Wo ist die Zeit? / Kölle Alaaf Alaaf

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Lindenberg (Allgäu) / 10. Oktober 2022

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„Leev Jecke! Mr bitte üch nit inne Hauseinjänge zu urinieren. Un auch nit dort Kacka zu maache. Un wer auch immer meinen täte, er müsse durch den U – Bahntunnel stolpere, der hätt doch einen anner nit vorhandenen Waffel!“

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Auftritt Frau Oberbürgermeisterin. Man möge Ihr und Ihrer Stadt bitte nicht vorschrivve, wie mr der Fastelovend fiere donn. Aha, sie spricht die Sprache der Eingeborenen. Die Mehrzahl der angereisten Entgrenzten (Sind Sie das?) versteht kein Wort davon. Sitzen sie doch schon seit Stunden in den, die Domstadt umzingelnden, überfüllten Vortortzügen. Inklusive ICEs. Mal was erleben. Ey und sorry! Man kann doch auch schon mal vor 11 Uhr Elf watt breiti sein. Beobachter fragen sich besorgt: sind auch Mittelhessen unter den Opfern? Oder Bayern? Oder gar Chinesen? Düsseldorfer gar? Erstaunlicherweise beherrschen die Besucher aber etliche Liedtexte der Einheimischen. Die Perücken verrutschen kaum. Die eingemeindeten Moderatoren der überhitzten Veranstaltung jubeln sich einen in die Büx.

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Habe länger in Nippes gewohnt. Da wurde am 11.11. auf dem Wilhelmsplatz zwei Stunden früher, sprich 9 Uhr Elf die Session eröffnet. Ein Kölsch rechts und eines links und die Hände zum Himmel. Geht auch. Auf dem Walkman lief: „Lasst doch der Jugend, der Jugend ihren Lauf!“ Gelegentlich traf man eine Kielerin oder einen Ulmer. Seltener Transsilvaner*innen.

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Die letzten zwei oder drei Jahre haben nicht ein Volk ausgehungert, sondern vielleicht ein vollkommen absurdes Anspruchsdenken weiter aufgeblasen. Vielleicht fast schon ausgeblasen. Ich habe ein Recht, weil erzwungener Verzicht iss nich. Sagen die Gäste.

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Zurück nach Kölle. Mr lasse uns nit verzälle, wie dat mit dem fiere jeht, wenn der Schwaadlapp uch noch von drusse kütt. Sagt die OB. Zurück zum Besucher. Hey, kann mal wer der Tante erzählen, ich will mich hier einfach ordentlich wegtanken? Wie heißt die Stadt hier bitte? Solingen oder so?

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Erinnere mich an ein oder zwei Sessionen in den Neunzigern. Da zogen Trupps mit Baseballschlägern durch die Stadt und nach dem Aschermittwoch gab es keine intakten Telefonzellen mehr. Hat sich später die Post zum Vorbild genommen und den Rest plattgemaat. Un wenn du drisse häs müsse, dann bisse halt innet Jebüsch. Kölsche Anarchie.

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Wir hatten, nach vollzogen ungezogener Entleerung zu benutzen, stets einen Sixpack Kölnisch Wasser in den weiten Taschen der Clownsgewänder dabei. Kurz mal dröver jesprüht und die liebe Seele hatte ihre Ruhe und jubelte ein befreites Doppel – Alaaf in den einst noch etwas kühleren Novemberhimmel.  Und die Stadt roch angenehmer. Kölsche Ordnung.

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Sonst? Ich mochte dat Jetrommel. Das Taumeln. Inklusive begrenzter Entgrenzungen. Tja. Wie alles, wird wohl auch grade der Karneval seiner Geschichte beraubt. Evver solang der Rubel rollt, iss auch dat drissegal.

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Die kölsche Verlogenheit und selbstvergessen masturbative Sentimentalität haut mich jedes Jahr wieder um. Trotzdem schalte ich an diesem Tag den WDR ein und höre mir den alten und wohl noch immer geliebten Driss an.

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Man bereit sich wahrscheinlich so auf Katar vor. Nee, wat iss et schön sich die Täsche voll zu lüje. Su janz solidarisch. Arsch runger. De Schnüss haale.

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Ausgerechnet Götze oder von Hoffnung

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Reutte / Tirol / 13. Juni 2022

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Ausgerechnet Götze der kleine dicke Bub

Der des depressiven Schürrle Pass in die Kiste hub

Und alle Pilger unseres Jogis aus Schönau

Hüpften auf dem Sofa hoch

Ich henn`s gewißt! I au!

Löwy au der Besserwissi

Du machsch mir etz direkt der Messi

Dann ward der Bub verschwunden und wurd krank und Bayer

Schmorte dick und dicker auf der Bank

Mal zehn Minuten Einsatzfeier

Heiratete sein Gegenbild zum Wohle seiner … Zukunft

Die nicht mehr lag in Kloppos warmen Arenen

Wo die Nation noch Hoffnung tat wähnen

Dass eben der kleine dicke Bub nochmal

Den Pass von Schürrle hub

Doch jener selbst sich schon versenkt

Ungewollt und aufgehängt

In müder Dauerschleife alten Triumphs

Vergangenheitssumpf und hektisch transferiert

Die Hoffnung gern Gesicht verliert

Und nun aus fernen Hollands Stränden

Kehrt er zurück der Mario

Die Nation schon wieder richtig froh

Er soll nicht enden

Als Bub mit ewig dicken Backen

Noch einmal sich am Schopfe tat er packen

Und adlergleich beflügelt

Aus den Sümpfen er

Zurück zu den Triümphen kehrt

Und Flickens Hansemann

Glaubt dass er es nochmal machen kann

Auch wenn

Dies nun des Reimes Ende

Man Kicker niemals in die Wüste sende

Lasst regnen es aus den Hintergründen

Schwarz – weiße Bilder

Bestraft die Sünden

Dem dicken Bube toitoitoi

Alte Hoffnung ist nicht neu

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PS: Aus aktuellem Anlass. Ein bisserl freu ich mich schon für den Götze mit den gar nicht mehr dicken Backen. Aber gucken deshalb trotzdem nicht. Ähem! Vielleicht habe ich eben hoffnungsfroh gelogen. Hoffentlich nicht.

Wo ist die Zeit / Kleiner Ratschlaeger

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Einer meiner guten Freunde sagte mal zu mir: „Hast Du einen dicken Kopf, trage besser keinen zu kleinen Hut!“ Ein anderer besserer (?) Freund bemerkte: „Ist Dein Arsch zu dick, kaufe nicht zu weite und schlackernde Hosen!“ Mein Lateinlehrer wiederum warf ein: „Tragen Sie lange Haare hinter sich her, verstehe ich nicht, Verzeihung, warum Sie das Hemd in die Hose stecken wollen!“ Mein liebster Feind schrieb mir dann unlängst eine Mail: „Warum siehst Du aus wie Dein Biolehrer? Bist Du deshalb halt nur der Trommler?“ Bei dieser Band aber funktionierte so ein gnadenloser Stil – Mix. Jahre später hat der von mir geschätzte Calvin Russell in Sachen Getränke entscheidend abgerüstet und in Sachen Erscheinung zugelegt. Aber auch wer seine Dämonen überlebt hat, wie das alte Scarface, muß irgendwann an Charon seine letzte Münze weiterreichen.

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Update: Weshalb ich das reichlich wirre Zeugs letzte Nacht etwas überheitert hingeschrieben? Siehe unten so ab Minute 30. „The foolish roads taught more to me, then the wise one’s ever could.“ Aber auch da darf man sich gern mal täuschen.

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Wo ist die Zeit? / Die Fallversuchungen

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In zwei Monaten iss schon wieder Weihnachten. Man wird sich vollballern wollen. Also viele von Absturzvisionen Geplagte wollen sich vollballern werden. Oder so ähnlich. Es gab mal ein Vollballern, welches vor den Vollballereien anderer Art bewahren sollte. Das richtige teure todbringende Zeugs. Inklusive böser Rechnungen. Natürlich gibt es dieses Vollballern immer noch, es ist nur nicht mehr so romantisch wie anno längst vorbei bei W.S. Burroughs, Nick Cave, Lou Reed, John Lennon, dem nicht zu füllenden Gefäß Keith und don`t forget Tim Buckley. (Von dem später mal!) Hier nun eine romantische Frühfassung von „Öffne Deine Venen in Gelassenheit!“ zum Hören. Sind wir kurz mal Jesus‘ Sohn. Ok, i forgot Denis Johnson.

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Nach dem zehnten Entzug kling der Beat anders. Kalter Truthahn oder den Affen schieben. Fehlbar bleiben zu möchten oder es nicht anders können wollen, mögen oder dann schon ganz gern es tun täten, ist, glaube ich, gar nicht so doof. Nur nicht immer so laut. Letztlich wäre wohl selbst Karl Valentin ein Junkie hätten werden können mögen. Wenn er es hätte mögen wollen können. Wie beginnt das Lied unten nochmal? „Ich weiß doch auch nicht, wohin ich gehe.“ Oder gehen werde? „Glaube, ich weiß es nicht!“

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Wo ist die Zeit? / Von Gehversuchen

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Der Charme der ersten Versuche. Hotelzimmer. Kammern. Durchgesessenes Sofa. Volle Aschenbecher und Venen. Bei aller Naivität, ein sicheres und unbeirrtes Wissen ums eigene Vermögen springt aus den Poren. Seit gestern in meinem CD – Schacht „in schwerer Umdrehung“, wie man so sagen kann: Lou Reeds und John Cales musikalisches Gründungsdokument. Und am Meister BD kam man damals wohl nicht vorbei. Schadet aber auch nicht.

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Jahre später: Entscheide man selber. Ein langes Leben kann schmerzen.

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Wo ist die Zeit? / Falls ich es erinnere

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Nein, nicht Schabbach 1952 , sondern Altstadt Grünberg / 10. September 2022

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Ab einem gewissen Alter hat man unweigerlich das Gefühl, die Zeitung füllt sich nur noch mit Nachrufen und Todesanzeigen. Nicht dass plötzlich mehr gestorben wird als sonst, es sind halt Menschen, die Erinnerungen entweder mit sich tragen oder auszulösen in der Lage sind, mögen sie fern sein oder näher bis ganz nah. Also die Menschen und die Erinnerungen. Man hat das Gefühl sich umdrehen zu müssen und schon fängt es an: was bitte ist denn nun erinnert?

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Tja, die Erinnerung – folgende Gedanken angeregt durch Edgar „Heimat“ Reitz – was ist das? War es denn so, falls ich mich erinnere, erinnern kann, erinnern will? Oder war es so, wie man mir erzählte, dass es gewesen wäre oder hundertprozentig und nicht anders derart stattgefunden hat? Gute alte Freunde und sehr gerne auch Familienmitglieder neigen zu letzterer Lesart. Oder hat sich die Erinnerung entlang meiner Entwicklungen, Verwicklungen, Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Lebenspfad geformt? Neige ich dazu 1001 Nacht als dramaturgischen Berater heranzuziehen oder Exxeltabellen? Tagebücher oder eine durchwachte trunkene Nacht? Ist mir der Lacher der Zuhörer wichtiger als der Verbleib auf dem halbwegs korrekten Erinnerungsweg? Geht es lediglich um mein Leben, ist dies wahrscheinlich eh wurscht. Doch wie, wenn man zum Beispiel in gemeinsamer Runde, versucht sich eines anderen zu erinnern?

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Las heute in einem der vielen Nachrufe der letzten Wochen einen guten Satz: „X ist tot. Es ist, als hätte man einen Baum gefällt!“ Ein schönes Bild. Wenig schmerzt mich mehr als der Anblick eines – meist sinnfrei – frisch gefällten Baumes. Ich denke, man kann letztlich nur Bilder erinnern. Vielleicht versuchen diese dann zu beschreiben. Man sollte sich hüten sie zu deuten oder gar zu interpretieren. Aber das ist nicht so einfach.

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Seit 10 Tagen nun kann man sich Tag und Nacht beschießen lassen mit Erinnerungen an die tote Königin. Dabei geht es wohl gar nicht um diese Person, sondern um ein Abstraktum, ein Stück imaginierter Beständigkeit, fast Ewigkeit, unverbrüchlich kollektive Erinnerung, Heimat vielleicht. Doch wo ich so etwas wie Heimatliebe eher im Privaten, gar im Stillen ansiedeln würde, scheint mir öffentliches Erinnern nicht anderes als ein nerviger und viel zu lauter, in den letzten Jahren mehr und mehr wuchernder, Zugehörigkeitsfanatismus zu sein.

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Für den herrlichen Ausdruck, den ich gerne hier wiederholend tippe, Zugehörigkeitsfanatismus, danke ich ebenso Edgar Reitz.

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Wo ist die Zeit? / Eine wahrhaftige Königin und dann ein langjähriger Freund

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Als junger Mann war ich bekennender Italo – Western – Gucker. Je einsamer und ambivalenter die Heroen, die meist und Gott sei Dank nicht nur gute Menschen waren, umso lieber waren sie mir. Besonders fasziniert war ich, wenn Meister Leone die gesamte Leinwand mit den funkelnden Augen der Protagonisten füllte. Mal so gucken können, dachte der Schauspielstudent. Aber sie haben es letztlich alle von Irini Pappas gelernt, den durchdringenden Blick. „Wo ist meine Ziege?“ Auch davon träumte der junge Mann: einmal der Pappas den Schirm reichen zu dürfen. Jetzt ist sie verstorben. Ich wusste gar nicht, dass sie auch so faszinierend sang.

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Während ich dies schreibe, klingelt das Telefon. Ein Freund, mit dem ich seit fast zwanzig Jahren regelmäßig zusammengearbeitet und manchen samstäglichen Grappa auf die Welt und zuletzt auf „Uns Uwe“ geleert habe, ist – viele spürten es eigentlich schon seit Wochen, dass es vor der Türe steht – heute gestorben. Man kann sich darauf nicht vorbereiten. Jedes Mal steht die Welt kurz still. Vor ein paar Wochen feierten wir seinen 70. Geburtstag beim Urgriechen hier vor Ort. Es war ein schöner Abschied.

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Wo ist die Zeit? / Auch noch die Queen!

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Nun, dies war für unser Land keine Glückspost, diese Neue Post. Sie ist von der Welt gegangen, die Frau mit Herz, die Frau im Spiegel, sie die verkörperte wie keine andere, so singen sie dieser Tage und auch nachts, das Echo der Frau, eine Frau aktuell schon immer. Nun werden wir aufschlagen Das Neue Blatt und blicken in eine Neue Welt. Unser Land hat zwar keine Königin, aber die Zeitschriften dazu. Immerhin. Und kein Land zieht sich professioneller den Mantel „Der Anderen Trauer“ über, wie das uns’rige.

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Der neue König war mir immer sympathisch. Vielleicht wegen gemeinsamer Ohrengröße, aber vor allem als die ganze Welt unter der Führung der BRD die Prinzessin der öffentlichen Schmerzen bejammerte. Und ob ich der Sohn dieser Mutter sein mochte, in diesem System, in dieser „Firma“? Dann lieber mit den Pflanzen sprechen. Das tue ich im Übrigen auch. Tomaten & co freuen sich darüber. Gott bewahre den König. Vielleicht fängt er mal an zu sparen. Bei Burgerking gibt es preiswerte Pappkronen. Und from Buckingham Palace to Windsor Castle sind es keine 45 minutes with the Royal Pedelecs. And Fish & Chips twice a week? Hold on, Charles!

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