Stumpentorte und Gnadenfünfer

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Schilt nicht den Jäger

Der sonntags nicht zur Kirche geht

Ein stiller Blick zum Himmel

Ist frommer als ein falsch‘ Gebet

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Gestern im Wald zwischen Erlental und Krofdorf, besuchte mich dieser alte Reim. Konschtanz, erste Hälfte der Siebziger. Cafe Bohe. Ein Schlauch von Raum, hinten links eine kleine Eckbank, runder Tisch, Platz für vier, unter mildem Protest der Chefin zusammengerückt, sechs Oberstüfler. Der offizielle Schwänzerstammtisch. Oben im Eck‘ der röhrende Hirsch als kleine Skulptur, drunter der zitierte Sinnspruch.

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Nein, das ist nicht die Feuerzangenbowle. Dennoch, unser Schwänzen wurde von oberster Stelle subventioniert. B. z.B., der Hohepriester der Mathematik blickten in die ab der Untersecunda, spätestens Obersecunda, komplett sinnentleerten Augen der letzten Bankreihen. „Jetzt hauen Sie schon ab, ist ja nicht mit anzusehen. Stören Sie nicht die, die zuhören wollen. Aber sorgen Sie dafür, daß ich Ihnen eine Fünf geben kann. “ Einträge ins Klassenbuch wurde gerne mit Bleistift getätigt. Am Ende der Woche – kleines Ritual – griff L., Latein – und Klassenlehrer seit der Quarta, nach dem Dokument, sichtete die Vermerke seiner Kollegen: „Alles muß der Direktor ja nicht wissen!“ und griff ab und an zum Radiergummi. Ich mochte ihn sehr. Eine massige Gestalt mit massigem Schädel, nur umflort von einem Haarkranz. Auf der blitzenden Glatze eine größere Wölbung. Wir nannten sie die „Vokabelbeule“. Dort lagerte sein riesiger lateinischer Wortschatz.

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F. und ich waren in Mathe der 6 etwas näher als der 5. Also beschlossen wir, grandiose Idee, uns gegenseitig Nachhilfe zu geben. Immer bei F., als Sohn des hiesigen Staatsanwaltes verfügte er über ein komfortables Studienzimmer, Kuchen der sorgenden Frau Mama inklusive. Nachdem der verzehrt, warfen wir meist ein I – Ging. Egal wie die Münzen fielen, sie rieten stets zur Bewußtseinserweiterung und einem anschließenden Tischtennismatch. Das zog sich hin. Dann mußte ich nach Hause. Abendbrot. B. gab uns einen Gnadenfünfer.

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Die Tasse Kaffee kostet im „Bohe“ so um die 90 Pfennige, die Butterbrezel (Ritual) 50 Pfennige. Wenn man es mal krachen lassen wollte oder – dann eher nachmittags – ein Mädel seiner Wahl beeindrucken wollte, gab es auch schon mal ein Stück Schwarzwälder Kirsch für 1 Mark 50. Und ein Viertel Meersburger. Auch 1 Mark 50. Da im Bohe auch ältere Herrschaften ausdauernd saßen und dort unverdrossen ihren Stumpen inhalierten, schmeckte die Schwarzwälder Kirsch nach längerer Standzeit gerne mal ein bisserl rauchig. Das konnte uns aber, die wir daran arbeiteten ernstzunehmende Raucher zu werden, nicht weiter stören.

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Ich glaube, wir hatten Glück. Der letzte Jahrgang vor der sogenannten Oberstufenreform, als Klasse von der Quarta an zusammen geblieben, waren wir. Wir hatten, die Lehrer staunten, vehement gegen diese Neuerung argumentiert, wir die „Linken“. „Wir möchten nicht dümmer als Goethe, dessen Fresko über dem Eingang hängt, dieses Institut verlassen. Allumfassende Bildung für Alle!“ So schrieben wir in unserer Schülerzeitung „das fragezeichen!“, Untertitel: „Hochaufschäumend, Titanen gebärend, stürmt die Kultur dies hohle Gehäuse!“ Copyright dafür bei T. „Monsterpowersponti“ G. Wir beide wurden am selben Tag innerhalb von 5 Minuten geboren und konsequenterweise gute Freunde. Pathos und Hybris. Zwillinge.

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Wenn die Götter, die vielleicht dann doch nur der Eine sind, sich irgendwo heimisch fühlen, dann wohl zwischen den Bäumen. Das sah der alte Willi Bohe, ein Jäger, schon richtig.

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Schilt nicht den Jäger

Der sonntags nicht zur Kirche geht

Ein stiller Blick zum Himmel

Ist frommer als ein falsch‘ Gebet

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Ein Gedanke zu „Stumpentorte und Gnadenfünfer“

  1. L =Linz (habe ich gehasst, den langweiligen Unterricht)
    F = Frieder B. (was aus dem wohl geworden ist?)
    Cafe Bohe: Thumbs up 👍👍👍
    B = Brüstle (Gott hab in seelig, Hammertyp!) Hat Jahre nach dem Abi mal ne Prüfung bei mir abgenommen 😊😊

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