Vorbemerkung / Wenn ich so die Emanationen meiner Alterskohorte, also die Speerspitze der sogenannten Boomer, viele kurz vor und etliche schon drin in den Ruhejahren, lese, vor allem wenn noch die gute alte rote Fahne dezent oder eindeutig über den Texten flattert, und, geschätzter Leser, da rechne ich mich auch dazu, ist mir gerne frei nach Dylan, den ich diese Woche – Achtung Boomer, böses Jugendwort! – „abfeiere“, mal wieder in fremde Schuhe zu schlüpfen. Was ich im Folgenden aus aktuellerem Anlaß mit großer Freude tue.Sonst nix.
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Von den Elfenbeintürmen narzißtischer Kränkung
Belle ich hinunter einem waidwunden Muezzin gleich
Meinen Ekel an der Welt beschalle die Passanten Paare Hunde
Mit Gesängen von einer versinkenden Welt die so
Es nie gab denn in meinen pinkfarbenen Erinnerungen
Mit dampfendem Bügeleisen glätte ich die verknitterten Reste meines
Mit rot blinkendem Verfallsdatum versehenen Lebens
Turbogetrieben mich echauffierend über die Bagatelle
Unermüdlich über Bildschirme wischender Mädchenfinger
Phantasiere ich herbei immer noch
Unermüdlich das Ph den Banausen entgegen schreibend
Den Weltuntergang Erwachet
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Kinderlärm trifft meine sensible Seele härter als das
Brummen und Röhren der Bomberflotten die
Eltern einst in den Luftschutzkellern den Bunkern denen ich
Jahrzehnte lang den Großen Vorwurf vor die Spendierhosen geknallt
Abgründe Traumata maßgeschneidert handgearbeitet
Gedrechselte Einzelstücke stelle ich in das Schaufenster Reflektion
Angestrahlt in allen Farben des Selbstmitleides
In den Tagen und Nächten des Stöhnens und Lamentierens
VEB Eitelkeit
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Niederlagen auf eigener Scholle selbstverschuldet Hingeschludertes
Wird erklärt ex cathedra in stolzgeschwellter Amnesie zu
Gloriosen Auswärtssiegen das entscheidende Tor eben selbst erzielt
Stets wird es gewidmet dem Heldentum der arbeitenden Klasse da
an den Stränden Griechenlands Hollands Goas vor den Geysiren Islands
Erholung finde ich vom Nachdenken über das arme Subjekt
Spieglein Spieglein an der Wand
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Reckt jemand die Faust unter die Nase mir jedoch in Wortlosigkeit
Schlägt zu meine Tür verriegelt sich hastige Rolläden rauschen hinab
Der hektisch klappernden Tastatur schwillt der Bizeps und holt aus
Zu beidhändiger Rückhand gegen den Bedeutungsverlust
Ein Renault 4. Hellblau. Baujahr 1964 oder 1965. „Unser“ zweites Auto. Das erste war ein Leukoplast – Bomber gewesen, ein Lloyd. Wer mein Alter hat, erinnert sich an die Beschaffenheit der Rückbank eines R 4. Die Mittelstrebe aus Eisen. Eigentlich war das eine schlecht gefederte Gartenbank. Meine kleine Schwester musste in der Mitte sitzen. Mein Bruder meist hinter dem Fahrer oder der Fahrerin – meine Mutter war eine ausgezeichnete Autofahrerin, meinem Vater standen der Autofahrerei gerne seine schwankenden Launen im Weg – ich also saß auf der Beifahrerseite hinten. Das habe ich dann auch den Rest meines Lebens im Wesentlichen so gehalten. Ein Autolenkrad ward mir nie zum erstrebenswerten Fetisch. Freiheit geht auch anders. Und – sage ich mal frech – es gab einige die mich gerne chauffierten oder mitnahmen – Daumen im Wind – da ich wohl recht unterhaltsam sein konnte. Zigaretten und so rollen, Bier aufmachen, Witze erzählen oder einfach nur Stuss reden. Zurück in den Renault 4. Natürlich wurde gezankt auf der Rückbank. Manchmal so heftig, daß mein Vater nur noch eine Hand am Lenkrad hatte. Die andere, meist rechte, versuchte hinter ihm für Ruhe zu sorgen. Was wiederum meine Mutter nicht so schätzte. Dadurch war der Zank in den Fond gerutscht. Und weshalb ich mich daran erinnere? Weil die Zankerei auf der Rückbank meist dann eskalierte, wenn man kurz davor war zu Hause anzukommen. Eine lange Fahrt hatte man halbwegs entspannt überstanden, aber kaum sah man den Münsterturm der Heimatstadt am Horizont blinken, ging es ab da hinten. Mein Vater, der ein paar erinnerungswürdige Bonmots sein Eigen nannte, sagte dann gerne: „Wenn der Esel den Stall riecht, wird es ihm zu wohl!“
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Sah gestern – dies eine letzte Bemerkung zur Aktion der „53“ Dichtmacher – Maybritt Illner. Die Traurigkeit und Zerstörtheit von J. J. Liefers hat mich – bei aller Kritik an seiner extrem unbeholfenen Nichtrechtfertigung der blöden Aktion – fast schon wieder angerührt. Man muß wohl aufpassen auf den letzten Metern der schrecklich anstrengenden Reise auf der Rückbank nicht die Nerven zu verlieren. Dort ging es auch immer der kleinen Schwester am schlechtesten. Die musste auf der Eisenstrebe sitzen und bekam abwechselnd von rechts oder links einen ab. Und jammerte kaum.
Stolperte eben über obiges Foto. Hatte ich 2012 in Istanbul aufgenommen.
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Erster Nebengedanke: Würde ich – selbst wenn ich dürfte – heute nochmal nach Istanbul reisen wollen? Ich war damals von dieser Stadt begeistert, mitgerissen, fasziniert wie von wenigen anderen. Lissabon noch. San Francisco. Hamburg. Wien. So in etwa die persönlichen Großen Fünf.
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Zweiter Nebengedanke: Die Welt steht Kopf. Nichts Neues. Tat sie immer. Draußen vor der Tür. Jetzt hat sie nicht nur bei uns angeklopft, sondern sogar einen Fuß auf die Schwelle gesetzt. Was erlaube Welt? Du solle kaufe deutsche Produkte und sonst halte Schnauze, gelle. Und ich fahre Urlaub.
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Dritter Nebengedanke: Weshalb nochmal obiges Bild? Man sitzt zu oft auf dem Sofa. Man schaut zu oft Fernsehen. Man sieht so viele Menschen reden. Man sieht Menschen reden, die ihr Geld damit verdienen zu reden darüber, warum viele dieser Tage kein Geld verdienen. Aus ihren Alligatorenaugen fließen gut bezahlte Bäche.
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Vierter Nebengedanke: Etliche beklagen aus der ehemaligen BeErDe sei eine diskursunfähige Bananenrepublik geworden. Sie beklagen dies, während sie sprechen. Warum sprechen sie außer um des Sprechens willen?
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Fünfter Nebengedanke: Die Kleinen Fünf noch. Kiel. Nidda. Kalamata. Hoyerswerda. Innsbruck.
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Danebengedanke zum fünften Nebengedanken: der war weniger wichtig, vielleicht sogar daneben. Aber vielleicht ist es das, was zählt. Die Ränder.
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Hauptgedanke: Gestern schickte mir ein sehr lieber Mensch eine Mail. Am Schluß stand: „Lasst Euch nich ermutigen“. War das jetzt nur der klassische Freud`sche Versprecher oder ist es sogar eine neue Wahrheit im Sinne von: Schnauze da draußen, das permanente mediale Geplapper hilft doch keinem? Vor allem nicht denen, die Hilfe bräuchten? Lediglich den eitel plappernden und wohlfeil klingelnden Börsen? May be, baby.
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Conclusio: Reinhard Mey ist gefordert. Statt 148.713 Mails checken, besser den Klempner rufen und die Kommunikationskanäle freipusten lassen.
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Erster Nebengedanke zur Conclusio: 1974 noch konnte eine Gitarre sogar Ragtime – Piano spielen. Siehste!
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Zweiter Nebengedanke zur Conclusio: Was wollte ich jetzt eigentlich sagen?
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Stimme von oben: Siehste! Hättste die Fahrradkette mal geschmiert, bevor Du losfährst.
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Stimme nach oben: Jetzt weiß ich. Weniger Pfeffer ins Geplapper.
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Antwort von oben: Besser spät als nie.
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Mit unterwürfigem Blinzeln nach oben: Heißt Du jetzt Thorwe? Und was ist Deine Postleitzahl?
Den letzten Sonntag nannte man den Tag des Baumes. Es soll sogar den Tag der zu engen Unterwäsche geben. Oder den Tag des Fußschweißes. Und einst gab es den autofreien Sonntag. Gar den Tag der gerissenen B – Saite. Sowie den Tag der weinenden Alligatoren. Was man halt so als Schwerpunkt setzen mag. Der Gefährte war auch diesmal schneller. Es mangelt ihm zwar als Vertreter des Herren der Tiere an Bauchnabelei, wie er es nennt. Dafür aber ist mehr Weitsicht sein eigen, die ja letztlich Rücksicht ist. Oder?
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Wenn Dich jeder brüllende Schmerz Seifenblase
wie eine Säge die das Holz zersplittert kreischend
trifft wie eine Sonne die zerbrennt Lebensgeschichten
vor der Unerbittlichkeit Endlichkeit Dein Hasten Sekunden nur
bremse
die Furcht ehre
Deinen Baum hüte
und Element sei nicht Herrscherdenn
umarmen mußt Du sie nicht die Bäume
laß sie nur in Ruhe betrachten Dich
als ein vorbeihuschendes Ausatmen
des Augenblicks Leben
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(Archibald Mahler / angehender Lehrling des Großen Kamuy)
Heute nochmal am Ruder der Reime der Gefährte dem die momentanen Einsamkeiten ohne Frühling auch so langsam auf den Senkelsack gehen. Morgen aber kriegt er dann Besuch. Freue ich mich auch schon drauf. Selbst zum Selbstgespräch benötigt man ja ein Gegenüber.
(Archibald Mahler / Zimmermannologe in Ausbildung)
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PS 1: Heute hat die Queen Geburtstag. Stand up still and lift your hat! Ist Harry zu Hause geblieben? Man mungelt su, aber nix Genaues waas mer net!
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PS 2:Ich danke meiner Schwester für obiges wunderbare „Familienfoto“.
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PS 3: Iss ja nich so, daß mir Meister Dylan nicht nahe ist, aber diese knallharte Bläue seiner Augen ist mir erst mit diesem Clip vor die Füße gefallen. In einem Gletschersee baden, um seine Seele zu wärmen.
Ja, der Gevatter mit der Sense streunt durch unser aller Stuben dieser Tage. Man mag es glauben oder nicht und anmerken, das sei doch mal wieder maßlos übertrieben, so was von. Durchaus in Ordnung. Dem Gevatter aber ist das wurscht. Er hat ausreichend Arbeit.
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Komme von der Trauerfeier der Stadt Gießen zu Ehren der Coronatoten. Mehr als überfällig und trotzdem sehr gut, daß es überhaupt noch möglich gemacht wurde. Sehr bewegend, sehr gescheit, aber auch ganz seltsam verstörend. Morgen mit wachem Kopf davon mehr.
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Aprilwetter passend zur Lage der Nation. Zwischen Frieren und Schwitzen mag es sich nicht entscheiden können. Bisserl mehr Gleichmaß, Herr Lenz.
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Der Tod erntet nicht nur bei uns Menschen. Das Foto oben nahm ich auf vor zwei Wochen. An einem der paar Tage vor Ostern, als plötzlich 24 Grad Celsius über uns hereinbrachen. Das ist ein Stück Wald, Südhang, vor drei Jahren noch blickdicht bewachsen. Wiederhole mich: Das ist ein Foto eines Stücks deutschen Waldes im Frühjahr 2021. Hier vor meiner Haustür. Unbearbeitet. Die arme Sau Natur. Die Bäume sind so müde.
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Das alles ist schon eine seltsame Suppe, in der wir so rumrühren zur Zeit, meist ohne den Willen oder die Fähigkeit klare Entscheidungen zu treffen. Der Tod der Jahreszeiten. Neue Komposition von Vivaldi? Unten Meister Beckett, hat er verfasst nach dem letzten großen Krieg. Wer sich selbst kennt, kennt den Menschen. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.