„Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

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Schloß Büdingen / Eingangshalle / Blick nach oben links / Nach Hause gehend rechts / 11. 10. 2024

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Trophäen und andere Irrtümer

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Von oben nur der Kräfte

Halt

Und halten uns im Zaum nicht mehr

Die Kräfte die von oben

Man vergaß zu loben

Als das öffentliche Leben dem Verfall angedient

Die Städte gingen in die Knie

Vor dem großen Ich

Und ich las

Meinen Steuerbescheid trübe beweinend

Von einem Buch aus fernen Tagen

Verbot mir zu toben

Schaffte es nicht mehr zu loben

Das Handwerk welches nie erlernt

Und es hingen die Trophäen

An karg gekalkten Wänden

Keine Lust zu enden

Da ein andrer Stuhl ward nicht gezimmert

Von mir

So gibt mir Zeit

Ein wenig noch

Irrtümlich und verrückt bestückt

Niederlegend die Schreckschußpistole

Großmäuligkeit

Ohne Gewähr

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(25.10. 2024 / fenster offen / sommer? / kraniche hauen ab trotzdem / gut so)

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„lechts und rinks kann man nicht verwechsern werch ein illtum“ (e. jandl)

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Gießen / Hardthöhe / Parzelle / fast abgeerntet / 22. Oktober 2024

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vor einem abgeernteten feld hockend

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du baust keine stühle aus worten

brichst nicht auf böden mit bleistiften

oder wütenden tastaturen

unangenehm riecht die jauche des nachdenkens

welche wohltat gärende brennesseln auf feuchtem herbstboden

die letzten schmeißfliegen schwirren erfreut heran

hier stinkt es erbaulich

auf den gehsteigen der städte zertrümmerte stühle

zum mitnehmen keck bezettelt

feiern die faulheit und die flucht

vor dem denken davor bis

leere kühlschränke tanzen auf den verstopften kreuzungen

und kratzen sich die bauchnäbel wund

die nächte sind zu laut

um einsam zu bleiben

mach dich winterfest

es wird etwas länger dauern

bis du dich wieder hinsetzen darfst

so müde

von deiner ewigen müdigkeit

alter genosse

in den tagen nicht endenwollender

sonnenfinsternisse

und dann ernten kannst was du

einst ausgebracht

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(gestern gedacht / heute getippt)

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PS: Nachträglicher Nachdank meinem wunderbaren Deutschlehrer, der uns mit Ernst Jandl bekanntmachte in den Siebzigern, zu trotzen der denkenden und schreibenden Voreiligkeit. Eine Lehre, welche selbstredend in mancher Sache den ejaculatio praecox meinerseits nicht immer verhindern konnte. Das Gemüse scheint länger nachzudenken, um dann gut zu schmecken.

„My baby, a, just wrote me a letter! My baby just wrote me a letter!“ (Box Tops)

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Schloß Büdingen / Parkplatz / Briefkasten / Links eine Schießscharte / 11. Oktober 2024

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Ode über einen nie abgesandten Brief an den Briefkasten meiner Wahl

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Da die Blätter nicht nur fielen

Sondern trudelten heiter weiter hinab und tiefer

Vergab ich mir meine krämerische Wut

Und faltete alte laute Briefe zu Konfetti

Alles hohl da unten geht es zu Grund

Marie mit spitzer Feder kratzend über alten Papyrus

Ringelreihend her und hin

Kalligraphie und stolze Langeweile

Nirgendwo lauter der Tod denn

Vor der Sehnsucht

Franz tanzt sich müde

Und begreift zu spät

Marie

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(gießen heute / gefühlte 30 Grad Celsius / entschlussfrei / kafka übernimmt / und dann – wie immer – herr dylan)

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„Somebody is out there beating on a dead horse!“ (Bob Dylan)

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Toreinfahrt Schloß Büdingen / 11. Oktober 2024

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Ausgeweidete Hirsche erschießen

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Hirsch heißt ein Mann

Mein Vater witzelte

Nun Sohn sprich diese Worte schnell

Er kitzelte

Sekundenlang lang mein kleines Hirn

So dunkel und dann hell

Die Hand schlug staunend vor die Stirn

Die eigne

Ein Wort ist nicht dasselbe Wort

Fort mein Sohn

Nun bin ich fort

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Zähl die Enden einer Seite

Und addier‘ zusammen sie

So benennt man dieses Vieh

Viel größer als ein Achtzehnender

Wird er leider nie

Doch wir hängen sie erledigt

Aufgebrochen

Schon lang‘ nicht mehr am Tod gerochen

An die kahlen Wände

Aufschub uns’rem eig’nen Ende

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Man dekoriert die alten Sagen

Mit ängstlich hochgeklapptem Kragen

Schießt den Kirschkern auf des Hirsches Schädel

Und erntet Jahre später

Vom Schädelbaum

Man glaubt es kaum

Seinen längst entträumten Traum

Und backe backe Kuchen

Bleib uns nichts als Fluchen

Ein Weidmanns Heil

Die Kirsche fern

Man hätt‘ so gern

Man hätt‘ so gern

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Hatten wir die Ehre

Entladen wir die Maulgewehre

Lassen tote Pferde ungetreten

Gib mir nur soviel

Daß ich kann beten

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(gießen heute / morgen nach nürnberg / den meister gucken / ein letztes Mal?)

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„Ich bin nur ’n armer Hund, aber bin ich wirklich von der Leine los?“ (‚Gundi‘)

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Irgendwo in Thüringen / Früh los in den Nebel hinein / Später Sonne / 9. Oktober 2021

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Und Lots Weib drückte die Taste FORWARD

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Und da die einen den Hals verdreht

Auf der alten Schaukel schwingen zurück

Höher das geht doch noch höher

Angefeuert und unterlegt mit einem Beat aus dem geplünderten

Plattenschrank älterer Geschwister

Und jetzt spring spring doch du du

Feigling ist mancher vor jeglicher Zuversicht

Das unendbare Kobaltblau jenes einen Sommers

Beschreien wollend

Dem ewigen Pflaumenbaum nachschmecken

Unter dem der eingeschlafene Hund jaulend den Blues

Halte mich noch einmal so

Wie du mich niemals

Aber ich es doch erinnere

Da dann holt Lots Weib

Eine erfahrene Braut etlicher Sehnsüchte

Ihren Kassettenrekorder aus der Umhängetasche

Den sie unablässig besprochen von den Stunden einst

In Sodom und Gomera

Und drückte fast entschlossen

Die Taste VORWÄRTS

Geht ab

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(gießen / heute / es regnet und regnet und regnet / erkältet / nachsinnen / gefährdete tage sind solche tage / in den gassen trifft man auf die klageweiber)

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„Alle wissen wo es lang geht. Aber keiner weiß warum. Dumm. Dumm. Dumm.“ (Gerhard Gundermann)

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Aach / Aachquelle / 20. September 2024 / Foto: A. Haas

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„Ambiguität bezieht sich auf eine Situation, in der ein Begriff, eine Aussage, ein Satz oder eine Handlung mehrdeutig oder mehrdeutig interpretiert werden kann. Es handelt sich um eine Unklarheit oder Zweideutigkeit in der Bedeutung von Wörtern oder Ausdrücken, die zu Verwirrung oder Missverständnissen führen kann.“ (Dr. Google)

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„Wir sollten die Grenzen des Sagbaren soweit wie möglich ziehen.“ (Die Autorin Mithu Sanyal in einem Gespräch mit dem SPIEGEL, in dem sie als Schriftstellerin mit ‚Vibrationshintergrund‘ vorgestellt wird. Im Rahmen wohlwollender Ambiguität schlittere ich gerne in die Fettnäpfchen unter den Gürtellinien, die man gelegentlich besucht hatte. Nicht unfreiwillig, sondern bewußt.)

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Auf der Hinreise in alte Heimaten machten wir unlängst kurze Rast an der Aachquelle. Fahr da bitte ab. Was suche ich dort? Behauptete Erinnerungen. Erinnerungsnebel. Schleier. Gewiß: mit den Eltern dort gewesen. Später mit alten Freunden. Eine Freundin auch? Schatten nur. Heute mit der Gemahlin. Ja. Dieses Wort kann man noch tippen. Ambiguität rules ok.

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Immer noch aber lebt diese meine alte Faszination. Da versickert irgendwo oben auf der Alb, der schwäbischen, heimlich Wasser aus der Donau, die kaum ihre Quelle verlassen hat und kommt hier unten hinter Engen wieder raus. Als Nichte der alten Tante Donau. Heißt jetzt aber Aach. Oder Ach? Oder gar: Sieh an, sieh hin? Wo kommt das alles her? Wo will es alles hin? Leider hatte der charmante und sehr alte Biergarten an der Quelle Ruhetag.

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Die Donau ist ein sehr langer Fluß und mündet ins Schwarze Meer. Die Aach hat nur 14 Kilometer vor sich nach ihrem möglicherweise sie selbst überraschenden Auftauchen und ergibt sich dann dem Bodensee und die Nordsee wird ihr Schicksal. Die Donau scheint ein intelligenter Fluß zu sein. Sie kann abgeben. Will sich nicht entscheiden. Für das eine Meer. Ihren Tod.

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Lob der Ambiguität

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Standpunktig und so

Steht der alte weiße Punk

Tag für Tag und pinkelt seine vermeintliche Freiheit

Faschos auf die Fresse

An die Wände

Vor meinen Fenstern

Der ich ihn selber trunken gerne als AfD-Sympathisanten beschimpfe

Da meine Wütungen mäandern

Und ich genug zu tun habe

Auf der Drehscheibe meiner schwindenden Gewissheiten

Mich zu halten halbwegs

Aufgerechtig gegen die Fliehkräfte

Ein unsichtbares Komma hier gesetzt

Die versickernden Traumgebilde

Und meine eigene Dummheit

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(gießen / eben / nach lektüre des SPIEGEL im cafe, wo zwei adipöse kids – zwischen 13 und 15 – am nebentisch glänzend schwitzend gigantische Burger in sich hinein stopfen / mein mitleidiger blick ist eine lüge / morgen wieder anders)

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„Es ist schon komisch, wie sehr die meisten Menschen die Toten lieben. Wenn du erstmal tot bist, hast du dein Lebtag ausgesorgt.“ (Jimi Hendrix)

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Frühe Nacht / Blick über den See / 20. September 2024 / Foto: A. Haas

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Über Überlingen gegenüber / Heimatlied 1

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Als meine Frau aus dem Fenster blickte und drüben

Über dem westwärts zeigenden Finger

Des alten Sees dem gletschergefurchten

Eben noch im letzten Hell hatten wir den Teufelstisch

Nicht gefunden

Über steil verregnete Wege nach unten

Ausschau haltend

Links und rechts

Behauptete ich wie es meine Art

Den roten Mond in unerwarteter Größe

Den sie die

Meine Frau

Erblickt hatte

Nicht als einen roten Mond zu sehen

Es handele sich um das Observatorium das drüben

Über Überlingen gegenüber scheine durch die Nächte

Damals schon und immerdar

Was ich wissend stets von hinten her

Eitle Gewißheiten

Bis die vermeintliche Sternwarte rutschte in die höheren Himmel

Strahlend und schwindend an Größe

Und ich erkannte wie der rote Mond sich wenige Minuten nur

Sekunden wohl gesetzt hatte vor meinem Auge

Auf die Kirchturmspitze am Ufer

Drüben über dem See

Über den wir blickten

Als Ausblick in zukünftige Welten

Aber

Jetzt da die Nacht uns beehrte

Ein Trugbild meines dröhnenden

Wissensgepolter

Ein ewiges Beginnen

Blieb und der unruhige Schlaf

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(Burghof Wallhausen / Ende September 2024)

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„Ich will alles anschauen, die Augen umherstrielen lassen, Gesichter nehmen, mich sekunden – minutenweise verlieben.“ (Beat Brechbühl)

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Prag / Vyserader Friedhof / 29. Oktober 2012

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Vom Ende des Unbändigen

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Vor der Zeit die Handschellen angelegt

Särge ausgepolstert mit Gewissheiten

Den Boden der Tatsachen frisch gefeudelt

Festgefußt schwankend

Lass mich heute leiser lügen von meiner Freude

An den Geysiren

Wenn sie unerwartet

Wer hat an der Uhr gedreht

Warum meine eigenen Finger mir in den Rachen stecken

Maßlose Träume zu erbrechen

Keine fremden Figuren nachtanzend mehr

Wenn der Ball ins Tor springt

Werde ich unbändig bleiben wollen

Und sei es nur den einen kurzen heißen Winter lang

Schneeschippend

Meine Hemden bügelnd und

Die Zeitungen zurückgefaltet

Als seien sie ungelesen

Hatte ich mit kalten Fingerspitzen

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(es vermischen sich gießen heute und sommer 1990 sowie winter 2021 / der beste aller torbejubler unten, der nur einen sommer lang flog / ab in den süden)

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