First we take Manhattan, then we take Kiew? Oder: ab wann ist denn nun ein Flüchtling ein guter Flüchtling?

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Grenzlandmuseum Eichsfeld / 14. Juni 2019

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„Abends in Kiew dann die Rückkehr ins eigene Koordinatensystem. Vielleicht weil ich von Eindrücken schon entwöhnt bin – auch die Landschaft ist schließlich seit Vilnius nur eintönig und flach gewesen -, kommt mir das Nachtleben um so greller, anarchischer vor, die Restaurants und Bars bis auf die Bürgersteige gefüllt, die gutgekleideten jungen Menschen, die erkennbar vergnügungssüchtig sind, eine Stadt, die zugleich boomt und zerfällt, hier pittoresk heruntergekommene Altbauten, dort bereits Gentrifizierung, die jedes Leben aus den Gassen vertreibt, die Straßenbahnen noch aus dem kalten Krieg, wo in Minsk alles pikobello war, Schmutz auf den Straßen, der in Weißrußland nirgends lag, die Armut sichtbar und der Reichtum um so protziger ausgestellt. „Die in den SUVs sind ausnahmslos alle kriminell“, murmelt Sashko, wie der Fahrer heißt, aufgewachsen in einer Lemberger Künstlerfamilie, später Taxifahrer und Barmann in New York, heute Revolutionär und glühender Patriot. „Putin versteht nur die Faust“, sagt er, um im nächsten Satz die eigene Regierung zu verfluchen.

An den Gebäuden rings um den Maidan sind hier und dort noch Einschußlöcher zu erkennen, in der Mitte Photos der Märtyrer aufgestellt. Ansonsten ist der riesige Platz mit den sowjetischen Hochhäusern, der in den Nachrichtensendungen einen ganz falschen Eindruck vom historischen Stadtbild vermittelte, längst von der Freizeitgesellschaft zurückerobert worden. Touristen, Jugendliche, Familien mit Kindern, die gleichen Straßenkünstler wie in Krakau oder Barcelona, der ganze Tand, den man früher nur auf der Kirmes fand. Auf einigen Werbetafeln sind Soldaten zu sehen, die im Osten kämpfen. Der Krieg könnte nicht weiter weg sein.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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Beginnt die Freiheit, die wir die unsere nennen – beziehungsweise nennen lassen – eigentlich erst in Kabul oder doch schon in Kiew? Oder gar vor der eigenen Haustür? Im Dannenröder Forst? Sehr viele nehmen leider auf dem Weg von der Ohnmacht zur phantasierten Allmacht eine Abkürzung.

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„Konstantin ist Politikberater, war einmal für Serhij Taruta tätig, der zu den liberaleren Oligarchen gehört, und ist trotz seiner Weltläufigkeit stolzer ukrainischer Nationalist. Dabei hat er selbst keinen Tropfen ukrainisches Blut in den Adern, wie er ironisch vermerkt, wurde 1980 in Donezk geboren, der sowjetisch geprägten Industriestadt im Osten, wo heute die Separatisten herrschen, wuchs ohne Bezug zur ukrainischen Kultur auf, beherrschte die Sprache so gut wie nicht und ging zum Politikstudium nach Moskau. Als die Revolution ausbrach, stellten sich die meisten seiner Bekannten wie selbstverständlich auf die Seite der Regierung, die das Land nach Osten ausrichtete. Konstantin zögerte kurz. Dann flog er nach Kiew und marschierte mit auf dem Maidan. Warum?

„Weil die politischen Ideale meine eigenen waren: Freiheit, Demokratie, Europa.“

„Faschist“, beschimpfte ihn ein Freund, aber umgekehrt zögert Konstantin auch nicht, Putin mit Hitler gleichzusetzen, und führt Paralellen an. Inzwischen lernt er ukrainisch, und seine Kinder wachsen von Anfang an zweisprachig auf. Und was solle mit den vielen anderen Menschen geschehen, deren Eltern oder Großeltern innerhalb der Sowjetunion umgesiedelt worden sind, frage ich. Plötzlich fänden sie sich in einem Staat wieder, mit dem sie überhaupt nichts verbindet. Ja, sagt Konstantin, sicher sei das schwierig. Er verstehe auch seine Familie, die in Donezk geblieben ist: Sie hätten keine sonderlichen Sympathien für die Separatisten, doch seien sie alte Leute, konservativ, nicht willens ihre Heimat aufzugeben.

„Was ist dann also mit den Russen, die in der sowjetischen Zeit in die Ukraine gekommen sind?“ hake ich nach. „Man kann doch diese Leute nicht alle zwingen, die ukrainische Kultur anzunehmen.“

„Warum nicht?“ meint Konstantin: „Mindestens für ihre Kinder müssen sie entscheiden, ob sie Ukrainer oder Russen sein sollen.“

„Und was, wenn sie Russen bleiben wollen?“

„Das wird natürlich ein Problem sein.“

„Was für ein Problem? Werden sie dann vertrieben?“

„Nein. Aber wer unter dem Einfluß der russischen Propaganda steht, wird sich kaum in die Ukraine integrieren können.“

„Dann läuft es doch auf Vertreibung hinaus.“

„Nein. Nein. Aber man kann doch nicht alle Rechte eines Staates genießen und den Staat gleichzeitig ablehnen. Das würde nirgendwo auf der Welt gehen.“

(aus Navid Kermani / Entlang den Gräben / im Winter 2016)

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… außer natürlich in Deutschland, denke ich beim Lesen des letzten Satzes. Hier gehört es quasi zum guten Ton in etlichen, auch gut bezahlten Diskursen, lechts wie rinks.

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Da haben wir fünf Jahre lang dauerempört und moraleregiert den Zeigefinger Richtung Washington ausgestreckt, von wo aus Chief „The Deal“ Orangehair die Erhöhung unseres Beitrages zur NATO – Finanzierung auf zwei Prozent einforderte. Tja, jetzt gehen sie – als einzige – ab: die Aktien der Rüstungsindustrie. Besser zu spät als zu früh. Oder? Ich mag nicht so recht ins eigene Koordinatensystem zurückkehren. Falls ich je eines hatte.

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Die Menschenwelt –

Ein Jammertal! Auch für den Mond:

Er verfinstert sich.

(Issa)

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