Das dunkle Lied vom verletzten Stolz statt von der Scham kennt keine Gnade

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Ehemaliger Grenzübergang Wartha – Herleshausen / 4. Oktober 2021

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„Der politischen Aussichtslosigkeit kann der Führer der Krimtataren, Refat Tschubarow, nur den Hinweis entgegenhalten, daß sein Volk bis jetzt noch immer alle Schläge überlebt habe. Denn realistisch ist es nicht, daß sich irgendwer auf der Welt für seine kleine Minderheit verwendet, die Ukrainer nicht, die wegen der Krim keinen zweiten Krieg gegen eine Großmacht führen werden, Europa schon gar nicht, das mit Rußland genug andere Konflikte hat, und Amerika … ach, Amerika war mal ein Traum.

Ich besuche Tschubarow in einer unscheinbaren Hinterhauswohnung, Geschäftsstelle eines Volks, wo er mehr melancholisch als empört die Schläge der letzten zweihundert Jahre aufzählt, Vertreibungen, Deportationen, Massenmorde, Verhaftungen, Landraub, Diskriminierungen, falsche Beschuldigungen, früher der Kollaboration, heute des religiösen Extremismus. Gerade hatte sich mit der Unabhängigkeit der Ukraine und der Rückkehr der Tataren aus der Verbannung eine Zukunft abgezeichnet, eine gesicherte, friedliche und freie Existenz, in der sie die Trümmer ihrer alten Kultur hätten sammeln und neu aufbauen können, da hat die russische Annexion der Krim sie erneut zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Immer habe sein Vater in Samarkand gesagt, fast wie ein Gebet: Wir werden heimkehren, wir werden heimkehren. Er kehrte heim auf die Krim und starb am 13. März 2014, als in den Straßen wieder russische Soldaten marschierten. Seine Mama – der Sechzigjährige benutzt dieses Wort: Mama – lebt noch in der Heimat, nur daß er sie nicht mehr besuchen kann.

„Stalin hat meine Eltern deportiert, Putin mir die Eltern genommen.“

Eine realistische Perspektive, wie die Krim wieder in die Ukraine zurückgeführt werden könnte, vermag Tschubarow nicht aufzuzeigen. Rußland müsse stärker unter Druck gesetzt werden, sagt er beinah verzweifelt, um selbst zu konstatieren, daß der deutsche Außenminister Steinmeier im Gegenteil die Sanktionen aufheben wolle, um Verhandlungen zu führen.

„Du gibst einem Erpresser alles, damit er mit dir in Verhandlungen tritt – worüber willst du dann noch verhandeln?“

Ob ihn der Pessimismus nicht niederdrücke, frage ich. Nein, sagt Tschubarow, nein, es gebe so viele Lösungsmöglichkeiten, man müsse nur in die Geschichte schauen.

„In der Geschichte?“ frage ich. „Das zwanzigste Jahrhundert ist doch voll von Vertreibungen, und kaum eine ist rückgängig gemacht worden. Im Gegenteil: Länder wie Polen, Deutschland, auch die Griechen oder Türken konnten ihren Frieden nur machen, weil sie sich mit den Vertreibungen abgefunden haben.“

„Ja, aber Deutschland hatte noch ein Land. Die deutsche Sprache, die deutsche Kultur war nicht vom Aussterben bedroht. Die Führer der großen Nationenhaben kein Gespür dafür, wie es für Minderheiten ist. Wenn wir verlieren, dann verlieren wir alles. Dann gibt es uns nicht mehr.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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Jeden Morgen trinke ich weiterhin meinen Tee aus einer Tasse, die mir zum Abschied damals in Sowetsk geschenkt wurde. Heute vergaß ich auch den Pin der Gesellschaft für Deutsch – Russische Freundschaft, der seit damals an einem meiner Jacketts heftet, vor dem Betreten der Fußgängerzone zu entfernen. Was ich schrieb vor 4 Jahren? (Eintrag vom 5. September unten) Die Ansage der Delegationsleitung damals: „Auf keinen Fall politische Themen anschneiden!“ Wir waren folgsam. Wir haben uns folgsam betrunken.

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1978 fiel der Stadt Hannover auf, daß der Führer noch Ehrenbürger ihrer Stadt war. Jetzt sind sie richtig schnell unterwegs. Die Stadt Gießen benötigte wiederum knappe 10 Jahre bis sie ihrem Bürger, dem Friedenspolitiker und Pazifist Horst Eberhard Richter diese Würde angedeihen lassen wollte.

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„Du kämpfst?“ frage ich erstaunt, weil ich mir einen wie Pavel, einen feinsinnigen Theatermann mit weicher Stimme, der Körperbau zart, so gar nicht als Krieger vorzustellen vermag.

„Ich habe mich als Reservist gemeldet. Irgendetwas muß man doch tun, wenn man auf dem Maidan war. Auch wenn man das in Kiew nicht merkt – wir haben nun einmal Krieg. Und abgesehen davon, ist die Miliz sehr interessant.“

„Warum?“

„Das sind Leute aus allen Schichten, mit denen hätte ich sonst nie etwas zu tun. Und es ist auch interessant zu erfahren, was eine Waffe mit dir macht. Das meine ich jetzt persönlich, aber das gilt natürlich ebenso fürs Land. Du fühlst dich nicht mehr so verletzlich.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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Und nun sollen alte sowjetische Flugabwehrwaffen aus Beständen der Volksarmee die russische Aggression zumindest stundenweise stoppen. Mehr kann das blanke deutsche Militär wohl nicht tun. Perversionen unserer Geschichte.

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Laß uns das Schälchen erheben,

die Koto anstimmen und

die Mondhelle preisen.

Dann erst fragen nach der morgigen Nacht,

ob es klar wird oder bedeckt,

denn – wer weiß das schon?

(Basho)

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