Gießen / Hardthöhe / Parzelle / fast abgeerntet / 22. Oktober 2024
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vor einem abgeernteten feld hockend
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du baust keine stühle aus worten
brichst nicht auf böden mit bleistiften
oder wütenden tastaturen
unangenehm riecht die jauche des nachdenkens
welche wohltat gärende brennesseln auf feuchtem herbstboden
die letzten schmeißfliegen schwirren erfreut heran
hier stinkt es erbaulich
auf den gehsteigen der städte zertrümmerte stühle
zum mitnehmen keck bezettelt
feiern die faulheit und die flucht
vor dem denken davor bis
leere kühlschränke tanzen auf den verstopften kreuzungen
und kratzen sich die bauchnäbel wund
die nächte sind zu laut
um einsam zu bleiben
mach dich winterfest
es wird etwas länger dauern
bis du dich wieder hinsetzen darfst
so müde
von deiner ewigen müdigkeit
alter genosse
in den tagen nicht endenwollender
sonnenfinsternisse
und dann ernten kannst was du
einst ausgebracht
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(gestern gedacht / heute getippt)
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PS: Nachträglicher Nachdank meinem wunderbaren Deutschlehrer, der uns mit Ernst Jandl bekanntmachte in den Siebzigern, zu trotzen der denkenden und schreibenden Voreiligkeit. Eine Lehre, welche selbstredend in mancher Sache den ejaculatio praecox meinerseits nicht immer verhindern konnte. Das Gemüse scheint länger nachzudenken, um dann gut zu schmecken.
Irgendwo in Thüringen / Früh los in den Nebel hinein / Später Sonne / 9. Oktober 2021
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UndLots Weib drückte die Taste FORWARD
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Und da die einen den Hals verdreht
Auf der alten Schaukel schwingen zurück
Höher das geht doch noch höher
Angefeuert und unterlegt mit einem Beat aus dem geplünderten
Plattenschrank älterer Geschwister
Und jetzt spring spring doch du du
Feigling ist mancher vor jeglicher Zuversicht
Das unendbare Kobaltblau jenes einen Sommers
Beschreien wollend
Dem ewigen Pflaumenbaum nachschmecken
Unter dem der eingeschlafene Hund jaulend den Blues
Halte mich noch einmal so
Wie du mich niemals
Aber ich es doch erinnere
Da dann holt Lots Weib
Eine erfahrene Braut etlicher Sehnsüchte
Ihren Kassettenrekorder aus der Umhängetasche
Den sie unablässig besprochen von den Stunden einst
In Sodom und Gomera
Und drückte fast entschlossen
Die Taste VORWÄRTS
Geht ab
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(gießen / heute / es regnet und regnet und regnet / erkältet / nachsinnen / gefährdete tage sind solche tage / in den gassen trifft man auf die klageweiber)
Aach / Aachquelle / 20. September 2024 / Foto: A. Haas
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„Ambiguität bezieht sich auf eine Situation, in der ein Begriff, eine Aussage, ein Satz oder eine Handlung mehrdeutig oder mehrdeutig interpretiert werden kann. Es handelt sich um eine Unklarheit oder Zweideutigkeit in der Bedeutung von Wörtern oder Ausdrücken, die zu Verwirrung oder Missverständnissen führen kann.“ (Dr. Google)
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„Wir sollten die Grenzen des Sagbaren soweit wie möglich ziehen.“ (Die Autorin Mithu Sanyal in einem Gespräch mit dem SPIEGEL, in dem sie als Schriftstellerin mit ‚Vibrationshintergrund‘ vorgestellt wird. Im Rahmen wohlwollender Ambiguität schlittere ich gerne in die Fettnäpfchen unter den Gürtellinien, die man gelegentlich besucht hatte. Nicht unfreiwillig, sondern bewußt.)
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Auf der Hinreise in alte Heimaten machten wir unlängst kurze Rast an der Aachquelle. Fahr da bitte ab. Was suche ich dort? Behauptete Erinnerungen. Erinnerungsnebel. Schleier. Gewiß: mit den Eltern dort gewesen. Später mit alten Freunden. Eine Freundin auch? Schatten nur. Heute mit der Gemahlin. Ja. Dieses Wort kann man noch tippen. Ambiguität rules ok.
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Immer noch aber lebt diese meine alte Faszination. Da versickert irgendwo oben auf der Alb, der schwäbischen, heimlich Wasser aus der Donau, die kaum ihre Quelle verlassen hat und kommt hier unten hinter Engen wieder raus. Als Nichte der alten Tante Donau. Heißt jetzt aber Aach. Oder Ach? Oder gar: Sieh an, sieh hin? Wo kommt das alles her? Wo will es alles hin? Leider hatte der charmante und sehr alte Biergarten an der Quelle Ruhetag.
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Die Donau ist ein sehr langer Fluß und mündet ins Schwarze Meer. Die Aach hat nur 14 Kilometer vor sich nach ihrem möglicherweise sie selbst überraschenden Auftauchen und ergibt sich dann dem Bodensee und die Nordsee wird ihr Schicksal. Die Donau scheint ein intelligenter Fluß zu sein. Sie kann abgeben. Will sich nicht entscheiden. Für das eine Meer. Ihren Tod.
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Lob der Ambiguität
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Standpunktig und so
Steht der alte weiße Punk
Tag für Tag und pinkelt seine vermeintliche Freiheit
Faschos auf die Fresse
An die Wände
Vor meinen Fenstern
Der ich ihn selber trunken gerne als AfD-Sympathisanten beschimpfe
Da meine Wütungen mäandern
Und ich genug zu tun habe
Auf der Drehscheibe meiner schwindenden Gewissheiten
Mich zu halten halbwegs
Aufgerechtig gegen die Fliehkräfte
Ein unsichtbares Komma hier gesetzt
Die versickernden Traumgebilde
Und meine eigene Dummheit
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(gießen / eben / nach lektüre des SPIEGEL im cafe, wo zwei adipöse kids – zwischen 13 und 15 – am nebentisch glänzend schwitzend gigantische Burger in sich hinein stopfen / mein mitleidiger blick ist eine lüge / morgen wieder anders)
Warum meine eigenen Finger mir in den Rachen stecken
Maßlose Träume zu erbrechen
Keine fremden Figuren nachtanzend mehr
Wenn der Ball ins Tor springt
Werde ich unbändig bleiben wollen
Und sei es nur den einen kurzen heißen Winter lang
Schneeschippend
Meine Hemden bügelnd und
Die Zeitungen zurückgefaltet
Als seien sie ungelesen
Hatte ich mit kalten Fingerspitzen
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(es vermischen sich gießen heute und sommer 1990 sowie winter 2021 / der beste aller torbejubler unten, der nur einen sommer lang flog / ab in den süden)