Tja, die Zeit! It was 50 years ago today!

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Breitner sehr hübsch. Breitner sehr einsatzfreudig in den ersten Minuten. Und Gordan Banks. Colin Bell. Passt zu Moore. Beckenbauer. Und Einwurf. Für die britische Mannschaft. Die Engländer. Shivers gegen Schwarzenbeck. Maier. Aber dazwischen war Höttges. Einwurf für die Engländer. Und Sepp Maier. Gut daß der Münchner gleich am Anfang stark ist. Schwarzenbeck. Hoeneß. Beckenbauer. Die stören sich gegenseitig. Schwarzenbeck. Colin Bell gegen Wimmer. Sieger bleibt Wimmer. Peters zum ersten Mal am Ball. Maier. Sicher. Er sagte gestern, als wir bei ihm waren: Haltet uns die Daumen, ich hab’s nötig. Doppelpassversuch nicht ganz geglückt. Alan Ball. Aber Wimmer bleibt bei ihm. Bobby Moore, der Captain. Und wieder Sepp Maier. Hoeneß. Sehr schön gemacht. Und von Norman Hunter abgewehrt. Grabowski. Müller. Netzer. Weit zurückhängend. Müller. Zu kurz? Aber nein. Einwurf für die deutsche Elf. Shivers. Ein Meter zweiundneunzig. Und Beckenbauer. Und Foul. Und so weiter.

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Konkrete Poesie. Karg. Dienend dem Geschehen. Wir waren die Grünen. Damals schon. Als es noch tiefe Räume gab. Sind die heutigen Zeiten flacher? Geworden? Mein Idol war Held.

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Breitner mit seinen 23 Jahren braucht solche Szenen. Sie geben ihm Selbstvertrauen. Maier. Grabowski. Leider niemand da. Die Verletzten Vogts, Overath, Schnellinger. Sie sind aber alle gut behandelt worden. Netzer jetzt mit mächtigem Schritt. Und da hat Gordon Banks Glück gehabt. Hier die Wiederholung. Netzer gegen Moore. Wimmer. Hoeneß. Und Tor. Eins zu null für die deutsche Mannschaft. Nach fünfundzwanzig Minuten Spielzeit. Genauer gesagt in der sechsundzwanzigsten Minute. Hier die Wiederholung. Keine gute Leistung von Banks. Und das lässt die Gedanken zurückgehen an das Finale in Wembley 1966.

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Ein ruhiger Fluß des Erzählens. Dem körpereigenen, pubertären (und auch erwachsenen) Adrenalin freundlich entgegensteuernd. Damals. Die Grünen haben dann gewonnen. WIR! Das erste Mal im Tempel Wembley. Und mein Vater mußte seine Hausschlappen nicht in Richtung Fernsehappparat schleudern. Ich war noch nicht ganz sechszehn. Ich erinnere mich gut.

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Gestern war die Eintracht aus Frankfurt zu Besuch in London. Auch nicht schlecht. Aber wer knebelt den Moderator? Ich schaue lieber ohne Ton. Muß ich eh. Weil meine Frau früh aufstehen muß und unsere kleine Wohnung dünne Wände hat. Gut so.

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Nachklapp vom 1. Mai 2022: Erhielt eine lobende Mail zu diesem Beitrag. Absender ein einst in Gießen und bis an den Main weltbekannter Kolumnist in Sachen Sport, Gott und Welt. Oder andersrum mal auch. Schrieb ihm eben, das wichtigste und herrlichste Wort aus obiger Übertragung habe ich vergessen zu erwähnen. VORSCHLUSSRUNDE! Deutschland hat die Vorschlußrunde erreicht. Vorschlußrunde! Wie schön! Ein letztes Mal: Vorschlußrunde! Zeit sich wieder mal mit zum Beispiel Novalis zu befassen und unserer Sprache die Ehre zu erweisen. Wie auch immer.

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„Niemand glaubt mir, nicht mal ich!“ (Rammstein)

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Die nahende Rente. Die Untätigkeit. Die Nachwirkungen der weiter umherschleichenden Pandemie. Diverse unangenehme Mondknoten. Die grauenvollen Zeitläufte. Da hadert man gerne. Mit sich. Den Anderen. Kurz: der ganzen Welt. Oder kramt in der Hoffnung auf gelegentliche Milderung in alten Pappkartons. Meist findet man das immer gleiche. Das Leben ist ein Karussell. Manchmal sogar eine Falle, die man sich selber stellte.

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Dies denkend, höre ich im Radio – Rockantenne aka die alten Pappkartons und der immer gleiche Inhalt – das NEUE Album von Rammstein. Zeit. Wo ist sie hin, wie ich vor zwei Tagen hier schrieb. Ich mag das Pathos der Herren. Die Selbstironie. Und die versteckten Anspielungen. Und die Visualisierung in banaler Härte dieses ewigen Bubenwunsches: zurück in den Mutterleib. In jenen Momenten der Tiefe und Größe.

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Gestern landete ein bestelltes Buch bei mir. Ich nahm es in die Hand und inhaliere es seitdem. Bernd Wagner: Verlassene Werke. Vor einiger Zeit (sic!), aber nicht sooo lange her, schenkten mir die Veranstalter einer Lesung im Gießener Büchnerclub, ich sang und rezitierte Gerhard „Gundi“ Gundermann, ein Buch von Bernd Wagner. Ich glaube: Die Wut im Koffer. Reichte ich dann an meinem alten Freund Thomas weiter und er fand mehr und mehr von Wagner. Noch begeisterter als ich. Wir kannten ihn beide nicht. Eine Entdeckung. Nun dieser NEUE 600 Seiten – Wälzer. Verlassene Werke. Aufzeichnungen aus den Jahren 1976 bis 1989.  Erstes Zitat: „Die DDR hat den totalen Sport erklärt! Schweigen ist Silber, Reden ist Gold. Die heiligen Kühe sind die zähesten.“

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Zweites Zitat: „Verlassene Werke sind wie gewisse Steine an den Meeresküsten. Man kam von weit her, hob sie auf, schleppte sie ein Stück mit, man warf sie zurück in die See. Denn unter ihnen war nicht der richtige, der Urstein. Doch einmal lagen sie in der Hand, einmal wurden sie betrachtet. Ihre Unschuld ist dahin, sie können nicht zurück in die Anonymität. Sie gehen umher wie Geister und leben hinter geschlossenen Augen, unerlöst.“ (Bernd Wagner)

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Nein. Erlösung wird man nicht finden. Wir sind keine Eidechsen, denen die abgefallenen Schwänze nachwachsen. Auch die dümmsten Gedanken müssen gedacht werden. Man kann sie zurück in die See werfen. Oder lässt sie am Strand rumliegen. Die meisten gehen vorbei. Vielleicht bückt sich einer. Gar eine. Was dann geschieht, lag mal in eigener Hand.

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Drittes und vorläufig letztes Zitat: „Was mich zum Schreiben zwing, weiß ich: Ehrgeiz, die blödsinnige und durchschnittliche Sucht mich zu zeigen. Was aber rechtfertigt es? Nichts. Weder bin ich über alle Maßen phantasievoll noch intelligent. Ich kann nur nicht anders!“ Nun denn, sprach ich und bückte mich. Ein stechender Schmerz. Auf meiner Mailbox der Rücken. Zurück zum Radio und dem näherrückenden Krieg.

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Wo ist die Zeit die Zeit die Zeit wohin

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Konstanz / Nikolai – Torkel / Linkes Fenster: Miete einen Tennisplatz / März 2022

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Wo ist die Zeit, die Zeit, die Zeit

Wo ist die Zeit, die Zeit, die Zeit

Wo ist die Zeit, die Zeit, die Zeit nur wohin

Wo ist die Zeit, die Zeit, die Zeit

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Und die Fenster muß man putzen und Amerika ist weit

Und Han Solo macht Besuch im Krankenhaus

Und wir kommen und wir gehen und bleiben immer da

Und das Leben spielt mal wieder Nikolaus

Und der Kranich sitzt auf seinem Pfahl, der Säntis winkt und schweigt

Auf den Brettern wird ein neues Stück erzählt

Auch wenn der Eine zetert, ein Andrer leis rumort

Ich hätte mir kein anderes erwählt

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Wo ist die Zeit, die Zeit, die Zeit

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(gießen / juni 2005 / zu singen auf diese melodie)

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Mit Ebenholzherz Vorfahrt gewähren

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Konstanz / Hörnle / März 2022

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DANKBARKEIT

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dankbarkeit nicht so leicht

wo’s grad mal für ein bitte nach dir reicht

oder mal ganz großzügig die vorfahrt geben

einer steifen oma einen cent aufheben

es macht dir angst, es mach dich klein

und das wolltest du nie wieder sein

drum bleibst du hart, drum bleibst du stolz

schnitzt dir ein herz aus ebenholz

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und manchmal geht’s dann doch

und du kriechst aus deinem loch

ein verknittertes lachen, ein holpriges lied

wahrscheinlich ist es mal wieder zu spät

scheißegal, es zählt jeder versuch

über den meisten leben da hängt ein fluch

fünfzigmal an den pfosten geschossen

und das einzige tor nicht mal genossen

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und manchmal geht’s dann doch

und du kriechst aus deinem loch

ein verknittertes lachen, ein holpriges lied

wahrscheinlich ist es mal wieder zu spät

scheißegal, es zählt jeder versuch

über den meisten leben da hängt ein fluch

fünzigmal an den pfosten geschossen

und das einzige tor nicht mal genossen

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(gießen / juni 2005 / zu singen auf diese melodie)

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Picknickdecke / Kirschen / Königreich

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Konstanz / Tennisplätze Nikolai – Torkel / März 2022

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Ich war dieses Jahr, teils freiwillig, dann wieder gezwungen, dann auf freiwilliger Flucht, daraufhin wieder asylsuchend in der alten Heimat am See. Unfreiwillig gewollte Entscheidungen. Lief rum. Guckte. Fiel blöd und dann fiel mir wieder was ein. Will in nächster Zeit mich hier immer mal wieder und unregelmäßig erinnern. Was mir um – oder reinfällt. Mal so:

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die picknickdecke war das königreich das hoernle der planet

der gummiring war niemals nie im

Aus

und im pudding steckten kirschen und wer die letzte aß

ging mit stolzgeschwellter brust nach haus

die tennisbälle wurden gelb und der sommer hatte zeit

gewitterwind septembersegel bläht

ein letztes Mal aufs große floß ein dachstuhl bricht entzwei

und die feuerwehr kommt immer viel zu spät

wo ist die Zeit wo ist die zeit

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(gießen / juni 2005)

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Oder mal so:

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wir sind wie schatten

auf einer wand.

wir huschen über sie hin.

verlieren uns in der

dunkelheit.

verschwinden und sind:

dahin.

wir sind wie träume

im morgengrauen,

die beim erwachen

vergehen,

wie echos leise und fern,

die mit den winden verwehen.

wir bauen häuser und mauern

und reißen sie nieder.

errichten uns monumente,

um kurz unsterblich zu sein.

und trotzdem wollen wir hoffen,

solange es irgendwie geht:

wenn zwei sich füreinander entscheiden,

daß dies für immer besteht.

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(jürgen ruf / hh / august 1995)

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Schrieb mir mein Bruder anläßlich meiner ersten Heirat. Schön. Hatte ich auch vergessen. Aber irgendwo abgelegt. Der Gedankenschrank ist demnach gefüllt und wird peu a peu entrümpelt. Freu mich auf die Fundstücke. Voila!

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Gerhard „Gundi“ Gundermann wäre 66

Oder:

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Und wenn ich nicht mehr rennen kann

Da kann ich noch n bissel gehn

Und wenn ich nicht mehr gehn kann

Will ich hier noch n bissel rumstehn

Wenn ich nicht mehr stehn kann

Da schaffe ich es noch zu kriechen

Und wenn ich nicht mal mehr liegen kann

Dann fang ich eben wieder an zu fliegen

Jaja

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Als ich im letzten Herbst aus dem Gundermann – Abend am Stadttheater ein Solo – Programm bastelte, wurde mir erst richtig klar, wieviel Trost die Texte von Gundermann bereithalten. Die meisten Lieder entstanden in den Neunzigern, als die verbliebene Bevölkerung der untergegangenen DDR mannigfache Einbrüche, Umbrüche, Zusammenbrüche zu durchleben hatte, neu gewonnene Freiheit hin oder her. Was ist die eigene Biographie wert? Was bleibt von einem Leben?

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Und wofür waren all die Jahre

Die ich mein Fleisch ins Eisen schlug

Und wofür ließ ich meine Haare

Wofür bin ich nun hart genug

Daß ich meine Taschen fülle

Und mein Konto endlich auch

Und daß ich volle Flaschen kille

Und trage statt mein Kreuz ein Bauch

Hör die Wölfe heulen

Wale fallen wie Tränen auf die Strände

Ach, es ist noch nicht zu Ende

Hör die Wölfe heulen

Wale fallen wie Tränen auf die Strände

Ach, es ist noch nicht zu Ende

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Zweimal hat Freundchen Corona meinen „Gundermännern“ letztes Jahr den Stecker gezogen. Erst im März, dann im November. Es wird jedoch weitergemacht. Hier von 4:30 an.

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Immer wieder wächst das Gras

Klammert all die Wunden zu

Manchmal stark und manchmal blaß

So wie ich und du

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Zum Schluß hier ein großes Danke schön an Heiner Kondschak. Ohne den kein Gundermann im Westen. Und den König von Deutschland verdanke ich ihm auch. Noch ein Trostlied. (Schöne Erinnerungen an die Terrasse bei Tübingen. Damals mehr Sommer und sehr viel Hoffnung!) Überlebt wird ganz gewiß bis Übermorgen. Und mehr.

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PS: Die Fotos hier: Gundermanns Schaltzentrale in der KuFa Hoyerswerda. Uwe Proksch und Reinhard „Pfeffi“ Ständer hatten mir damals sehr geholfen, als ich im Sommer 2019 vor Ort den Gundermann – Abend verfasste.

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