit saß er, er stahl, klaute, log mit Freuden, war bekennender Dieb, erfand „copy and past“, war Bewahrer, Fackelträger, Weiterleiter, Zeigefinger, Zweifler, arrogantes Arschloch, Zigeuner, Häuslebauer, ein Bewunderer seines eigenen Zweifels, der sich schnitt den eigenen Zeigefinger vom Leib, um über den ewigen Zweifel nicht siegen zu wollen, er irrte, drehte sich im Kreis, fiel vom Motorrad, um seine Ruhe zu finden, die er verachtete, verweigerte sich allem und sich selbst und vor allem dem übelsten Gegner aller Kunst: dem Fan, der schlimmsten Waffe nach der Erfindung des Maschinengewehrs.  Das schrieb einst Sam Shepard, einer seiner Wegbegleiter auf seinem Weg, der keine Wegbegleiter brauchte und die er doch so bitter nötig hatte.

Vor kurzem hat Bob der Baumeister die Rechte an seiner Arbeit zu einem gnadenlosen Preis verkauft.  Empörung? Der ewige Fan buchstabiert sich inzwischen als Spotify oder Strömungsdienst oder freier Runterlader. Rechtshänder oder Linkshänder? Hand auffem Schmerz! Egal. Schon immer so gewesen. Platten klauen. Freikarte. Gästeliste. Geht da was?

Bob der Baumeister sagt: wenn dein Daumen über die Benutzeroberfläche streicht: es gibt da jemand, der dafür gearbeitet hat. Oder? Kinners, sach ich mal so: gute Lieder kosten Geld. Kunst ist nicht Freibier. Auch wenn die Denkfaultiere es sich so wünschen. Bob der Baumeister macht es richtig. Ansonsten selbermachen: Sechshundert mal muß es nicht sein.

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