Heimasturbationen oder die Verhöhnerisierung der eigenen Herkunft

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Neunzehnhundertachtzig zog ich nach Köln, um Schauspieler zu lernen. An einem der ersten Tage dort stand ich mit einem neuen Klassenkollegen, der bald einer meiner besten Freunde werden sollte, vor der Schlosserei des Schauspiels und wir lauschten einer damals nur in Köln bekannten Drei – Buchstaben – Beatband. „Sag mal, Karl, sind das Holländer? Was singen die denn da?“ „Kölsch, Du Drisskopp!“ Ich war in einer Stadt gelandet in der das heimische Bier und der Dialekt, der fast eine eigene „Sprooch“ war, denselben Namen trugen. Das gefiel mir. Als ich später dann von trink – und sangesfesten Fachfeierbiestern in den Straßen – und Kneipenkarneval eingeführt wurde, inklusive intensivem Textstudium der mitzusingenden Standardhymnen, vor allem von den „Fööss“, war es um mich geschehen und ich war verliebt. Kölle, Du ming Stadt am Rhing. Und ich konnte die Tränen des freundlichen und pausenlos redenden (Kölle !!!) Autofahrers– ich trampte übers Wochenende oft an den Bodensee zur Freundin oder Familie und zurück , ja, das ging damals problemfrei und pünktlich – die ihm auf der Rodenkirchner Autobahnbrücke nach ewig langer Abwesenheit beim ersten Anblick des Domes in die Augen schossen, mitweinen.

Erste Risse wurden dieser Liebe zugemutet, als in den zunehmend selbstverliebter werdenden 80ern etliche Nachfolgebarden der Black Fööss Stolz und Heimatliebe als eine Art Geschäftsidee entdeckten und ein permanentes „Viva und Heil Dir, oh mein Kölle“ aus den Boxen schallte. Den alten Hymnen waren Ironie und Sentiment ausgetrieben und es war ein einziges Gröhlen und Kassenklingeln und besoffen durstige Karawanen, die durch das Vringsveedel torkelten. Ich nenne es gerne die Verhöhnerisierung der eigenen Herkunft. (Danke, gw!) Zur Strafe wurde der FC Kölle dann zur Fahrstuhlmannschaft degradiert. Doch die Sehnsucht nach diesem ganz besonderen Menschengemisch blieb und selbst als ich schon länger in der kleinen hessischen Provinzstadt lebte, verbrachte ich noch regelmäßig etliche Wochenenden oben am Rhing und feierte manchen Karneval, aber „et Hätz schlug nit mie Kölsch“. Too much Monkey Business.

Jetzt hat – es begann wohl vor vier oder fünf Jahren mit weit über zwanzigjähriger Verspätung, was schnell ist für Gießen – die Verhöhnerisierung der eigenen Herkunft auch meinen derzeitigen Wohnort erreicht. Man findet doch tatsächlich 111 sehenswerte Orte hier indem man jede überquellende Mülltonne oder eine das Stadtbild (Welches Stadtbild bitte?) verhunzende Fußgängerbrücke zu Kulturdenkmälern erklärt, jeden Viertelpromi, der hier mehr als drei Semester studiert hat, einfach mal eingemeindet oder die 100 Gründe in die Tasten haut, weshalb man seinen Geburtsort so ganz arg lieb hat, wobei ich vermute, daß neben der wohlfeilen Geschäftsidee, etwa 92,5 % der Gründe der Psyche einer Kleinstadt zuzuschreiben wären, sprich das ständige Pendeln zwischen Mittelmäßigkeit frei nach Büchner und dezenten Anfällen von Großmann*genderstern*frausucht. Ich möchte nicht der Weihnachtsbaum sein müssen unter dem diese Werke als Geschenk rumliegen.

Und noch so eine Buchkrankheit ist, auch hier liegen die Wurzeln in Kölle, Manuel Claus Achim Andrack (sic!), der Sidekick von Harald Schmidt started the fire, die grassierende Wander- und Waldbucheritis. Seit ich denken kann, mein Vater kannte da keine Gnade und ich erbte dies gerne, latsche ich an den Wochenenden durch Wälder, egal wo ich lebte oder arbeitete. Und es tut gut. Fertig! Nie aber käme ich auf die Idee davon zu radebrechen, wie der Wald meine Seele reinigt, das Wandern mich zu mir selbst und alle Probleme dann so klein und wie so ein gekochtes Ei in der freien Natur und dann diese Aussicht, also, diese Aussicht und das Bier danach, es perlt, ach und all die wohlfeilen Textbausteine, während die Harvester todbringend die Bäume umarmen und ich das dann auch noch tun und davon sprechen muß ohn‘ End? Die Vöglein schweigen im Walde, dichtete schon der Geheimrat.

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PS: Es halten die Touristeninfos, die Bahn und die Verkehrsverbünde seit eh und je wunderbare und kostenfreie Wanderführer bereit. Leider halt ohne Bildstrecken, welche die Verfasser beim „In – Wäldern – Posen“ zeigen.

PS2: Man sollte der Heimat nicht die Schmerzen, Irrtümer und vor allem nicht die Ambivalenzen austreiben. Geht auch anders. Siehe Gundermann.

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In den Straßen des Friedens

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Wer wünschte sich nicht dieser Tage eine besinnliche Minute an obigem Grabstein verbringen zu dürfen. Ich tat es, vor etlichen Jahren in Ilmenau, dem freundlichen Ort, wo sich meine Eltern kennengelernt hatten und wo ich wohl zusammengebastelt wurde. Ich meine ab und an eine seltsame Verbundenheit zu dieser Gegend zu spüren, die je älter ich werde intensiver wird, intensiver manchmal empfunden als die Bindung an die Gegend, in der ich aufwuchs. Aber davon ein andermal. Warum Ilmenau und das heute?

Sprach mit meiner liebsten Gattin gestern über die Weihnachtsfeste der letzten Jahre, wo und mit wem. Meist mit Menschen. Diesmal zu zweit und wir erinnerten uns, daß wir im Jahre 2012 allen Begegnungen entsagten, um ein zurückgezogenes Fest in Ilmenau zu verbringen. Ich hatte eine der schlimmsten Begegnungen mit dem Feudalsystem Stadttheater hinter mich gebracht, Psychokacke und das ausgerechnet in der Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin, Radfahren und Schwimmen lernte und versuchte erwachsen zu werden. Eine Flucht in die Stille. In die Heimat derer vor mir, Wurzeln. Spaziergänge. Ente mit Thüringer Kloß. Christmette. Schwalbenstein. Forellen in Manebach. Rostbrätel und zum Abschluß der Kickelhahn, Ilmenaus Hausberg, intensive Erinnerung an Wanderungen mit den Onkels und Geburtsort des berühmtesten Gedichts deutscher Zunge. Glühwein mit Bratwurst. Schöne Erinnerungen.

Ich schaue aus dem Fenster, grau und schneebeladen – Ja! Bitte! Weiß! – dräut der Himmel. Es ist so ruhig und still. Kein Auto. Kirchenglocken. Ausdauernd. Schön. Sehr schön. Trotzdem hoffentlich bald an obigem Grabstein stehen dürfen. Jetzt Dylans Weihnachtslieder. Noch schöner. Stille Nacht und heilige Nacht allen da draußen. Mehr denn je. In den Straßen des Friedens flanieren. Fürchtet Euch nicht. Ein Versuch ist es wert.

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