Mal was weniger, mal was mehr fühlen, statt sich gescheit denken zu müssen / Fangen wir wieder an zu rauchen 12

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Pfronten / Frühstück / Geburtstag / 14. Juni 2022

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Manchmal reicht ein Zitat aus einen ganzen Tag gescheit zu füllen. Dachte ich so unverblümt naiv heute: „Männer haben häufiger das Problem, daß ihre Frau nicht mehr ist, wie sie mal war, Frauen dagegen, daß ihr Mann immer noch so ist, wie er mal war. Wie also können wir objektiv über Veränderungen sprechen?“ Notiert von Susanne Schneider im heutigen SZ – Magazin. Kam gerade meine Frau rein nach der Arbeit und sagte: „Stimmt so nicht! Leider nur Brigitte – Niveau!“ Überrascht werden ist gut. Na dann. Weiter im Text.

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RAUCHPAUSE / Teil 12

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Gut, Hansi hat es schon richtig umgehauen. Ich wußte bis dahin überhaupt nicht wie es auf einer Intensivstation aussieht und was es da alles für Apparate gibt und wie viel Substanzen und Flüssigkeiten man in einen Menschen reinpumpen kann, um ihn am Leben zu erhalten oder wieder zurück zu holen. Speiseröhrenriß. Das Pech muß man erstmal haben. Klar, Du mußt davor deine Innereien schon ordentlich mit allem möglichen malträtiert haben. Aber so was kommt in ganz Deutschland vielleicht 10 bis zwanzigmal im ganzen Jahr vor. Das hat der Professor mir erzählt, der Hansi das Leben gerettet hat. Lustiger Typ. Der hatte in jeder Pause sofort ein Ding im Mund. Hat mich an meinen ersten Hausarzt erinnert. Auf seinem Schreibtisch in Behandlungszimmer immer ein halbvoller Ausdrückbecher. Und mit seiner Reibeisenstimme pflegte er zu sagen: „Nehmen Sie Platz, junger Mann. Das ewige Leben kriegen Sie hier nicht, aber Pflästerle und allerlei Tinkturen.“  Oder, werde ich nie vergessen, mein Geschichtsprofessor damals an der Uni. Zweierlei, sagte er vor jedem Seminar, werde er in seinen Vorlesungen nicht dulden: Fresser und Klapperer. Wer also gedenke, seine historischen Studien mit einem Apfel zu versüßen, Stullen zu schmatzen oder („Das sind die Schlimmsten“) einen von den damals gern getragenen Norwegerpullis zu stricken, solle lieber das Weite suchen. Rauchen war erlaubt. Bier auch. Das waren Zeiten. Ein Hohelied der Sorglosigkeit gesungen. Wir zahlten an die Krankenkasse brav.

Damals aber, als ich fast täglich im Krankenhaus war, um Hansi zu besuchen, da war ich abstinent. Gar nicht mal wegen Hansi. Sondern eher, weil: vor der Klinik standen die Patienten. Im Morgenmantel. Mit Schlappen an den Füßen. Thrombosestrümpfe. Bleichgesichtig. Etliche sogar an ihr Infusionswägelchen angeschlossen. Und sie haben sich eine reingezogen. Brutal. Ab und zu kam eine Krankenschwester vorbei und hat streng gekuckt. Sonst nix. Das war mir dann doch einer zuviel.

Krankenschwestern. Auf irgendeine Art und Weise bewundere ich sie. Obwohl sie mir erst einmal grundsätzlich suspekt sind. Alles was nach Helfersyndrom riecht, macht mich nervös und unleidig. Schon wenn meine Mutter mir damals die Jacke zugeknöpft hat, habe ich nichts anderes gespürt als Abhängigkeit. Dann lieber frieren. Krankenschwestern. Gitti. Hansis Hauptkrankenschwester auf der Intensivstation. Haut und Knochen. Als liefe sie jeden Tag zwei Marathons. Einen vor, einen nach der Schicht. Aber leuchtende blaue Augen hatte sie und wenn man sich 10 Kilo dazu denkt, eine Schönheit vor dem Herrn. „Bleiche Göttin.“ So der bei Charon anklopfende Hansi. Mir fiel dann bald auf, daß, wenn sie an irgendeiner der tausend Kanülen und Kabel und Schläuche, mit denen sie Hansi wieder ans Leben gebunden hatten, herumwerkelte, ihre langen schmalen Finger verdächtig lang auf Hansis Arm oder Schulter liegen blieben.

Irgendwann kam Hansi raus. Und war nicht mehr alleine. Der erste Abend mit Hansi im „Aquarium“. Wir sahen beide gleich Scheiße aus. Ich, weil ich praktisch 3 Monate durcharbeitet hatte und vor lauter Schiß um das Leben von diesem Depp eher wenig bis kaum geschlafen habe und Hansi, weil er erst seit einer Woche wieder bei fester Nahrung angelangt war. Unser Kneipenloch war nicht wieder zu erkennen. Auf dem Tresen: Wasserkocher, zwanzig verschiedene Teesorten. Auf den Tischen keine Aschenbecher, sondern Duftkerzen und Wasserkaraffen. Und wir hatten unsere legendäre Cocktailkarte umgeschrieben. Wie immer drei Drinks. Der „Mahatma Gandhi“: heißes Wasser mit Ingwer versetzt. Der „Uschi-Glas-Special“: alkoholfreies Kristallweizen mit Biozitronenschnitzen. Und „Der Asket des Hauses“: Kanne Brottrunk. Im Hintergrund lief Cat Stevens statt The Clash. Alles ruhig und gelassen. Aber nach einer Stunde wuchtet sich Hansi hoch und brüllt: „Verdammte Scheiße, ihr Idioten, ich lebe noch und will jetzt ein kleines Helles und eine Fluppe.“ Wir haben alle ein bißchen verdattert gekuckt. Der Mann war eigentlich schon durch die Himmelspforte durchgegangen. Leiser Protest regte sich allenthalben. Nur Gitti sagte leise, aber bestimmt: „Leute. Es ist sein Leben. Laßt ihn. Krankheit ist ja nicht gleich Tod. Ich kann das verantworten.“ Erstaunlich was so ein kleines Bier inklusive Nikotinflash mit einem Menschen machen kann, der nicht mehr voll im Training steht. Kurz und knapp: Es tat ihm nicht gut. Ich glaube ja inzwischen Gitti hat das mit Absicht getan. So eine Art letzter Beweis.

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(Gießen / Spätherbst 2009 / to be fortgesetzt)

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