Der Schwarze Hund ist scho a Hund 6

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„Hund sammer schon!“ Sagt man gerne in Bayern und das ist so eine Art Ehrenbekundung in eigener Sache. Etwas arg narzißtisch, aber nun denn, wer ist davor gefeit länger als zulässig vor dem Teich zu knien und sich in sein Spiegelbild zu verknallen? Wobei wir beim heutigen Thema wären.

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Wer war zuerst da? Der Hund oder der Teich? Wenn Du morgens, den Schwarzen Hund neben Dir, in den Badezimmerspiegel guckst, vor allem nach Abenden im „Club der heiteren Schwarze Hunde – Ertränker“, meinst Du dort eine Schrumpffassung deiner selbst zu erblicken. Das ist nicht schön und von manchem selbstentwertenden Fluch begleitet, so brichst Du auf, mit geputztem Zahn und denkst, bevor die Aufgaben des Tages anstehen: „Heute, nur heute einmal noch, schaue ich am Teich vorbei!“ Du gehst in die Knie und, siehe da, auf der selten glatten, meist gekräuselten Oberfläche siehst du dich wachsen wieder. Meter für Meter. Dein Kopf stößt an die vorüber ziehenden Wolken. Manchmal. Du fühlst dich nun gewappnet. Für die Ebenen des Tages. Der Schwarze Hund tippt sich an die Stirne, schüttelt den Schädel, markiert den Busch neben dem Teich mit gezieltem kräftigem Strahl und spricht: „Ich bin dann mal zu Hause. Wir sehen uns heute Nacht. Wieder!“ Da hast du schon nicht mehr zugehört.

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Oft denke ich darüber nach, ob es der Schwarze Hund war, welcher mich, die Leine in der Hand, zum Teich zog oder ob ich, gierig nach der einzig gültigen Bestätigung, den Schwarzen Hund hinter mir herzog.

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Fremdes Wissen: Gemäß Buch III der Metamorphosen Ovids hatte der Flussgott Cephisos der Nymphe Liriope Gewalt angetan („vim tulit“). Sie wurde schwanger und gebar Narziss. Dieser war mit 16 Jahren ein schöner Jüngling, der von vielen Liebenden beiderlei Geschlechts begehrt wurde, aber niemanden erhörte. Auch die Nymphe Echo verliebte sich in ihn. Diese war von Juno mit einem Fluch belegt worden, weil sie Jupiters Affären mit schönen Nymphen gedeckt hatte, indem sie Juno mit ihrem Geplauder aufhielt: Sie konnte nun nur mehr die letzten Worte wiederholen, die sie gehört hatte. Echo folgte Narziss auf Schritt und Tritt, konnte ihn aber wegen dieses Fluchs nicht von sich aus ansprechen. Doch als Narziss auf der Jagd seine Begleiter verloren hatte und diese rief, konnte sie ihm echoartig antworten und auf diesem Wege ihre Liebe gestehen. Narziss jedoch wehrte dies brüsk ab, er wolle lieber sterben als ihre Liebe erwidern. Darauf schwand Echo dahin und nur ihre Stimme, das Echo, blieb am Leben.

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Ich ertappe mich im Rückblick dabei, wie ich allzu zu oft das Echo, was mir entgegenschallte mit der Liebe verwechselt habe. Damals? Nee. Sogar vorgestern. Und gestern. Und … der schwarze Hund liegt heute friedlich unter meinem Schreibtisch, aber grinst recht unverschämt. Darf er.

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(Gießen, 26. Juli 2022 / Von der Depression / Eine Art Tagebuch)

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