Tja so war’n die oiden Rittersleit, sans heit a noch und net so viel g‘scheiter / Fangen wir wieder an zu rauchen 11

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Zell (Allgäu) / Blick von Ruine Eisenberg zur Ruine Hohenfreyberg / 15. Juni 2022

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Die Burgruine Eisenberg gehörte dem Vater. Die Burgruine Hohenfreyberg errichtete der Sohn. Der war wiederum – Es lebe die Binse again! – auf der damals noch nicht Ruine Eisenberg aufgewachsen. Dann wollte der Sohnemann dem herrschsüchtigen Herrn Papa mal zeigen, wo der architektonische Burgenhammer hängt, und lässt auf dem Hügel gegenüber eine neue Burg errichten. Nach dem Vorbild der Staufer. Höher, stärker, standhafter, g’scheiter eh. Was man als Sohnemann so ist. Vermeintlich. Nach dem Vorbild der Staufer? Was daran im 16. Jahrhundert besonders fortschrittlich gewesen sein soll? Nun, manche Menschen glauben heutzutage ja auch immernoch an den guten Kern der Sowjetunion.

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Auch diese zwei Burgen wurden abgefackelt im Rahmen des dreißigjährigen Krieges. Siehe Burg Falkenstein bei Pfronten. Geschliffen wurden sie nicht. Schade denke ich manchmal. Jetzt stehen sie halt blöd oder scheinattraktiv in der Gegend rum und erzählen müde und seltsam sehnsüchtige Geschichten. Mahnmalismen nennt man das wohl. Wären sie geschliffen, müßten sich die Nachkommen zum Disput in den Tälern treffen. Oder gar in den Ebenen, wo die Mühen wohnen. Ohne die alten Scheingewißheiten.

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Gescheiter wie die Rittersleit sammer net g’worn. Aber entschieden unlustiger und unentspannter. Dachten wir so, als wir zwischen den Ruinen hin und her pendelten und versuchten Verse dieses sinnfreien Liedes zusammenzukramen. Wie sprach der berühmteste Ritter der deutschen Dramatik ? „Er möge mich im Arsche lecken!“ Dies heute als ein kleiner Gruß in die Welt. War der Berlichinger ein Vorfahr von Johnny Rotten?

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RAUCHPAUSE / Teil 11

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Gut, ja. Ich hatte öfters auch mal ein Scheißgefühl. Vielleicht sollten wir das Ganze einfach seinlassen. Aber da steckst du nicht drin. Es gibt nun mal Menschen, die neigen zum Extrem. Mittelmaß ist denen ein Fremdwort. Ich fand Rothhändle irgendwann schon – sagen wir mal – heftig. Nicht so Hansi. Schwarzer Krauser. Und Grappa. Konsequenz war sein Stichwort. Du konntest die Uhr stellen. Punkt 12: erstes Bier. „Der Abend bricht jetzt an.“ Punkt 6 Uhr abends: erster Grappa. „Es naht die Nacht.“ Punkt 10 Uhr abends: die Frikadelle. „Der Mensch muß essen.“ Punkt 2 Uhr nachts: „Laß mich in Ruhe. Hatatitla kennt den Weg nach Hause.“ Rausschwanken. Autofahren war ja nicht mehr. Hansi hatte jetzt so ein Fahrrad mit noch oben gebogenem Rennlenker. Er nannte es „Hatatitla“. “Die Gesinnungspolizei hat mir die Strassen weggenommen, aber Hatatila, mein Stahlroß, bleibt treu an meiner Seite.“ Ich hatte immer Schiß, der tritt in jeder Beziehung das Erbe von Charlie an.

Manchmal frage ich mich, friert man eigentlich auch noch, wenn man tot ist? Man hat ja nicht so viel an im Sarg. Nur dieses Hemdchen. Als Junge dachte ich immer, bloß kein Unfall oder so etwas im Winter. Schmerzen und Frieren ist einfach einer zu viel. Im Sommer kann man schon mal mit dem Fahrrad stürzen. Das geht. Aber im Winter. Ne. Allein die Vorstellung, wie das Blut auf der Straße festfriert.

Hansi und die Frauen. War schon immer so. Wir waren mal länger in den USA. Ein bißchen so die Buben auf Jack Kerouacs Spuren. Wir hatten uns gerade einen alten Straßenkreuzer gekauft. Hellblauer Stationwaggon. Verchromte Zierleisten. Haifischflossen. Zwei Zigarettenanzünder. Einer vorne, einer hinten. Vier Aschenbecher. Wir wollten runter nach Mexico. Da liegt plötzlich ein Brief aus der deutschen Heimat im Kasten. „Ankomme in zwei Wochen in N.Y. Flug pipapo. Ich liebe Dich. Deine … Billy, Bulli, Schnulli.“ Der Sack. Verliebt sich kurz vor dem Abflug. Ich hatte damals schon getobt: „Du Hirni, wir sind jetzt 9-10 Monate „on the road“, Pfoten weg, gibt nur Ärger.“ Und jetzt hat der Papi der Kleinen Sommerferien über dem Atlantik spendiert. Langer Rede, kurzer Sinn: 10 Tage nach der unglückseligen Postzustellung sehe ich nur noch das Auspuffrohr von „Easy does it“ – so hieß unser hellblaues Schlachtroß – in der Ferne verschwinden. Ich bin dann 3 Monate lang alleine in der Gegend rumgetrampt. Klasse. Oder ein andermal. Hansi, ich und Gonzo – noch so ein Chaot – hatten eine Jungmännerverabredung getroffen: in 4 Wochen um 12h mittags auf dem Djem nal Fa in Marrakesch bei den Zahndoktoren. Darauf eine Riesentüte und heiliger Schwur. Hansi ist schon vor, ich hatte noch einen Job. Kurz bevor ich loswill, wird meine damalige – recht neue – Freundin „krank“ – also hat gewisse Rauschmittelprobleme nicht mehr ganz so im Griff und mußte in die Klinik. Aber ich: Ein Mann, ein Wort und los. Die Frau, eigentlich schon so eine Art sehr wichtige Frau. Eigentlich total wunderbare großartige wunderschöne extrem wichtige Frau. Gut. Was ist man manchmal für ein dummes Arschloch. Diese Frau jedenfalls schickt herzzerreißende Briefe hinter mir her. Beziehungsweise voraus. Posta restante. Nach Avignon, Malaga, Tanger. Aber Gonzo und ich: der postpubertäre Ponyexpress reitet weiter. Wir hatten uns inzwischen beide in Tanger eine Art Amöbenruhr eingehandelt und standen trotzdem pünktlich um 12 in Marrakesch bei den Zahnklempnern und bewunderten mit schmerzverzerrtem Gesicht die Klempnerwerkzeuge und die zahnlosen Gestalten, die da auf Kundschaft aus der Wüste warteten. Wer nicht da war: Hansi. Beim Postamt hatte er eine Nachricht hinterlassen: „Bin schon mal weiter. Hab jemand kennengelernt. Der Wind ruft mich. Sorry. Hansi“ Ich hätte es damals schon wissen müssen.

Hier. (holt eine Postkarte aus der Tasche) „ich möchte daß meine Liebe stürbe / daß es regnet auf den friedhof / und in die gassen wo ich gehe / jenen beweinend der mich zu lieben glaubte“ Beckett. Diese Karte lag in Malaga. (Hustenanfall, ein paar Tränen) COPD. Was so alles stirbt im Laufe eines Lebens.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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Zell (Allgäu) / Blick von Ruine Hohenfreyberg zur Ruine Eisenberg / 15. Juni 2022

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